Fight against graffiti in Oslo, Norway

Wilde Zeichen. Wissenschaftler auf der Jagd nach Graffiti

About: manuscript for a radio feature about the Institute for Graffiti and Street Art Research in Vienna.

Pri: radioelsendo pri Viena instituto kiu esploras stratarton.
First broadcast, Unua elsendo: SWR2 Dschungel, im Jahr 2001? (Manuskript vom 20.07.2000. Wann und ob das jemals gesendet wurde – ich weiß es nicht mehr. Das Interview, das ich im Januar 2000 in Wien geführt hatte, war auch Grundlage für den Artikel „Wilde Zeichen„.)

1 Sprecher
O-Töne: Norbert Siegl, Susanne Schaefer-Wiery


Wilde Zeichen


Wissenschaftler auf der Jagd nach Graffiti

 

Sprecher: „He du Wixer! Was schaust du so deppert!“ schreit die Aufschrift die Passanten an. Ist sie ein Ärgernis? Oder Sachzerstörung? Gar ein Fall von Vandalismus? Norbert Siegl sieht den Text ganz einfach als „unspezifische Beschimpfung an einem Mülleimer“. Der 48jährige Psychologe und Fotograf hat den Spruch fotografiert, sorgfältig katalogisiert – und seinem „Wiener Graffiti-Archiv“ einverleibt. Siegl hat 1978 dieses „erste transnationale Dokumentationszentrum für alle Aspekte des Kulturphänomens Graffiti“ gegründet, als er beim Herstellen von Werbekatalogen keine Entwicklungsmöglichkeiten mehr erkennen konnte.

Siegl (O): Mir ist das in den späten 70er Jahren, ich war damals Fotograf, erstmalig aufgefallen und hab begonnen, das zu dokumentieren. Daraus hat sich eben dann das Graffiti-Archiv und später das Institut für Graffiti-Forschung entwickelt.

Sprecher: „Graffiti“ definiert Norbert Siegl dabei umfassend als „visuell wahrnehmbare Elemente, welche ungefragt auf fremden oder öffentlichen Oberflächen angebracht werden“. Während die Bezeichnung früher vom italienischen „sgraffiare“- „kratzen“ ausgehend nur die gekratzten Mitteilungen meinte, betont Siegl die Vielfalt der Erscheinungsformen: vom Namen auf der Schulbank über Zettel wie „Hund entlaufen“ und übermalte Plakate an Haltestellen bis zu großen Bildern auf Hausmauern. Seit den 70er Jahren gehören seiner Ansicht nach besonders in der Variante der American Graffiti auch offiziell ausgeführte Auftragsarbeiten und künstlerische Produktionen dazu. Die Wiener Stadtverwaltung zum Beispiel ließ 1984 ein paar echte „Writer“ aus New York einfliegen um eine Tram-Garnitur nach allen Regeln des American Graffiti mit „Tags“, also Namenszügen, zu besprühen. Der Kulturimport klappte hervorragend, wird von den Behörden nun allerdings bereut.

Das Wiener Graffiti-Archiv ist heute zu einer stattlichen Größe angewachsen. Die Archivalien stammen aus diversen Städten von Neapel bis Hamburg, von Prag bis Köln. Besonders häufig ist Siegl in Wien und Berlin unterwegs, da 1995 der damalige österreichische Wissenschaftsminister Erhard Busek wagemutig eine Studie zum Vergleich der Graffiti in diesen beiden Städten finanzierte und diese Untersuchung nun im Rahmen einer Längsschnittstudie fortgeführt wird.

Siegl (O): In der Zwischenzeit gibt’s 20.000 Fotos. Na ja, nicht nur Fotos, in der Zwischenzeit finden diverse Diplomarbeiten statt, in der Schweiz, in Deutschland usw., wo wir beratend zur Verfügung stehen und die dann, sofern sie uns zugeschickt werden, eben von uns archiviert werden. Also Fotos, Fotomaterial ist ein Teil und Literatur zu Graffiti, im Prinzip wissenschaftliche Literatur zu Graffiti, vorwiegend, ein anderer Teil. Das ist international vermutlich die umfassendste Sammlung dieser Art. Wir sind jetzt natürlich nicht permanent damit beschäftigt, irgendwas zu suchen, aber es ist ganz richtig, daß wir immer in Form von Projekten diverse Reisen unternehmen, bei denen wir auch Dokumentationen durchführen.

Sprecher: Regelmäßig bricht Siegl zu Fotosafaris auf. Ausgehend vom Netz der öffentlichen Verkehrsmittel weicht er bei seinen Expeditionen weit von den üblichen Touristenrouten ab und dringt in Innenhöfe, Treppenhäuser, manchmal sogar bis in die Kanalisation vor. Die Begegnung mit Hausmeistern gestalte sich zuweilen schwierig, berichtet der Forscher – dafür mache es Kindern und Jugendlichen, die meist über gute Kenntnisse verborgener Plätze verfügten, oft großen Spaß, sich an der Pirsch nach Graffiti zu beteiligen.

In der Datenbank des Archivs, die wie die angeschlossene Bibliothek Wissenschaftlern zur Verfügung steht, nach und nach aber auch im Internet zugänglich ist, ordnet Siegl dann die Bilder in Rubriken ein, etwa „Politik“ oder „Künstlerische Produktionen“. Neben Politik ist die Abteilung „Geschlechterbeziehungen“ die umfangreichste. Sie umfaßt „Liebe“, „Sexualität“ und „Frauenspezifisches“, wie zum Beispiel Tips zu Geburt und Abtreibung. Unter „Rand- und Nebenphänome“ ist zum Beispiel zu finden, was die Besucher des Münchner Hofbräuhauses in die Tische ritzen, aber auch „C+M+B mit Jahreszahl“ aus dem „katholischen Kulturkreis“. Das zeigt: Deklarierte Graffiti-Künstler sind zwar meist jüngere Erwachsene, ansonsten aber hinterlassen auch ältere Touristen und Wallfahrer gerne Spuren.

Siegl (O): Das ist überhaupt kein reines Jugendphänomen. Es ist allerdings so, daß Graffiti von jenen Leuten benützt wird, denen der Zugang zu den offiziellen Medien fehlt. Und darunter sind’s natürlich vorwiegend Jugendliche, denen dieser Zugang fehlt, die Probleme haben, diverser Art, da gehört auch Sexualität, Liebe etc. hinein, die eben in den öffentlichen Medien, in den anderen, den legalen Medien unterrepräsentiert sind. Ansonsten im politischen Bereich sind’s sicher nicht nur Jugendliche, sondern historisch betrachtet sind eben Graffiti immer schon ein Medium, eine Ausdrucksmöglichkeit für oppositionelle Äußerungen gewesen. Es hat in der Zwischenkriegszeit Graffiti gegeben sowohl von den Nationalsozialisten, als sie in Österreich verboten waren, als auch von den Sozialdemokraten, als sie dann später von den Nationalsozialisten verboten waren. Und das waren keineswegs nur Jugendliche, sondern das waren ältere Aktivisten.

Sprecher: Die ältesten Graffiti, die Siegl bei seinen Streifzügen fand, sind Kruckenkreuze, also Symbole des kurzlebigen österreichischen Ständestaates zwischen den Weltkriegen. Aus der Nazi-Zeit entdeckte er in Wien Reste von offiziellen Hinweisschriften an Haus- und Bunkerwänden, aber auch das Graffito „05“, das Zeichen von Widerstandsgruppen gegen das NS-Regime. Aus der Nachkriegszeit fand er Überreste von kommunistischer Wahlkampfpropaganda, aus den 60er und 70er Jahren Relikte der Flower-Power-Bewegung und Politparolen im Zusammenhang mit Auseinandersetzungen um Atomkraftwerke. In Westberlin haben aus dieser Zeit besonders Parolen der RAF überlebt. Das Phänomen Graffiti ist aber viel älter, betont Siegl:

Siegl (O): Unser Untersuchungsgegenstand ist die älteste Kommunikationsform der Menschheit.

Sprecher: Auch Höhlenzeichnungen seien dazuzuzählen. „Eigentlich beginnt Wandmalerei in prähistorischer Zeit“, erläutert die Kunsthistorikerin Susanne Schaefer-Wiery, die 1996 zusammen mit Norbert Siegl in Wien das „Institut für Graffiti-Forschung“ gegründet hat: „Die Felsbilder wurden hauptsächlich mit Holzkohle gezeichnet, wodurch sich das Alter mit der C-14-Methode bis zu 60.000 Jahren bestimmen läßt. Teilweise wurde auch mit dem Mund gesprüht: Kohle oder Manganoxid wurden zu einem Brei zerkaut, und es wurde damit eine frühe Form von Schablonen-Graffiti geschaffen: Die Hände wurden an die Wand gelegt, dann rundum gesprüht. Da Manganoxid giftig ist und eine tranceartige Wirkung hervorrufen kann, hat man in diesem Zusammenhang auch an religiöse Zeremonien gedacht.“

Ob der Verband der Höhlenbesitzer damals gegen die Felsbilder der anscheinend drogensüchtigen Ur-Sprayer protestierte und nach schärferen Gesetzen rief, ist nicht bekannt. Heute jedenfalls werden die Tierbilder der Höhlen von Altamira und Lascaux allgemein bewundert. Von den modernen Werken im Wiener Graffiti-Archiv kann man das meist nicht behaupten.

Was reizt Wissenschaftler an den Kritzel- und Schmierereien, die Hausbesitzer und Bahnpersonal zur Weißglut bringen? So undifferenziert darf man Graffiti-Forscher nicht fragen. „Kritzeleien gibt es vor allem auf Kinderspielplätzen, und sie sind dort als wichtige feinmotorische Übung anzusehen“, stellt Norbert Siegl klar. „Daneben findet man sie auch als ‘halbbewusst’ nebenher entstehende Figurationen, besonders häufig in Telefonzellen und auf Schreibflächen. Fälschlich werden aber auch viele Inhalte, mit denen man sich nicht auseinandersetzen will, so bezeichnet. Schmiererei ist ebenfalls ein Begriff, der überwiegend völlig falsch verwendet wird. In Wirklichkeit sind Schmierereien kaum zu finden; meist entstehen sie dort, wo unsachgemäße Graffiti-Entfernung vorgenommen wurde.“ – Also gut, warum beschäftigen sich Wissenschaftler mit Graffiti?

Siegl (O): In den Sozialwissenschaften gibt’s immer das Problem der Informationsgewinnung. Es gibt Untersuchungen über Zeitungen, über Berichterstattungen, es gibt Untersuchungen übers Internet und seine Wirkung auf Rezipienten, es gibt Untersuchungen übers Fernsehen, das sind alles Medien, das sind alles Möglichkeiten, mit denen Information transportiert wird. Und eine andere Möglichkeit, eine sehr ehrwürdige, uralte, ist eben die Kommunikationsform Graffiti. Und so wie wir das angehen, ist das ganz einfach eine Form der Datengewinnung, die über Graffiti stattfindet. Also Graffiti sind Daten, die Auskunft geben über die jeweiligen Bewohner, über den jeweiligen Zeitgeist, über geschlechtsspezifische Unterschiede etc. Das ist eine Form der Einstellungsmessung.

Sprecher: Während bei Befragungen oft nur für erwünscht gehaltene Antworten gegeben werden, liefern Graffiti „authentische“ Meinungen, etwa zu Tabus wie Ausländerfeindlichkeit. Zum Thema „Graffiti pro und contra Rassismus“ hat das Institut für Graffitiforschung eine Wanderausstellung konzipiert. „Gerade durch die reduktionistische Form vieler Graffiti, durch ihre Symbol- und Parolensprache wird das Problem Rassismus besonders kraß und pointiert wiedergegeben,“ findet Siegl. Das „Feindbild Nr. 1“ an den Wänden sowohl in Berlin als auch in Wien seien übrigens die Türken. Im Umgang mit rechtsextremen Graffiti hat Siegl „eine autonome Volkskultur“ ausgemacht: Das Hakenkreuz wird von seinen Gegnern zum Fenster oder zum Schachbrett umgewandelt, außerdem gibt es die Konfrontation mit Gegenmachtsymbolen. Hammer und Sichel hätten allerdings seit dem Zusammenbruch des Ostblocks stark abgenommen.

Weil Graffiti Einblicke bieten in Bevölkerungsgruppen, die wenig Zugang zu offiziellen Medien haben, werden sie von Historikern schon lange geschätzt: Bereits um 1850 erforschten sie zum Beispiel antike Inschriften in den Ruinen von Pompej. Bei den alten Römern waren Wandmaler eine angesehene Berufsgruppe gewesen. In Pompej wurde grundsätzlich jede Wand beschriftet – aber Hausbesitzer hatten eine Chance: Sie konnten ihr Eigentum mit zwei Schlangen kennzeichnen und so signalisieren, daß ihre Wände nicht zur Verfügung stehen.

Siegl (O): Diese Auswertungen der Graffiti der damaligen Zeit waren sehr wichtig fürs Verständnis der römischen Kultur, weil ja, und genau das ist ja die Intention, die heute noch damit verbunden ist, weil ja die römische Kultur immer nur über hochobrigkeitliche Publikationen auf uns weitergegeben wurde und natürlich ein totales Problem des Verständnisses der Probleme des einfachen Volkes vorhanden war. Und über diese Graffiti hat man dann festgestellt, teilweise, womit sich diese Leute beschäftigt haben, teilweise auch, welche Sprache sie gesprochen haben, also wie das offizielle Latein im Volk gesprochen wurde. Das ist die historische Dimension. Dort werden Graffiti immer als sehr wertvoll bewertet.

Sprecher: Daher mögen Denkmalschützer die Zeichen an den Wänden und bewahren sie hinter Plexiglas – vorausgesetzt, sie sind so alt, wie zum Beispiel die im Gefängnis des Londoner Tower, wo die Häftlinge viel Zeit hatten und regelrechte Reliefbilder hinterlassen haben, oder die Spuren sowjetischer Soldaten im Berliner Reichstag. In Österreich werden noch vier, fünf Kyselaks liebevoll gepflegt: Der Registraturbeamte Joseph Kyselak, als „Autogrammist“ der Ahnherr aller Sprayer, hatte 1825 wegen einer Wette begonnen, überall in der österreichischen Monarchie seinen Namen zu hinterlassen. Seine Signatur im Wiener Schwarzenbergpark wurde anläßlich des letzten Gemeindewahlkampfs restauriert.

Aber nicht nur Historiker, auch Volkskundler und Sprachforscher können Inschriften gut gebrauchen. Selbst Futurologen wären gut beraten, einen Blick auf „beschmierte“ Wände zu werfen: Umweltschutz war dort lange vor den „Grünen“ ein Thema. Und bereits 1980 notierte ein hellsichtiger Berliner: „Ulbricht ist gegangen. Honecker wird gehen. McDonald’s wird kommen.“ -Mehr um die Gegenwart als um die Zukunft geht es Kriminalisten und Soziologen:

Siegl (O): Dann gibt’s die kriminal-soziologische Dimension. Da gibt’s ein großes Werk, das Ende des Jahrhunderts erschienen ist von dem italienischen Kriminalsoziologen Lombroso, der diese Mitteilungen, Graffiti etc. gesammelt hat und der das dann herausgegeben hat. Man hat auf diese Art die Bedürfnisse, Probleme der Gefangenen feststellen können, die ja ansonsten kaum registriert werden. Da gibt es übrigens in dem Zusammenhang eine interessante Initiative in Köln, wo das ehemalige Gestapo-Gefängnis in ein Museum umgewandelt wurde und man dort eben heute noch die Graffiti authentisch anschaut. Dann gibt’s den pädagogischen Aspekt – daß eben manche Lehrer hergegangen sind und in den Graffiti mehr gesehen haben als Kritzeleien und geschaut haben, ja was schreiben die eigentlich auf den Schulbänken? Und dann eben ganz speziell bestimmte Probleme der Jugendlichen feststellen konnten. Ein anderer Aspekt wäre der tiefenpsychologische Aspekt. Johannes Bornemann zum Beispiel hat versucht, die Freudschen Phasen der psychosexuellen Entwicklung anhand von Graffiti nachzuweisen, was ihm teilweise gelungen ist. Andere Aspekte ist der Aspekt der Gender-Forschung. Da gibt’s eben von uns einige Untersuchungen über Klo- Graffiti, wo man sehr schön zwischen männlichen und weiblichen Arten der Kommunikation und der unterschiedlichen thematischen Ausdrucksbedürfnisse differenzieren kann.

Sprecher: Als Autor des Standardwerks „Kommunikation am Klo“ hat Siegl herausgefunden, daß „in Männertoiletten signifikant mehr Graffiti produziert werden“, daß aber andererseits „Frauen Sachverhalte im allgemeinen viel ausführlicher, subtiler und genauer abhandeln“. Während in Frauengraffiti „Gefühle und persönliche Probleme zum Ausdruck gebracht und meist konstruktiv beantwortet“ würden, dominiere bei den Männern „Aggressivität und Zynismus“. In Männerzeichnungen finde man „kein Problembewußtsein für sexuelle Bedürfnisse des anderen Geschlechts“ und „auch keine Selbstreflexion zur eigenen Rolle“.

Siegl (O): Das war eine ganz eine streng empirische, psychologisch-empirisch-statistische Arbeit. Da ist es darum gegangen, zu schauen, integriert in den Kontext der Gender-Forschung, wo liegen die unterschiedlichen Kommunikationsmuster bei Frauen und Männern. Insgesamt sind da 2186 Graffiti mit einbezogen worden. Anhand von einer Inhaltsanalyse sind die Themenbereiche eruiert worden und später haben wir mit statistischen Mitteln die Daten auf Signifikanzen überprüft, und da waren halt einige sehr bemerkenswerte Unterschiede. Da waren eben ganz klar völlig unterschiedliche Kommunikationsbedürfnisse festzustellen. Um es ganz kurz zu sagen: Im politischen Bereich sind die meisten Graffiti von Männern angesiedelt, wobei da sehr viel über Parteipolitik etc. diskutiert wird, das scheint wiederum kein besonderes Bedürfnis bei Frauen zu sein, darüber zu reden. Und bei Frauen gibt’s einen ganz einen eigenen Bereich, den man eher so mit Frauenbewegung, Frauenspezifischem umschreiben könnte, wo es eben darum geht, um die Rolle der Frauen in der Gesellschaft und um solche Dinge.

Sprecher: Überdurchschnittlich viele feministische Graffiti seien in Westberliner Universitätsgebäuden zu finden. Natürlich schauen sich Graffitiforscher aber nicht nur die Wände von Toiletten an – sondern durchaus auch Kunstmuseen:

Siegl (O): Ein anderer Aspekt ist der kunsthistorische Aspekt, wo man eben Bilder großer Maler, berühmter Maler anschauen kann und schauen kann, wie sind Graffiti integriert worden?

Sprecher: Vor allem seit dem Ende des 19. Jahrhunderts stellen traditionelle Tafelbilder Graffiti als eine reale Erscheinung der abzubildenden Welt dar. Um 1900 wurde auch begonnen, Graffiti fotografisch festzuhalten. Künstler wie Heinrich Zille oder Man Ray haben Hauswände mit abgerissenen Plakaten, Graffiti und zerbröckelnden Fassaden fotografiert. Ein anderes Beispiel: Jean Dubuffet, der Hauptvertreter der sogenannten „art brut“, begann 1923 künstlerische Arbeiten von Kindern, Laien und Geistesgestörten zu sammeln. Besonders Inschriften auf Mauern verwendete er als Grundlagen oder Anregungen für seine eigenen Werke, die er in Sgraffito-Technik in groben Grund ritzte. Mit Kunst befaßt sich im Institut für Graffiti-Forschung Susanne Schaefer-Wiery:

Schaefer-Wiery(O): Ich hab’ mich in erster Linie mit Bildern beschäftigt, wo Graffiti vorkommen, also mit traditioneller Malerei, die Graffiti aufnimmt. In den verschiedensten Formen, als politische oder soziale Komponente aufnimmt, aber manchmal auch als künstlerische Komponente. Und das geht also ganz weitgefächert bis zurück ins 17., 18. Jahrhundert. Also selbst von Goya gibt’s Bilder, wo ein Sand-Graffito vorkommt.

Es ist sehr zeitspezifisch. Also wenn zum Beispiel Bilder, die entstanden sind in den Revolutionsjahren 1848, da gibt’s eine Reihe von Darstellungen, was weiß ich, das Treffen der Studenten in ihrer Studentenbude, wo dann auch Graffiti an den Wänden zu sehen ist, weil das damals halt offensichtlich in Zeiten dieser großen politischen Unruhe sehr häufig vorhanden war. Wenn neue Ansätze in die Malerei gekommen sind, wie zum Beispiel der kinderpsychologische Ansatz, daß also plötzlich Kinder dargestellt werden als eigenständige Persönlichkeiten, so wie’s Ende des 19. Jahrhunderts der Fall war, dann kommen zum Beispiel auch Graffiti vor, weil Kinder viele Graffiti, eben diese typischen Strichmännchen produzieren.

Es hat sich insofern in der bildenden Kunst was geändert in den letzten hundert Jahren, weil überhaupt Schrift, Wort, auch in der heute schon traditionellen Kunst aufgenommen wurde, Kubismus usw. Also insofern hat sich das ja verändert. Schrift war ursprünglich, wenn überhaupt, nur als Signatur im Bild vorhanden. Insofern gibt’s bei heutigen Künstlern ja kaum mehr diese realistische Abbildung, wo man jetzt sagen könnte, da kämen jetzt Graffiti vor. Aber es gibt durchaus Maler mit ein bißchen sozialkritischen Anklängen, wo das der Fall ist. Was auch sehr interessant ist bei den Gemälden, bei den zeitgenössischen zum Teil, das jetzt nicht speziell Graffiti vorkommen, sondern Formen, die mit Graffiti korrespondieren, also wie zum Beispiel automatisches Zeichnen mit Kreide oder so. Solche Formen werden auch in der Malerei aufgenommen. Also so wie ein Jugendlicher durch die Straßen geht und mit einem Stift Spuren hinterläßt, ab und zu wie er vorbeigeht, solche Formen werden durchaus auch aufgenommen, also nicht nur die Abbildung von Graffiti als solche.

Sprecher: Besonders turbulent ist laut Schaefer-Wiery die Geschichte der Signaturen: In der Antike sind sie selbstverständlich, vor allem in der griechischen Vasenmalerei mit dem Zusatz „er hat es gemacht“. Ab dem frühen Mittelalter verschwinden sie, von Baumeister- und Steinmetzzinken einmal abgesehen. Im Mittelalter werden Künstler als anonyme Handwerker und nicht als individuelle Schöpfer gesehen. Das wandelt sich mit dem neuen Persönlichkeitsbewußtsein, das im Humanismus entsteht. Das Tafelbild der Renaissance ist nicht mehr an einen Altar gebunden, es kann transportiert werden, und der Künstler lebt oft nicht mehr vor Ort – daher schreibt er zu seinem Namen auch den Ort, zum Beispiel „Raffael da Urbino“. Bei Graffiti ist die Verbindung von Name und Ort bis heute am gängigsten. Die New Yorker „Writer“ etwa sprayen „Taki 183“ oder „Junior 161“ – also ihren Namen und die Straße.

Die „Tags“ und „Styles“ des American Graffiti bestehen ganz aus Signatur, sie tragen allenfalls ein kleines „Beibild“, den sogenannten „Charakter“ – das heißt, sie protestieren gegen nichts, sie teilen bloß mit, daß ihr Schöpfer existent ist. Für den französischen Theoretiker Jean Baudrillard sind sie trotzdem subversiv – gerade weil sie keinen Inhalt, keine Botschaft, weder ein Ziel noch eine Ideologie haben: Es sei diese Leere, die ihre Kraft ausmache; als bedeutungsleere Zeichen oder leere Signifikanten würden sich diese Graffiti mit Hilfe der hin- und herfahrenden U-Bahnzüge über die ganze Stadt verbreiten und unser vertrautes, bedeutungserfülltes Zeichensystem durcheinanderbringen. – Für Norbert Siegl sind die American Graffiti vergleichbar mit den vertrauten Markenzeichen von Firmen. Die Jugendlichen würden exzessiv zu diesem Mittel greifen, um der Anonymität der Großstadt zu entkommen und bekannt zu werden. Da die traditionellen Werkzeuge, wie Filzstifte oder Marker bald nicht mehr ausreichten, um in der Fülle von Namen noch aufzufallen, griffen die Writer zur Spraydose, die immer größere und buntere Signaturen erlaubte.

Siegl (O): Das, was diese Jugendlichen machen, ist nichts anderes, als sie imitieren Marken, bzw. sie entwickeln den eigenen Namen zur Marke. Ich meine, das Tragische dabei ist nur, daß Coca-Cola halt was zu verkaufen hat. Das Coca-Cola-Logo ist wahrscheinlich das international verbreitetste, während bei diesen Jugendlichen nicht irgendwas Reales dahintersteckt. Aber man kann das durchaus so sehen, als Reaktion auf die allgemeine Logo- und Markenkultur. Und daher werden diese Namen auch so tausendfach, zehntausendfach, hunderttausendfach, immer wieder der gleiche Name verbreitet.

Sprecher: Die gesprayten Namensgraffiti sind schon längst nicht mehr nur in Amerika zu finden:

Siegl (O): Es ist ja sowieso ein Schneeballsystem, das ursprünglich in New York oder Philadelphia oder wo auch immer, da gehen die Quellen auseinander, begonnen hat und das sich dann international verbreitet hat. Und irgendwann vor 10 Jahren dann auch bis Wien vorgedrungen ist, vorher schon in Berlin war, in Amsterdam war, in der Zwischenzeit tief im Ostblock zu finden ist, überall. Da kommen wir zu den medialen Transportmechanismen. Also diese Kultfilme, „Beatstreet“ und „Wildstyle“, das waren diese Kultfilme der Hiphop-Bewegung. die das weitflächig bekannt gemacht haben. Diese Sprayerkultur ist natürlich eine sehr mobile Kultur. Ich meine, allein die Wahl des Objektes Zug, die beliebteste Fläche zum Transport von Mitteilungen, von Logos, von Namen. Allein daher ist da eine sehr starke Vernetzung gegeben. Sie können an den Westbahnhof gehen, irgendein Jugendlicher schreibt da 25 Mal seinen Tag drauf und 8 Stunden später ist das in Hamburg zu lesen und auf der gesamten Strecke durch Gesamtdeutschland wird das verbreitet. Also es ist teilweise eine Kommunikationsform, die sehr rasch funktioniert.

Sprecher: Es ist auch eine besonders umstrittene Kommunikationsform. In den Metropolen sind Tausende mit ihrer Bekämpfung beschäftigt. Paris zum Beispiel will dank eines 150 Millionen Mark teuren Antigraffiti-Programms in den nächsten sechs Jahren „graffitifrei“ werden und leistet sich eigene Graffiti-Detektive, die auf Mofas die Stadt kontrollieren. In der deutschen Graffiti-Hauptstadt Berlin gaben die Verkehrsbetriebe letztes Jahr 16 Millionen Mark für ihre Beseitigung aus.

Siegl (O): Diese Sprayersache die bewegt sich halt so irgendwie zwischen den Polen Legalität -Illegalität, erwünscht – unerwünscht, Kunst – Schmiererei, Vandalismus. Diese deutschen Sonderkommissionen, da gibt’s ja sicher hunderte Leute, die sehr gut davon leben von Graffiti, in jeder größeren Stadt. Die natürlich unter einem negativen Aspekt Graffiti-Forschung betreiben. Mich würde wirklich interessieren, wieviele Leute in Berlin mit Graffiti-Vernichtung beschäftigt sind, das sind sicher Hunderte, diese ganzen Trupps da von BVG und der Stadtverwaltung, die ganzen Arbeitslosen, die dazu verurteilt werden die Wände sauber zu schrubben – also das ist ein gigantischer Markt.

Schaefer-Wiery (O): Die Farbenfirmen haben den doppelten Nutzen.

Sprecher: Einerseits preisen sie Spraydosen an, die besonders für Graffiti geeignet sein sollen, andererseits werben sie um die Hausbesitzer:

Schaefer-Wiery (O): Vorbeugen sozusagen, daß also irgendwelchen speziellen Anstriche oder Putze verwendet werden, wo der Lack nimmer hält oder die halt im Nachhinein eingesetzte, eine nachträgliche Reinigung, entweder mit Abschleifen oder auch mit chemischen Mitteln, hängt auch vom Untergrund ab. Ist sicher irrsinnig kostenintensiv. Ja und eine Versicherung gibt’s ja auch schon gegen Graffiti.

Sprecher: Aus Sicht der Graffiti-Forscher ein aussichtsloses Unterfangen – schließlich halten sie Graffiti für eine „anthropologische Konstante“. Außerdem könnten Verbote sogar kontraproduktiv sein:

Siegl (O): Was jetzt das Zulassen oder Nichtzulassen betrifft, ich meine, man könnte natürlich auch sagen, daß Graffiti in gewisser Weise so was wie eine Katharsisfunktion erfüllen, daß vielleicht viele Probleme, die auf die Gesellschaft zukommen, nicht in dieser Schärfe auf die Gesellschaft zukommen, wenn die Möglichkeit gelassen wird, sozusagen diese Fragen abzureagieren. Da erfüllen Graffiti auch eine gewissen Funktion. Also insofern könnte man sagen, daß sie gesellschaftlich auf keinen Fall wertlos sind.

Letztlich geht’s ja darum, daß diese Jugendlichen auf sich aufmerksam machen wollen und in Wirklichkeit würden sie ja alle gern irgendwelche Auftragsarbeiten bekommen. Das ist ja die Grundintention. Sie brauchen nur ins Internet zu schauen, da gibt’s in der Zwischenzeit hunderte und tausende Websites von Sprayern, alle mit der Intention, an irgendwelche Aufträge heranzukommen. Und eine kluge Stadtverwaltung würde sich das zunutze machen. Also diese Sprayersachen, die kann man sicher, großteils zumindest, in Richtung Legalität bringen. Was die politischen Sachen betrifft, natürlich kaum, weil da geht’s ja um außerparlamentarische Opposition sozusagen. Es wird nach wie vor irgendwelche wilden Sprayer geben, aber ein Großteil dieser Jugendlichen ließe sich einbinden.

Sprecher: Das Institut für Graffitiforschung kümmert sich deshalb nicht nur um Wissenschaftler, sonder veranstaltet auch Spraykurse für Jugendliche:

Siegl (O): Wir haben in Zusammenarbeit mit der Europäischen Kommission einen Workshop in Wien geplant, der sich über zwei Wochen ziehen wird, und zu dem Jugendliche gratis aus ganz Europa eingeladen sind. Dieser Workshop, der stattfindet, wird sich speziell auf diese Sprayersachen beziehen, auf Stylegestaltung und auf Gestaltung von Characters. Wird eine völlig legale Sache, klarerweise, sein. Und soll halt einfach was sein, was das künstlerische Repertoire von Jugendlichen erweitert.

 Wir sind keine Graffiti-Päpste oder keine Graffiti-Aktivisten oder so. Ich mein’, ich als Wissenschaftler, der sich damit beschäftigt, findet diese Kommunikationsform natürlich sehr faszinierend, das ist klar. Was die Öffentlichkeit betrifft, wird unsere Arbeit natürlich auch den Effekt haben oder sollte den Effekt haben, diese Kommunikationsform unter einem anderen Aspekt als nur unter dem Aspekt Schmiererei und Kritzelei zu betrachten.

Nur, eine andere Sache ist, irgend jemand dazu aufzufordern, da kann man wirklich nur gleichzeitig auch auf die Gefahren hinweisen, die damit verbunden sind. Was aber nicht heißt, das man die Kulturform Graffiti sozusagen unterbinden kann. Die wird’s geben, solange es irgend jemanden gibt, der was zu sagen hat, wofür er kein anderes Medium findet.

Martin Ebner

Link (last update: 01.05.2014):

Institut für Graffiti-Forschung (ifg): www.graffitieuropa.org/


 


Foto: Fight against graffiti in Oslo, Norway. Lukto kontraŭ murbildoj en Oslo, Norvegujo. Graffiti-Bekämpfung in Oslo, Norwegen.

 
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Texts of timeless beauty. Or at least some historical interest.