Helmut Seetaler in action at Vienna Westbahnhof

Ungehorsam und amtsbekannt. Helmut Seethaler, der Wiener Zettelpoet

About: manuscript for a radio feature about Viennese poet Helmut Seethaler. A man with a mission.
Pri: radioelsendo pri Viena poeto Helmut Seethaler
First broadcast,
Unua elsendo: SWR2 Dschungel, irgendwann im Jahr 1999 (das Archiv verschwand bei der Umstellung auf „SWR2 Leben“)

1 Sprecher, 1 Zettel-Leser, 1 Leser der amtlichen Schreiben
O-Töne: Helmut Seethaler, Durchsagen der Wiener U-Bahn


Ungehorsam und amtsbekannt

Helmut Seethaler, der Wiener Zettelpoet

Durchsage (O): Westbahnhof. Mariahilferstraße. Umsteigen zu den Linien S1, S50, U6, 5, 6, 9,18,52 und 58

Sprecher: In der Unterführung vor dem Wiener Westbahnhof baumelt zwischen ein paar Säulen eine Leine. Daran hängen viele kleine, beschriebene Zettel.

Zettel: Wer lange genug angepaßt wird, dem paßt alles.

Sprecher: Ein Mann stutzt, geht näher heran und liest noch einen Zettel:

Zettel: Die, die nur wissen, was man ihnen sagt, sind auch die, die nicht wissen, was man ihnen verschweigt.

Sprecher: Dann eilt er weiter. Nach ihm wandert eine Frau langsam die ganze Leine ab.

Zettel: Die Welt wird von Männern bestimmt, die dafür sorgen daß die Frauen es für Bestimmung halten, nicht mitbestimmen zu dürfen.

Sprecher: Diesen Zettel nimmt sie herunter und steckt in ein. Anscheinend ganz im Sinne des Erfinders dieser Aktion, denn bei näherer Betrachtung erweist sich die Leine als
Klebeband. In der Mitte hängt zwischen den kleinen Papierstückchen ein großes Schild:

Zettel: Literatur zum Pflücken. Weitere Texte für einen kleinen Schein.
Helmut Seethaler. Wasnergasse 43/8

Seethaler (O): „Des soll Kunst sein?“ – wenn ich das schön hör’.

Sprecher: Helmut Seethaler sitzt im Kaffeehaus neben der Westbahnhofs-passage, rührt in seiner Melange und will keine Einwände hören, denn selbstverständlich ist das Literatur – Literatur für alle:

Seethaler (O): Mir ist niemand Wurst. Auch der schimpft, der aggressiv ist – ich werde mich, wie ein Priester fast, aber ohne Oberbau, kümmern um ihn. Ich will ihn begleiten mit Literatur, ich begleite ihn durchs Leben. Aber ich hab’ kein Weltbild anzubieten. Ich bin nicht eine Sekte, ich bin keine Partei, ich bin völlig normal. Ich bin auch nicht besessen. Sondern nur: Ich habe mir eine neue Form erobert mit Kunst.

Sprecher: Mit der alten Kunstform „Buch“ ist Seethaler nicht zufrieden: Der Weg über Verlage und Buchläden ist ihm zu umständlich und anonym. Deshalb geht Seethaler seinen eigenen, direkten Weg: Er schreibt Gedichte auf ein Blatt, kopiert es ein paar tausend Mal, schneidet die Texte aus und befestigt sie mit Klebebändern an Bäume, Haltestellenwände und andere öffentlich zugängliche Flächen. Da kann sich jeder pflücken, was ihm gefällt.

Seethaler will damit vor allem die „Nichtleser“ erreichen, die Menschen also, die nie Bücher kaufen und in der Zeitung nur den Sportteil lesen.

Seethaler (O): Es geht mir um einen guten, kritischen, lebendigen Inhalt, der die Leute im Alltag wirklich knackt, angreift. Wo’s sagen „Jessas, genau so ist es!“ Und wenn’s das lesen in der Buchhandlung – ist ja ganz anders. Da geht man ja hinein, man wählt aus. Während da wähl’ ich die Leute aus. Ich wähle den Ort aus und weiß, „an der Station da vorne kommen viele aus dem Kaufhaus raus“ – da picke ich Gedichte hin gegen den Kaufrausch.

Zettel: Was will man mehr, außer immer mehr als die anderen?

Sprecher: Seethalers Gedichte bestehen oft aus einem einzigen Satz. Texte, die zu persönlich, zu unverständlich oder zu lyrisch sind, eignen sich nicht als Zettel-Poesie, meint er: „Das bringt nichts denen, die nie Literatur lesen. Die dürfen nicht verschreckt werden. Sie muß man behutsam hervorlocken aus der Sucht des Nichtlesens“.

Seethaler schreibt über Themen des Alltags: Haben und Sein, Mann und Frau, Anpassung und Ungehorsam, Arbeit und Kindererziehung, die Zerstörung der Umwelt und wie Menschen ihr Leben verpassen.

Zettel: Sitzen und starren. Sitzen und angeflimmert werden. Sitzen und den ganzen Abend vergessen zu leben.

Sprecher: Auf die Idee, mit Zetteln zu einem größeren Weltbild zu verhelfen, kam Seethaler vor 25 Jahren. Im Herbst 1973 veröffentlichen die „Wiener Blätter“ erste Texte von ihm. Seethaler bekommt die Restexemplare der unverkäuflichen Studentenzeitschrift. Er schneidet seine Texte aus und klebt sie rund um die Universität. „Wo kommt das hin, was man schreibt?“ will er wissen. „Ich habe mir gedacht, es bleibt, dort, wo ich es erlebe. Meine Gedichte entstehen in der U-Bahn oder im Autobus, und da bleiben sie auch. Die Idee ist ganz einfach: Literatur mitten im Alltag, für alle und offen – jeder kann dazu etwas sagen und das fließt dann auch in meine weitere Arbeit ein.“

Zuerst klebt Seethaler seine Gedichte nur nachts. Aber bald gibt er die Heimlichkeit auf. Er stellt sich zu den Gedichten und diskutiert mit den Lesern. Seine Frau lernt Seethaler auch beim Gedichtepflücken kennen.

Zettel: Frauen bleiben nur zu Haus und verkümmern immer mehr; Männer drängen hinaus und kümmern sich nur um ihre Karriere.

Sprecher: Viele Fans bestellen eine Art Abo. Seethaler wird hauptberuflicher Zettel-Dichter. Die Kartei seiner Mäzene wächst auf 2000 Adressen und verhilft zu einem Umsatz von „mal mehr, mal weniger als 1000 Mark“.

Seethaler (O): Ich bin unterwegs zu den Leuten, ich warte nie ab, bis man mich entdeckt. Ich suche mir aus, wo ich gelesen werde. Ich warte nicht ab, bis jemand sagt „Des drucken wir, darüber schreiben wir.“ Angewiesen bin ich auf die Post, aufs Konto, auf die Leute. Wenn da niemand mehr reagiert, höre ich auf. Es gibt Tage, da schreiben 7, 8 Leute. Schicken 7, 8 einen 20er, einen 50er, einen 100er, einen 1000er – das kommt vor. Da denke ich mir: „Das ist meine Arbeit.“

Ich gehe alle zwei, drei Jahre meine Kartei durch, A bis Z, und schreibe die an, die länger nicht geschrieben haben. Und die Hälfte von denen schreibt dann doch wieder und schickt Geld und will neue Texte. Es sterben auch Leute schon. Das heißt ich werde älter, meine Fans werden älter. Und es gab schon alte Frauen mit 80, 90, die’s gesammelt haben vor 20 Jahren – und dann heißt’s: gestorben. Dann denke ich mir schon: „Hoppala, meine Fans sterben weg.“ Es kommen neue nach, ja.

Es schreiben immer mehr Leute, deren Name klingt ausländisch. Die Kinder der Gastarbeiter, die in Wien geboren sind und jetzt perfekt deutsch können. Die lesen mich jetzt auch. Ganz arabische, kroatische Namen in meiner Fan-Kartei. Ich find` das typisch Wien als Schmelztiegel. Und ich bin mittendrin. Manche schreiben, daß sie eigentlich nicht aus Wien sind. Und dann kommen’s drauf „Ja, doch! Das ist ja mein Leben in Wien.“ Vor allem die jungen Leute, die pflücken sich ein Gedicht und lesen nach, wie’s ihnen geht.

Es wird aber zum Teil schwieriger bei manchen Leuten,die mit dem Dauerfernsehen aufwachsen, mit dem Dauervideoschauen. Da merk’ ich, ich habe seit zwei, drei Jahren weniger Chancen als vor ein paar Jahren. Es wird immer polarisierter. Es gibt heute mehr Leute, die gescheiter sind, als vor ein paar Jahren, aber auch viel mehr dumm gemachte, Zwanzigjährige, denen alles Wurst ist. Ich merke, wenn ich zuschau’, anhand der Reaktionen, vor allem bei jungen Männern, die werden immer aggressiver, oberflächlicher, haun manchmal auch drein, einfach so aus Spaß, haun drein in meine Gedichte. Das war früher nicht so. Aber andererseits: es gibt mehr Leute als vor ein paar Jahren, die sich wirklich damit auseinandersetzen.

Zettel: Eine Meinung zu haben, bedeutet oft vieles zu verlieren. Keine Meinung zu haben, bedeutet stets, bereits verloren zu sein.

Sprecher: Völlig unzugänglich sind die Wiener Ureinwohner. Seit Beginn seiner Karriere liegt Seethaler mit ihnen im Clinch.

Seethaler (O): Die alten Männer, die typischen Wiener, die gibt’s immer noch, die granteln. Es gibt in der Kärntnerstraße immer noch ein paar alte Männer, die kommen hin, reißen’s mir ab. Aber sie sterben aus. Früher waren’s so 20, 30, wenn ich die gesehen habe, denk’ ich mir „Oi, grad die wieder…“ Jetzt sind’s immer 6, 7, die wackeln auch nur mehr, also 80, 90jährige. „Du Hund, du elendiger!“ schimpft einer mit dem Stock. Ja, was soll ich machen? Ich lach’ drüber. Mit dem Stock hat er mir hingehaun auf die Gedichte – ja warum eigentlich? frag’ ich mich. Bin ich ein Ventil für ihn?

Zettel: Hinhauen auf die, auf die immer hingehaut wird, das tut gut, wenn man selber einer ist, auf den hingehaut wird.

Sprecher: Auch für die Behörden scheint er ein „Ventil“ zu sein. Schier unglaublich sind die Aktenberge zum „Fall Seethaler“. Der Dichter beteuert: Er arbeite nie an Stellen, an denen ein Schaden entstehen könnte, niemals überklebe er etwa Fahrpläne. Und nach Beendigung seiner Aktionen beseitige er alle Klebebänder und Zettelreste spurlos. Trotzdem überhäufen ihn die Ämter mit Anzeigen wegen „Verunreinigung“ und „ungenehmigter Luftraumbenutzung“.

amtlich: Magistrat der Stadt Wien. Sie haben im Straßenbahnhaltestellen-bereich ein Klebeband aufgebracht, um darauf Zettel mit kopierten Gedichten anzubringen, und dadurch eine im öffentlichen Eigentum stehende Einrichtung verunreinigt. Wegen dieser Verwaltungsübertretung wird über Sie folgende Strafe verhängt: Geldstrafe von Schilling 3.000, falls diese uneinbringlich ist, Ersatzfreiheitsstrafe von 3 Tagen. Da es sich um ein Ungehorsamsdelikt handelt, konnte ohne weiteres Fahrlässigkeit angenommen werden. Dazu ist festzuhalten, daß der Beschuldigte gegenüber dem Anzeigenleger erklärte, er habe das schon öfters in ganz Wien praktiziert und wäre auch angezeigt worden. Er wolle nur die Menschen mit seiner Literatur erfreuen. Für den Bezirksamtsleiter: gezeichnet…

Sprecher: 1982 erringt Seethaler einen ersten Erfolg im Kampf um Zettel-Freiheit. Ihm wird offiziell erlaubt, zwei Bäume in der Kärntnerstraße zu bekleben. Kulturstadtrat Zilk verkündet: „Da hast zwa Bam, und jetzt gib a Ruah!“ Mit den beiden Bäumen in Sichtweite des Stephansdoms wird Seethaler bekannt.

Ostern 1983 absolviert er seine erste Auslandstournee – auf Einladung des SFB fährt er nach Berlin. Mit polizeilicher Erlaubnis beklebt er seither jedes Jahr zwei Wochen lang die Gedächniskirche, seit der Wende auch das Brandenburger Tor. „Besonders brauchbare Fußgeherzonen“ findet er auch in Stuttgart, Frankfurt und Köln – und in der Schweiz:

Seethaler (O): In Basel war ich vorigen Mai wieder. Es war wunderschön – nur: es war fast fad. Alle waren andächtig, zustimmend. „Bist wieder da? Wunderbar!“ Zück: 10 Franken, 20 Franken – wunderschön. Ich bin sehr arm, ich habe das Geld gebraucht – in einer Woche waren vielleicht dreitausend Leute, die da gepflückt haben, aber kein einziger hat kritisiert. Und das finde ich verdächtig. Das mag ich nicht. Weil Wiener sind eher grantig. Ich brauche Wien. Ich bin gern weg von Wien – aber ich komme gern zurück.

Sprecher: In seiner Heimatstadt setzt sich Seethaler 1985 in den Kopf, bei schlechtem Wetter von der Kärntnerstraße in die Opernpassage zu wechseln. Es kommt zu Auseinandersetzungen mit Beamten.

Seethaler (O): Es laufen jetzt noch immer ein paar Sachen wegen Beleidigung. Ich gebe zu, daß ich einige Beamte im selben Wortlaut beschimpft habe, wie sie mich beschimpft haben. Ich schimpfe eigentlich nicht zurück. Aber wenn ich mal einen schlechten Tag… – dann kann es sein, daß ich sage „Na, bist selber deppert“.

amtlich: Verwaltungssenat Wien: Das Anschreien von Sicherheitsbeamten ist zweifellos geeignet, bei einem unbefangenen Menschen die lebhafte Empfindung des unerlaubten wie auch des schändlichen hervorzurufen, da es durchaus gegen jene ungeschriebenen Regeln für das Verhalten des einzelnen in der Öffentlichkeit verstößt, deren Befolgung als unentbehrliche Voraussetzung für ein gedeihliches Miteinander der Menschen angesehen wird. Strafen erscheinen angesichts der in der Berufung angekündigten Tatwiederholung notwendig.

Sprecher: Derartige Amts-Prosa hängt Seethaler zu seinen Gedichten ans Klebeband. Zäh bearbeitet er die Opernpassage. Ein Putzmann wird abgestellt, der Seethaler auf Schritt und Tritt folgt und seine Gedichte umgehend in einen Müllsack packt. Als die drei kleinen Töchter des Poeten und Passanten beim Gedichtekleben, beziehungsweise Gedichtebeseitigen helfen, kommt es zu Tumulten. Nach einem Jahr und 153 Anzeigen geben die Behörden auf. Kulturstadtrat Zilk erklärt: „Da host zwa Säuln, und jetzt gib wirklich a Ruah!“ Seethaler beginnt die Gedicht-Serie „Denk-Zettel“. Sie soll einmal 10.000 Stück umfassen:

Seethaler (O): Im Zug, am Weg zu einem Tatort außerhalb von Wien, wenn ich weiß, heute fahre ich eine Nacht durch… Dann sitze ich, schaue hinaus, dann kommen die Ideen. Ich nehme ein eigenes Gedicht von mir, drehe es um und schreibe dann neue Sachen drauf. Das kann aber niemand lesen. Ich selber auch nicht. Und dann zu Hause zögere ich oft tagelang, mich hinzusetzen und mich zu entziffern. Was habe ich denn gemeint damals? Und dann kommt die echte Arbeit. Aber wenn ich anfange, dann bin ich unterwegs auf der Schreibmaschine, stundenlang. Seit neuestem bin ich jeden Tag bis halb 7 in der Früh wach, schlaf’ nur drei, vier Stunden und bin gleich wieder auf. Seit drei Wochen habe ich eine unheimliche Wut beim Schreiben, eine kreative Wut. Und ich hoffe, das bleibt auch so. Weil es gibt auch Wochen, wo überhaupt nichts entsteht.

Zettel: 640. Denk-Zettel: Viele erziehen ihre Kinder so, wie sie selber erzogen wurden. Nur wenige erziehen ihre Kinder so, wie sie selber gerne erzogen worden wären.

Seethaler (O): Es beunruhigt mich oft, wenn ich drei Wochen nichts schreibe, da habe ich das Gefühl, die Zeit wird knapp. Ich werde älter und ich möchte so viel schreiben und beschreiben und erleben und es geht vielleicht nicht mehr. Diese Panikstimmung habe ich schon manchmal, des Altwerdens. Aber dann denke ich mir, ich habe ja schon ein bißchen was gemacht. Dann ist wieder: „Ha, jetzt zeige ich es ihnen, jetzt geht es los.“ Die Wut: ich gehe wieder hinaus, klebe alles voll. Das animiert beim Schreiben schon: Zu wissen, was ich jetzt schreibe, kann ich nächste Woche wieder aufkleben. Das möchte ich niemals missen.

amtlich: Das Verschulden war als nicht unerheblich anzusehen, da vorsätzliches Handeln anzunehmen ist. Bei der Strafbemessung wurde die Vorstrafe des Beschuldigten, sowie die bescheidenen Einkommensverhältnisse, seine Vermögenslosigkeit und die Sorgepflicht für 3 Kinder berücksichtigt, wobei diese Verhältnisse der erkennenden Behörde aus dem Verwaltungsstrafverfahren MBA 20-S 796/96 bekannt sind. Für den Bezirksamtsleiter gezeichnet…

Sprecher: Bisher hat Seethaler 10.000 Texte verarbeitet – Gesamtauflage: rund 9 Millionen Zettel. Seit ein paar Jahren sucht der Poet auch nach weiteren Möglichkeiten der Literaturverbreitung. Wer die Wiener Telefonnummer 330 37 01 wählt, muß nicht mehr auf die Straße zum Gedichte-Pflücken. Zu verdanken ist das Seethalers Frau. Sie schenkte ihm zu Weihnachten einen Anrufbeantworter:

Seethaler (O): Habe ich mir gedacht, na ja, was mache ich damit? Meistens eine halbe Minute, Minute maximal, wähle ich die neusten Texte aus, lese sie aufs Tonband und die, die anrufen, hören meine Gedichte. Und die, die schimpfen wollen, müssen dauernd zuerst mich hören und dann können sie schimpfen. Es hat sich bewährt. Das ist immer so lustig, zu denken „was lese ich heute?“ Und dann gibt es wirklich zwei, drei im Tag, die regelmäßig anrufen. Und sagen „Danke!“ oder „Heute war’s nicht so gut“ und legen auf. Telefon ist ein normaler Alltagsgegenstand. Ich gebrauche ihn für Kunst. Alles, was man gebrauchen kann für eine Kunstvermittlung, gebrauche ich auch, entdecke ich auch. Und wenn’s geht, eben so billig und einfach wie möglich.

Die Bodengedichte, die ich früher gemacht habe, die werde ich in irgendeiner Form weiterentwickeln. Ich habe früher geschrieben, ein paar Mal, am Boden Gedichte, ganz groß. Zwanzig mal zwanzig Meter, aber es gab Schwierigkeiten mit der Behörde. Da habe ich verloren wegen Behinderung und Sachbeschädigung des Gehsteigs, was ich nicht einsehe. Weil: er bleibt begehbar. Ich bin auf der Suche nach neuen Ideen, immer wieder.

Zettel: 1. April: 2. Öffentlicher Kniefall vor den arroganten, selbsternannten Kunstexperten der Wiener Linien, um die Genehmigung zu bekommen, meine Gedichte ohne amtliche Störungen in U-Bahnstationen verbreiten zu dürfen. Eingang zur Direktion. Vorher und nachher Lesung und Gedichteklebung

1. Juli: Lesung unter der Schwedenbrücke und Brückeneinwicklung mit Gedichten

Sprecher: Bei Fans beliebt sind Aktionstage, die jedes Jahr wiederholt werden:

Seethaler (O): Jeden 5. Mai bin ich vorm Rathaus und versuche, es einzuwickeln. Ich werde sicherlich das ganze Leben daran scheitern. Nur: Immer am 5. Mai um 16 Uhr stehe ich vor dem Rathaus und versuche es zu umrunden. Wenn es doch gelingen sollte: Ich werde es nachher alles wieder wegräumen nach zwei, drei Stunden. Und die Einfahrten bleiben eh frei, gell. Ich akzeptiere das Scheitern. Das Scheitern, das Mißlingen ist auch eine Form der Kunst, vor allem in Wien. Nur: das heißt aber nicht, es nicht dauernd immer wieder zu versuchen. Entmutigen lassen? Niemals! Und jeden Staatsfeiertag, 26. Oktober, versuche ich, vorm Parlament eine Leine zu spannen. Am ersten Juni ist eine Tramwayrundfahrt um den Ring. Da begleiten mich Leute und ich kleb’s auf, mache eine Lesung in der Straßenbahn. Ein weiterer Plan ist: Jeden ersten Jänner eine Totalbeklebung vom Westbahnhof. Und zwar eh so wie immer, nur ein bißchen mehr.

Sprecher: Der Westbahnhof ist Seethalers wichtigste Wirkungsstätte, seit die Opernpassage von der Drogenszene besetzt wurde. Die Verkehrsbetriebe leisten erbitterten Widerstand.

amtlich: Bundespolizeidirektion Wien. Deposit Niummer 2092. Angezeigter: Seethaler Helmut, Zetteldichter, wohnhaft Wasnergasse 43, amtsbekannt.
Sachverhalt: Um 19.00 Uhr wurde ich bezüglich eines Randaliers zur U-Bahn beordert. Der Stationswart gab an: „Seit 10.00 Uhr hält sich wieder einmal der S. im U-Bahnbereich auf. Seit Stunden bin ich damit beschäftigt, die Zettel zu entfernen. Als es mir zu bunt wurde, rief ich die Polizei.“ Als die Amtshandlung bereits beendet schien, kam S. plötzlich wieder hinter einer Säule hervor, lief laut schreiend und wild gestikulierend zu den Beamten und wollte sie daran hindern, seine Gedichte zu entfernen. Da S. in seiner Handlung verharrte, erfolgte um 19.10 Uhr die vorläufige Festnahme. Nachdem sich S. beruhigte, wurde er um 19.30 Uhr aus der Haft entlassen. Um vorerst ein Weiterkleben von Zetteln zu verhindern, wurden 2 Klebebandrollen und jene Zettel, die S. noch bei sich führte, gemäß §81/3/2 SPG (gelinderes Mittel) sichergestellt. Die Amtshandlung erregte größeres Aufsehen. S. gab weiters an, sich bei seiner nächsten Aktion genauso zu verhalten.

Sprecher: Seethaler bringt es auf 1350 Strafverfahren. Der 31.12.1994 war der Rekord: auf einen Schlag 43 blaue Amtsbriefe. „Bei Strafverfügungen verweigere ich die Annahme“, erläutert Seethaler die Prozedur. „Dann kommen sie per Einschreiben. Das nehm‘ ich auch nicht an. Dann werden sie gerichtlich eingeklagt. An manchen Tagen sind mehrere Beamtete nur mit mir beschäftigt, schreiben Dutzende Strafen, gegen die ich Einspruch erhebe. So bleiben wir alle in Schwung.“ „Wenn’s genehmigt wird, hörst auf“, sagt Seethalers Frau, „’s wär‘ ja fad“.

Bislang sind alle mit Eifer bei der Sache. Immerhin zwanzig Mal kam Seethaler für ein paar Tage ins Gefängnis, weil er keine Strafen zahlen konnte. Eine Zwangsvorführung beim Amtsarzt brachte jedoch keine Ergebnisse – der Arzt ist selbst ein Fan und freute sich über die Texte, die Seethaler ihm mitbrachte. Auch andere Maßnahmen halten die U-Bahn nicht literaturfrei – im Gegenteil: Seethaler kopiert alle Amtsschreiben und hängt sie zu seinen Gedichten.

Polizeidirektion, Magistrat und „Wiener Linien“ dokumentieren jeden Aktionstag und katalogisieren die beschlagnahmten Gedichte. Das erspart dem Poeten das Tagebuchschreiben. Bei jedem Einspruch erhält er den ganzen Akt des jeweiligen Verfahrens. Manchmal gewinnen die Verkehrsbetriebe:

Seethaler(O): „Vandalen“ habe ich gesagt, „amtliche Kunstvandalen“ und „Kasperl“, „Vizekasperl“, „Oberkasperl“. Da bin ich vorbestraft deswegen. Und einzelne Beamte haben natürlich gemerkt, „jetzt können wir ihn fertig machen“ – und haben mich dauernd angezeigt wegen Beschimpfung. Da laufen ein paar Verhandlungen. Ich kann nichts mehr ernst nehmen.

Sprecher: Für Seethaler werden sogar eigene Anzeigenformulare gedruckt. Am Tatort müssen die Stationswarte nur noch das Datum eintragen und die Anzahl der „verunreinigten“ Säulen. Das ist schon so eingespielt, daß den Kontrahenten Zeichensprache reicht:

Seethaler (O): Egal wo ich auftauche – der macht nur so: „Zwei? Drei? Vier?“ Säulen, nicht. Weil, er muß nämlich aufschreiben, wie viele Säulen. Und wehe ich sage drei – und mache nur zwei. Dann kann er das ganze nochmal schreiben.

amtlich: Magistrat der Stadt Wien. Aufforderung zu Rechtfertigung: Sie haben gegen die Reinhalteverordnung 1982 verstoßen, insoferne als Sie am 21.12. von 10.15 Uhr bis 12.00 Uhr in Wien 15, Westbahnhof, die dort befindliche Wand durch das Aufkleben von Zetteln, worauf Gedichte geschrieben sind, grob verunreinigt haben, so daß Brandgefahr bestand…

Seethaler (O): Das allerneuste ist Brandgefahr. Ich hätte durch Aufkleben von Gedichten zwanzigmal eine Brandgefahr verursacht am Westbahnhof. So ungefähr der siebte, achte oder neunte Tatbestand, den sie finden – oder erfinden, kann man sagen. Und sie machen weiter – genau so wie ich weitermache. Das nennt man einfach Antagonismus, glaub’ ich, nicht? Wir beide brauchen einander. Manchmal ist es notwendig, daß eine Gegenreaktion kommt der Behörde. Daran kann ich mich messen und orientieren. Und viele Gespräche mit Beamten waren ja auch sehr interessant für mich und für die Beamten.

amtlich: Bundespolizeidirektion Wien: Der Beschuldigte hat im U-Bahnbauwerk durch lautes Schreien der Worte: „Schaut alle her, diese Typen von den Verkehrsbetrieben zerstören meine Kunst“ störenden Lärm erregt und durch dieses besonders rücksichtslose Verhalten die öffentliche Ordnung gestört. Es wird eine Geldstrafe von Schilling 1000 verhängt, falls diese uneinbringlich ist, Ersatzfreiheitsstrafe von 60 Stunden, gemäß Paragraph…

Sprecher: Noch laufen an die 100 Zettelkunst-Verfahren, aber die werden wahrscheinlich eingestellt. Letztes Jahr erklärte nämlich Österreichs Oberster Gerichtshof die Zettel zur „anerkannten Kunstform“; das rückstandslose Aufkleben von Gedichten sei erlaubt.

Seethaler (O): Ich darf nichts hinsprayen, tu ich ja nicht. Ich darf keine Kleber nehmen, keine Pickerl – es muß pflückbar sein. Da war ein Lokalaugenschein im Gericht: Habe ich es aufgepickt. Hat der Richter gesagt: „Gut, jetzt hören Sie auf und gehen Sie bitte weg, ich nehm’s runter“. Hat der Richter das runtergeben und hat gesagt „Tatsächlich, es geht leicht und schnell runter und spurlos“. Habe ich gesagt: „Genau, Herr Richter“. Hat er gesagt: „Ja, ja, das stimmt.“ Da war’s erledigt. Das war echt romantisch, wie ich vorm Richter anklebe, vor Zeugen, Polizei und so..

Zettel: Wenn wir die selbe Energie aufbringen, mit der wir einander das Leben erschweren, um einander das Leben zu erleichtern, hätten wir alle ein leichteres Leben.

Seethaler (O): Ich habe mir ausgerechnet: Es sind zwei Meter, bei mir zu Hause, bei der Polizei, beim Magistrat, bei den Verkehrsbetrieben – zwei Meter hohe Aktenberge. Ungefähr 18.000 Amtsstunden. Und jede Anzeige durch alle Instanzen – das sind pro Anzeige ungefähr 50 bis 60 Blätter, Kopien. Wer zahlt das? Das sind Millionenwerte, die der Staat sich selbst verursacht hat. Ja, haben die nichts anderes zu tun? Jetzt hat’ s braucht 1350 Anzeigen, um zu erkennen: Es ist ja eh eine Kunst; das ist gar nicht verboten.

Sprecher: Damit beendet Seethaler seine Audienz. Er bezahlt seinen Kaffee. Auf seinem Platz läßt er – wie immer- ein Gedicht liegen:

Zettel: Verliert man Dinge, merkt man es bald.Verliert man täglich sich selber, merkt man es meist zu spät.

Sprecher: Bevor die Kellnerin den Zettel entdeckt, ist Seethaler schon in der U-Bahn verschwunden.

Durchsage (O): Vorsicht! Zurückbleiben!

Martin Ebner

Zettelgedicht

Link
(last update: 01.05.2014):
Helmut Seethaler im Internet: www.hoffnung.at


 


Foto: Poet Helmut Seetaler in action at Western Station in Vienna, Austria; Poeto Helmut Seetaler laboras apud Okcidenta Stacidomo en Vieno, Aŭstrujo; Zetteldichter Helmut Seetaler klebt beim Wiener Westbahnhof Gedichte zum Pflücken (02.04.1996)

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Texts of timeless beauty. Or at least some historical interest.