Sevastopol, Crimea

Russland, ein gefähr- liches Paradies für Schriftsteller: Gespräch mit Viktor Jerofejew.

About: Interview with writer Victor Erofeyev (Виктор Владимирович Ерофеев) on his home country, literature and politics
Pri: Intervjuo kun verkisto Viktor Jerofejev pri Rusujo, literaturo kaj politiko
Published, Aperis: Frankfurter Rundschau (†), 10.07.1993


Gespräch mit dem russischen Autor Viktor Jerofejew über seine Heimat, Literatur und Politik

Der 1947 in Moskau geborene Viktor Jerofejew gehört zu den bekanntesten Autoren Rußlands. Sein Roman „Die Moskauer Schönheit“ ist weltweit erschienen. (…) Martin Ebner traf den Autor kürzlich auf dem Bodensee-Festival in Konstanz; dabei entstand dieses Gespräch. fr

Martin Ebner: Ihr Vater war u.a. Dolmetscher Stalins, Ihre Erzählungen beruhen häufig auf persönlichen Erfahrungen mit der sowjetischen Nomenklatura. Wie haben Ihre Eltern auf Ihre „staatsgefährdenden und unmoralischen“ Bücher reagiert?

Viktor Jerofejew: Meine Mutter war anfangs sehr schockiert. In der Familie gab es ständig Streit und Zusammenstöße. Mein Vater verlor wegen mir seine Arbeit – er war Botschafter in Wien, und sie beriefen ihn nach Moskau ab. Heute haben sie ihre Ansichten geändert und erkennen meine Bücher an. Außerdem hat jetzt z.B. „Die Moskauer Schönheit“ eine Gesamtauflage von über 1,7 Millionen und Übersetzungen in 27 Sprachen. Dieser Erfolg beseitigt viele Schwierigkeiten…

F: …und schafft neue Probleme?

Noch mehr! Das Sprichwort „Freunde lernt man in der Not kennen“ stimmt nicht. Gerade in der Not ist alles schön: viele Freunde, viele Leute drumherum und alles ist froh… Aber mit dem Erfolg kommen Neid, Eifersucht und Mißverständnisse. Für mich ist das ein ernsthaftes Problem. Echte Freunde muß man im Erfolg kennenlernen.

F: Waren die „Jahre der Not“, d.h. des Druckverbots, verlorene Zeit?

Nein. Ich habe da viel geschrieben: drei Bücher Erzählungen, ein großes Buch Essays und Aufsätze. Dann habe ich auch ein bißchen übersetzt, bin oft gereist. Ich habe überhaupt nichts verloren. Nach der „Moskauer Schönheit“ mußte ich allerdings warten, neue Romane zu schreiben – weil dieser Roman so wichtig war für mich.

F: Wieso lautet eigentlich der deutsche Titel „Die Moskauer Schönheit“ und nicht wie im Original „Die Russische Schönheit“?

Das war der Wunsch der Herausgeber, aus kommerziellen Gründen. Ich konnte da schwer streiten, ich war neu auf dem internationalen Markt und hatte keine Ahnung von nichts. Bei späteren Übersetzungen änderte sich das, es heißt z.B. in den USA „Russian Beauty“. Ich bin mit der deutschen Benennung nicht sehr zufrieden, weil sie nicht diese Kraft wiedergibt, die ich in den Namen gelegt habe. Was tun? Dieses Buch hat eben kein einfaches Schicksal. Andererseits war die deutsche Ausgabe ein solcher Erfolg, daß ich mich mit dem Titel abgefunden habe.

F: Stört es Sie, daß Sie mit diesem Roman identifiziert werden?

Nein, ich liebe den Roman selbst. Obwohl er vor zehn Jahren geschrieben wurde, und ich mich in dieser Zeit natürlich verändert habe. Als ich ihn schrieb, hatte ich das Gefühl, daß er größer ist als ich selbst. Obwohl ich den Roman nur wenigen Freunden zum Lesen gegeben habe, stand ich sozusagen in seinem Schatten. Heute fürchte ich den Roman nicht, er ist keine Konkurrenz für mich. Aber ich weiß, daß ich seine Richtung nicht fortsetzen darf. Das kann man nur einmal schreiben – so einen leidenschaftlichen, naiven, ironischen Monolog einer jungen Frau. Die Heldin des Romans ist für mich eine sehr anziehende Frau. Sie ist noch nicht aus meinem Bewußtsein verschwunden.

F: Ist es nicht trotzdem langweilig, mit der „Moskauer Schönheit“ durch die deutsche Provinz zu tingeln?

Anders als die Schriftsteller der Avantgarde habe ich eine gute Beziehung zu den Lesern. Jede Lesung ist ein Austausch von Energie, selbst wenn nur wenige Leute kommen. Das kann nie langweilig sein – obwohl man natürlich Ausdauer braucht. Diese Einstellung kommt bei mir noch aus der Zeit, als ich Moskauer Küchenschriftsteller war. Nach dem Rauswurf aus dem sowjetischen Schriftstellerverband haben sie mich während beinahe zehn Jahren nicht gedruckt. Die einzige Form einer literarischen Existenz gaben mir da Untergrund-Lesungen in Moskauer Küchen. Ich war einen Abend bei Zionisten, am nächsten Tag bei Buddhisten, dann bei irgendwelchen Sozialdemokraten… Seit dieser Zeit liebe ich den Dialog mit den Lesern. Die Haltung „der Schriftsteller ist einsam – die Leser sind blöde Kretins“ – das ist die Position der Avantgardisten. Ein Autor muß sich mit seinen Lesern treffen. Andererseits habe ich keine Illusionen, daß meine Literatur irgendetwas ändern oder korrigieren könnte.

F: Könnte die „Moskauer Schönheit“ auch anderswo leben?

Ja. Vielleicht hat das Buch deshalb in vielen Ländern Erfolg. Eine Frau probiert gewöhnlich ihren Charakter an wie ein neues Kleid – ihr Benehmen scheint manchmal wie das Ideal ihres eigenen Verhaltens, das sie einfach nicht realisiert, weil sie voller Ängste ist und in ihrem Verhalten begrenzt. Irina ist einfach eine nationale Form des allgemeinen weiblichen Charakters. Ich liebe aber auch die nationale Kleidung dieses „weiblichen Kerns“. Kultur kann nicht abstrakt sein. Sie hat immer eine bestimmte nationale Tür, durch die der Künstler geht. Eine Tür direkt zur Weltkultur gibt es nicht. Als grundlegenden Wert braucht man unbedingt einen nationalen Charakter. In diesem Sinn zieht mich der russische Charakter sehr an – weil er verrückter, wilder ist als andere. Und Wildheit in der Literatur ist etwas sehr schönes. In Europa gibt es sie nicht, alles ist da so zivilisiert…

F: Das Motto des diesjährigen Bodensee-Festivals lautet: „Rußland ist ein Teil Europas“.

Ich hoffe, daß das niemals so sein wird! Rußland ist genauso ein europäisches Land wie Amerika – also eine andere Form der Kultur, des Charakters, der Mentalität. Bloß die „kulturelle Schicht“ der Russen kann sehr schnell Kontakte zu Europa finden, weil unsere Kultur in vielem mit europäischem Geist durchsetzt ist. Aber versucht doch, einen russischen Bauern hierher einzuladen – der zeigt dann, was für ein Teil Europas er ist! Die übereilte Entscheidung der Frage Europa – Rußland kann nur zu Mißverständnissen führen. Am Schluß würden im gemeinsamen europäischen Haus einfach völlig verschiedene Leute wohnen. Ich glaube nicht, daß Rußland das braucht. Mir scheint nämlich, daß Rußland sehr schnell ein sehr reiches Land sein wird. Das Problem wird eher v.a. darin liegen, daß es wieder irgendeine missionarische Rolle in Europa übernehmen will. Ein reiches Rußland kann sogar eine kulturelle Bedrohung für Rußland darstellen – wenn es zu sehr auf der Ideologie Dostojewskis oder Tolstojs steht.

F: Wo stehen Sie?

Ich fühle mich als Mensch zwischen zwei Stühlen – zwischen Europa und Rußland. Nach meiner Erziehung und meinem Leben bin ich in vielem ein Europäer. Deshalb fällt es mir manchmal sogar leichter, in Europa Verständnis zu finden. Andererseits fahre ich immer mit großer Begeisterung nach Rußland zurück. Dort sind die Beziehungen zwischen den Menschen tiefer und interessanter. Wenn man über etwas Ernsthaftes reden will – nicht über Politik, irgendwelche sozialen Veränderungen oder andere Oberflächlichkeiten des Lebens – dann muß man nach Rußland fahren.

F: Wie ist denn der aktuelle Stand im ewigen Kampf „Westler gegen Slawophile“?

Im Moment siegen natürlich die Westler. Sie siegen nicht nur, weil sie sich als überzeugender erwiesen – es wollte einfach die ganze Gesellschaft westliche Kultur, westliche Zivilisation. Ein pragmatischer Sieg: der Wunsch, ein schönes Auto zu haben, moderne Musik zu hören – diese hedonistischen Vitamine, von denen es in der russischen Geschichte nie genug gab. Wenn wir aber reicher werden, wenn die Reformen in die richtige Richtung gehen, dann wird es wieder diese slawophilen Probleme geben. Das ist vorprogrammiert.

F: Wie soll der Westen darauf reagieren?

Europa muß auf Rußland so reagieren wie auf Amerika, d.h. ihm einen Platz in der allgemeinen Zivilisation geben, aber gleichzeitig eine gewisse Distanz bewahren. Um dem kulturellen Einfluß Amerikas zu entgehen, stellten die Europäer Amerika als primitives Land dar, als naiv und dumm. Mit Rußland wird es da andere Kategorien geben. Es wird eine bestimmte Barriere errichtet werden, andererseits wird man diese Barriere frei überwinden können – so wie ja auch Europa und Amerika kommunizieren. Ich denke, Europa muß Rußlands kulturellen Einfluß nicht besonders fürchten. Aber man muß verstehen: „Was für den Russen Glück ist, ist für den Deutschen der Tod.“ In Rußland wird nie der europäische Einfluß überwiegen. Den Europäern wird Rußland immer wie eine Wildnis erscheinen.

F: Hat denn die westliche Rußlandhilfe einen Sinn?

Wirtschaftshilfe ist dringend notwendig, damit Rußland nicht ins Fahrwasser nationalistischer oder kommunistischer Demagogen gerät. Aber sie darf Rußland nicht zu einer Kolonie machen. Ich war in Mittelamerika – da bekommen sie auch die ganze Zeit „Hilfe“. Die Leute da liegen ständig am Strand und machen nichts, essen Ananas. Trotzdem braucht Rußland Hilfe, einfach damit das Land nicht in den Totalitarismus zurückfällt.

F: Ist jetzt in Rußland wenigstens die offizielle Propagandasprache verschwunden?

Die stirbt nie aus! Sobald in Polen Solidarnosc zu siegen anfing, kam auch plötzlich eine hölzerne Solidarnosc-Sprache auf. Wir haben jetzt die hölzerne Sprache unserer neuen Demokratie. Das ist unvermeidlich. Die Funktionärssprache wird geboren aus der Idee des autoritären Wortes – die Degradation eines Wortes, das Macht über die Sachen hat.

F: Die neuen Machthaber mögen Ihre Bücher auch nicht?

Sie lieben sie sogar noch weniger als die sowjetischen. Ich habe sie nämlich als Karikaturen dargestellt. Außerdem sind auch sie für Parteiliteratur – die Literatur soll liberal oder demokratisch sein. Das wäre der Tod der Literatur! Ich befriedige keine Parteiinteressen. Und deshalb kritisieren mich in Rußland alle: Liberale, Demokraten, Kommunisten, Nationalisten, Faschisten… Ich fürchte das nicht, das bin ich schon gewohnt. Aber ich habe da einen großen psychologischen Riß: hier im Westen bekomme ich herrliche Rezensionen – in Rußland aber schimpfen alle mit mir. Flaubert hatte völlig Recht: „Wenn sie dich in der Familie und in der Heimat anerkennen, dann endest du als Schriftsteller…“ Ich habe Probleme in der Familie – und in der Heimat erst recht.

F: Dachten Sie schon an Emigration?

Niemals! Wollte ich nie! Rußland ist ein sehr schönes Land für Schriftsteller, es ist gefährlich und hart. Ein Schriftsteller darf nicht bequem leben, sonst schreibt er nichts. Ein russischer Schriftsteller zu sein, ist ein großes Privileg. Ich reise im Moment sehr viel, aber als Schriftsteller könnte ich in keinem anderen Land leben. Meine Formel: Rußland ist das Paradies für die Schriftsteller – und die Hölle für die Leser. Ich verstehe die Autoren nicht, die emigrieren – und ich verstehe nicht, warum die Leser nicht alle abhauen.

F: Andererseits schrieben Sie einen „Nekrolog der sowjetischen Literatur“?

Die sowjetische Literatur ist nicht die russische. Dieser Artikel in der „Literaturnaja Gazeta“ hat wahrscheinlich den größten Lärm der letzten zehn Jahre verursacht – das ist auch so einer meiner unwahrscheinlichen Erfolge. Es gab ungefähr 200 Artikel dagegen… Ich hatte da geschrieben, daß die sowjetische Literatur tot ist. Nicht nur die offizielle, damit wären alle einverstanden gewesen, sondern auch die Dorfliteratur der nationalen Werte und die Anklageliteratur der liberalen Dissidenten. Da fing natürlich der Skandal an. Aber sie ist ja auch mausetot! Das war alles Widerstandsliteratur – und heute gibt es keinen Widerstand mehr. Es entstand eine neue Literatur, die sogenannte „Andere Literatur“. Dazu gehören Wladimir Sorokin, Jewgeni Popow, ich und noch ein paar Leute. Wir haben im Moment einen ernsthaften Einfluss auf das, was sich tut – zumindest in den Köpfen der jüngeren Menschen.

F: Die „Andere Literatur“ – ist das so ein literarischer Zirkel in Moskau? Kennen sich da alle Vertreter?

Wir waren und bleiben Freunde, obwohl wir uns heute selten sehen. Es kommt öfter vor, daß wir uns im Ausland treffen, auf solchen Veranstaltungen wie dem Bodensee-Festival. Deshalb sind diese Veranstaltungen sehr wichtig. (lacht) Wir hatten verschiedene Vereinigungen, die uns zusammenbrachten. Mit Sorokin und Prigow z.B. die Gruppe „Jops“ – was auf russisch sehr unanständig klingt, aber einfach nur die Abkürzung unserer Namen ist. Diese Gruppe trat häufig auf, natürlich hatten wir gute Beziehungen zueinander. Mit Popow hatte ich schon früher den Almanach „Metropol“ herausgegeben, er nannte mich in einem Buch „literarischer Bruder“ – das verpflichtet. Obwohl wir in unserer literarischen Arbeit sehr verschieden sind, völlig unterschiedliche Sachen machen.

F: Sie eint die Auffassung, daß Literatur eine freie Kunst ist.

Man kann natürlich auch einen Aufstand gegen die Macht machen. Aber das ganze Leben lang? Trotz allem muß man den Haß auf seine Feinde weniger lieben als sein eigenes Leben. Ein Schriftsteller hat die Möglichkeit, andere Welten zu fühlen, die den Menschen umgeben. Wenn er seinen Blick aber nur auf den Kampf gegen die Macht oder nur auf soziale Fragen begrenzt, beschäftigt er sich bloß mit der Illustration des Journalismus.

F: Kann man sagen, daß in Rußland die „Intelligenzija“ von der Macht völlig getrennt ist?

Im Moment hat sich die Intelligenzija ja gerade sehr an die Macht angenähert. Das ist eine ziemlich neue Erfahrung für sie – und wird noch eine große Enttäuschung geben. Weil jede beliebige Macht eine widerliche Angelegenheit ist. Außer Nekrophilen dürfte es kaum Leute geben, die an der Arbeit in Leichenhallen oder auf Friedhöfen Genuß finden. So sind auch die Politiker. Das ist ein unangenehmer Beruf – und wenn man noch so viel Geld und Macht bekommt.

F: Vaclav Havel ist also kein Vorbild für Sie?

Das ist ein Anti-Modell! Da ist irgendetwas nicht in Ordnung. Entweder ist er ein guter Schriftsteller und ein schlechter Präsident oder umgekehrt. Schließlich kann man auch nicht gleichzeitig ein großartiger Gynäkologe und ein großartiger Liebhaber sein.

Russian writer Victor Erofeyev in front of "Imperia" in Constance, Germany
Russian writer Victor Erofeyev in front of „Imperia“ in Constance, Germany (25.05.1993)

 


N.B. (19.05.2014):
Friedhofsangestellte und Frauenärzte richten ihre Beschwerden bitte nicht an mich, sondern direkt an Herrn Jerofejew…

Foto (01.08.2005): Difficult paradise? Tourists in the port of Sevastopol, Crimea. Ĉu malfacila paradiso? Turistoj en la haveno de Sevastopol, Krimeo. Schwieriges Paradies? Touristen im Hafen von Sewastopol, Krim.

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Texts of timeless beauty. Or at least some historical interest.