Entry to prohibited area near Chernobyl, Belorussia

Weißrussland: Kampf um Tschernobyl-Daten

About: Conflicts about the data of Chernobyl victims in Belarus
Pri: Konfliktoj en Belorusujo pri malsandatenoj de viktimoj de la atomkatastrofo en Ĉernobilo
Sponsor,
Sponsoro: Bundeszentrale für politische Bildung
Published, Aperis: d’Lëtzebuerger Land, 14.08.2003


Strahlenforscher erheben schwere Vorwürfe gegen die US-Regierung

US-Ministerien und Regierungsagenturen missbrauchen die weißrussischen Opfer der Atomkatastrophe von Tschernobyl als Versuchskaninchen; sie versuchen, alle Krankendaten unter ihre Kontrolle zu bringen und eine Auswertung durch unabhängige Forscher zu verhindern: diese Anschuldigungen erheben Edmund Lengfelder, Strahlenbiologe an der Universität München, und seine Mitarbeiterin Christine Frenzel. Sie kritisieren vor allem das „BelAm-Projekt“ zur Erforschung von Schilddrüsenkrebs und die internationale „Tschernobyl Gewebe- und Datenbank“. Nach ihren Angaben sollen in den nächsten Monaten zwei Kliniken, die in Weißrussland mit Spenden aus Deutschland und Luxemburg betrieben werden, unter US-Aufsicht gestellt werden.

In Weißrussland, dem vor 17 Jahren am schwersten von Tschernobyl betroffenen Land, forschen Lengfelder und Frenzel nicht nur seit 1991, das von ihnen gegründete „Otto Hug Strahleninstitut“ kümmert sich auch um die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung. Bisher hat es mehr als 13 Millionen Euro für Medikamente, Messgeräte und medizinische Ausrüstungen ausgegeben. In Gomel, der Hauptstadt des an Tschernobyl grenzenden Gebiets, hat das Institut zwei Fachkliniken mit aufgebaut: das Schilddrüsenzentrum der Endokrinologischen Polyklinik und das Onkologische Krankenhaus. Bisher wurden über 90.000 Patienten behandelt und eine Gewebebank eingerichtet.

Die Daten der Kliniken gehören dem weißrussischen Gesundheitsministerium und dem Otto-Hug-Strahleninstitut – und werden veröffentlicht. Freimütig erläutert Marina Tulupowa, die Chefärztin der Polyklinik, die Statistiken: Die Zunahme von Diabetes bei Kindern, die häufigeren Immunschwächen, vor allem aber die seit 1986 zehn mal öfter auftretenden Schilddrüsenkrankheiten seien „eindeutig“ auf radioaktives Iod von Tschernobyl zurückzuführen. Tatjana Prigozhaja, die Leiterin der Krebsklinik, berichtet, die Zahl der Krebskranken habe sich im Oblast Gomel seit der Atomkatastrophe verdoppelt. Besonders die Zunahme von Brustkrebs bei jungen Frauen sei „sehr untypisch“; die Krebsformen seien „viel aggressiver“ als vor 1986 und metastasierten schneller in Knochen und Lunge. – Mit so viel Transparenz ist demnächst wohl Schluss. Beide Kliniken sollen im Laufe dieses Jahres einem neuen Forschungszentrum unterstellt werden.

Am 25. April hat der weißrussische Präsident Alexander Lukaschenko in Gomel die erste Baustufe des „Republikanischen Wissenschaftlich-praktischen Zentrums für Strahlenmedizin und Ökologie des Menschen“ eingeweiht. An diesem Zentrum soll die gesamte weißrussische Tschernobyl-Forschung konzentriert werden. Zum Beispiel erhielten das Institut für Nuklearmedizin
und das Institut für Strahlenbiologie der Weißrussischen Akademie der Wissenschaften Order, von Minsk nach Gomel umzuziehen. Abgesehen davon, dass in Gomel für die Wissenschaftler noch keine Wohnungen zur Verfügung stehen und die Forschungen unterbrochen werden, hat die Reorganisation einen Haken: Das „wissenschaftlich-praktische Zentrum“ ist mit dem BelAm-Projekt verbunden, bei dem sich die US-Regierung die ausschließliche Datenhoheit gesichert hat.

US-Stellen sind in Sachen Tschernobyl schon lange aktiv. Gleich nach der Katastrophe hatten Sowjetunion und USA gemeinsame Projekte zur Erforschung der Folgen vereinbart; auf US-Seite bekam dabei das Energieministerium die Zuständigkeit für die Bereiche Gesundheit und Umwelt. Professor Fred Mettler (Uni New Mexico) zum Beispiel leitete ab Herbst 1989 die Expertenkommission der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) für medizinische Tschernobyl-Folgen. Der erste IAEA-Bericht konstatierte 1991 „keine Gesundheitsstörungen, die direkt einer Strahlenbelastung zugeordnet werden konnten“ – weißrussische Hinweise auf eine rasante Zunahme von Schilddrüsenkrebs wurden ignoriert.

Der Vertrag für das BelAm-Projekt wurde 1994 vom weißrussischen Gesundheitsministerium unterzeichnet. Er sieht vor, dass im Rahmen einer auf 30 Jahre angelegten Studie 12.000 Weißrussen, die zum Zeitpunkt der Atomkatastrophe jünger als 19 Jahre waren, regelmäßig untersucht werden. Damit solle herausgefunden werden, ob radioaktives Iod-131 Schilddrüsenkrebs verursache. Die Kosten von veranschlagten 10 Millionen Dollar trägt das US-Energieministerium; die wissenschaftliche Federführung hat das US-National Cancer Institute. Nach organisatorischen Schwierigkeiten liefen 1997 die ersten Untersuchungen an. Das US-Energieministerium sieht in ihnen eine „einzigartige Gelegenheit“ zur Risikoabschätzung, die gewonnenen Informationen würden „eine bedeutende Wissenslücke zu den Wirkungen radioaktiver Strahlung füllen und Anhaltspunkte geben für Gesundheitspolitik und Strahlenschutz in der Nähe von Kernreaktoren“.

Den Hintergrund für das besondere US-Interesse an Tschernobyl deckten 1996 Journalisten der englischen BBC auf: Eine Reihe von US-Bürgern hat gegen die US-Regierung Schadensersatzklagen eingereicht, da sie Schilddrüsenerkrankungen auf oberirdische Atomwaffentests der 1950er Jahre, auf die vorsätzliche Freisetzung einer radioaktiven Wolke durch Forscher des US-Energieministeriums im Jahr 1957 („Operation Plumbbob“), sowie auf die vom US-Energieministerium betriebene Plutoniumfabrik in Hanford zurückführen. Daher habe die US-Regierung kein Interesse an Beweisen für den Zusammenhang von Iod-131 und Krebserkrankungen – es gehe um Milliarden Dollar.

Unverfänglicher formulierte das Richard Klausner, der Direktor des National Cancer Institute, 1997 und 1998 in Senatsanhörungen: In den von Atomwaffentests in Nevada betroffenen Gebieten sei die Zahl der Schilddrüsenerkrankungen gestiegen. Jedoch sei die „Korrelation zwischen Iod-131 und Schilddrüsenkrebs“ zwar „suggestiv“, aber „nicht statistisch signifikant“ und könne daher auch „zufällig“ sein. Zu Erkrankungen, die in den USA durch Atomwaffenprogramme verursacht wurden, gebe es bisher nur Schätzungen – erst die Tschernobyl-Forschung biete nun die „einzigartige Gelegenheit“ den Zusammenhang von Iod-131 und Schilddrüsenkrebs exakt zu
bestimmen.

Christine Frenzel interpretiert das BelAm-Projekt so: Die US-Regierung könne nun 30 Jahre auf fehlende Beweise und laufende Forschungen verweisen – „wer kann sich so lang mit der Regierung anlegen?“ Und selbst wenn bei Projekt-Ende noch Kläger am Leben sein sollten: „Die US-Regierung hat die Datenhoheit. Sie ist nicht zur Veröffentlichung verpflichtet.“ Besonders empört sie, dass das BelAm-Projekt zwar die Krebserkrankungen erfasse, die Behandlung aber dem überlasteten weißrussischen Gesundheitswesen überlasse: „Es ist eine Riesensauerei, wie sich die USA die Daten sichern, die Menschen hier aber ohne Therapie im Regen stehen gelassen werden.“

Weißrussische Behörden beantworten Fragen dazu ausweichend. So sagt Wiktor Motorenko, bei der Oblastverwaltung Gomel stellvertretender Leiter des Gesundheitswesens, die Ziele des BelAm-Projekts seien „noch nicht festgelegt“. Weißrussland begrüße „alle Untersuchungen durch ausländische Wissenschaftler“. Leider habe das Interesse an den gravierenden Tschernobyl-Folgen stark abgenommen: „Es gibt weniger internationale Kontakte als in den ersten Jahren; unsere Probleme geraten in Vergessenheit.“

Neben dem BelAm-Projekt soll laut Frenzel und Lengfelder ein zweiter „Kontrollmechanismus“ unerwünschte Forschungen verhindern: die „Tschernobyl Gewebebank“. Dieses Projekt wird seit 1998 gemeinsam von den USA (National Cancer Institute), der Europäischen Atomgemeinschaft (EU-Kommission), Japan („Sasakawa Memorial Health Foundation“) und der Weltgesundheitsorganisation WHO betrieben. Es besteht aus Gewebe- und Blutbanken, die Proben von allen Schilddrüsenkrebspatienten sammeln, die aus den vom Tschernobyl-Fallout belasteten Gebieten kommen und zum Zeitpunkt der Katastrophe jünger als 19 waren. Zuständig ist für die „Tschernobyl-Kinder“ in Weißrussland das Institut für Strahlenmedizin in Minsk (demnächst wohl in Gomel), in der Ukraine das Institut für Endokrinologie in Kiew und in Russland das Strahlenmedizinische Forschungszentrum Obninsk. Koordiniert wird das Projekt von der Universität Wales in Swansea, wo die zentrale Datenbank für alle drei Länder untergebracht ist.

Nach Ansicht von Lengfelder benötigen alle, „die Forschungen zur Thematik ‚Schilddrüsenkrebs nach Tschernobyl‘ durchführen wollen, als Voraussetzung hierfür den Zugang zur Gewebebank, Blutbank oder Datenbank“. In den Gremien, die über den Zugang entscheiden, hätten aber die Vertreter der Staaten mit Atomindustrie „die absolute Mehrheit“. Die WHO sei durch einen 1959 mit der Internationalen Atomenergieagentur abgeschlossenen Vertrag in Atomfragen zu Vertraulichkeit verpflichtet – und falle daher als Anwalt einer unabhängigen Forschung aus.

Als die weißrussische Regierung die entsprechenden Verträge unterzeichnete, habe sie „nicht gewusst, welche Leichen die US-Regierung im Keller liegen hat“, ist Lengfelder sicher. Da Belarus keine eigenen Atomkraftwerke betreibt, habe man in dem Land – im Gegensatz zu Russland und der Ukraine – bisher „relativ frei“ forschen können. Nun aber würden „viele weißrussische Verwaltungsleute in die USA eingeladen“, sie bekämen „Dollarhonorare in der mehrfachen Höhe ihrer Monatsgehälter“ – daher schwinde ihr Verlangen nach soliden Daten. „Wir sind in einer schwachen Position, weil auch die deutsche Regierung die Interessen der Amerikaner vertritt, nämlich dass nichts rauskommt“, bedauert Lengfelder. Trotzdem gibt er sich kämpferisch: „Unsere Labors sind nicht dazu da, zu beweisen, dass radioaktives Iod nicht Schilddrüsenkrebs auslöst. Wir sind nicht bereit, die Tschernobyl-Folgen wegzulügen.“

Martin Ebner

Links (last update: 29.04.2014):


N.B.
(29.04.2014): Alles, was mit Tschernobyl zu tun hat, ist super-undurchsichtig…

Siehe auch den Artikel Atompriester und Strahlenkatzen


 


Foto(15.05.2003): Entry to prohibited area near Chernobyl, Belorussia. Barregiono apud Ĉernobilo, Belorusujo. Sperrgebiet bei Tschernobyl, Weißrussland.

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