Museum inside the fortress above Vitznau, Switzerland

Festungshotel Vitznau: Ortsbesichtigung im Alpenréduit

About: Visit to a formerly secret bunker in Vitznau, Switzerland
Pri: Vizito al bunkrego en Vitznau, Svislando
Published, Aperis: d’Lëtzebuerger Land, 16.07.2004


Krieg spielen im friedlichen Berg

Festung Vitznau: Ortsbesichtigung im legendären Alpenréduit der Schweizer

Unter uns spiegeln sich die Sonne und schneebedeckte Berggipfel im Vierwaldstättersee, Kuhglocken läuten über grüne Wiesen, auf dem Parkhotel flattert eine eidgenössische Flagge im Wind, aus dem Dorf Vitznau zuckelt eine rote Zahnradbahn bergauf. Wir aber haben jetzt keine Augen für die relativ friedliche Idylle der Urschweiz. Unsere Lage sehen wir so: Der Österreicher in unserem Rücken hat schlapp gemacht, im Norden der gezackten Toblerone-Panzersperren liegt auch der Deutsche danieder, der Russe jedoch will nun partout und unbedingt dort unten, wo gerade der Raddampfer „Gallia“ von Luzern herschnauft, zum Mittelmeer durchbrechen. Ein Neutralitätsschutzfall! Höchste Zeit, sich in den Berg zurückzuziehen. Beziehungsweise in die „Königin der Berge“, die Rigi ist ja nicht irgendein Gesteinsmassiv.

Unser bunt zusammengewürfelter Touristenhaufen, der von der Schiffsstation Vitznau in einer Viertelstunde zur Festung hochgewandert ist, wird von Pius empfangen. Wie die zehn anderen pensionierten Soldaten, die das ehemalige Artilleriewerk in Schuss halten, lässt sich Pius duzen, trotz seiner Uniform. Sobald alle an den Tarnnetzen vorbei sind, lässt er die Führungsteilnehmer versuchen, die schwere Eingangstür wieder zuzustemmen. Vergebliche Mühe. „Die Stollen sind 553 Meter lang“, kündigt Pius an. „Das ist kein Pappenstiel; es dauert schon eine Weile, bis man alles gesehen hat. Gut eineinhalb Stunden.“ Es braucht keiner glauben, die bis 1998 einsatzbereit und höchst geheim gehaltene Festung sei nicht ernst zu nehmen. Hinter dem Wasserfall oberhalb von Vitznau verbirgt sich in der Nagelfluhwand eine richtige kleine Stadt.

„1939 hatten wir vier Panzer“, erläutert Pius den Sinn des Bauwerks: „Das war alles, was die Schweiz offerieren konnte gegen die deutsche Wehrmacht. Nur die Berge konnten helfen. ‚Wir ziehen uns zurück in die Berge‘ hat General Guisan gesagt. So schnell wie möglich hat man dann wahnsinnig viele Löcher gemacht.“ Wir verstehen: Es wäre jetzt unerwünscht, über den Zweiten Weltkrieg zu diskutieren. Etwa darüber, ob die zahllosen als Burgruinen, Holzhütten oder Blechtannenwäldchen getarnten Bunker das Land vor Besatzung und Not bewahrt haben oder nicht eher die bis April 1945 florierende Raubgoldwäsche der Nationalbank.

Offizielle Strategie im Weltkrieg und noch lange danach war jedenfalls: im Ernstfall gibt die helvetische Armee die Mehrheit der Bevölkerung und alle Großstädte auf und igelt sich in den Alpen ein; die Transitwege werden zerstört – und dadurch Angreifer abgeschreckt. Alte Stimmungsberichte des Schweizer Geheimdienstes zeigen, dass es durchaus Zweifel am zwei Milliarden Franken teuren „Réduitgedanken“ gegeben hatte, Gerüchte, die Befestigungen dienten nur der Arbeitsbeschaffung, die Armee werde zum Vergnügen aufgeboten, „es sei eine Abmachung zwischen den Großmächten, unser Land neutral zu haben, damit gewisse schwarze Geschäfte in Ruhe abgewickelt werden können.“ Die Mehrheit der Eidgenossen steht aber bis heute fest zu den Bergbastionen. „Diese Verteidigungsphilosophie war Bestandteil der bewaffneten Neutralität und wirkte sich aufs geistige und politische Klima aus“, formuliert die Broschüre der Schweizer Bundesbahnen, die Ausflüge nach Vitznau anbietet.

„1940 haben Geologen das Gelände hier untersucht“, erzählt Pius. „Im Dezember 1941 haben örtliche Baufirmen angefangen und schon 14 Monate nachher war die Festung fertig, beide Kanonen auf den Ständerlafetten installiert. Das erste Versuchsschießen war mit ‚Ladung 3‘ auf den Flughafen Buochs runter.“ Mit „Ladung 6“ kamen die zwei 10,5cm-Geschütze bis zu 23 Kilometer weit: über Vierwaldstättersee und Bürgenstock hinweg, an Luzern vorbei bis zum Pilatus. Ihre Hauptaufgabe war die Kontrolle von Bahn und Straße über den Brünig nach Interlaken. Die Kanonen der beiden Festungen Unternas und Obernas auf der gegenüberliegenden Seeseite hätten die Verbindungen zum Gotthard in Schutt und Asche legen können. Die nationalheilige Rütli-Wiese nebenan ist im Schuss-Schatten, der Vierwaldstättersee ist so verwinkelt.

Unternas wurde geschlossen, als die „Armee-Reform 95“ rund 70 veraltete Artilleriewerke und Tausende kleinere Bunker ausmusterte. Obernas dient jetzt als Ausbildungszentrum der Schweizer Marine, die ab und zu auf dem See Schießen übt. Vitznau gehört zu den rund zwanzig, einst streng geheimen Verteidigungsanlagen im Alpenbogen vom Genfersee bis zum Rheintal, die von Gemeinden und Vereinen aufgekauft wurden und nun der Öffentlichkeit zugänglich sind. „Im Februar 1998 war hier der letzte Ergänzungskurs; im September hat uns ein Offizier die Schlüssel übergeben“, berichtet Pius. „Seither haben wir daheim keinen Krach mehr mit unseren Frauen. Wir haben die Werkstatt der Festung komplett übernommen, und es gibt hier oben immer etwas zu schaffen. Alle drei Monate lassen wir im Kraftwerk die Dieselmotoren laufen, damit nichts einrostet. Saulaut – aber ein irrsinnig schöner Ton.“

Zu Silvester würden die Hobby-Festungswächter gerne auch die alten Kanonen wiederbeleben. „Die Armee hat uns aber einen Strich durch die Rechnung gemacht, die Zündstifte abgeschmirgelt und den Sprengstoff entsorgt“, bedauert Pius. „Mit einer guten Mannschaft könnte man 15 Schuss pro Minute abfeuern, aber das hat man nie gemacht. Das höchste waren sechs Schuss, einmal 1945, zur Feier vom Kriegsende.“ Die Schießbücher zählen insgesamt 228 Einträge; Ziel war meist der Alpnacher See südlich von Luzern. „Im Geschützstand hört man keinen großen Knall, es macht ‚Tack‘ und das ist alles“, berichtet Pius. Ganz harmlos war das Herumballern im Herzen der Schweiz aber nicht: „Draußen hat die Druckwelle Riesenschäden angerichtet, zum Beispiel in den Hotels. Mein Vater war hier oben Festungswächter. Über Mittag ist er heimgekommen. Im Fels hat es immer 12 Grad, also wollte er es wenigstens beim Essen warm haben. Wir mussten die Fenster zumachen. Einmal hat er eine Übung vergessen – da flogen unsere Fenster raus. Wenn geschossen wurde, gab es Flugzettel: ‚Wir bitten die Bevölkerung, die Fenster zu öffnen, die Läden zu schließen.'“

In den dunklen Munitionsgewölben, wo einmal 10.000 Granaten und 40 Tonnen Pulver gelagert wurden, gruselt es einige von uns. Andere stellen ungerührt Überlegungen an, ob man da nicht Hasen züchten könnte. Wir bestaunen das automatische Tor über dem Druckschacht, der steil zum See hin abfällt – ein Sicherheitsventil, falls mal was explodiert. „Wen einer stirbt und draußen ist alles verseucht, sollte da auch die Leiche raus“, erklärt Pius. „Heute könnte man hier für die Jugend eine schöne Rutschbahn machen. Aber wir wollen die Festung nicht verhunzen, wir wollen sie so lassen, wie sie war.“

An den von eigenen Quellen gespeisten Wassertanks vorbei gehen wir zum Wohntrakt, der bis 22 Grad beheizt wird. „In der Sicherheitsschleuse müssen alle duschen. Den Damen bin ich dabei behilflich“, ruft Pius fröhlich. „Die Skala zeigt an, wie viel Luft wir in der Dusche noch haben.“ Ob der 1959 eingebaute Atomfilter wirklich funktioniert hätte? „Man denkt: ja“, antwortet Pius diplomatisch. „Zum Glück haben wir nie was mit Nuklear zu tun gehabt.“ Auf der anderen Seite der Schleuse sollte ein Arzt die Hereinkommenden untersuchen.

Da wir nicht verseucht sind, dürfen wir gleich weiter in den Operationssaal des kleinen Krankenhauses, in dem das Chirurgenbesteck bereitliegt, und dann in den zweiten Stock. Wer keine Erfahrungen mit Kasernen hat, fühlt sich an alte Jugendherbergen erinnert. Im Ernstfall sollten hier außer den 15 ständig stationierten Berufssoldaten des Festungswachkorps rund 100 Wehrmänner aus der Umgebung untergebracht werden. Der Kommandant schlief im Einzelbett, der Rest zweistöckig im Massenlager. Einer der beiden Schlafsäle heißt jetzt „Schlafraum Damen“, denn das „erste Festungshotel der Schweiz“ bietet „Swiss Army Nights“ an. Außer der Betreuung durch die Nachtwache ist im Preis auch die stilechte Bewirtung in der Kantine inbegriffen. Menue-Vorschlag: „Spatz aus der Gamelle“, eine Art Siedfleisch, oder „Ghackets und Hörnli“, dazu die früher heißgeliebten „Militärkäseschnitten“ und das möglicherweise weniger populäre Dessert „Eiter-Guugle“.

An den Wänden der Wohnhöhle hängen knallbunte Fotos der Schweizer Bergwelt und alte Aufnahmen französischer Meeresküsten und Schlösser; anscheinend konnten sich die Offiziere nicht zwischen Heim- und Fernweh entscheiden. Dazwischen informiert ein Plakat: „Spioniert wird jederzeit“. Empfehlung: „Schweigen können“. Als wir den begehbaren Kühlschrank für die Verpflegung eines halben Jahres bewundern, drängelt hinter uns schon die nächste Gruppe. Der Ansturm auf die Festung ist groß: Schweizerinnen, die einmal nachschauen, was ihre Männer während all der „Kurse“ und „Mobilmachungsübungen“ getrieben haben; deutsche Touristen, die anerkennend „Präzisionsarbeit, wie eine Uhr“ murmeln und die Geschütze tätscheln; Pfadi-Gruppen und Betriebsausflügler aller Art, die einen Abenteuerspielplatz suchen.

Pius muss uns aber noch schnell die Kommandozentrale mit der Wetterstation zeigen. „Der Amerikaner kommt mit der Kanone bis zu 60 Meter in den Berg rein“, weiß der Führer. „Wir sind jetzt 150 Meter tief. Die Feuerleitstelle ist der sicherste Ort.“ Vor sechs Jahren haben sie die Vitznauer Denkmalwächter übernommen: „Wir hatten die Schlüssel und die Kanonen – aber wo ist der cheibe Plan, wo?!“ Dazu muss man wissen: Ohne Plan kann man nicht schießen, denn die Kanoniere nutzen nicht die Beobachtungskanzel mit der grandiosen Aussicht auf den See, sondern sitzen im Berg und sind sozusagen blind. Die Landkarte zur Berechnung der Schusswinkel blieb aber auch nach Ende des Kalten Kriegs ultrageheim. Erst am 16. Mai 2001 erklärte die Armee der Zentralschweiz den Frieden und gab dem Plan der Festung den Stempel „entklassifziert“.

Bevor wir aus dem Kasemattenwerk wieder an die frische Luft dürfen, werden wir, strategisch nicht ungeschickt, am Festungsladen vorbeigeleitet: Schweizer Armee-Messer, Schweizer Armee-Decken, Schweizer Armee-Teller und Feldflaschen, Fähnchen und kleine Kerzen mit Schweizerkreuz. Kann es etwas schweizerisches geben als ein Bunker im Fuß der Rigi?

Martin Ebner

Link (last update: 05.05.2014):

Festung Vitznau: www.festung-vitznau.ch


 


Foto: Museum inside the fortress above Vitznau, Switzerland.  Muzeo en bunkrego de Vitznau, Svislando. Museum in der Festung Vitznau, Schweiz.

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