Dossier: Pfahlbauten

Lake Constance is famous for lake dwellings of the Stone and Bronze Age. Since 2011 they are on the UNESCO world heritage list.
Arkeologoj kaj amikoj de historio amas Konstancan Lagon pro prahistoriaj loĝlokoj. Ekde 2011 ili estas sur la UNESCO listo de mondheredaĵo.
Die Bodenseeregion ist berühmt für prähistorische Pfahlbauten. Seit 2011 werden die Fundstätten auf der Welterbe-Liste der UNESCO geführt.

Artikel:
1. Südwestpresse: Zerbröselnde Pfahlbauten. Im Alpenvorland sind einzigartige historische Fundstätten gefährdet
2. Neue Zürcher Zeitung: Urschweizer, Urschwaben und viele Rätsel – „150 Jahre Pfahlbau-Archäologie“

Aktuell: „4.000 Jahre Pfahlbauten“ ist das Thema der Landesausstellung Baden-Württemberg 2016: www.pfahlbauten2016.de


Published, Aperis: Südwestpresse, 27.10.2010

Zerbröselnde Pfahlbauten

Im Alpenvorland sind einzigartige historische Fundstätten gefährdet

Das Forschungsprojekt „Erosion und Denkmalschutz am Bodensee und Zürichsee“ soll herausfinden, wie archäologische Kulturgüter unter Wasser besser geschützt werden können.

Der Winter ist der Freund der Unterwasser-Archäologen: Der Wasserstand ist tief, keine Algen trüben die Sicht auf Siedlungsreste oder Schiffswracks, es stören weder Boote noch Badegäste. Was die Forscher jetzt sehen, gefällt ihnen allerdings nicht immer. An vielen Uferabschnitten zerstören Wellen und Eisgang die Fundstellen. Stück um Stück verschwinden so ganze Pfahlfelder, bevor sie untersucht werden konnten. Abhilfe soll nun das Forschungsprojekt „Erosion und Denkmalschutz am Bodensee und Zürichsee“ finden.

So lange Pfosten und Knochen unter einer dicken Schicht aus Sand und Seekreide liegen, sind sie optimal verpackt. Abgeschlossen vom Luftsauerstoff bleiben im konstant feuchten Boden sogar Brotreste, Textilien und andere organische Materialien über Jahrtausende erhalten. Menschliche Eingriffe gefährden jedoch die Schutzdecke: Mit dem Schilfgürtel verschwinden stabilisierende Wurzeln. An befestigten Ufern laufen die Wellen nicht aus, sondern prallen ab und wühlen den Seeboden auf. Hafenmolen verändern die Strömungsverhältnisse. Schiffe verwirbeln Sedimente. Zu lange Bojenketten schleifen große Trichter in den Grund. Bootsanker pflügen durch Kulturschichten. Wenn Relikte erst einmal freiliegen, werden sie zum Beispiel von Frost angegriffen. Andererseits retten Aufschüttungen das Archiv im Seeboden auch nicht unbedingt: Ihre Last kann so groß sein, dass sie sogar Keramik verformt.

„Die Ausmaße der Pfahlfelder, aber auch die Geschwindigkeit der beobachteten Veränderungen machen eine systematische Ausgrabung aller bedrohten Flächen unmöglich“, klagt der Thurgauer Archäologe Hansjörg Brem. „Die Situation wird dadurch verschärft, dass allein das Reagieren auf Baustellen unsere knappen Mittel für Rettungsgrabungen fast vollständig verschlingt und gerade Grabungen unter Wasser sehr teuer sind.“ Altertumsforscher, Denkmalschützer und Naturwissenschaftler haben sich deshalb zusammengetan, um in den nächsten zwei Jahren herauszufinden, wie Fundstellen für spätere Generationen bewahrt und die Abspülung der Ufer möglichst umweltverträglich gebremst werden können. Gefördert werden die 1,8 Millionen Euro teuren Studien von der EU und einigen Schweizer Kantonen.

Zunächst soll der aktuelle Zustand der Fundplätze erfasst werden, zum Beispiel mit Echoloten und Sonaren des Langenargener Instituts für Seenforschung. Vor Ermatingen und in der Bucht von Sipplingen werden Vliesmatten und Kies-Abdeckungen getestet, die Flora und Fauna der heiklen Flachwasserzone nicht schaden sollen. Am Limnologischen Institut der Universität Konstanz werden künstliche Sande und Gerölle fabriziert – mit Magneten versehen und knallbunt angemalt. Diese „Tracer“ sollen helfen, den Bewegungen der Sedimente auf die Spur zu kommen. Mit einer vergleichsweise simplen Markierung an einem Pfahl hat man bereits herausgefunden, dass vor Unteruhldingen seit 1984 über 45 Zentimeter der Bodensee-Bodenschicht verschwunden sind.

Hilfreich wäre auf jeden Fall, wenn Freizeit-Taucher mehr Rücksicht auf die Historie nehmen würden. Beispielsweise sind auf dem Deck des 1864 vor Berlingen gesunkenen Dampfers „Jura“ bereits zahlreiche Einschlaglöcher von Bootsankern zu erkennen. Die Tauchsportgruppe Konstanz richtet deshalb mit dem baden-württembergischen Landesdenkmalamt Unterwasser-Lehrpfade zum „denkmalschutzgerechten Tauchen“ ein: „Diese Wracks sind die Korallenriffe des Bodensees – und genauso empfindlich!“


Holzstangen mit Weltruhm

Als im Jahr 1854 an Schweizer Seen prähistorische Siedlungsreste entdeckt wurden, brach ein regelrechtes Pfahlbau-Fieber aus. Bis dahin hatten sich Archäologen fast nur mit griechischen und römischen Ruinen beschäftigt. Nun aber wurden waschkörbeweise sensationell gut erhaltene Fundstücke aus der mitteleuropäischen Vorgeschichte eingesammelt. Mittlerweile sind rund um die Alpen von Slowenien bis Frankreich etwa 1.000 urzeitliche Siedlungsplätze an Ufern und in Mooren bekannt, davon über 100 am Bodensee.

Zum 150-Jahr-Jubiläum der Pfahlbau-Forschung beantragten sechs Staaten bei der Unesco, die 150 Fundorte mit dem „größten wissenschaftlichen Potenzial“ zum Weltkulturerbe zu erklären. Im Herbst 2010 gab der eigens dafür gegründete Verein „Palafittes“ die Bewerbung ab; die Unesco erbarmte sich im Sommer 2011 tatsächlich und erklärte 111 Pfahlbaufundstellen aus den sechs Alpenanrainer-Staaten Schweiz, Österreich, Deutschland, Frankreich, Slowenien und Italien zum „Erbe der Menschheit“

Martin Ebner

Links (last update: 03.05.2014):

Die Wiedervernässung von Mooren dient auch dem Schutz von archäologischen Denkmälern.

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Published, Aperis: Neue Zürcher Zeitung, 28.06.2004

Urschweizer, Urschwaben und viele Rätsel

„150 Jahre Pfahlbau-Archäologie“: rund um den Bodensee feiern vier Museen mit  gemeinsamen Ausstellungen

In Frauenfeld, Konstanz, Unteruhldingen und Bad Buchau sind die bedeutendsten Funde zu sehen, die in den letzten Jahren bei Ausgrabungen von Siedlungen der Stein- und Bronzezeit im Thurgau und in Baden-Württemberg entdeckt wurden.

Von prähistorischen „Pfahlbauten“ wollen Forscher eigentlich nichts mehr wissen; wissenschaftlich korrekt müsse man von „Feuchtbodensiedlungen“ sprechen. Ihre Begeisterung über Relikte aus der Stein- und Bronzezeit, die sich an Seen und Mooren rund um die Alpen ausserordentlich gut erhalten haben, ist aber ungebrochen. In Oberschwaben und am Bodensee, wo besonders viel aus der Zeit von 4300 bis 850 v.Chr. gefunden wurde, feiern vier Museen „150 Jahre Pfahlbau-Archäologie“. Der Anlass ist das „Pfahlbau-Fieber“, das 1854 erste Entdeckungen ausgelöst hatten.

Die archäologischen Museen von Frauenfeld, Konstanz, Unteruhldingen und Bad Buchau präsentieren gemeinsam mit einander ergänzenden Ausstellungen den aktuellen Forschungsstand. Statt langen Reihen von Steinbeilen zeigen sie nur ausgesucht interessante Exponate. Der Katalog schränkt die Auswahl noch weiter ein auf „100 Spitzenstücke“, vor allem Funde der jüngsten Grabungen an Bodensee (Hornstaad, Sipplingen-Osthafen, Arbon-Bleiche-3) und Federsee (Siedlung Forschner).

„Mensch am See“ in Unteruhldingen erlaubt, die Fingerspitzen einer Steinzeit-Töpferin zu berühren, das heisst Ausgüsse ihrer Fingerabdrücke. Was unsere Vorfahren ausser Birkenteer-Kaugummi und Tonrasseln noch alles in ihren Hosentaschen hatten, wird ebenso erklärt wie ihr Speiseplan, zum Beispiel Getreidebrei und Frösche. Daneben sind 5000 Jahre alte Exkremente mit Bandwurmresten zu bewundern. Im Freigelände wurde dieser Fund beim Nachbau des „Arbon-Hauses“ berücksichtigt: „Das WC der Steinzeit befand sich im Haus und das Klopapier bestand aus Moos und grossen Blättern.“ In der Rekonstruktion eines Bronzezeit-Dorfes demonstrieren lebensgrosse Figuren, wie man sich heute das Aussehen der damaligen Menschen vorstellt.

Eine „Pfahlbaukultur“ gab es nie

Im Federseemuseum ist zu erfahren, dass Bad Buchau einmal ein Verkehrsknotenpunkt zwischen Donau und Rhein war. „Mobilität am See“ belegt die Verbindungen vor Jahrtausenden: Feuersteine aus Oberitalien, Bernstein von der Ostsee, Zinn aus England, Muscheln vom Mittelmeer. Aus heimischer Produktion sind Reste von Stangenschleifen, jungsteinzeitlichen Wagenrädern und Bohlenwegen zu sehen. Auch in Bad Buchau wurden prähistorische Häuser nachgebaut. Wer nicht in einem Einbaum über den Museumsteich paddeln will, kann einem neun Kilometer langen archäologischen Moorlehrpfad folgen.

Dass es keine einheitliche „Pfahlbaukultur“ gab, sondern verschiedene Hausvarianten, zeigt „Wohnen am See“ in Konstanz. Für grosse Plattformen wurden keine Belege gefunden; dendrochronologische Untersuchungen ergaben, dass die Hölzer der zum Teil riesigen Pfahlfelder aus unterschiedlichen Zeiten stammen. In Hornstaad wird seit 1983 eine ganze Siedlung ausgegraben; Naturwissenschaftler untersuchen dabei, wie der Mensch seit der Jungsteinzeit die Landschaft veränderte. Dass auch moderne Forschungsmethoden nicht unbedingt vor Pfahlbauromantik bewahren, beweisen Texte zum „Busenhaus“ von Ludwigshafen, die eine Wanddekoration mit Frauenbrüsten „vermutlich mit einem Kult in Zusammenhang“ sehen wollen.

Mit Handfesterem als den religiösen Vorstellungen der ersten Bauern und Viehzüchter beschäftigt sich „Wirtschaft am See“ in Frauenfeld. Präsentiert werden zum Beispiel der älteste Metallfund vom Bodensee, eine 5900 Jahre alte Kupferscheibe, Angelhaken mit gut erhaltener Bastschnur, Tonstempel, prähistorischer Ziegenkot, aber auch Früchte aus dem archäobotanischen Museumsgarten. Von früher Schmuckproduktion zeugen Golddraht und Perlencolliers.

Kaum Forschungsgeschichte

Ein umfangreiches Veranstaltungsprogramm begleitet die Ausstellungen. Geboten werden unter vielem anderen Steinmesser-Basteln und Steinzeiteintopf-Kochen in Konstanz, Kurse im Knochenflötenbau und „Übernachten bei Pfahlbauers“ in Bad Buchau. In Pfyn-Breitenloo ist für den 4. und 5. September ein „Tag der offenen Grabung“ angekündigt.

Die spannende Entwicklung der Pfahlbauforschung selbst ist kein Thema des „Pfahlbauquartetts“, einmal abgesehen von der knappen Einleitung des Katalogs und einer einzigen Vitrine in Frauenfeld. Dabei liesse sich gerade an ihr zeigen, wie Geschichte „gemacht“ und immer wieder neu interpretiert wird. Im Konstanzer Rosgartenmuseum zum Beispiel ist die grösste Pfahlbausammlung des 19. Jahrhunderts im Originalzustand zu sehen; damals wurden die Pfahlbauern als tüchtig-friedfertige „Urschweizer“ verklärt. Die Palisaden des in der Nazizeit in Unteruhldingen errichteten Steinzeitdorfes sollten dagegen „urdeutschen“ Wehrwillen verdeutlichen. Nach 1945 war auf der deutschen Bodenseeseite der Bedarf an Germanentum derart gedeckt, dass die Pfahlbauforschung erst 1979 wieder aufgenommen wurde.

Heute geben sich die Archäologen vorsichtig. Sie betonen, ihre Modelle seien nur Hypothesen und verweisen auf zahlreiche offene Fragen: Immer noch ist ungeklärt, wieso überhaupt Häuser im nassen Gelände errichtet wurden. Wie sahen die Beziehungen zu den Dörfern im Hinterland aus; waren die Ufer vielleicht nur dann bewohnt, wenn es anderswo keinen Platz mehr gab? Das Mobiliar der Pfahlbauwohnungen ist noch genauso unbekannt wie die Begräbnisplätze ihrer Besitzer. Man weiss auch nicht, wieso die Feuchtbodensiedlungen in der Eisenzeit aufgegeben wurden. Genug Forschungsarbeit für die nächsten Jahrhunderte.

Martin Ebner


 


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Texts of timeless beauty. Or at least some historical interest.