Swiss lansquenets

Schweizer vs. Deutsche: Haben Sie einen Kuhschwanz dabei?

About: Uneasy relations between Germans and the Swiss
Pri: Malfacilaj rilatoj de germanoj kaj svislandanoj
Published, Aperis: Stuttgarter Nachrichten (†), 06.03.2004 + Bucheckle 21.06.2008


Deutschschweizer und Deutsche, Kabale und Liebe

Manchmal wollen Schweizer und Deutsche zueinander kommen. Dann bauen sie in Laufenburg eine Rheinbrücke. Als dort im Dezember [2003] Brücke und Straße verbunden werden sollten, klaffte dazwischen – gopfridstutz! – ein Höhenunterschied von 54 Zentimetern. Schuld waren unterschiedliche Referenzhorizonte: die deutschen Ingenieure orientieren sich an der Meereshöhe der Nordsee, die Eidgenossen am Mittelmeer.

Ob bei dieser Gelegenheit auch unfreundliche Worte gewechselt wurden? Wunder wäre es keines. Die Entfremdung, das „Kontrastbewusstsein“ ist alt. Schon lange vor den Rentner-Bussen, die Migros- und Coop-Märkte zum Stuttgarter Weihnachtsmarkt schicken, seien die Schwaben mit einer „ungewohnten alpinen Welt konfrontiert“ worden, sagt der Historiker Helmut Maurer, nämlich bereits im 14. Jahrhundert.

Man müsse sich das so vorstellen: Im damaligen Zentrum des Schwabentums, in der Hauptstadt des von Marbach bis Bern reichenden Bistums, in Konstanz also seien Nord- und Südschwaben aufeinandergeprallt. Ueli, Ruedu, Urs, Reto und andere Bauern seien über den Schwabenweg in die Bodenseemetropole gekommen, um dort Vieh zu verkaufen, Behörden aufzusuchen und Raufhändel auszutragen. Von Adligen seien sie dabei wüst beschimpft worden als Kuhmelker, Kuhmäuler, selbst Unzucht mit Kühen wurde ihnen unterstellt. Den Botschafter des Kantons Schwyz fragten sie, ob er einen Kuhschwanz bei sich führe.

Der Antidiskriminierungsbeauftragte des Konstanzer Stadtrats sei Beschwerden nachgegangen, habe zum Beispiel ein Kuhbild vom Eingang des Münsters entfernen lassen. Es half nichts. Als beim Schützenfest eine Berner Münze als „Kuhgeld“ abgelehnt wurde, rotteten sich Tausende Eidgenossen zusammen. Krieg! Die Schwyzer führten mit ihrem weißen Kreuz in roter Fahne die wilden Haufen an, daher nannten die Konstanzer alle Eidgenossen „Schwiizer“. 1499 wurde der „Schwabenkrieg“ (Schweizer Schulbücher) oder „Schweizerkrieg“ (deutsche Historiker) von den Helvetiern auf der ganzen Linie gewonnen. Seither wollen sie keine Schwaben mehr sein, und der Rhein ist ihre Grenze.

Falls nicht ein Buch mit dem Titel „Kuhschweizer und Sauschwaben“ erscheint (Jürg Altwegg und Roger de Weck, Nagel & Kimche 2003), sind die damaligen Schimpfwörter kaum noch zu hören. Öfter und gern sagen die Schweizer „cheibe“, was nach Auskunft von Germanisten „aasig“ heißt, mit „huere“ oder „Sau“ verstärkt. Übersetzt also wohl: „Hurenaas!“ und „verwesende Schweine!“ Allzu wörtlich sind diese Begriffe aber nicht zu nehmen, sie sollen einfach ausdrücken, dass man die Deutschen nicht mag.

Im Schweizer Radiowunschprogramm ist so sicher wie das Bankgeheimnis jede Nacht jene Kabarettnummer zu hören, in der ein Deutscher schnöselt: „Wat denn, wat denn! Keene Orjanisation hier! Da sollten Se mal unsre Bergbahnen sehen: Ruck zuck, zack zack, oben sind se!“ – Die ersten 50 Mal ist es witzig. Danach fragt man sich, ob die Bünzlis vielleicht ein Problem haben.

„Kuhschweizer“ ist ausgestorben. Neue Schimpfwörter haben die Deutschen nicht erarbeitet; es lohnt nicht. Die Schweiz ist nur ein Nachbarland unter vielen, hat nicht einmal eine Stimme in der EU. Manchmal gibt es Ärger, wenn die Nachbarn allzu dreist Chemiedreck in den Rhein schütten, Atomkraftwerke hinstellen, Fluglärm verlagern oder Land aufkaufen. Die Fackelzüge aufgebrachter Grenzbadenser kratzen aber schon in Stuttgart niemand und in Berlin erst recht keinen.

Die Deutschen lieben die Schweiz. Sie bietet allen etwas: Bürgersinn, freies Unternehmertum, eine Denkmalpflege, die in aller Unschuld „Heimatschutz“ heißt, aber auch Neutralität, Volksabstimmungen und viel Multikulti. Gerade die Zuneigung kränkt die Schweizer oft, etwa wenn die Deutschen den putzig-niedlichen Dialekt nachmachen und „Grützi“ sagen oder „Fränkli“, obwohl es „Grüäätzi“ heißt, wenn überhaupt, und alle Reiseführer klarmachen, dass man nie niemals nirgends unter keinen Umständen nicht „Fränkli“ sagt.

Richtig beleidigen können die Deutschen die Schwiizer aber gar nicht. Um sie wirklich zu verletzen, muss man Genfer sein, sich in Uniform in einen Intercity lümmeln, mit Hilfe des von zu Hause mitgebrachten Sturmgewehrs vier Plätze belegen und lauthals verkünden: Das Schweizer Militär sei ein Dilettanten-Verein; die Hobby-Offiziere würden mit Natels (Handys) telefonieren, die jedes Schulkind abhören könne; im Ernstfall würde eine Profi-Armee, etwa die Österreicher, einfach durch das Land spazieren; aber man denke ja ohnehin nicht daran, für die Deutschschweizer zu kämpfen; keinen Finger werde man für „les chtaubirn“ in Zürich rühren; der Iwan solle doch die „Röstis“, „Köbis“ und überhaupt das ganze St. Galler Pack holen… Dies zur Anregung für den nächsten Besuch im Heidiland.

Martin Ebner


Duzis machen mit der Schweiz – Immer, wenn irgendwo in Helvetien eine Stelle frei wird, stehen Hunderte deutsche Bewerber auf der Matte und begehren Einlass ins Paradies der hohen Berge und dito Löhne. Aber Vooorsicht! So eifach isch da öppe nöd: Das Schokoladeland hat auch schwierige Seiten. Mit viel Ironie klärt der Zürcher Journalist Thomas Küng auf über Dialekt-Schrullen, Waschküchenschlüssel-Rituale, Müll-Reglements und nicht zuletzt auch die vielen Vertracktheiten des deutsch-eidgenössischen Verhältnisses. Wer aus dem Großen Kanton auf Besuch in den alpinen Süden fährt, sollte sich vor allem einen Ratschlag merken: Einfach mal ein bisschen still sein. mte
[Thomas Küng: Gebrauchsanweisung für die Schweiz, überarbeitete Neuausgabe. Piper Verlag, München. 205 Seiten, 12.90 Euro]


Zu den deutsch-schweizerischen Beziehungen siehe auch:



Foto: Nostalgic Swiss soldiers remembering the battle at Schwaderloh near Constance in 1499. Nostalgiaj svislandaj soldatoj memoras batalon de Schwaderloh apud Konstanz en la jaro 1499. Die Thurgauer Landknechte pflegen die Erinnerung an die Schlacht bei Schwaderloh im Jahr 1499

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Texts of timeless beauty. Or at least some historical interest.