Bregenzer Wald, Vorarlberg, Austria

Vorarlberg: Werkraum Bregenzerwald

About: Innovative organization of craftsmen, architects and designers in Vorarlberg, Austria
Pri: Interesa organizo de metiistoj, arkitektoj kaj dezajnistoj en Vorarlberg, Aŭstrujo
Published, Aperis: Südwestpresse, 29.04.2006


Gradlinige Eleganz contra Jodelstil. Der „Werkraum Bregenzerwald“ lässt altes Handwerk neu aufblühen


Alternative zur Globalisierung des schlechten Geschmacks: Dass das Handwerk nicht von gestern und das Innere Vorarlbergs keineswegs hinterwäldlerisch sein muss, beweist eine bemerkenswerte Initiative dortiger Kleinbetriebe. Sie vereinen alte Traditionen und fast vergessene Technologien mit modernem Design und Marketing.

Firmen können sich überall niederlassen. Tun sie aber nicht. Gern zieht es sie dort hin, wo Konkurrenten das Leben schwer und leicht zugleich machen: Die Computerbranche ballt sich im Silicon Valley, Banken in London, Biotech bei München. „Cluster“ nennt sich dieses magnetische Phänomen. Im Bregenzerwald gibt es das auch. Das ist erstaunlich, denn was sich in dem Bergland zwischen Bodensee und Arlberg in ungewöhnlicher Dichte und Qualität zusammendrängt und floriert, sind Gewerbe, die es im Plastikzeitalter eigentlich überhaupt nicht mehr geben dürfte: Polsterer etwa, Küfer oder Tischler.

Im Hochtal der Bregenzer Ach hat die Blüte des Handwerks „in den vergangenen Jahren eine neue Kultur des Bauens und Wohnens“ geschaffen, schwärmt der Münchner Architekt Florian Aicher, der ihr ein Buch gewidmet hat: „Die Sorgfalt und Aufmerksamkeit, mit der noch das kleinste Ding bedacht wird; die Sicherheit und Übung, mit der gearbeitet wird; Achtsamkeit für alle möglichen Zusammenhänge; die Breite, mit der dies den gesamten Alltag durchdringt. Entstanden ist eine selbstbewusste, eigensinnige Alternative zur Globalisierung des schlechten Geschmacks.“

Dabei waren die Voraussetzungen nicht unbedingt gut: Der Bregenzerwald ist ein strukturschwaches Gebiet; von den 30.000 Einwohnern muss fast jeder vierte zur Arbeit ins Rheintal oder Allgäu pendeln. Gleichzeitig ist die Gegend nicht so abgelegen, dass die Möbelwagen der großen Einrichtungshäuser und die Werbung der Einkaufszentren nicht hinfinden würden.

In den 1980er Jahren gab es in vielen Handwerksbetrieben einen Generationswechsel. Den jungen Meistern wurde rasch klar, dass ihre kleinen Werkstätten nicht mehr lange von Traditionen würden leben können. Dass sie etwas unternehmen müssen. Und dass Einzelkämpfer gegen die industrielle Massenfertigung keine Chance haben. Sie beschlossen, das Image ihrer Branche zu entstauben, sich für Inspiration von außen zu öffnen und Kontakt zu Gestaltern zu suchen – etwa so wie das die „Wiener Werkstätten“ zur Zeit des Jugendstils gemacht hatten.

Sie organisierten 1991 den Wettbewerb „handwerk + form“. Teilnahmebedingung: zusammen mit einem Architekten oder Designer von außerhalb einen Prototyp herstellen. „Diese Gegend, in der wir hier arbeiten, das hat Vorteile, birgt aber auch Gefahren“, erläutert der Polsterer Johannes Mohr den Hintergedanken – sich nicht im Tal abschotten, sondern Anregungen hereinholen. Mohr fabrizierte zum Beispiel nach einem Entwurf des New Yorker Architekten Steven Holl einen Sitz für Klavierzimmer. Eine Jury aus externen Fachleuten bewertete die in Andelsbuch ausgestellten Objekte nach Form, Materialgerechtigkeit, Zweckmäßigkeit und Alltagstauglichkeit.

„Handwerk + Form“ wird seither alle drei Jahre wiederholt. Der Wettbewerb ist der Kristallisationskern der neuen Handwerkerszene. Rund 80 Betriebe schlossen sich 1999 enger zusammen und gründeten den Verein „werkraum bregenzerwald“. Handwerker werken gern allein, aber was spricht gegen einen gemeinsamen Auftritt bei der Mailänder Möbelmesse? Ungefähr ein Drittel der Mitglieder sind Holzverarbeiter, schließlich kommt auf 360 „Wälder“ ein Tischler. Es beteiligen sich aber auch zum Beispiel Ofenbauer und Teppichmacher, Goldschmiede und Schneider, Stukkateure und Schlosser. Der Grafiker Harry Metzler gestaltet die jährliche Edition der Werkraum-Zeitschrift als Visitenkarte der Vereinigung.

Gemeinsam ist den unterschiedlichen Charakteren die Abneigung gegen rustikalen Jodel- und Landhausstil: Ihre Arbeiten zeichnen sich durch gerade, elegante Linien aus. Florian Aicher sieht darin „eine knappe und noble Haltung und gezielt schlanke Strukturen“. Es gehe nicht um „die teuersten Designer und schrille Formen“, erklärt Werkraum-Obmann Anton Kaufmann: „Es geht darum, die gewachsene Gebrauchstauglichkeit neben einer klaren und sauberen Form weiterzuentwickeln.“ Die Wälder-Häuser mit ihren Schindelfassaden und gemütlich-hellen Wohnstuben waren immer schon elegant und gebrauchstauglich. Eines der ersten Werkraum-Projekte war die Sanierung des Gasthofs Adler in Schwarzenberg, eines Blockhauses von 1765.

Die Erneuerung des Handwerks im Bregenzerwald geht einher mit dem Aufstieg von Architekten, die Holz als Baustoff wiederentdecken und die Suche nach neuen Formen mit Engagement für Denkmalschutz verbinden. Die mittlerweile international anerkannte „Vorarlberger Schule“ hatte die ersten Aufträge für Niedrigenergie-Häuser von aufgeschlossenen Tischlern bekommen. Die Baumeister wiederum arbeiten eng mit den Handwerkern zusammen, überlassen ihnen etwa den kompletten Innenausbau oder kuratieren ihre Ausstellungen.

Schaukelliegen, Schulbänke, Waschtische und andere Einrichtungsgegenstände, die aus dem Wettbewerb hervorgegangen und 2002 als „Möbel für alle“ in Wien, München und Paris gezeigt worden waren, sind nun im Werkraum-Depot in Schwarzenberg zu sehen. Die Öffentlichkeitsarbeit der modernen Handwerkerzunft soll nicht nur nach außen wirken, sondern auch die eigenen Mitglieder anspornen und inspirieren. Diesem Ziel dienen auch Werkraum-Diskussionsabende, die gemeinsame Lernwerkstatt, das Projekt „Handwerk und Unterricht“ und die „Kinderbaustelle“, die Kindern den Umgang mit Erde, Holz, Metall, Wasser und Farben nahebringt.

Das nächste große Werkraum-Vorhaben wird eine Dauerausstellung zu den Vorfahren sein: den Beer, Thumb, Moosbrugger und Kuen, die im 17. und 18. Jahrhundert vom Dorf Au ausschwärmten und von St.Gallen über Birnau bis St.Petersburg solide Kirchen mit nüchterner Fassade und reichem Innenraum errichteten. In den Blütezeiten der Vorarlberger Barockbaumeister waren neun Zehntel der Auer Männer auf fernen Baustellen. Florian Aicher ist sicher, dass diese Tradition „fortwirkt im nicht abreißenden Strom von Künstlern aus dem Tal und den Grund legt für das auffallend breit gestreute Feingefühl in gestalterischen Fragen.“

Martin Ebner

Link (last update: 28.04.2014):
Werkraum Bregenzer Wald: www.werkraum.at/

Bücher:
– Florian Aicher, Renate Breuß: „eigen + sinnig. Der Werkraum Bregenzerwald als Modell für ein neues Handwerk“, Oekom Verlag, München 2005
– Hans-Joachim Gögl, Clemens Theobert Schedler (Hrsg.): „Strategien des Handwerks. Sieben Porträts außergewöhnlicher Projekte in Europa“, Haupt Verlag, Bern 2005

 

„Mein Vaterland ist jede bewohnte Welt“
Angelika Kauffmann



Foto: View from Pfänder hill into Bregenz Forest, Austria. Rigardo ekde monteto Pfänder al Bregenca Arbaro, Aŭstrujo. Blick vom Pfänder in den Bregenzer Wald, Österreich

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