Antike Kunst: Rosa Kaiser und blaue Löwen

About: In antiquity sculptures had been brightly coloured
Pri: Antikaj skulpturoj estis multkoloraj
Published, Aperis: d’Lëtzebuerger Land, 11.11.2005


Die Skulpturhalle Basel zeigt, wie knallbunt die Kunst der Antike wirklich war

„Eigentlich wusste man es immer – aber man hat es mangels Anschauung immer wieder erfolgreich verdrängt“, staunt Peter Blome, der Direktor des Antikenmuseums Basel. Obwohl Archäologen seit bald 200 Jahren dagegen angehen, haben sich die Statuen der alten Griechen und Römer im kollektiven Unterbewusstsein hartnäckig als farblose Gestalten gehalten. Die bunten Rekonstruktionen eines Dutzends antiker Originale, die von der Skulpturhalle Basel, der Glyptothek München und den Vatikanischen Museen zu einer Wanderausstellung zusammengestellt worden sind, werden aber nun mit dieser gewohnten Vorstellung endgültig aufräumen, ist Blome sicher: „Es gibt kein Zurück zum faden Weiß.“

Die erste Begegnung mit den neuen Kopien der alten Skulpturen ist befremdend: Von edler Blässe keine Spur! Das Gesicht von Kaiser Caligula ist hautfarben angemalt, seine Haare braun, die Wimpern schwarz. Die Grabstele der Paramythion  strahlt mit blauen Schnörkeln, rot-gelben Blumenmustern und einer aufgemalten Frau in grünem Umhang. Der Löwenkopf aus Lutraki fällt schon von weitem durch seine leuchtend blaue Mähne auf. Soll das klassische Schönheit sein?!

Dass am antiken Marmor oft noch Farbspuren haften, war Archäologen schon im 19. Jahrhundert aufgefallen. Bereits zur Eröffnung der Münchner Glyptothek im Jahr 1830 wurde ein farbiges Modell eines griechischen Tempel-Giebels angefertigt. In der anschließenden „Polychromie-Debatte“ war Georg Treu, der Direktor der Dresdner Skulpturensammlung, ein besonders glühender Verfechter der vollkommen farbigen Fassung antiker Plastik: Er ließ Gipsabgüsse bunt bemalen und beeinflusste damit Max Klinger, Arnold Böcklin und andere Künstler. Diese Vorarbeiten wurden aber wieder vergessen.

Erst seit 1982 forscht eine Wissenschaftlergruppe um das Münchner Archäologenpaar Ulrike und Vinzenz Brinkmann erneut zu diesem Thema. Mit Mikroskopen spüren sie kleinste Farbpigmente und feinste Vorzeichnungen für Muster und Motive auf. Die Fluoreszenz der Marmor-Oberflächen regen sie durch kurzwelliges UV-Licht an – dabei entstehen unterschiedliche Helligkeitswerte, die auf verschiedene Farben zurückgeführt werden können. In starkem Streiflicht erkennen sie unterschiedliche Verwitterungsreliefs, die der ehemaligen Bemalung entsprechen: Was einmal mit Zinnoberrot bedeckt war, ist kaum verwittert; Azuritblau und Malachitgrün schützten den Stein weniger gut; stark verwitterte Oberflächen weisen auf Ockerfarben hin. Die Auswertung der bei diesen Untersuchungen gemachten Fotos zeigt deutlich: Die Skulpturen der Griechen und Römer waren oft mit geometrischen Mustern oder Tierfiguren reich verziert und mindestens so farbenfroh wie die Figuren der Ägypter.

Die Brinkmanns, die in München zuweilen auch Wein und Speisen à la Antike servieren, geben sich nicht damit zufrieden, ihre Forschungsergebnisse nur zu publizieren. Sie wagen die Rekonstruktion ganzer Tempelteile. Als sie im vergangenen Jahr ihre Arbeiten in der Glyptothek zeigten, die erste große Ausstellung zum Thema Polychromie seit über 100 Jahren, verursachte das bei vielen Besuchern Irritationen, wohl auch weil die Farben in den dezenten Münchner Museumsräumen viel greller wirkten als früher wohl vor dem kräftig blauen Himmel des Südens. Was die knalligen Rot-, Blau- und Grüntöne angeht, sind sich die Forscher aber sicher; nur Gelb und Braun seien schwierig, da sich kaum Ocker-Pigmente erhalten haben.

Anders als in den vorherigen Stationen München, Kopenhagen und Rom sind jetzt in Basel von den meisten Objekten mehrere Varianten zu sehen, die demonstrieren, welche unterschiedlichen Farbgebungen sich aus dem jeweiligen Befund ableiten lassen. Der Höhepunkt der Schau ist die Rekonstruktion des Westgiebels des Aphaia-Tempels von Ägina in Originalgröße: Vor blauem Hintergrund wird um Troja gekämpft; in der Mitte wacht Göttin Athena umzüngelt von grünen Schlangen; in der Ecke kniet Paris mit bunter Strumpfhose und kanariengelbem Hut und verschießt blaue Pfeile mit roten Federn.

Die Forscher wollen uns aber nicht nur das reine Marmorweiß nehmen. Nach ihren Erkenntnissen war in der Antike auch die Bronze bemalt worden. In Basel ist der Bronzekopf eines römischen Knaben ausgestellt: Seine Augen sind aus Halbedelsteinen und Elfenbein; Lippen, Augenbrauen und Haarbinde sind vergoldet, die Haut rötlichbraun und die Haare schwarz gefärbt. Der Begleittext erläutert, dass die Künstler versucht hatten, die Patinierung der Bronzeoberfläche durch Asphaltlack zu verhindern. Niederschmetternde Erkenntnis: Die Klassiker wollten überhaupt nicht klassisch werden.

Martin Ebner

Link (last update: 06.05.2014):
Stiftung Archäologie – Farbe und Material in der antiken Kunst: www.stiftung-archaeologie.de


 


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