Photographic films

Digitale Amnesie: 404 Erinnerung Nicht Gefunden

About: How can digital documents be preserved for following generations?
Pri: Kiel konservi komputilajn dokumentojn por la futuro?
Published, Aperis: Stuttgarter Nachrichten (†), 26.03.2011


Computerdaten verschwinden, Lesegeräte sterben aus – droht uns digitales Alzheimer?  Alles wird heute rasch und bequem in Bytes und Bites verwandelt. Digitalien sind aber auch schnell wieder weg. Archive, Bibliotheken und Museen machen sich Sorgen.
 
Eigentlich macht es mir nichts aus, alt zu werden. Neulich aber, dieser mitleidig-spöttische Blick von diesem Milchgesicht im Computerladen – das hätte nicht sein müssen. Mein Anliegen war nämlich völlig legitim: Ich wollte meine Computer-Dateien speichern, und zwar auf irgendwas Moderneres als 3,5-Zoll-Disketten. Dazu muss man sagen, dass mein etwas bejahrter PC mit CDs oder USB-Sticks nichts anfangen kann. Da gibt es nichts zu grinsen! Ich bin nicht der einzige, der sich mit derartigen Problemen herumschlägt. Soll ich die Namen der einschlägigen Forschungsprojekte aufzählen? Pandora, digiCULT, CASPAR, ARCHE, NESTOR, AOLA, TEC, Kopal, Planets, PARSIFAL…
 
Laut den Europäischen Archivnachrichten unterscheiden sich Menschen von Tieren dadurch, dass sie späteren Generationen Zeugnisse „ihres Daseins, ihrer Kultur und ihres Handelns hinterlassen“. Bloß wie? Rechnungen und Kunstwerke, ganze Bibliotheken, Gerichtsakten, Klimamodelle, Briefe und Musikfilme – alles wird heute in Nullen und Einsen umgewandelt. Während aber die Datenmenge explosionsartig wächst, veralten Lesegeräte fast noch schneller als die Software. Festplatten, DVDs und andere Speichermedien halten bestenfalls ein paar Jahrzehnte. Die meisten Internet-Links führen schon nach Wochen ins Nichts. Eine Charta der UNESCO von 2003 bringt es auf den Punkt: „Das digitale Erbe der Welt ist gefährdet, der Nachwelt verloren zu gehen.“
 
Ein Stapel Floppy-Disks in meiner Schublade ist bereits perdu, meine Magisterarbeit von 1997. Für jüngere Leser: 5,25-Zoll-Disketten waren kleine dünne Scheiben; und Computer hatten früher Schlitze, wo man diese Dinger reinschieben konnte. Das Werk selbst ist nicht verloren, denn damals war noch vorgeschrieben, mehrere Exemplare auszudrucken, als Buch binden zu lassen und bei verschiedenen Archiven abzuliefern. Archivare, die in Jahrhunderten denken, sind allerdings skeptisch, was die Haltbarkeit von Tintenstrahl-Drucken auf Kopierpapier angeht. Pergament wäre ihnen lieber. Ich hätte es aber übertrieben gefunden, für ein einziges Buch eine ganze Rinderherde zu schlachten und das Fett von den Häuten zu schaben. Digitalisierung hat das Hantieren mit Daten sehr vereinfacht.
 
Könnte man heute noch irgendwo Floppies lesen? Vorausgesetzt, dass sie noch nicht entmagnetisiert sind? Das HeinzNixdorfForum in Paderborn, nach eigenen Angaben das größte Computermuseum der Welt, winkt gleich ab. Im neuen Computer-Museum München, das in einem ehemaligen Bundeswehr-Hangar bereits über 2.000 alte Rechner samt Software konserviert, hält das dagegen Wolfgang Kainz-Huber für „prinzipiell möglich“. Leider könne man aber „nicht ständig alle möglichen Konfigurationen aufgebaut halten“. Maschinen und Zubehör für die Ewigkeit funktionstüchtig zu halten, scheint nicht recht praktikabel zu sein. Firmen können froh sein, wenn sie die 10 Jahre schaffen, die das Handelsgesetzbuch als Aufbewahrungsfrist für Unterlagen vorsieht.
 
Zusammen mit der Pariser Nationalbibliothek tüftelt das Berliner Computerspielemuseum im EU-Projekt KEEP an einem anderen Ansatz. Wer hätte gedacht, dass die Freunde von PacMan und Super-Mario einmal das Kulturerbe retten werden? Bei dem Emulation genannten Verfahren wird auf modernen Rechnern die Computerwelt vergangener Tage simuliert. Die meisten Archivare halten das jedoch für zu riskant: Ein Fehler – und die Baupläne des alten Atommüll-Lagers sind futsch. Außerdem sind auch die Emulatoren selbst für bestimmte Computergenerationen geschrieben.
 
Vielleicht können wir die Überlieferung einfach dem Internet überlassen? Die Weisheit der Vielen vergisst nichts, hört man immer wieder. Die EU-Kommission will dieses Frühjahr sogar eigens das „Recht, wieder vergessen zu werden“ in Datenschutzgesetze schreiben. Dass dubiose Behörden irgendwo alle Informationen über mich sammeln, mag sein. Wenn ich aber mal was aus der Datenwolke brauche, ist es nicht da: Ich erinnere mich ganz genau, dass früher ein dynamischer Ministerpräsident „Archiv“ als Schimpfwort gebrauchte – aber ich kann mir die Finger wundgoogeln, es taucht kein passendes Zitat auf. Haben das Archivare klammheimlich verschwinden lassen?
 
Der heroische Kampf gegen Moder, Säurefraß und Datenlöschung wird jedenfalls nicht immer gewürdigt. Dabei kann sich die vorausschauende Pflege des Nachlasses durchaus auszahlen. Der Österreichische Rundfunk zum Beispiel verkaufte wertvolle Bänder aus seiner Frühzeit – nämlich an die Papierfabrik Bunzl & Biach, als Brennstoff. Was wohl Google einmal mit seinen Sammlungen anfangen wird? Das Unternehmen möchte mir dazu keine Fragen beantworten.
 
Doch lieber alles auf Papier ausdrucken? Meine Emails wären auf 50.000 A4-Seiten etwas unpraktisch. Mikrofilm bräuchte weniger Platz. Polyesterfilme halten 500 bis 2.000 Jahre, behaupten die Hersteller, und zum Lesen reicht notfalls eine Kerze und eine Lupe. Im „zentralen Bergungsort“ der BRD, einem Stollen bei Freiburg, wurden in luftdicht verschlossenen Edelstahlbehältern 28.000 Kilometer Mikrofilme mit Fotos von historischen Dokumenten eingelagert, zum Beispiel Urkunden von Kaiserkrönungen. So könnten auch Momentaufnahmen von Internetseiten aufbewahrt werden. In Freiburg wurde sogar ein Laserbelichter für Mikrofilm-Farbaufnahmen entwickelt. Jetzt müsste nur noch jemand auswählen, was im Web erhaltenswert ist. Und die ganze Speicherarbeit machen.
 
Dass die Zeit drängt, zeigt das Beispiel des Landesarchivs Baden-Württemberg, das 2002 als eines der ersten Archive anfing, auch digitale Daten sicherzustellen. „Viele Unterlagen standen unmittelbar vor der Vernichtung“ erinnert sich Christian Keitel: In Stuttgart gab es noch genau einen Beamten, kurz vor der Pension, der sich mit den Magnetbändern der Volkszählung 1961 auskannte. Ein Großrechner mit alten Lehrer-Personaldaten war nur „zufällig noch nicht ausgeschaltet“. Bei der Kriminalstatistik ab 1984 „ist ein digitaler Gedächtnisschwund bereits schmerzlich spürbar“ – nicht etwa, weil Festplatten schlapp machten, sondern weil Papier-Register verschlampt wurden. Ohne Metadaten zur Entstehung sind Dateien für Historiker genauso wertlos wie Goldbecher, die Raubgräber aus dem Kontext ihrer Fundschichten gerissen haben.
 
Für die langfristige Erhaltung von Digitalien gilt derzeit nur eine Strategie als Erfolg versprechend: Migration, das heißt ständige Bewegung. Während bei Tontafeln Verbuddeln im Sand reicht, müssen eDateien regelmäßig auf jeweils aktuelle Datenträger umkopiert werden. Das Staatsarchiv Ludwigsburg speichert die Metadaten in XML, weil dieses Format hoffentlich ein paar Jahre hält. Die eigentlichen Inhalte, zum Beispiel Scans von Bundesbahn-Bauplänen, müssen öfter aktualisiert werden. Und zwar jeweils drei Mal, denn zur Sicherheit bekommen auch die Archive in Stuttgart und Karlsruhe Kopien.
 
Der große Aufwand erzwingt Kooperationen: Das neue Baden-Württembergische Online-Archiv wird vom Landesarchiv, den Landesbibliotheken und dem Konstanzer Bibliotheksservice-Zentrum gemeinsam aufgebaut. Das Wirtschaftsarchiv im Schloss Hohenheim, das derzeit in einem Pilotprojekt die elektronischen Akten der Industrie- und Handelskammern einsammelt, entwickelt kein eigenes Speichersystem, sondern übernimmt die Software des Landesarchivs. „Künftig werden Daten vermehrt über Schnittstellen an die Archive übertragen oder vor Ort aus den Ursprungssystemen abgefragt werden“, erwartet Jeannette Godau. „In jedem Fall sollten digitale Daten immer mehrfach gesichert werden.“
 
Das externe Laufwerk, das mir der Computerladen verkauft hat, um meine alten 3,5-Zoll-Disketten in die Zukunft zu retten, ist übrigens schon kaputt. Mein PC ist auch gerade hinüber. Immerhin habe ich noch das Meiste auf einen USB-Stick speichern können. Zehn Jahres meines Lebens passen auf ein daumengroßes Plastikteil! In früheren Zeiten hätte ich tagelang Papiere schreddern und Fotoalben zerreißen müssen. Jetzt müsste ich einfach nur zum nächsten Bach gehen und den USB-Stick reinschmeißen. Und alles wäre für immer weg.
 


Was tun gegen das Vergessen?
 
Wer Babyfotos, Versicherungsverträge oder Neujahrsansprachen mit Computerhilfe der Nachwelt erhalten will, sollte mehrere Kopien an unterschiedlichen Orten aufbewahren. Schon für das Erstellen der Dateien sind weit verbreitete Standardformate empfehlenswert, die sich einfach lesen lassen und von Open-Source-Software unterstützt werden – etwa PDF/A, ODF, XML und für Bilder TIFF.
 
Festplatten sind nicht als Langzeitspeicher gedacht. Wer es trotzdem versuchen will, sollte sie wenigstens einmal pro Jahr in Betrieb nehmen: Festplatten arbeiten noch mit mechanischen Teilen, deren Öl austrocknen kann. Dabei sind Erschütterungen zu vermeiden, denn wenn der Schreib-Lese-Kopf runterkracht, ist das so tödlich wie Hitze oder Magnetfelder.
 
Optische Medien halten 3 bis 10 Jahre, wenn sie sachgemäß gelagert werden: dunkel, staubfrei, bei 20 Grad Celsius und 40 Prozent Luftfeuchtigkeit. Aufkleber, Beschriftungen und Schweißpfoten können CDs und DVDs ruinieren, und Verbiegen ist nie gut. Es sollte ein hochwertiger Brenner und nicht die schnellste Geschwindigkeit gewählt werden. Ob einlagige, nur einmal beschreibbare Archiv-DVDs mit Goldbeschichtung ihr Geld wirklich wert sind, weiß man noch nicht.
 
Flash-Speicher, zum Beispiel USB-Sticks und SD-Cards für Kameras oder MP3-Player, gelten als robust und werden mit bis zu 30 Jahren Garantie angeboten. Gegen Ungeduld helfen sie allerdings nicht: Sie dürfen erst nach Abschluss des Speicherprozesses aus dem Computer gezogen werden.
 
Bevor Datenträger zerbröseln, veralten sie: Passende Lesegeräte sterben aus. Dagegen hilft bislang nur ständiges Umkopieren auf die jeweils aktuelle Technologie. Oder man meißelt seine Sachen gleich in Marmor.
 
Martin Ebner

Links (last update: 14.06.2016):

Für Archive, Bibliotheken und Museen hat das Forschungsprojekt NESTOR Ratgeber zur dauerhaften Aufbewahrung von Digitalien verfasst: www.langzeitarchivierung.de  Das Baden-Württembergische Online-Archiv für Internetpublikationen ist hier zu finden: www.boa-bw.de
Das italienische Museo dell’Informatica Funzionante hat fast 2000 historische Computer gesammelt: http://museo.freaknet.org/it/

N.B. (07.03.2016):
An interesting antidote against digital amnesia is The Public Domain Review: www.publicdomainreview.org

N.B. (18.05.2016):
Hier mal ein konsequentes Archiv-Projekt aus dem alten China:
„In der Überzeugung, die Zeit des Verfalls wäre schon angebrochen, initiierte der Mönch Jingwan (gest. 639) in Fangshan, ca. 75 km südlich von Beijing, das umfassende Projekt, die Schriften des buddhistischen Kanons in Stein zu schlagen und so für die Nachwelt zu erhalten. Seine Nachfolger führten die Arbeit über Jahrhunderte kontinuierlich fort und konnten im 11. Jahrhundert die Kaiser der nordchinesischen Liao-Dynastie als großzügige Förderer gewinnen. Insgesamt liessen sie über 30 Millionen Schriftzeichen auf 15061 Steintafeln einmeisseln. Nur 146 dieser von 70 Zentimetern bis über zwei Meter grossen Tafeln waren für die Gläubigen sichtbar aufgestellt und in den Wänden einer in den Stein geschlagenen Höhle eingelassen. Die anderen lagerten dicht an dicht in verschlossenen Felsenhöhlen oder in einer grossen, zugeschütteten Grube unter der Erde.“ (Zitat von Alexandra von Przychowski aus „Magie der Zeichen. 3000 Jahre chinesische Schriftkunst“, Museum Rietberg Zürich 2015)


 


Foto: Photographic films, useless due to untimely exposure to light.  Senvaloraj filmoj, tro frue eksponitaj al lumo. Filmrollen, ziemlich wertlos, da versehentlich belichtet.

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Texts of timeless beauty. Or at least some historical interest.