Wall art in Melbourne

Graffiti: Wilde Zeichen. Das Wiener „Institut für Graffiti-Forschung“

About: The „Institute for Graffiti Research“ in Vienna, Austria, explores unsolicited wall art.
Pri: Instituto en Vieno esploras murpentraĵoj kaj grafitiojn.
Published, Aperis: Süddeutsche Zeitung, 11.06.2000


Vom Klo-Spruch zum American Graffiti: Das Wiener „Institut für Graffiti-Forschung“ untersucht ungefragte Wandbilder und lehrt Jugendliche den Umgang mit Spraydosen

„Ja, ich habe Graffiti gesprüht“, gesteht die Luxemburger Künstlerin Bady Minck: „Kopulierende Affen, Mutanten, Maschinenmenschen, fliegende Untertassen und ganze Marsmensch-Familien, geile Pfaffen auf der Jagd nach flüchtenden Nonnen, Tentakelmonster, die aus echten Briefkästen steigen, mit Regenschirmen bewaffnete Fischprozessionen und Kopffüssler.“ Das erste Mal sprühte Bady Minck 1980 in Wien, wo sie an der Akademie studierte, dann auch in Frankfurt, Düsseldorf, Luxemburg und Brüssel. In Wien waren damals „an den öffentlichen Orten keine Zeichen dafür zu finden, dass hier Menschen unter 50 lebten, die mit ihren Gedanken noch nicht bei der Pensionierung waren“ – so erklärt Minck ihren „Drang, Zeichen zu hinterlassen. Ich wollte das Defizit an Kommunikation zumindest punktuell durchbrechen.“ Außerdem wollte Minck „irgendwohin, wo die Kunst noch Provokation sein konnte, wo die Kunst auf eine wirkliche Öffentlichkeit stoßen würde“.

Die Graffiti waren „die logische Folge und Ergänzung“ von Performances, mit denen Minck „an stark frequentierten Orten der Stadt die gewohnte Wahrnehmung der Passanten für einige Minuten oder Stunden außer Kraft“ setzte – zum Beispiel als „Truppenübungen“ bezeichnete Umzüge in Uniformen und Gasmasken, zu deren Abschluss „Inskriptionen zur Teilnahme am Dritten Weltkrieg“ entgegengenommen wurden. Der Vergänglichkeit dieser Aktionen setzte die Künstlerin „gezielt die Ortsgebundenheit der Graffiti entgegen, deren Spuren nicht so leicht zu tilgen waren“.

„Bei den Versuchen, die Graffiti zu fotografieren, fielen mir die sehr unterschiedlichen Lebensdauern auf“, erinnert sich Minck. „In Frankfurt und Düsseldorf schrubbten oft schon am nächsten Tag professionelle Putzteams an den noch frischen Graffiti. In Luxemburg und Brüssel überlebten all jene Graffiti einige Jahre, die nicht zu provokativ angebracht waren, also zum Beispiel nicht sündhaft teure Marmor-Parkgaragen zierten. Die längste Halbwertzeit bewiesen die Wiener Graffitis. Manche verabschiedeten sich nach zehn Jahren und fielen erst in treuer Verbundenheit mit dem Fassadenputz herunter.“

Ein Teil der Werke Mincks ist sogar heute noch zu bewundern. Zumindest Bilder davon werden wohl die Zeiten überdauern. Norbert Siegl, ein 48jähriger Psychologe und Fotograf hat nämlich Graffiti von Bady Minck, der „ersten bekannten Wiener Sprayerin“ fotografiert, sorgfältig katalogisiert – und seinem „Wiener Graffiti-Archiv“ einverleibt. Siegl hat 1978 dieses „erste transnationale Dokumentationszentrum für alle Aspekte des Kulturphänomens Graffiti“ gegründet, als er „beim Herstellen der Frühjahrs- und Herbst-Kataloge keine Entwicklungsmöglichkeiten mehr erkennen konnte“.

„Graffiti“ definiert Norbert Siegl dabei umfassend als „visuell wahrnehmbare Elemente, welche ungefragt auf fremden oder öffentlichen Oberflächen angebracht werden“, während die Bezeichnung früher vom italienischen „sgraffiare“- „kratzen“ ausgehend „nur die gekratzten Mitteilungen meinte“. Mit der oft gebrauchten Unterscheidung von Legalität und Illegalität sei keine Trennschärfe zu erreichen, „da viele Graffitiformen traditionell zur Kultur der Menschheit gehören und keineswegs unter Strafandrohung stehen. Man denke dabei etwa an die Kommunikation auf öffentlichen Toiletten oder an den Brauch Liebender, ihre Initialen an Bäumen zu hinterlassen“.

Graffiti in Konstanz
Wandbild in Konstanz, Deutschland

Wichtig ist Siegl die „Betonung der vielfältigen Erscheinungsformen von Graffiti“, vom Namen auf der Schulbank über „Hund entlaufen“-Zettel und übermalte Plakate bis zu großen Wandbildern. Seit den 70er Jahren gehören seiner Ansicht nach besonders in der Variante der American Graffiti auch „offiziell ausgeführte Auftragsarbeiten und künstlerische Produktionen“ dazu. Die Wiener Stadtverwaltung zum Beispiel ließ 1984 ein paar echte „Writer“ aus New York einfliegen um eine Tram-Garnitur nach allen Regeln des American Graffiti mit „Tags“, also Namenszügen, zu besprayen. Der Kulturimport klappte hervorragend, wird von den Behörden nun allerdings bereut.

Mittlerweile zählt das Wiener Graffiti-Archiv über 20.000 Fotos. Sie stammen aus diversen Städten von Neapel bis Hamburg, von Prag bis Köln. Besonders häufig ist Siegl in Wien und Berlin unterwegs, da 1995 der damalige österreichische Wissenschaftsminister Erhard Busek wagemutig einen Vergleich der dortigen Graffiti finanzierte und diese Untersuchung nun im Rahmen einer Längsschnittstudie fortgeführt wird.

Regelmäßig bricht Siegl zu Fotosafaris auf. Ausgehend vom Netz der öffentlichen Verkehrsmittel weicht er bei seinen Expeditionen weit von den üblichen Touristenrouten ab und dringt in Innenhöfe, Treppenhäuser, manchmal sogar bis in die Kanalisation vor. Die Begegnung mit Hausmeistern gestalte sich zuweilen schwierig, berichtet der Forscher – dafür mache es Kindern und Jugendlichen, die meist über gute Kenntnisse verborgener Plätze verfügten, oft großen Spaß, sich an der Pirsch nach Graffiti zu beteiligen.

Graffiti in Martin, Slowakei
Graffiti in Martin, Slowakei

In der Datenbank des Archivs, die wie die angeschlossene Bibliothek Wissenschaftlern zur Verfügung steht, nach und nach aber auch im Internet zugänglich ist, ordnet Siegl dann die Bilder in Rubriken ein, etwa „Politik“ oder „Künstlerische Produktionen“. Unter „Rand- und Nebenphänome“ ist zum Beispiel zu finden, was die Besucher des Münchner Hofbräuhauses in die Tische ritzen, aber auch „C+M+B mit Jahreszahl“ aus dem „katholischen Kulturkreis“. Graffiti sind keineswegs nur ein Jugendphänomen; auch ältere Touristen und Wallfahrer verewigen sich gerne an den Wänden. Deklarierte Graffiti-Künstler seien allerdings eher jüngere Erwachsene – “ Interventionen dieser Art erfordern eine hohe Mobilität“.

Die Abteilung „Geschlechterbeziehungen“, neben Politik die umfangreichste, umfasst „Liebe“, „Sexualität“ und „Frauenspezifisches“, wie zum Beispiel Tipps zu Geburt und Abtreibung. Als Autor des 1993 erschienenen Standardwerks „Kommunikation am Klo“ (dieses Jahr erweitert neu herausgegeben als „Graffiti von Frauen und Männern. Das Basiswerk der Klo-Graffiti-Forschung“) hat Siegl herausgefunden, dass „in Männertoiletten signifikant mehr Graffiti produziert werden“, dass aber andererseits „Frauen Sachverhalte im allgemeinen viel ausführlicher, subtiler und genauer abhandeln“. Während in Frauengraffiti „Gefühle und persönliche Probleme zum Ausdruck gebracht und meist konstruktiv beantwortet“ würden, dominiere bei den Männern „Aggressivität und Zynismus“. In Männerzeichnungen finde man „kein Problembewußtsein für sexuelle Bedürfnisse des anderen Geschlechts“ und „auch keine Selbstreflexion zur eigenen Rolle“.

Die ältesten Graffiti, die Siegl fand, stammen aus dem Zweiten Weltkrieg: die Kürzel „05“ von österreichischen Widerstandsgruppen gegen das NS-Regime. Genaugenommen müsse man aber auch Höhlenzeichnungen dazu zählen, meint Siegl: „Graffiti sind die älteste Kommunikationsform der Menschheit“. Siegl archiviert sie nicht nur, sondern hat auch 1996 zusammen mit der Kunsthistorikerin Susanne Schaefer-Wiery das „Institut für Graffiti-Forschung“ gegründet und ein Jahr darauf in Wien den ersten internationalen Fachkongress zum Thema Graffiti organisiert. Finanziert wird diese Arbeit zum Teil durch öffentliche Zuwendungen; Sponsoren sind zum Beispiel die Österreichische Nationalbank und die „Arbeitsgemeinschaft Heimatforschung“ des Niederösterreichischen Heimatwerks.

Was reizt Wissenschaftler an Kritzel und Schmierereien? So undifferenziert darf man Graffiti-Forscher nicht fragen. „Kritzeleien gibt es vor allem auf Kinderspielplätzen, und sie sind dort als wichtige feinmotorische Übung anzusehen“, stellt Siegl klar. „Daneben findet man sie auch als ‚halbbewusst‘ nebenher entstehende Figurationen, besonders häufig in Telefonzellen und auf Schreibflächen. Fälschlich werden aber auch viele Inhalte, mit denen man sich nicht auseinandersetzen will, so bezeichnet. Schmiererei ist ebenfalls ein Begriff, der überwiegend völlig falsch verwendet wird. In Wirklichkeit sind Schmierereien kaum zu finden; meist entstehen sie dort, wo unsachgemäße Graffiti-Entfernung vorgenommen wurde.“

Also gut, warum interessieren sich Wissenschaftler für Kratzereien und Bilder, die Hausbesitzer und Bahnpersonal zur Weißglut bringen? „Sie sind ein nicht-reaktives Messinstrument zum Erfassen von Einstellungen und Bedürfnissen“, erklärt Siegl: Während bei Befragungen oft nur für „erwünscht“ gehaltene Antworten gegeben werden, liefern Graffiti „authentische“ Meinungen, etwa zu Tabus wie Ausländerfeindlichkeit.

Zum Thema „Graffiti pro und contra Rassismus“ hat das Institut eine Wanderausstellung konzipiert: „Gerade durch die reduktionistische Form vieler Graffiti, durch ihre Symbol- und Parolensprache wird das Problem Rassismus besonders krass und pointiert wiedergegeben.“ Das „Feindbild Nr. 1“ an den Wänden seien die Türken. Im Umgang mit rechtsextremen Graffiti hat Siegl „eine autonome Volkskultur“ ausgemacht: „Das Hakenkreuz wird zum Fenster oder zum Schachbrett, außerdem gibt es die Konfrontation mit Gegenmachtsymbolen“. Hammer und Sichel hätten allerdings seit dem Zusammenbruch des Ostblocks stark abgenommen.

Weil Graffiti Einblicke bieten in Bevölkerungsgruppen, „die wenig Zugang zu offiziellen Medien haben“, werden sie von Historikern schon lange geschätzt: Bereits um 1850 erforschten sie antike Inschriften in Pompej, die zeigten, was das einfache Volk dachte. „Eine fragmentarische Geschichtsschreibung anhand von Graffiti ist möglich“, erläutert Siegl. „Bedeutende Ereignisse sind immer in irgendeiner Form auch Thema in Graffiti, etwa der österreichische EU-Beitritt in Wien oder die deutsche Wiedervereinigung in Berlin.“

Sogar Denkmalschützer mögen Zeichen an den Wänden und bewahren sie hinter Plexiglas – vorausgesetzt, sie sind so alt, wie zum Beispiel die im Gefängnis des Londoner Tower oder die Spuren sowjetischer Soldaten im Berliner Reichstag. Auch fünf Kyselaks werden noch liebevoll gepflegt: Joseph Kyselak, als „Autogrammist“ der Ahnherr aller Sprayer, hatte 1825 wegen einer Wette begonnen, überall in der österreichischen Monarchie seinen Namen zu hinterlassen.

Zürcher S-Bahn im Bahnhof Rapperswil
„Intensivtäter“ in Rapperswil, Schweiz

Sprachforscher, Volkskundler, Pädagogen und Sexualwissen-schaftler können Inschriften ebenso gut gebrauchen. Der italienische Kriminalist Lombroso war der erste, der Graffiti von Häftlingen sammelte. Auch Futurologen wären gut beraten, einen Blick auf „beschmierte“ Wände zu werfen: Umweltschutz war dort lange vor den „Grünen“ ein Thema. Und bereits 1980 notierte ein anonymer Berliner: „Ulbricht ist gegangen. Honecker wird gehen. McDonald’s wird kommen.“

Das „Institut für Graffiti-Forschung“ sorgt aber nicht nur für Wissenschaftler, sondern auch den Sprayernachwuchs. Die Vermittlung von Aufträgen an Sprayer soll „den Effekt haben, dass Jugendliche ihre gestalterischen Fähigkeiten nicht mehr in illegale Graffiti-Aktionen investieren müssen, sondern sich vielmehr auf die eigentliche Kunst in Graffiti konzentrieren können“. Unterstützt von der EU-Kommission werden diesen Juli und August für „künstlerisch interessierte Jugendliche aus ganz Europa“ kostenlose Workshops mit bekannten Stars der Graffiti-Szene angeboten. „Das wird eine völlig legale Sache“, versichert Norbert Siegl: „Letztlich geht’s den Jugendlichen darum, auf sich aufmerksam zu machen, und in Wirklichkeit würden sie gern Auftragsarbeiten bekommen. Kluge Stadtverwaltungen würden das ausnutzen und legale Graffiti-Flächen anbieten.“

Bady Minck, die erste Wiener Sprayerin, sieht das anders: „Was das Sprayen interessant machte, war die Spannung. Die Angst vor der Polizei – alles musste ganz schnell gehen, so dass sich das Graffito wie von selbst malte. Das war eine Herausforderung an das Unbewusste. Jede Linie war endgültig, nichts wurde ausgebessert oder übersprüht. Immer, wenn der Druck und die Eile besonders groß waren, sind Graffitis entstanden, die mich selbst sehr überrascht haben. Aus diesem Grund hat mich das Sprühen auf legalen Flächen nicht gereizt. Als ich einmal für eine Freundin eine Gartenmauer besprühte, war das in Frieden erzielte Ergebnis für mich so unerträglich harmlos und uninteressant, dass ich nie wieder eine Spraydose in die Hand genommen habe.“ Seither macht Minck Filme. Wie Norbert Siegl glaubt aber auch sie nicht, dass eine Welt ohne Graffiti möglich sei: „Es wird immer Orte geben, die so weit im Zentrum oder im Abseits der Kommunikationswege stehen, dass Graffiti beinahe zwangsläufig auf ihnen auftauchen werden“.

Martin Ebner

Link (last update: 28.04.2014):
Institut für Graffiti-Forschung (ifg): www.graffitieuropa.org

Ausführlicheres Interview: http://martin-ebner.net/radio/graffiti/



Foto: Graffiti in Melbourne, Australia. Murbildo en Melbourne, Aŭstralujo. Wandbild in Melbourne, Australien

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Texts of timeless beauty. Or at least some historical interest.