Ravensburg Museum Humpisquartier Heimatstube

Dossier: Heimat im Museum

Some articles on local museums in Baden-Württemberg, Germany. A sentimental journey.

Artikoloj por la ĵurnalo Südwestpresse pri regionaj muzeoj en Baden-Virtembergo, Germanujo.

Wo ist heutzutage Heimat zu finden? In Fernsehserien, in denen adrette, zweifellos authentische Dorfgemeinschaften gemeinsam kochen. Bestimmt auch in Büchern. Und in Heimatmuseen? Für die Südwestpresse habe ich mich mal umgeschaut:

    1. „Wir waren die Itaker…“Gastarbeiter sind für Heimatmuseen noch ein neues Thema. (12. Mai 2018)

    2. Identität bewahren. Interview mit Karlheinz Geppert, dem Jury-Vorsitzenden des Wettbewerbs „Vorbildliches Heimatmuseum“ im Regierungsbezirk Tübingen. (7. Juli 2018)

    3. Sag mir, wo die Wege sind. Historische Straßen sind meist Stiefkinder der Denkmalpflege. (20. Oktober 2018)

    4. Heimaterde im Glas. Erinnerungsstücke von Vertriebenen gelangen zunehmend in öffentliche Museen. (8. Dez. 2018)
    5. In der Kreide-Zeit. Lernen ohne schnelles Internet: Schulmuseen erinnern an Freud und Leid früherer Bildungsmaßnahmen. (2. Februar 2019)

    6. Schutz und Schmuck.  Oberkircher Ausstellung zur Geschichte der Schürze (13. April 2019)

Published, Aperis: Südwestpresse, 12. Mai 2018

„Wir waren die Itaker…“

Gastarbeiter sind für Heimatmuseen noch ein neues Thema. In Wolfegg ist jetzt [2018] eine kleine Ausstellung zur Einwanderung nach Oberschwaben zu sehen.

Es gibt bei uns Museen für Grenzsteine und Kindergärten, für Besen und Ostereier, Peitschen und Fingerhüte, ja sogar für Epilepsie. Sechs Museen informieren zu Prämonstratensern, einem alten Mönchsorden. Was es nicht gibt, ist ein Museum für Migration. Unter Netmuseum.de, dem Portal zu allen 1.300 Sammlungen in Baden-Württemberg, findet man zu Schlagwörtern wie Einwanderung, Ausländer oder Gastarbeiter rein gar nichts.

Dieser blinde Fleck ist erstaunlich, denn in Baden-Württemberg haben mehr als 3 Millionen Menschen einen Migrationshintergrund, fast ein Drittel der Bevölkerung. In Stuttgart sind 40 Prozent eingewandert oder haben zumindest einen ausländischen Elternteil; selbst in den Landregionen Oberschwabens sind das heute rund 20 Prozent.

In den letzten Jahren gab es allerdings verschiedene Ausstellungen zur Geschichte der Immigration. Ein Anlass dafür waren die Jubiläen der Anwerbe-Abkommen, die ab 1955 mit Italien und acht weiteren Mittelmeerstaaten abgeschlossen wurden. Bis 1973 kamen rund 14 Millionen „Gastarbeiter“ aus dem Süden nach Deutschland, von denen über 2 Millionen dauerhaft hier blieben.

Vielerorts haben Heimatmuseen mittlerweile kleine Abteilungen zur Einwanderung eigerichtet, so zum Beispiel das Stadtmuseum Radolfzell. Auch Firmen- und Industriemuseen verlieren meist durchaus ein paar Worte zur Herkunft der Arbeitskräfte. Das hat sich wohl bloß noch nicht bis zur Museumsdatenbank herumgesprochen. Immerhin gibt es dort bereits zehn Einträge zum Thema Auswanderung (aus Süddeutschland vor allem im 18. und 19. Jahrhundert, meist nach Amerika).

Zur Geschichte der Arbeitsmigration geeignete Ausstellungsobjekte aufzutreiben, ist nicht ganz einfach. Goldverkrustete Relikte von Königen und Bischöfen wurde jahrhundertelang gut gepflegt; auch der Nachttopf von Napoleon lässt sich problemlos organisieren. Dagegen wurden alte Erinnerungsstücke von meist nicht besonders wohlhabenden Einwanderern bis vor kurzem allenfalls von privaten Initiativen gesammelt, etwa den von Gastarbeiter-Kindern gegründeten Vereinen DOMiD in Köln und BIM in München.

Das Bauernhaus-Museum Allgäu-Oberschwaben in Wolfegg hat seit 2008 die Geschichte der „Schwabenkinder“, die einst jeden Sommer aus Tirol und Vorarlberg zur Landarbeit kamen, erforscht und dazu eine Dauerausstellung eingerichtet. Da lag es nahe, im Anschluss daran auch die Wanderarbeiter nach dem Zweiten Weltkrieg in den Blick zu nehmen. Als Beitrag zu „Anders. Anders?“, einem Gemeinschaftsprojekt der baden-württembergischen Freilichtmuseen, wurde in Wolfegg jetzt eine kleine Sonderausstellung zu „Gastarbeiter auf dem Land“ eröffnet.

Im Zentrum stehen vier Fallbeispiele: Video-Interviews mit Einwanderern, die in den 1960er Jahren in Dörfer des Landkreises Ravensburg kamen. Die Familie Toplu war drei Tage lang im Zug aus Istanbul unterwegs – und hatte Angst: Werden Brezeln mit Schweinefett gebacken? Giovanni Lanza, Bauarbeiter aus Sizilien, erzählt von der ruppigen Gesundheitsuntersuchung der Anwerbekommission: „Wenn du keine guten Zähne hattest, warst du gleich raus.“ Die griechische Textilarbeiterin Malta Vlassakidou, die sich in Argen ruckzuck ein eigenes Haus baute, erinnert sich an „sehr anständige“, wenn auch etwas neidische Nachbarn. Für Letizia Tonutti, die als Kind im Schlepptau ihres Vaters aus Italien kam, war die Schulzeit nicht so lustig: „Wir waren halt immer die Itaker…“

Parallel dazu werden die Wohn- und Arbeitsorte der Befragten kurz vorgestellt. In Vogt beispielsweise fingen Karl und Paul Uhl im Jahr 1952 in der Scheune ihrer Eltern an, Fenster zu fertigen – rasch wurde daraus ein großes Aluminiumwerk. Um 1960 begann der Landwirt Josef Gebhart im Nebenerwerb Baustoffe herzustellen – bald wurden Hohlblöcke aus Aitrach europaweit verkauft. Ohne den Zuzug auswärtiger Arbeitskräfte wäre das rasante schwäbische Wirtschaftswunder nicht möglich gewesen.

Martin Ebner

Info:
Die Ausstellung „Zwischen zwei Welten. Gastarbeiter auf dem Land“ war bis November 2019 in Wolfegg zu sehen: www.bauernhaus-museum.de


Beuren Freilichtmuseum Vogelscheuche
Vogelscheuche im Freilichtmuseum Beuren

Außenseiter im Museum

„Säufer, Huren, Irre“: das war der ursprünglich geplante Titel für die neue Sonderausstellung im Oberschwäbischen Museumsdorf Kürnbach. Dann wurde „Von Säufern und ‚Dorfdeppen’“ angekündigt. Jetzt heißt die Schau etwas unverfänglicher „Leben am Rand. Anders sein im Dorfalltag.“ Die sieben baden-württembergischen Freilichtmuseen widmen sich gerade verschiedenen Minderheiten, die bislang noch kaum ein Thema für Heimatmuseen waren. In ihrem aktuellen Gemeinschaftsprojekt „Anders. Anders? Ausgrenzung und Integration auf dem Land“ geht es jeweils um die Geschichte von Menschen in der entsprechenden Region.

Bereits im vergangenen Jahr wurden drei Ausstellungen der Außenseiter-Reihe eröffnet: in Wackershofen zum fahrenden Volk der Jenischen, in Gutach zu Flüchtlingen und in Neuhausen zu Heimatvertriebenen. Seit Mai sind nun vier weitere Ausstellungen zu sehen: in Gottersdorf zu Armut und Sozialfürsorge, in Beuren zu jüdischem Leben, in Wolfegg zu Gastarbeitern – und in Kürnbach wie gesagt zu Alkohol-nahen Bewohnern des ländlichen Raums. Ein Begleitband zu dem Gemeinschaftsprojekt ist im Thorbecke-Verlag erschienen. Im Internet sind die Freilichtmuseen über diese Seite zu finden: www.landmuseen.de

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Published, Aperis: Südwestpresse, 7. Juli 2018

Identität bewahren

Ein „vorbildliches Heimatmuseum“ hat sehr viel mehr zu bieten als alten Kruscht. Es erzählt eine ganz spezielle, regionale Geschichte, betont der Kulturwissenschaftler Karlheinz Geppert im Interview mit Martin Ebner.

Die Welt der Altertumssammlungen ist im Umbruch, sagt Karlheinz Geppert. Der Leiter des Kulturamts Rottenburg ist Jury-Vorsitzender des Wettbewerbs „Vorbildliches Heimatmuseum“ im Regierungsbezirk Tübingen.

ME: Herr Geppert, Heimat ist gerade sehr in. Aber als sich der neue Heimat-Minister verplapperte und sein Ressort als „Heimatmuseum“ vorstellte, gab es großes Gejohle. Haben Ihre Schützlinge vielleicht ein Image-Problem?

Karlheinz Geppert: Museen in Dörfern oder Kleinstädten, in aller Regel ehrenamtlich, spielen in einer anderen Liga als spektakuläre Sonderausstellungen in Metropolen. Heimatmuseen sind aber auch wichtig! Sie tragen zur Identitätsbildung vor Ort bei. Und jedes Heimatmuseum ist ein Unikat: Es erzählt eine ganz spezielle, regionale Geschichte. Es ist immer wieder faszinierend, wie Liebhaber jahrelang etwas sammeln und dann mit Feuer und Flamme ihre Exponate erklären.

Wenn es aber nur verstaubte Faustkeile und Töpfe sind?

KG: Mit der Zeit wird das Alltägliche zum Besonderen. Das Herstellen von Butter etwa war früher alltägliche, schwere Arbeit. Heute, wo jeder einfach ans Supermarkt-Regal geht, kann ich ein altes Butterfass in eine Vitrine stellen. Die „Aura des Objekts“ haben ja nicht nur spätgotische Goldkreuze. Für unsere heutige Wegwerfgesellschaft ist zum Beispiel interessant zu sehen, dass man früher ein Kleid zwanzig Mal geflickt hat. Oder wie man aus Stahlhelmen nach dem Krieg Kochtöpfe und Siebe gemacht hat.

Comics, Computer, Handys – am Ende landet alles im Museum?

KG: Nur, wenn’s jemand aktiv sammelt! Von allein kommen die Dinge nicht. Das schwankt zwischen „Das interessiert keinen mehr, den alten Kruscht werf‘ ich weg“ und „Das sind wertvolle Antiquitäten, die geb‘ ich nicht her“. Das ist eine große Herausforderung. Die Freilichtmuseen zum Beispiel dachten, sie hätten ein abgeschlossenes Gebiet: die alte bäuerliche Welt mit Ochs und Pferd. Jetzt suchen sie Objekte zur Mechanisierung der Landwirtschaft, zu Gastarbeitern und anderen neueren Themen. Museen gehen immer näher an die Gegenwart heran, so bleiben sie spannend.

Baldramsdorf Handwerksmuseum Depot
Depot des Handwerksmuseums in Baldramsdorf, Österreich

Wie wird denn ein Heimatmuseum „vorbildlich“?

KG: Dafür gibt es zum Glück keine Definition, keinen Masterplan, den man einfach abarbeiten könnte. Unser Wettbewerb würdigt verschiedene Elemente. Wir achten auf die Einhaltung musealer Grundstandards: dass bewusst gesammelt und dokumentiert, dass ein Inventar geführt wird. Sehr wichtig ist uns auch das ehrenamtliche Engagement. In der ‚Ofterdinger Museumsscheuer‘ zum Beispiel gibt es ein tolles Team, das alte Landmaschinen zum Laufen bringt. Und dann die Form der Präsentation: Es kommt nicht darauf an, dass man sich einen teuren Gestalter leisten kann; ein Sammelsurium lässt sich auch mit einfachen Mitteln vermeiden. Andere Museen punkten mit Veranstaltungen, beteiligen sich an Festen oder bieten Aktionstage wie das Dorfmuseum in Unterjesingen. Ich finde es schön, dass sich bei Heimatmuseen kein Einheitsstil herausbildet.

Ihre aktuelle Wettbewerbsrunde ist bestimmt geheim. Aber könnten Sie Trends verraten?

KG: Unsere Teilnehmerzahl ist mit rund zwei Dutzend seit Jahren konstant. Mittlerweile gibt es kaum noch Neugründungen, meist sind es Neugestaltungen. Im klassischen Heimatmuseum hat man manchmal so ein Gefühl der Fülle: ganz viele Dinge, die man alle zeigen will. Dagegen setzt zum Beispiel die ‚Kulturtankstelle‘ in Starzach-Börstingen auf Reduktion: wenige, sehr interessante Objekte zur Ortsgeschichte, etwa der Gewinnung von Kohlensäure. Traditionell darf man in einem Museum auch nichts anfassen. Für Kinder ist es aber das Größte, wenn sie so ein Kettenhemd überziehen oder ein Ritterschwert halten können. Das ist mal was ganz anderes als ein Smartphone.

Treibt die Heimatmuseen auch die Digitalisierung um?

KG: Ja, sehr. Soll, kann man das einsetzen? Die Museumswelt ist im Umbruch. Vielerorts muss jetzt auch ein Generationswechsel bewältigt werden. Das Heimatmuseum Dettingen-Erms, ehrenamtlich getragen, haben wir deshalb schon zweimal ausgezeichnet: zuerst 2004 die Gründer, dann 2015 wieder, weil für das Team auch 30-Jährige gewonnen wurden. Das ist nicht selbstverständlich. Die Leidenschaft, alte Backöfen oder Dreschmaschinen vorzuführen, kann man nicht verordnen – da wird es immer Höhen und Tiefen geben. #

Gundelsheim Siebenbürgisches Museum
Heimatliche Wand im Siebenbürgischen Museum in Gundelsheim

Ruhm, Aufmerksamkeit und etwas Geld

Im Gefolge des baden-württembergischen Landesjubiläums anno 1977 wurden in den vier Regierungsbezirken ‚Arbeitskreise Heimatpflege‘ gegründet. Diese Dachverbände von Narrenzünften, Geschichtsvereinen, Trachten-, Musik- und ähnlichen Gruppen organisierten zunächst vor allem Heimattage. Später kamen weitere Aktionen dazu.

Seit 1992 gibt es im Regierungsbezirk Tübingen alle zwei Jahre den Wettbewerb „Vorbildliches Heimatmuseum“: Jeweils bis zu drei nichtstaatliche Museen werden für neue Ideen und ehrenamtliches Engagement mit Urkunde und Plakette gewürdigt, außerdem mit insgesamt 6.000 Euro. Der Museumswettbewerb wechselt sich seit 2014 ab mit der Auszeichnung „Vorbildliches Dorfgasthaus“: www.heimatpflege-tuebingen.de

Ähnliche Wettbewerbe für Heimatmuseen gibt es auch in den Regierungsbezirken Stuttgart und Karlsruhe. Noch größer können Altertumsfreunde beim „Lotto-Museumspreis Baden-Württemberg“ rauskommen. Im vergangenen Jahr gewann dort das ‚Schauwerk Sindelfingen‘ den Hauptpreis von 20.000 Euro und das ‚DDR-Museum Pforzheim‘ einen Extra-Preis von 5.000 Euro: www.museumsverband-bw.de

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Published, Aperis: Südwestpresse, 20. Oktober 2018

Sag mir, wo die Wege sind

Wer hat sie einst gebaut? Wer hat sie benutzt? Historische Straßen sind meist Stiefkinder der Denkmalpflege. Immerhin werden Kleindenkmale am Wegesrand inventarisiert.

Werden klobige Allrad-Panzer bald durch selbstfahrende E-Flitzer ersetzt? Unsere Fahrzeuge verändern sich rasant. Verkehrswege haben dagegen ein erstaunliches Beharrungsvermögen: Wo heute Straßen verlaufen, schleiften oft schon Steinzeit-Jäger ihren Wochenendeinkauf nach Hause.

Andererseits können selbst Hauptschlagadern in Vergessenheit geraten. Wer weiß zum Beispiel noch, dass ab 1490 die allererste Post-Route von Innsbruck über Kempten ins belgische Mechelen führte? Um Ulm machten die Botenreiter lange einen Bogen, denn die Post-Station war in Söflingen. Alte Landkarten und Kilometersteine können viel erzählen.

Wenn der Verkehr halbwegs rollt, denken die meisten Menschen über Asphalt und Wegebau nicht groß nach. „Gerade weil Straßen so profan sind, so wenig bewusst, repräsentieren sie sehr gut das ungefilterte Leben“, schwärmt Debora Pape, die eine Masterarbeit über alte Wege bei Heidelberg geschrieben hat. Besser als Museumsvitrinen: „Steht man auf einer historischen Straße, ist die Distanz zur Geschichte geringer. Es steht nur die Zeit dazwischen, selten ein Restaurator oder ein Objektschild.“

Pape hat ein rares Hobby: mit LiDAR-Daten urige Hohlwege suchen. Geländemodelle, die mit Flugzeug-Laserscannern erstellt werden, sind frei im Internet abrufbar. Wer technisch nicht so versiert ist, findet Verkehrsrelikte dagegen nicht leicht. In ADABweb, dem zentralen Register der Denkmalpflege Baden-Württemberg, ist vermutlich schon die eine oder andere Spurrille. Diese Datenbank mit 178.000 Objekten, meist Gebäuden, ist aber nur verwaltungsintern zugänglich. Wer auf der öffentlichen Seite Denkmalpflege-bw.de nach „Straße“ oder „Weg“ sucht, bekommt bloß zwei Treffer: bei Reutlingen ein Pflaster-Stück aus dem Mittelalter und bei Überlingen einen noch älteren Steig durch Sandsteinfelsen.

Flächendeckend Überreste der Mobilitätsgeschichte zu erfassen, ist sehr aufwändig. Die Schweiz leistet sich das: In 20 Jahren Forschung wurde dort für rund 40 Millionen Euro ein „Inventar der historischen Verkehrswege“ angelegt. Was von Saumpfaden, Römerstraßen oder Jakobswegen geblieben ist, zeigt nun eine Internet-Landkarte. Zuständig ist dafür die Abteilung „Langsamverkehr“ des Bundesamts für Straßen. Zusammen mit Wander- und Rad-Wegen werden die Hinterlassenschaften auch touristisch unter dem Label „Kulturwege Schweiz“ vermarktet.

Was nicht bekannt ist, wird schnell untergebaggert, mit Pflügen oder Wald-Maschinen zerstört. Bei uns ein Verzeichnis ehrwürdiger Wege aufzubauen, wäre jedoch schwierig. Hat Baden-Württemberg im Jahr 1990 rund 53 Millionen Euro für Denkmalschutz ausgegeben, waren es 2017 bloß noch 34,8 Millionen. Dabei wächst die Zahl der Denkmäler unablässig. Wurden lange nur Kirchen, Burgen und Schlösser gewürdigt, gelten heute auch zum Beispiel betagte Brücken, Bahnhöfe und der ganze Neckarkanal als „Sachen, an deren Erhaltung aus wissenschaftlichen, künstlerischen oder heimatgeschichtlichen Gründen ein öffentliches Interesse besteht“.

Neckar Gundelsheimer Schleuse
Verkehrsbau unter Denkmalschutz: Neckar-Schleuse bei Gundelsheim

Das Landes-Wirtschaftsministerium, die oberste Denkmalschutzbehörde, wäre wohl froh, wenn wenigstens die modernen Straßen ohne Schlaglöcher wären. Ob Hohlwege erhalten bleiben, die am Schwarzwald-Rand schon mal über 10 Meter tief in den Lößboden eingekerbt sind, hängt vor allem von den mehr oder meist weniger engagierten Kommunen ab. Die Stadt Stuttgart hat mit großem Eifer auf der Wangener Höhe historische Pflaster-Pfade wieder begehbar gemacht. Andere Verwaltungen schauen weg, wenn Altwege achtlos eingeebnet werden.

Immerhin werden bei uns seit 2001 Kleindenkmale inventarisiert. Häufig sind das „Wegbegleiter“, etwa Kapellen, Sühnekreuze, Brunnen, Brücken-Heilige oder Ruhsteine für Lastenträger. Der Schwäbische Heimatbund, Alb- und andere Vereine haben mit vielen Ehrenamtlichen bereits 16 Landkreise kartiert, 9 Kreise sind gerade in Arbeit. Als nächstes kommt der Bodenseekreis dran; am 30. Oktober gibt es dazu einen Info-Abend im Landratsamt Friedrichshafen. Martina Blaschka, die beim Landesamt für Denkmalpflege das Projekt betreut, hält nichts davon, Bildstöcke oder Grenzsteine anderswohin zu versetzen: „Diese kleinen Denkmale können Hinweise auf alte Wege geben und müssen daher vor Ort geschützt werden.“

Martin Ebner

Links (last update: 06.03.2020):
– Der „Historische Atlas Baden-Württemberg“ kennt alte Straßen: www.leo-bw.de
– Wie man im Wald Hohlwege entdeckt, zeigt Debora Pape: www.plejadium.de
– Historische Routen sind hier zu finden: www.altwege.de
– Begleiter am Straßenrand: www.kleindenkmale-bw.de

Freilichtmuseum Beuren Ruhstein
Ruhstein für Lastenträger, im Freilichtmuseum Beuren

Kein Fuhrwerk ohne Straße

Schwaben haben bekanntlich das Auto und das Rad erfunden, auch wenn das immer wieder bestritten wird. Das Federseemuseum in Bad Buchau stellt Wagenräder und Bohlenwege aus, die über 5.000 Jahre alt sind.

Viel früherer Verkehr hat jedoch kaum Spuren hinterlassen, weil er über Wasser oder Schnee ging. Daran erinnern Flößer-Museen zum Beispiel in Bad Wildbad und Gengenbach. Das Schloss in Bad Urach ist stolz auf seine Schlitten-Sammlung.

Baden-Württembergs Museen zeigen zahlreiche Fahrzeuge aller Art. Nach Auskunft zu Fahrbahnen kann man dagegen lange suchen. Eine Rarität ist das Museum Kochertalbrücke im Kulturhaus Geislingen: www.brueckenmuseum.de

In Wolfegg ist noch bis 4. November 2018 die kleine Sonderausstellung „Steine, Schaufel, Straßenkarre – vom Wegknecht und seiner Strecke“ zu sehen: www.bauernhausmuseum-wolfegg.de

Wer mehr über Baustoffe, Technik und Erbauer erfahren will, muss in die Pfalz. In der Festung Germersheim wird Wegebau vom Trampelpfad bis zur Autobahn behandelt: www.deutsches-strassenmuseum.de

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Published, Aperis: Südwestpresse, 8. Dezember 2018

Heimaterde im Glas

Erinnerungsstücke von Vertriebenen wurden lange Zeit vor allem in „Heimatstuben“ aufbewahrt. Nun gelangen sie zunehmend in öffentliche Museen.

Was nimmt man mit auf die Flucht? Heutzutage wohl das Smartphone. Die Deutschen, die im Gefolge des Zweiten Weltkriegs Osteuropa verlassen mussten, steckten vor allem Zeugnisse, Urkunden, Fotos und Landkarten ein, aber auch Bücher und Gemälde. Viele wollten sich auch von schwereren Andenken nicht trennen, etwa Geschirr, Möbeln oder Werkzeugen. Aus Parabutsch brachten Donauschwaben die Turmspitze der Dorfkirche mit nach Bad Schönborn bei Heidelberg.

Besonders in den Patengemeinden für ihre Herkunftsorte richteten Vertriebene so genannte „Heimatstuben“ voll mit Relikten und Reliquien ein. Meist auch mit Rekonstruktionen: Trachtenpuppen, Dioramen, Haus- und Ortsmodelle. Während des Kalten Krieges konnten sie ja nicht einfach in die Ex-Heimat zurück, um Sammlungslücken zu schließen.

Diese deutsche Sonderform des Heimatmuseums war eigentlich nie als Museum gedacht, sagt die Volkskundlerin Elisabeth Fendl, die in Freiburg zur Erinnerungskultur der Vertriebenen forscht: „Heimatstuben sollten vor allem soziale Treffpunkte sein.“ Gerade ihr „privater Wohnzimmer-Charakter“ verleihe ihnen einen „eigenen Reiz“. Die Kriterien professioneller Kuratoren interessierten ihre Betreuer jedenfalls nie: Liebevoll hüteten sie Gläser mit Heimaterde und andere eher skurrile Dinge, die größere Museen wohl weggeworfen hätten.

Wertheim Grafschaftsmuseum Heimatstube Donauschwaben
Donauschwäbische Heimatstube im Grafschaftsmuseum in Wertheim

Das Innenministerium, für das Kulturerbe der Vertriebenen zuständig, zählte vor zehn Jahren in Baden-Württemberg rund 80 „Heimatsammlungen“. Die Erhebung vermittelte das Bild eines Paralleluniversums für Insider: Die Hälfte der Heimatstuben war nur „nach Vereinbarung“ oder allenfalls einmal pro Monat am Sonntagnachmittag geöffnet. Ein ganzes Viertel wurde als „aufgelöst oder nicht öffentlich zugänglich“ gemeldet. Ihre ehrenamtlichen Gründer würden kaum Nachfolger finden. Außerdem seien Kommunen immer unwilliger, dafür gratis Räume zu überlassen.

Erben vermachen nun Erinnerungsstücke der Vertriebenen zunehmend öffentlichen Museen, etwa der Ostdeutschen Galerie in Regensburg. Das Donauschwäbische Zentralmuseum in Ulm hat fünf Heimatstuben übernommen. Das „Brünner Heimatmuseum“ aus Schwäbisch Gmünd kommt in das neue Sudetendeutsche Museum, das 2019 in München eröffnet wird. In Gärtringen beschloss der Gemeinderat, die „Altvater Heimatstube“ dem in Berlin geplanten Vertriebenen-Museum zu übergeben. Wenn bloß die Platzprobleme nicht wären: Um „Doppelungen mit der eigenen Sammlung“ zu vermeiden, will Markus Lörz vom Siebenbürgischen Museum in Gundelsheim „nur ausgewählte Stücke aufnehmen“.

Bietigheim Zuckmantler Heimatstube
Zuckmantler Heimatstube in Bietigheim

Vielleicht wäre das Interesse an den Memorabilien dort am größten, wo sie einst hergekommen sind? In Einzelfällen hat sich das Verhältnis von Vertriebenen zu ihrer ehemaligen Heimat tatsächlich verbessert: Der Dachverband der Memelländer in Mannheim gab sein Archiv als Dauerleihgabe der Bibliothek von Klaipeda in Litauen.

Die häufigste Lösung, in Baden-Württemberg bereits in rund 30 Kommunen: Heimatstuben werden in Heimatmuseen integriert, zumindest zum Teil. Im Beinsteiner Torturm in Waiblingen zum Beispiel, wo es früher eine „Csávolyer Heimatstube“ gab, will das Stadtmuseum nächstes Jahr eine Zweigstelle zu „Flucht, Vertreibung und Migration“ eröffnen – auch mit alten ungarndeutschen Exponaten. In Kirchheim unter Teck verspricht Dennis Koep, der städtische Pressesprecher, das derzeit neu gestaltete Stadtmuseum werde „die Objekte der Heimatstuben Freiwaldau-Bieletal und Bulkes berücksichtigen – ein wichtiges Kapitel der Nachkriegsgeschichte“.

Als eines der ersten Museen hat das Humpis-Quartier in Ravensburg ein ganzes Kabinett im Stil einer Heimatstube eingerichtet. Das erfreue durchaus nicht alle Heimatvertriebenen, berichtet die Historikerin Elena Bitterer: Wissenschaftler wählen Leihgaben aus, verbannen andere ins Depot – für manche sei das geradezu eine erneute Vertreibung. Jedenfalls Fremdbestimmung. -Wer die Deutungshoheit nicht verlieren will, kümmert sich um seine Vergangenheit lieber selbst.

Martin Ebner

Info:
Volkskundler haben ein Verzeichnis aller Heimatstuben in Deutschland erstellt, das allerdings nicht immer aktuell ist: www.bkge.de/Heimatsammlungen/


Ravensburg Humpis Wegweiser
Museum Humpis-Quartier in Ravensburg: Straßennamen erinnern an ehemals deutsche Orte

Exotische Deutschländer

Mallorca und die Malediven können die meisten Deutschen verorten. Aber die Schwäbische Türkei? Oder Syrmien? Die Dobrudscha? In der Broschüre „Gerettet – gesammelt – gesichert. Heimatsammlungen von Vertriebenen und Flüchtlingen in Baden-Württemberg“ zeigen Landkarten, wo es bis zum Zweiten Weltkrieg in Osteuropa deutschsprachige Siedler gab. Erhältlich ist das schön gestaltete Heft beim Haus der Heimat in Stuttgart: www.hdhbw.de

Bis auf wenige Ausnahmen sind Heimatstuben nur nördlich der Autobahn Ulm – Karlsruhe zu finden. In der amerikanischen Besatzungszone wurden gleich nach 1945 Sudeten- und Ungarndeutsche angesiedelt. Die französischen Besatzer im Süden erlaubten dagegen erst später den Zuzug, vor allem von Ostpreußen, Pommern und Schlesiern – und die haben ihre Heimatsammlungen nun meist in norddeutschen Erstaufnahme-Orten.

Ein Fünftel der heutigen Bevölkerung Deutschlands stammt von Heimatvertriebenen ab. Von den insgesamt rund 14 Millionen deutschen Flüchtlingen und Vertriebenen kamen bis 1961 etwa 1,6 Millionen nach Baden-Württemberg. In Berlin errichtet die Bundesregierung ein „Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung“. Die Eröffnung verzögert sich allerdings schon seit Jahren: www.flucht-vertreibung-versoehnung.de
Damit unzufrieden, lässt der Bund der Vertriebenen fünf eigene Wanderausstellungen durch Deutschland touren: www.z-g-v.de

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Published, Aperis: Südwestpresse, 2. Februar 2019

In der Kreide-Zeit

Lernen ohne schnelles Internet: Schulmuseen erinnern an Freud und Leid früherer Bildungsmaßnahmen.

War die Klassenarbeit eine „Zwei“ oder bloß eine „Zwei minus“? Noten sind ein paar Jahre lang furchtbar wichtig – später fragt nie wieder jemand danach. Trotzdem werden Schulzeugnisse aufgehoben. Manche wollen sich nicht einmal von ihrem Klassenzimmer trennen: Wenn ein Heimatmuseum im alten Schulhaus untergebracht ist, wie zum Beispiel in Neu-Ulm-Pfuhl oder in Burladingen-Hausen, liegt es nahe, abgewetzte Pulte und Schreibtafeln zu zeigen. Mehr als 200 Museen in Deutschland haben sich sogar auf nichts anderes spezialisiert als Schulranzen, Fleißkärtchen und den Unterricht vergangener Tage.

Erst seit kurzem wird die Erziehung der Jugend globalen Digital-Konzernen überlassen. Traditionell kommandierten Staat und Kirche, was gelernt werden soll. Das im Herbst wiedereröffnete Schulmuseum im Schloss Ichenhausen bei Günzburg ist eine Filiale des Bayerischen Nationalmuseums. Im Ländle erinnert die Bildungshistorie an längst verblichene Obrigkeiten, bis heute sauber getrennt: Im ehemaligen Großherzogtum Baden gibt es von der alten Schulstube in Meckesheim über Karlsruhe-Palmbach bis Hüfingen fünf Schulmuseen; im früheren Königreich Württemberg gibt es sieben, von Obersulm-Weiler über Schwäbisch-Gmünd bis Friedrichshafen. In Biberach wurden einst nicht nur In- und Ausländer unterschieden: Katholiken krakelten auf ganz schwarzen Schiefertafeln, Nachwuchsprotestanten dagegen auf halbseitig karierten.

Kinder begeistert vor allem, dass in Ausstellungen zum historischen Büffeln oft Anfassen erlaubt ist. Im Schulmuseum Nordwürttemberg in Kornwestheim zum Beispiel können sie sich in urige Schulbänke drücken und mit quietschenden Griffeln an Sütterlin-Schrift versuchen. Ganz Tapfere probieren Strafen aus, mit denen zum Teil noch die Großeltern traktiert wurden: einen Holzesel reiten oder auf einem Holzscheit knien. Peinlich schmerzhaft!

Heutige Pädagogen gruselt auch das Schicksal ihrer Vorgänger: In nicht so guten alten Zeiten waren Bezahlung, Arbeitsbedingungen und Dienstwohnungen für Schulmeister jämmerlich. Erste Lehrerinnen wurden in Württemberg ab 1858 an Volksschulen geduldet, falls die jeweilige Gemeinde zustimmte. Wenn sie heirateten, verloren sie bis zur Weimarer Republik nicht nur ihre Stelle im Schuldienst, sondern auch ihren Pensionsanspruch.

Mit Lehranstalten verbinden sich oft unschöne Erinnerungen. Schlimmer als Schule ist aber, nicht zur Schule gehen zu dürfen. Frauen wurde lange keine höhere Bildung gegönnt. In Württemberg durften die ersten Mädchen ab 1909 Abitur machen und dann studieren. Eine gemeinsame Grundschule für alle Kinder gibt es erst seit 1922. Das Schulmuseum Friedrichshafen erinnert nicht nur an die „Schwabenkinder“, die in der Landwirtschaft schuften mussten, sondern auch an minderjährige Zwangsarbeiter der Rüstungsindustrie im Zweiten Weltkrieg. Daneben zeigen Flakhelfer-Fotos aus der Nazi-Zeit, dass Kindersoldaten keineswegs nur in Afrika vorkommen.

Immerhin kümmern sich Designer um das Wohl junger Körper. Die Vereinigten Spezialmöbelfabriken in Tauberbischofsheim, die bereits seit dem Jahr 1898 in aller Welt Schulen ausstatten, präsentieren in ihrem Museum stolz Modelle von Charles Eames, Verner Panton und anderen berühmten Gestaltern. Über Mobiliar wie die platzsparende „Rettig-Bank“, besonders aber den leichten, ergonomisch durchdachten „VS-Holzkufenstuhl“ sind schon Millionen Schulkinder gerutscht. Wenn schon das Zeugnis nichts taugt, soll doch wenigstens der Rücken gesund bleiben.

Martin Ebner

Links (last update: 06.03.2020):
Bildung ist Ländersache, und der Horizont reicht nicht immer über die Grenze. Diese Webseite führt zu Schulmuseen und Heimatmuseen mit historischen Klassenzimmern in ganz Europa: www.schulmuseum.net

Das VS-Möbel- und Architekturmuseum in Tauberbischofsheim ist nur nach Vereinbarung zu besichtigen. Im Internet bietet es aber eine ganze Kulturgeschichte der Schule: www.vs.de/schulmuseum/


Friedrichshafen Schulmuseum
Esel im Schulmuseum Friedrichshafen

Selbstentfaltung (noch) nicht museumsreif

Werbung für Bildungsexperimente kann man den heimischen Schulmuseen nicht vorwerfen: Nur ganz am Rande erwähnen sie, dass schon lange nach Alternativen zum staatlichen Schuldrill gesucht wird. Dabei ist Reformpädagogik einer der Exportschlager von Baden-Württemberg. Die Schule Schloss Salem etwa vermittelt schon seit fast 100 Jahren neben theoretischem Wissen auch praktisch-handwerkliche Fähigkeiten. Zu ihrer internationalen Absolventen-Schar gehört immerhin zum Beispiel der Prinzgemahl der englischen Queen.

Die Idee, dass es zur Persönlichkeitsbildung weniger Auswendiglernen und Zensuren, sondern mehr Kunst, Konzerte und Gärtnern brauche, wird außer von teuren Internaten besonders von den Waldorf-Schulen in die Welt getragen. Ihren Namen verdanken sie der ehemaligen Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik in Stuttgart: Anno 1919 richtete Rudolf Steiner dort für die Kinder der Arbeiter auf der Uhlandshöhe eine Betriebsschule ein – eine der ersten Gesamtschulen, und erst noch für Jungen und Mädchen gemeinsam.

Arbeiter-Sprösslinge sind mittlerweile in Waldorfschulen eher selten. Ansonsten ist das Schulmodell ohne Sitzenbleiben ein durchschlagender Erfolg: Von Alaska bis Fidschi gibt es bereits über 1100 Waldorfschulen, dazu kommen rund 2000 Waldorfkindergärten. Selbst im Silicon Valley können Kinder ohne Smartphone und Digitalgedöns aufwachsen, vorausgesetzt die Eltern bringen für ein Jahr an der Waldorf School in Los Altos an die 40.000 Dollar auf. Ein Waldorf-Schulmuseum oder wenigstens eine Ausstellung dazu gibt es noch nicht. Das wird sich aber vielleicht in diesem Jubiläumsjahr ändern: www.waldorf-100.org

Siehe auch: „Erziehung zur Freiheit“: 100 Jahre Waldorf-Schulen

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Published, Aperis: Südwestpresse, 13. April 2019

Schutz und Schmuck

Vom praktischen Alltagskleid zum frivolen Modeaccessoire: im Schwarzwald ist eine Ausstellung zur Geschichte der Schürze zu sehen.

Drei grandiose Universalwerkzeuge hat die Menschheit bisher zustande gebracht: Smartphone, Schweizer Taschenmesser – und Schürze. Wobei so ein Stoffkittel ganz entschieden überlegen ist, wenn man Äpfel auflesen, Gartenscheren verstauen, Gläser polieren, Nase putzen oder verschmierte Kinder abwischen will. Eine Schürze bietet viel Platz für Taschen, Verzierungen, schlaue Sprüche. Sie bewahrt andere Kleider vor Schmutz und Abnutzung. Sie kann auch am Ofen aufgewärmt und ins kalte Bett mitgenommen werden. Zum guten Schluss taugen ihre Reste als Putzlumpen.

„Jede Schürze hat eine Seele“, schwärmt Ute Dwinger, die Vorsitzende der Landfrauen in Schmalfeld bei Hamburg. Sie sammelt leidenschaftlich Schürzen, bisher schon über 700 – und die dazugehörenden Geschichten. Ihr Fundus ist die Grundlage für die Wanderausstellung „Angebandelt“, die unter der Leitung von Esther Gajek in einem Seminar an der Universität Regensburg entstanden ist. An Stoff dazu mangelt es auch sonst nicht; schwieriger wäre es, historische Alltagsfotos ohne beschürzte Menschen zu finden.

Waschmaschinen, billige Jeans und Funktionskleidung machten schützende Kittel weniger notwendig; ab ungefähr 1960 änderte sich die Mode. Davor aber begleiteten Schürzen durchs ganze Leben. Oft war eine Schürze das erste Kleid, auch für kleine Buben. Nach dem Tod trugen die Angehörigen ein Jahr lang eine schwarze Schürze. Anschließend war im Renchtal für ein weiteres halbes Jahr eine „halbschwarze“ üblich, mit silbergrauen Blumen geschmückt. Im Neckartal hieß die dezente, wieder lebenszugewandte Bemusterung „Austrauerschwarz“.

Die ältesten Schürzen sind ab dem 13. Jahrhundert belegt. Zunächst waren sie Männersache: robuste, zum Teil aus Leder gefertigte „Fürtücher“ für Schmiede, Schreiner, Gerber, Gärtner und zahlreiche andere Berufe. In Südtirol tragen Bauern und Handwerker bis heute einen blauen Werktagsschurz, „Fürtig“ genannt. Um 1930 wechselten viele Werktätige zu Arbeitskitteln, Latzhosen und Schutzanzügen. Aber zum Beispiel ein Grill-Weltmeister ohne Schürze? Nach wie vor undenkbar.

Bei der Weiblichkeit setzten sich Schürzen im 16. Jahrhundert als eigenständige Kleidungsstücke durch, zuerst als Standessymbol von Bäuerinnen. Am französischen Hof kamen Schürzen mit angenähten Lätzchen in Mode. Bald wurde auch in Bürger-Haushalten ganz in weiß serviert, mit Rüschen und Spitzen. Von jungen Frauen wurde lange erwartet, dass sie in freien Minuten kunstvoll Schürzen für ihre Aussteuer besticken – denn die Schwiegermutter in spe wollte Kompetenznachweise in Sachen Haushalt sehen. In einem für die Ausstellung gedrehten Film berichtet die betagte Bäurin Anni Sigl, dass sie aus ihrer Kittelschürze praktisch nie herauskam.

Bis in die 1960er Jahre waren Schürzen für Schulmädchen Pflicht: Sie sollten gegen Eitelkeit und Stolz, Tinten- und Kreideflecken helfen. Die Kluft für den Kochunterricht wurde im Handarbeitsunterricht gleich selbst gemacht, schließlich sollte eine gute Hausfrau, Gattin und Mutter unbedingt auch Zuschneiden, Nähen und Säumen können. Von Mädchen, die älter wirken wollten, wurden die Schulschürzen innig gehasst und schnellstmöglich ausgezogen. -Mittlerweile sind derartige Traumata meist längst vergessen. Schürzen sind Vintage, und Schnittmuster samt Anleitungen für das Dirndl-Zubehör gibt es im Internet.

Martin Ebner

In Oberkirch im Renchtal war die Ausstellung „Angebandelt – ein Date mit der Schürze“ bis 26. Mai 2019 im Heimat- und Grimmelshausenmuseum zu sehen: www.oberkirch.de


Beachtung für Heimchen am Herd

Jahrhundertelang waren Schürzen treu an unserer Seite. Dafür werden sie von der Wissenschaft ziemlich schofelig behandelt. Immerhin hat Elke Gaugele, inzwischen Professorin an der Wiener Akademie der Bildenden Künste, eine Doktorarbeit dazu geschrieben: „Schurz und Schürze. Kleidung als Medium der Geschlechterkonstruktion.“ Von der venezianischen Mode-Historikerin Elda Danese gibt es das Buch „La vestaglietta. Una storia tra erotismo e moda“ – was besser klingt als die deutsche Inhaltsangabe „Kittelschürzen im italienischen Film seit 1920“. Und das war es auch schon mit Werken zur Kulturgeschichte der Schutz- und Schmuck-Klamotten.

Viele Museen haben Schürzen in ihren Sammlungen, allein schon deshalb, weil sie zu überlieferten Trachten, zu Berufskleidung, aber auch zum traditionellen Ornat der Freimaurer gehören. Eigens erwähnt oder gezeigt werden sie aber nur selten. Spezielle Schürzen-Museen gibt es in dem weißrussischen Dorf Bezdezh, wo man stolz auf bestickte Volkskunst ist, und in dem amerikanischen Städtchen Iuka, Mississippi, wo Carolyn Terry mehr als 3.500 Schürzen zusammengetragen hat.

Ab und zu werden Schürzen mit Sonderausstellungen gewürdigt. Das baden-württembergische Museum für Alltagskultur im Schloss Waldenbuch zeigte vor neun Jahren „beSCHÜRZENd – Eine Hommage an ein weibliches (?) Kleidungsstück“. Das Historische Museum im ostfriesischen Aurich, das selbst über 300 Schürzen besitzt, hat zu seiner Schau „Wer trug schon Schürze? – von Arzt bis Zofe“ auch einen Katalog mit dem gleichen Titel herausgegeben.

Die Schürzen-Sammlerin Ute Dwinger, das Stadtmuseum Deggendorf und Kulturwissenschaftler der Universität Regensburg haben im Jahr 2015 die Ausstellung „Angebandelt“ zusammengestellt. Sie wurde seither in verschiedenen Orten präsentiert und dabei jeweils mit regionalen Leihgaben ergänzt. Zum vorerst letzten Mal ist sie nun in Oberkirch bei Offenburg zu sehen.

N.B. (06.03.2020):
Zum Kittelwesen informiert auch Frau Heinz: www.kulturversorgung.de



Foto: Souvenirs of East German refugees in the Museum Humpis-Quartier in Ravensburg, Germany. Memoraĵoj de orientgermanaj rifuĝintoj en muzeo de Ravensburg, Germanujo. Eine Puppe in pommerscher Konfirmandentracht und Gläser mit Sand vom Ostseestrand: Ostdeutsche Heimatsammlung im Museum Humpis-Quartier in Ravensburg.

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