Burning of carnival in Konstanz, Germany

Geschichte: Hexen- verfolgung (Ausstellung in Luxemburg)

About: Historical exhibition in Luxemburg about the persecution of whitches
Pri: Ekspozicio en Luksemburgo pri historio de sorĉistin-persekuto
Published, Aperis: Süddeutsche Zeitung, 08.07.2000


„Es könnte auch eine Nachbarin sein“

Beten, läuten, brennen: Die Ausstellung „Incubi Succubi“ in Luxemburg inszeniert das Grauen der Hexenverfolgungen

Es sieht ganz harmlos aus. Manche Touristen, die in Luxemburg gemütlich auf der Corniche entlangschlendern und den Ausblick auf Festungsmauern und putzige Altstadt genießen, halten die drei mannshohen Holzpfähle mit den rostigen Ketten und dem Reisig davor auf den ersten Blick für eine moderne Skulptur. Was da auf einem kleinen Rasenstück steht, ist aber ein Scheiterhaufen; und er ist gebrauchsfertig. Er müsste nur angezündet werden.

Die Hinrichtungsstätte wurde vor dem Luxemburger Stadtmuseum aufgebaut als Teil der spektakulären Ausstellung „Incubi Succubi. Hexen und ihre Henker bis heute“. Schon der Untertitel macht deutlich, dass es sich dabei nicht um eine traditionelle Geschichtsausstellung handelt. Die Schau soll keine umfassende historische Dokumentation der Hexenjagden sein, die im 16. und 17. Jahrhundert im Gebiet zwischen Maas und Mosel, also in den Herzogtümern Lothringen und Luxemburg, in Kurtrier und den Eifelherrschaften, besonders viele Opfer gefunden hatten.

Vielmehr wollen die Ausstellungsmacher, der deutsche Regisseur Volker Geissler und die Luxemburger Historiker Marie-Paule Jungblut und Guy Thewes, einen Einblick in die Lebenswelt und die Mentalität jener vergangenen Zeit gewähren, „in der sich aus einer nur vorgeblichen Idylle ein Bedrohungsszenario in einem Klima der Angst entwickelte, an dessen Ende fast zwangsläufig schwere Hexenverfolgungen stehen mußten“. Die Ausstellung soll aber auch auf immer noch aktuelle „Strukturen historischer Vorgänge und kollektiver Phantasien“ hinweisen und zum Nachdenken über Intoleranz, die Verfolgung von Außenseitern und den Umgang mit Gewalt anregen. Denn: „Die Scheiterhaufen mögen zwar der Vergangenheit angehören, die komplizierten zwischenmenschlichen Umstände, die sie ermöglichten, aber sind noch längst nicht von der Bildfläche verschwunden.“

Zur Veranschaulichung dieser irrationalen Phänomene werden Techniken des Theater eingesetzt: überraschend, ästhetisch, emotional. Für Volker Geissler, der die Bühne zugunsten des Museums aufgegeben und zum Beispiel 1996 in Düsseldorf die Ausstellung „Ich Narr des Glücks – Heinrich Heine zum zweihundertsten Geburtstag“ inszeniert hat, ist das Museum ohnehin das bessere Theater: „Beim Theater der Aufklärungszeit wissen die da oben auf der Bühne immer alles besser. Unsere heutige Zeit, wo es mindestens drei verschiedene Meinungen gibt, wenn sich drei Leute treffen, läßt sich mit Ausstellungen, in denen man frei hin- und hergehen kann, viel besser einfangen.“

Zu Geisslers eigener Überraschung ist die Dramaturgie der Hexenausstellung „linear“ ausgefallen. Angeregt durch die Worte eines 1590 als Hexenmeister hingerichteten Mannes, der in seinem Geständnis behauptet hatte, die Macht der Teufelsdiener könne nur gebrochen werden, wenn man ausreichend bete, die Glocken läute und die Hexen verbrenne, hat er jedem der drei Museumsstockwerke, die für die Ausstellung zur Verfügung stehen, ein Stichwort zugeordnet: Nach „Beten“ folgt nun „Läuten“ und schließlich „Brennen“.

Auf der Etage des Betens tritt der Besucher in eine starre, geregelte Welt, hinter deren Idylle das Böse bereits lauert. Die Ruhe ist bedroht: Auf alten Ansichten lieblicher Luxemburger Landschaften ist am Rand der Galgen zu sehen; eine Kaminplatte ist mit dem magischen Schutzzeichen des Drudenfusses verziert; ein Dämon wurde zum Wasserspeier domestiziert und dient nun der Abschreckung anderer Geister. Da für Geissler eine Ausstellung eine sinnliche Erfahrung sein soll, hat er nicht nur visuelle, sondern auch Klangräume geschaffen: Wer über am Boden liegende Schutzamulette steigt, wird jäh von einer kreischenden Katze erschreckt. „Leicht aufzuritzen ist das Reich der Geister“, warnt eine Stimme. Den Aufgang ins nächste Stockwerk begleiten Fluggeräusche und Sprichwörter: „Der Teufel klopft an, aber der Mensch ruft herein“, „Der Mann ist für das Fegefeuer, die Frau für die Hölle“, „Was der Teufel nicht weiß, weiß eine alte Frau“ oder auch „Es ist gut wohnen, wo fromme Leute sind.“

Auf der Etage des Läutens dringt das Böse durch die Angst vor Schicksalsschlägen und Schadenszauber, durch verhexte Gegenstände, durch unter Folter abgepresste Geständnisse und über Phantasien gewaltsam in die Idylle hinein. „Hexen-Phantasien“, „Sabbat-Imaginationen“ und „Frauen-Phantasien“ werden mit Kunstwerken veranschaulicht – mit Leihgaben aus großen internationalen Sammlungen vom Kunsthistorischen Museum Wien bis zum Prado in Madrid. An die historischen Vorgänge erinnern Relikte wie Folterwerkzeuge, dämonologische Bücher oder Amulette.

Im Raum „Schuldzuweisungen“ wird ausführlich aus Heinrich Institoris‘ infamen Buch „Hexenhammer“ zitiert. „Schlecht ist das Weib von Natur“, befand der Hexenjäger im Jahr 1487, „da es schneller den Glauben leugnet, was die Grundlage für die Hexerei ist.“ Da „dem Teufel von Gott größere Hexenmacht über den Beischlaf als über andere menschliche Handlungen gegeben wird“, müsse man auf Frauen besonders aufpassen – schließlich geschehe bei ihnen „alles aus fleischlicher Begierde, die bei ihnen unersättlich ist“. Der fatale weibliche Hang zu Incubi und Succubi, also zu Unzucht mit Teufeln, sei ein nicht zu behebender Mangel, da das erste Weib aus einer krummen Rippe, „gleichsam dem Mann entgegen geneigt“, geformt worden sei. Da folglich „das Weib nur ein unvollkommenes Tier ist“, täusche es immer. Nicht einmal unter Folter würden Frauen die Wahrheit sagen.

Hart an der Grenze zu Disneyland ist der anschließende Raum: Verhörtisch, Halseisen, Mundbirnen, Daumenschrauben und ein „Hexenhemd“, das eine unglückliche Frau des 17. Jahrhunderts bei ihrer Hinrichtung tragen musste, sind im Halbdunkel ausgestellt. Beschallt werden sie mit lautem Röcheln, dazu verliest eine sachliche Stimme die von systematisch denkenden Wissenschaftlern entwickelte Checkliste für Henker und Folterknechte: „Zu fragen ist, wie die angeklagte Person den Geschlechtsverkehr mit dem Teufel vollzogen hat, …was sie nach der Rückkehr vom Hexentanz ihrem Ehemann und den Kindern erzählt hat, ….wieviele Unwetter sie herbeigezaubert hat, …alle Mittäter mit Namen zu nennen“. Er verwende „leicht übertriebene Mittel“, erklärt Volker Geissler treuherzig, um „die unvorstellbare Grausamkeit zu vermitteln“.

Immerhin ist zu erfahren, dass der in diesem Abschnitt gezeigte Folterstuhl aus Eichstätt mit all seinen vielen Eisennägeln möglicherweise gar kein echtes Folterinstrument, sondern eher ein Phantasieprodukt des 19. Jahrhunderts ist: Gleichzeitig mit der Aufhebung der Folter habe sich nämlich ein historisierendes Interesse an solchen Werkzeugen entwickelt, was „gewissen Zweifel an der Authenzität“ erlaube.

Ansonsten werden die Besucher mit den Exponaten weitgehend alleingelassen, es gibt kaum beschreibende oder erklärende Texte. Geissler will keinesfalls mit langen Erläuterungen langweilen oder bevormunden: „Ich will die Besucher in fremde Welten führen, wo sie Dinge erleben können, die sie nicht kennen. Ich will, dass sie überrascht sind und möchte, dass sie Fragen stellen.“ Die Antworten müssen sie sich dann allerdings selbst zusammensuchen, etwa aus dem wissenschaftlichen Begleitbuch.

In der Ausstellung selbst ist zum letzten Stand der Forschung nur wenig zu erfahren. Die Wissenschaftler der Universität Trier, die seit 1997 im Rahmen des Sonderforschungsbereichs 235 („Zwischen Maas und Rhein“) im Teilprojekt A5 („Zauberei- und Hexenprozesse im Maas-Rhein-Moselraum, 15. bis 17. Jahrhundert“) forschen und die die Luxemburger Schau betreut haben, werden dort nur neben anderen Autoren zitiert. „Ich glaube nicht an Objektivität“, erläutert Geissler seine Puzzle-artige Darstellungsweise: „Es gibt immer nur Annäherungen an die Geschichte.“

Daher läßt er die Besucher zum Beispiel auf einer Fahne einen Ausschnitt aus dem Buch „Die Vernichtung der weisen Frauen“ lesen, in dem Gunnar Heinsohn und Otto Steiger 1987 behaupteten, „dass die Geburtenkontrolle nicht nur durch die Hexenverfolgung weitgehend beseitigt worden ist, sondern dass die Vernichtung der weisen Frauen in bevölkerungspolitischer Absicht zur Unterbindung der Geburtenkontrolle von Kirchen und Staat ins Werk gesetzt wurde“. Daneben flattert ein Text aus dem Begleitbuch, in dem Franz Irsigler, einer der beiden Leiter des Trierer Forschungsprojekts, klarstellt, dass die „kühn behauptete demographische Zielsetzung nirgends erreicht wurde“ und den beiden Bremer Soziologen „genügend Fehler und Mißverständnisse in der Nutzung der Quellen nachgewiesen“ werden könne: „Als Historiker kann man sie vergessen, als Demagogen muß man sie weiter Ernst nehmen.“ Wie zur Versöhnung – oder ist es Spott? – wird diese Gegenüberstellung von einem dritten Historikerzitat begleitet: „Zu jeder Zeit beleuchten die Menschen die Hexen aus einem anderen Blickwinkel.“

Ständig entdecken die Wissenschaflter neue Aspekte des alten Themas. Ihre Forschungsergebnisse finden allerdings nicht immer Glauben. So ergeht es zum Beispiel der Aussage von Franz Irsigler, dass „auf dem Höhepunkt des Hexenwahns, im späteren 16. und 17. Jahrhundert, die kirchliche Gerichtsbarkeit im Vergleich zur weltlichen kaum noch eine Rolle spielte“ – unverdrossen fordern die Besucher im Gästebuch der Ausstellung „ein konkretes Schuldbekenntnis der katholischen Kirche“. Eine Zumutung, zumindest für Anhänger der direkten Demokratie, dürfte auch die Ansicht des Trierer Hexenforschers Johannes Dillinger sein, dass sich das „aggressive Verfolgungsbegehren besonders gegen Personen aus der Oberschicht“ gerichtet habe, wobei die treibenden Kräfte die „traditionellen Repräsentationsgremien der Untertanen“, etwa Gemeindeausschüsse, gewesen seien. Nicht die „Aufklärung“ habe dann das Ende der Prozesse gebracht, „sondern pragmatische Maßnahmen der sich verdichtenden Territorialstaaten: Der Kommunalismus wurde administrativ verdrängt, den Hexenprozessen wurde kein indizienrechtlicher Sonderstatus mehr zuerkannt“ – das heißt doch wohl, die Bürokratie der entstehenden Zentralstaaten habe den mordlustigen Bürgern vor Ort das Handwerk gelegt.

Gut streiten läßt sich auch über die Zahl der Opfer: Die Feministin Andrea Dworkin geht von 9 Millionen Toten aus, während Historiker schätzen, dass in ganz Europa bis zu 180.000 Menschen bei den Hexenverfolgungen zu Tode kamen, vielleicht auch „nur“ 20.000. In Lothringen jedenfalls soll es 2000 Verbrennungen gegeben haben, in Luxemburg 350 bis 700 Verfahren und für Trier, wo nach 1652 auf einen geheimen Befehl des Kurfürsten hin wahrscheinlich alle Hexenprozeßakten systematisch vernichtet wurden, lassen sich rund 800 Prozesse sicher nachweisen.

Zur Abwechslung von diesen Diskussionen und Zahlen bietet die Ausstellung Filmausschnitte, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass die Szenen aus Streifen wie The Crucible, The Devils oder Monty Python and the Holy Grail „Kinder und sensible Erwachsene schockieren können“. Diese Warnung ist für das ganze dritte Stockwerk, wo es um das „Brennen“, also um das Ausmerzen des Bösen geht, angebracht. Immerhin läßt Geissler die Ausstellung nach vielen Bildern von Scheiterhaufen, Kriegen und anderen Alpträumen mit Ironie enden: mit einer Skulpturen-Parade von „Heiligen, die alle für irgendwas gut waren“, mit Fotos von Hexentanzplätzen („Die gab’s, aber es waren nie Hexen drauf. Alles Fiktionen, wie meine Ausstellung.“) und einer Büste des Aufklärers Kant.

Im letzten Raum können die Besucher ihre eigene „Lieblingshexe“ ausstellen, wovon sie bisher auch rege Gebrauch machen. Beim Verlassen des Museums sehen sie auf der Straße einen blutroten Streifen, bei näherem Hinsehen eine Aufzählung aller Hexenlaster von Blutschande mit dem Satan bis zum Zerkochen von Kleinkindern. Dieser Schriftzug führt zu einem Garten mit „Hexenkräutern“ und weiter zum alten Luxemburger Gefängnis. In den ehemaligen Zellen wird eine moderne Hexenjagd geschildert: der Fall der ersten Luxemburger Ministerin, die 1969 in Herrenbegleitung im Badeanzug gesehen wurde und nach der folgenden Pressekampagne zum Rücktritt gezwungen wurde. Die Hetzjagd illustriere die „Unfassbarkeit der menschlichen Phantasie“, findet Volker Geissler, „man versteht es einfach nicht.“

Unfassbar ist auch, was Kindern zum Thema Hexen einfällt. Genaugenommen müßte im Keller des Luxemburger Museums neben der kleinen Ausstellung von Kinderzeichnungen ein Warnschild hängen: „Diese Ansichten können sensible Erwachsene schockieren.“ Woher wissen Grundschüler, dass „echte Hexen ganz normale Kleider tragen und wie ganz normale Frauen aussehen“? „Sie hassen Kinder schrecklich und schmieden Tag und Nacht Pläne, um sie zu vernichten“, hat eine kleine Besucherin aufgeschrieben: „Sie erledigen im Schnitt ein Kind pro Woche. Wenn sie das nicht schaffen, kriegen sie schlechte Laune. Ein Kind pro Woche bedeutet 52 pro Jahr. Sie wählen irgendein Opfer und zaubern das Kind weg. Kein Land ist hexenfrei. Eine Hexe ist stets eine Frau. Es könnte auch eine Nachbarin sein.“ – Ob der Scheiterhaufen vielleicht doch noch einmal gebraucht wird?

Martin Ebner

Infos (last update: 28.04.2014):
Die Ausstellung „Incubi Succubi“ war ist bis 29. Oktober 2000 im Musée d’Histoire de la Ville de Luxembourg zu sehen. Katalog: „Incubi Succubi. Ein historisches Lesebuch zur Ausstellung“ (ISBN der deutschen Ausgabe: 2-919878-18-2).

„Hexenarchiv“ im Hamburger Völkerkundemuseum: www.voelkerkundemuseum.com/87-0-Hexenarchiv.html

Themenportal Hexenforschung (hervorgegangen aus dem „Server Frühe Neuzeit“ der Universität München): www.historicum.net/themen/hexenforschung/


 


Foto: Burning of carnival in Constance, Germany. Bruligo de karnavalo en Konstanz, Germanujo. Fasnachtsfunken in Konstanz-Litzelstetten, Deutschland. Die Ähnlichkeit mit Hexenverbrennungen ist bestimmt nur Zufall…

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Texts of timeless beauty. Or at least some historical interest.