Museen: Die Besucher kulturell destabilisieren

About: The future of the past: world conference of museum directors in Luxemburg
Pri: Futuro de pasinteco: monda konferenco de muzeaj direktoroj en Luksemburgo
Published, Aperis: Neue Zürcher Zeitung, 13.05.2000


Museumsdirektoren zur Zukunft der Vergangenheit

Werden Museen noch gebraucht? Was ist überhaupt ein Museum? Die Besucher scheinen diese Fragen nicht zu beschäftigen, obwohl ihre Zahl seit dem Boom der 80er Jahre etwas zurückgeht. Um so mehr zerbrechen sich die Ausstellungsmacher die Köpfe. „Noch nie haben Museumskuratoren so viel über sich selbst nachgedacht“, erklärte Rosemarie Beier-de Haan vom Deutschen Historischen Museum während eines Kolloquiums der „Internationalen Assoziation der Geschichtsmuseen“ und der Stadtmuseen, zu dem Vertreter von über hundert großen Museen aus aller Welt nach Luxemburg kamen.

Einig waren sich die Teilnehmer, dass ein Museum immer „eine subjektive Konstruktion“ ist und daher keine objektiven Antworten bieten könne. Daher wolle man in Zukunft die Besucher „kulturell destabilisieren“, das heißt, sie intellektuell herausfordern und dazu bringen, „eigene Positionen in Frage zu stellen“. Die Museen wollen nicht mehr bloße Sammlungen von Objekten sein.

Den Besuchern müßten nicht unbedingt Originale gezeigt werden. In einer Ausstellung des Deutschen Historischen Museums zum Beispiel werden sie aufgefordert werden, sich vor die Kopie einer Herkulesstatue zu setzen und über die Frage „Brauchen wir Helden?“ nachzudenken – also aus der Schau „selbst etwas zu machen“. Andere Häuser, wie die demnächst in Brüssel und Marseilles eröffneten Europa-Museen kündigen „keine Exponate, sondern einen Diskurs“ an – mussten sich allerdings sagen lassen, dass Gegenstände ein „Schutz gegen ideologische Vereinfachung“ sein könnten.

Während man auch ohne Ausstellungsobjekte aukommen könne, sei die Verwendung moderner Medientechnologie Pflicht. Für Darryl McIntyre vom Nationalmuseum in Canberra ist ein Museum „eher Information als Artefakte“. Fast alle Australier hätten Internet-Anschluss und würden auch von den Museen Online-Informationen erwarten – selbst im Busch könne sich heute jeder sein eigenes virtuelles Museum zusammenstellen. Neben den hohen Kosten für die Technik sei nun die größte Herausforderung des Museums, die Online-Besucher bei der Stange zu halten.

Mark Jones vom Schottischen Nationalmuseum ging das zu weit. „Wir sollten die Macht der Gegenstände nicht unterschätzen -sie sind eine direkte Verbindung zu Menschen in anderen Zeiten.“ Von den Museen werde oft verlangt, die „verstaubten Objekte zu vergessen“ – die Museen hätten aber „weder den Sachverstand noch das Geld für den Wettbewerb der Vergnügungswelt“. Das häufige Scheitern von museumsähnlichen Attraktionen zeige, dass ein Umbau zum Freizeitpark nicht erfolgversprechend sei. Zum Beispiel habe in London der „Millennium Dome“ deutlich weniger Besucher als das altmodische British Museum.

Das bedeute nicht, dass sich die Museen nicht ändern sollten. „Wir müssen Europa ernster nehmen“, forderte Hermann Schäfer vom Bonner Haus der Geschichte. Nächsten Monat wird die virtuelle Ausstellung „Europa, eine lange gemeinsame Geschichte“ eröffnet (www.euroclio.net). „Reale“ europäische Ausstellungen gibt es noch kaum – zu schwierig ist der neue Blick auf die alten Sammlungen. Um so größer war daher das Lob für die Gemeinschaftsausstellung „Nach dem Krieg“ der Städte Lörrach, Liesthal und Mulhouse und für ein Projekt, bei dem rund um die Ostsee verschiedene Museen den Weg eines Schweden des 17. Jahrhunderts durch ihre Region verfolgen.

Die Museen wollen aber nicht nur Staatsgrenzen überwinden, sondern sich auch verstärkt um Immigranten und gesellschaftliche Minderheiten kümmern. Vorreiter ist dabei Amsterdam: Das Bibelmuseum predigt nicht mehr, sondern will auch Moslems ansprechen; das Stadtmuseum heuert Museumsführer aus den Ausländervierteln an und hat eine Homosexuellen-Kneipe originalgetreu rekonstruiert.

Nachdem endgültig alles museumswürdig geworden ist, werden Selektionsprobleme immer drängender. In den USA führte Platz- und Geldmangel zu einer Diskussion über „deaccessing“: Dürfen Museen „überflüssigen“ alten Krempel wegschmeißen oder ihre Depots zu Geld machen? Für Nanna Hermansson vom Stockholmer Stadtmuseum undenkbar. „Ich habe 2t Tabakpfeifen – und ich verkaufe keine einzige!“ Und bevor es in ihren heiligen Hallen Bier-oder Tabak-Werbung gibt, entlässt sie eher Mitarbeiter.

US-Museen müssen sich da mehr ein- und gefallen lassen. Selbst bei ihnen macht aber Sponsoring durch Unternehmen nur 4% der Einkünfte aus – die Haupteinnahmequelle sind Testamente. Dass man Erbonkel nicht mit „Berühren verboten!“ anraunzen darf, versteht sich. Die Museen wollen daher ihre Besucher nicht nur intellektuell fordern, sondern auch durch Emotionen und theatralische Inszenierung bei Laune halten.

Volker Geissler, der gerade in Luxemburg eine spektakuläre Hexen-Ausstellung gestaltet hat, erläuterte, wieso er lieber fürs Museum als für die Bühne arbeitet: Mit fremden Welten, in denen die Besucher selbst auswählen können, sei die Zeit viel besser einzufangen als mit dem „Theater des 18. Jahrhunderts, wo die da oben auf der Bühne alles besser wissen“. Schön sei aber, dass der „temporäre Charakter“ von Bühnenstücken erhalten bleibe: „Museen ändern sich dauernd. Was soll also die Aufregung?“

Martin Ebner


 


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Texts of timeless beauty. Or at least some historical interest.