Chinesische Kunst: die Sammlung Sigg

About: World’s biggest collection of modern Chinese art: exhibition of the Sigg collection in Berne, Switzerland
Pri: Ekspozicio de la kolektado de Uli Sigg en Bern, Svislando: la plej granda kolektado de moderna ĉina arto

Published, Aperis: d’Lëtzebuerger Land, 07.10.2005


Großer Vorsitzender bewundert Pissoir

Das Kunstmuseum Bern stellt erstmals die weltweit größte Sammlung chinesischer Gegenwartskunst vor

Sie leben nicht auf der Erde, sondern unter dem Himmel, ihr Kompass zeigt nicht nach Norden, sondern nach Süden, ihre Trauerkleider sind nicht schwarz, sondern weiß: das Universum der Chinesen hat mit der Welt der Europäer nicht viel gemeinsam. Schön, dass wir wenigstens ab und zu über die gleichen Dinge lachen können – oder uns aufregen. Zu dieser beruhigenden Erkenntnis verhilft die Ausstellung „Mahjong“, für die das Kunstmuseum Bern fast alle seiner Säle geräumt hat.

Die spektakuläre Schau präsentiert einen Querschnitt der Sammlung, die der Schweizer Manager Uli Sigg seit dem Tod Maos zusammenträgt. Sigg, mittlerweile Vizepräsident des Verwaltungsrats der Ringier-Gruppe, hatte 1980 in der Volksrepublik China das erste Joint-Venture mit einer westlichen Firma etabliert und zu dieser Zeit begonnen, als erster systematisch zeitgenössische chinesische Kunst zu sammeln. Seine einzigartige Kollektion umfasst mehr als 1200 Werke von 180 Künstlern, von der ersten Avantgarde bis zu Arbeiten der unmittelbaren Gegenwart. Ungefähr ein Drittel davon ist nun in Bern zu sehen – besonders Malerei und Fotografie, aber auch Holzschnitte, Skulpturen, Videos und Installationen. Die Vorgeschichte wird mit Gemälden des „Sozialistischen Realismus“ und Mao-Postern dokumentiert, von denen Sigg ebenfalls die weltweit größte Sammlung besitzt.

Ausstellung und Katalog sind lose in 12 Themenbereiche gegliedert, die die radikalen Veränderungen Chinas in den vergangenen 25 Jahren zeigen, etwa „Stadt und Land“, „Individuum und Gesellschaft“ oder „Konsumismus“. Wie beim Brettspiel „Mahjong“ sind die Besucher eingeladen, beliebig viele weitere Zusammenhänge zu entdecken. Die erste Sektion heißt „Ikonen der 70er Jahre vs. Ikonen der 80er Jahre“ und zeigt einerseits Rote Helden, andererseits Werke, die mit dem Revolutionskitsch brachen und seit der Ausstellung „China Avant-Garde“ in der Nationalgalerie Peking im Februar 1989 (der bis heute einzigen derartigen Ausstellung) Kultstatus besitzen. Dazu gehören zum Beispiel Gesichter mit verzerrtem Grinsen, die Geng Jianyi malte, nachdem er von der Kunstakademie abgelehnt worden war, da seinen Werken die obrigkeitlich erwünschte Fröhlichkeit gefehlt hatte – das übertriebene Lächeln wird nun häufig in den Werken anderer Künstler zitiert.

Viele Arbeiten parodieren die kommunistische Propaganda: Mao winkt mit der Geste des Großen Vorsitzenden ein Taxi herbei; schmächtige Künstler stellen nackt die Posen heroischer Denkmäler nach; eine Installation läßt geklone Dinosaurier, Aliens und Roboter in einer imaginären Parade im Jahr 2049 über den Tiananmen-Platz trampeln. Da die „Ereignisse“ des Jahres 1989 immer noch ein Tabu sind, beschäftigen sich Künstler gerne mit dem Tiananman-Platz und ersetzen zum Beispiel in Bildern von dem Massaker angeschossene Studenten durch blutende Pinguine. Schreibtischtätern ist Shi Jinsongs „Office Equipment“ aus Stahl gewidmet: Ein Bildschirm wird zur Guillotine, die Tastatur zur Fingerklemme, der Bürostuhl zum Nadelkissen.

Breiten Raum nimmt die Auseinandersetzung mit der westlichen Kunst ein. Bis in die 1970er Jahre von jeder Information darüber völlig abgeschottet, bedienen sich die chinesischen Künstler nun frei in der Westkunst, versetzen etwa Delacroix‘ Freiheit in eine Vorstadt von Peking oder lassen Mao Zedong („Die Kunst muss dem Volk dienen“) das Pissoir von Duchamp bewundern. Thematisiert wird auch die Bedeutung des internationalen Kunsthandels; ein Gemälde zeigt zum Beispiel wichtige US-Kuratoren auf China-Trip. Yan Lei und Hong Hao verschickten fiktive Einladungsschreiben zur Kasseler Documenta an diverse Kollegen – die alle prompt reinfielen. Zum derzeitigen „Chinakunst-Boom“ hat nicht zuletzt Sigg beigetragen, waren es doch Werke aus seiner Sammlung, die Harald Szeemann auf der Aufsehen erregenden Biennale 1999 in Venedig präsentierte.

Gleichzeitig entdecken viele Künstler die chinesische Tradition wieder: klassische Landschaften in Airbrush-Technik, Gelehrtensteine in Chromstahl, aufwändige Kaiser-Roben aus Polyvinil und Nylon. Aberwitzig auch das Werk von Xu Bing: in jahrelanger Fleißarbeit hat er über 4000 neue Schriftzeichen entwickelt, die aussehen wie normales Chinesisch, aber völlig sinnlos sind.

Ein aufgeblasenes Pferd, eine Säule aus menschlichem Fett und andere Exponate in „Das Medium Körper“, der letzten Sektion, provozieren nicht nur chinesischen Behörden. „Ruan“ von Xiao Yu, eine Bastelei mit einem menschlichen Fötus und einem toten Vogel, brachte dem Kunstmuseum Bern eine Anzeige wegen Störung des Totenfriedens, Gewaltdarstellung und Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz ein. Dem Medien- und Besucherinteresse tat der kleine Sommerskandal natürlich keinen Abbruch. Seit Anfang September werden die beanstandeten, zwischenzeitlich entfernten Objekte wieder gezeigt – in abgetrennten Räumen, wobei am Eingang jeweils gewarnt wird: „für sensible Personen nicht geeignet“. Das trifft das heutige China recht gut.

Martin Ebner

Die Ausstellung „Mahjong – Chinesische Gegenwartskunst aus der Sammlung Sigg“ war bis 16. Oktober 2005 im Kunstmuseum Bern zu sehen, danach z.B. in Hamburg.
Katalog (deutsch, englisch): Matthias Frehner und Bernhard Fibicher (Hrsg), Hatje Cantz Verlag, 360 Seiten, 65 SFr, ISBN 3-7757-1612-2

N.B. (14.11.2014):
Some 1.500 works of the Sigg Collection are now in the M+ Museum in Hong Kong, West Kowloon Cultural District.



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Texts of timeless beauty. Or at least some historical interest.