Bizarre Briefe erregen Verehrer des Bayernkönigs Ludwig II.

About: Old letters enrage fans of Bavarian king Ludwig II: Obviously his royal bizarreness had been homosexual.
Pri: Malnovaj leteroj kolerigas partianojn de bavara reĝo Ludwig II: evidente la moŝto estis samseksemulo.
Published, Aperis: Neue Zürcher Zeitung, 04.10.2001


„Verbrenne dieses Blatt!“

Bei Bayerns Königstreuen habe sich Ende August Katerstimmung breitgemacht, berichtet schadenfroh das Berliner schwullesbische Magazin „Siegessäule“. Dafür hat Ludwig II. nun möglicherweise neue Verehrer. Ein Buch mit bisher unveröffentlichten Briefen, das der Aschaffenburger Anwalt Robert Holzschuh ausgerechnet zum 156. Geburtstag des unvergessenen Alpen-Idols vorstellte, will nämlich zeigen, dass der Märchenkönig nicht nur verzweifelt nach Geld für seine Schlösser, sondern auch nach immer neuen Lustknaben suchte – „ein bayerisches Trauma“.

Die Schreiben, die der 1886 entmündigte Kini an den Marstallfourier Karl Hesselschwerdt gerichtet und mit dem Vermerk „Verbrenne dieses Blatt!“ versehen habe, seien „mit grosser Klarheit“ formuliert, so dass man an Irrsinn „nicht ohne weiteres glauben kann“, schreibt Holzschuh. Andererseits könne man den Mäzen Richard Wagners und Erbauer von Schloss Neuschwanstein „nach den Massstäben einer rationalen Staatsführung nicht als zurechnungsfähig werten“. Wenn man Ludwig II. nicht für verrückt halte, müsse man ihn „dann auch persönlich für die unglaublichen und jammervollen Zustände am königlichen Hof verantwortlich“ machen.

Die Gewohnheiten des Königs waren merkwürdig: Er sah nicht nur Separatvorstellungen im Münchner Nationaltheater, sondern liess zuweilen auch für sich allein den Tisch decken, um mit verstorbenen Herrschern zu tafeln. Die Stalljungen mussten mal altgermanisch, mal arabisch kostümiert antanzen. Seine Verlobung mit Herzogin Sophie liess er platzen. Am liebsten zog er sich mit Richard Hornig, einem hübschen Zureiter, auf eine seiner zwanzig Berghütten zurück und war unerreichbar für seine Minister, die nur schriftliche Eingaben machen durften.

Als Hornig 1870 heiratete, habe das Majestät schlimmer getroffen als der Krieg gegen Frankreich und die Gründung des preussisch dominierten deutschen Kaiserreichs. In der Folge habe der König sich Männern zugewandt, die ihm in Bildung und sozialer Stellung weit unterlegen waren, hat Holzschuh herausgefunden: „Wenngleich wir viele grässliche Szenen nur widerwillig entschuldigen können, erwecken die Briefe doch auch Verständnis und Mitgefühl. Wir haben es zu tun mit der Tragik eines homosexuellen Lebens, das sich an der Spitze einer Gesellschaft abspielte, von der Verständnis nicht zu erwarten war.“

Ludwig II. beauftragte Hesselschwerdt, in ganz Europa „ohne Aufsehen“ nach geeigneten Partnern zu suchen: nicht viel älter als zwanzig, bärtig und auch sonst stark beharrt. Der „liebe Karl“ sollte jeweils erst ein Foto beschaffen, das 500 Mark kosten durfte, obwohl damals beim Fotografen für 50 Mark an die tausend normale Porträts zu haben waren. Dazu wünschte der König eine Zeichnung des „Kunis“, also des Geschlechtsteils.

Die Suche sei nicht sehr erfolgreich gewesen: „Die jungen Männer, die am Hof ankommen, empfinden es als abstossend, wenn ihnen ein aufgedunsener, fetter König gegenübertritt, dem die Vorderzähne fehlen, vor dem sie erschrecken, dessen Parfümierung ihnen befremdlich vorkommt und dessen Annäherungen ihnen ungewohnt erscheinen.“ Schliesslich wurden gutmütige Soldaten vom Land an den Hof abkommandiert, „zu Zwecken, von denen man bald in den Wirtshäusern hinter der vorgehaltenen Hand sprach“.

Auch die unzeitgemässen Strafen, die der König verhängte, sprachen sich herum: Auspeitschen, Augen ausstechen, gar „Verbannung nach Sibirien“. Derart abstruse Befehle wurden ignoriert. Die Minister in München störte weniger Ludwigs Sexualleben, mehr der absehbare Bankrott. Mit seinen Bauten hatte der König einen Schuldenberg von 14 Millionen Mark aufgehäuft, da halfen auch die 300 000 Mark Bestechungsgeld nicht, die Bismarck jedes Jahr schickte, und schon gar nicht Bettel-Missionen zu Bankiers in ganz Europa, zum türkischen Sultan und zu indischen Maharadschas.

Mit Verweis auf seine Tante, die wähnte, ein Klavier verschluckt zu haben, wurde Ludwig II. ohne eingehendere Untersuchung für verrückt erklärt und verhaftet. Am 13. Juni 1886 ertrank er unter ungeklärten Umständen im Starnberger See. Sein Bruder Otto, bis dahin in einer Irrenanstalt bei München verwahrt, wurde zum Nachfolger erklärt. Die persönlichen Dokumente Ludwigs II. wurden beschlagnahmt und sind bis heute nicht einsehbar. Einzige Ausnahmen: Teile seiner Tagebücher – und die 27 Hesselschwerdt-Briefe, die Holzschuh 1999 für 180 000 Mark in München ersteigerte.

Diese Schreiben seien „dumme Fälschungen“ und „wertlos wie der Neue Markt“ ereifern sich nun die königstreuen „Guglmänner“. Ludwig habe „sehr wohl Kontakte mit dem weiblichen Geschlecht gepflegt“, sei zum Beispiel „mit dem Bulyowsky-Luder durch das ganze Schloss Hohenschwangau“ gejagt. Bayerns Ministerpräsident Stoiber solle die Handschriften einziehen und das Andenken Ludwigs II. retten: „Was wäre der Welt erspart geblieben, wenn er sein Königreich der Poesie verwirklicht hätte!“

Martin Ebner

Buch:
Robert Holzschuh: Das verlorene Paradies Ludwigs II. Die persönliche Tragödie des Märchenkönigs. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main

Link (last update: 06.05.2014):
„Warum liebt unser Volk gerade diesen König?“ Die Verteidiger Ludwigs II. gehen auf ihrer Homepage Fragen nach, die „bis heute nicht schlüssig“ sind: www.guglmann.de


 



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Texts of timeless beauty. Or at least some historical interest.