EU-Sprachen: Willkommen in Babylon

About: The enlargement of the European Union to the East increases the number of official EU languages. And of minority languages.
Pri: Pligrandigo de la Eŭropa Unio pligrandigas la nombron de oficiaj lingvoj. Kaj de minoritataj lingvoj.
Published, Aperis: Südwestpresse, 04.05.2004


Reichtum und Ballast: Europa wird auch sprachlich bunter

„Mehr Einheit und mehr Vielfalt!“ jubelt die EU-Kommission in ihren Broschüren zur Ost-Erweiterung. Von Harmonie ist noch wenig zu sehen, dafür ist sicher, dass die Vielfalt zunimmt. Zumindest die sprachliche: Am 1. Mai [2004] bekommt die Europäischen Union neun weitere Amtssprachen, wenn die türkischen Zyprioten mitmachen sogar zehn. Die Zahl der Minderheitensprachen verdoppelt sich beinahe.

Bisher hatte die EU elfeinhalb offizielle Sprachen. Die „halbe“ ist das irische Gälisch: Es wird als „Vertragssprache“ nur für besondere Anlässe und Reisepässe verwendet. Die Idiome der zehn neuen EU-Mitglieder dagegen werden auf Anhieb zu – de jure – gleichberechtigten Amtssprachen. In der Praxis hat sich in Brüssel längst Englisch als Arbeitssprache durchgesetzt, wer will, kann aber bald im EU-Parlament auch Estnisch reden, im Ministerrat auf Maltesisch jammern, auf Tschechisch an die Kommission schreiben oder sich in die slowakische Ausgabe des Amtsblatts vertiefen.

Die rund 3.000 Übersetzer, die für EU-Institutionen arbeiten, bekommen deshalb für jede neue Sprache 110 neue Kollegen, die 1.000 Dolmetscher je 40. Der 120 Meter hohe Papierturm, den allein die Übersetzer der Kommission im Jahr produzieren, wird mit jeder neuen Sprache 12 Meter wachsen – oder vorher durch CD-Roms ersetzt. Wenn Rumänen und Bulgaren wie geplant 2007 dazustoßen, wird die Zahl der möglichen Sprachkombinationen von heute 110 auf 506 steigen. Bei seltenen Mischungen müssen Übersetzer auf „Relaissprachen“ zurückgreifen: Was der portugiesische Abgeordnete zur Agrarpolitik wettert, wird erst ins Englische übersetzt und von dort ins Lettische. Das dauert, und wenn die Dolmetscher nicht zufällig Fachleute für Kühe sind, haben alle Beteiligten so viel Spaß wie beim „Stille Post“-Spielen.

Tunlichst keine Fehler sollten sich in Gesetzestexte einschleichen. Ein Übersetzer schafft da am Tag vier Seiten; die über 80.000 Seiten des geltenden EU-Rechts ins Ungarische zu bringen, hat 6,5 Millionen Euro gekostet. Der EU ist diese Sprachpflege pro Jahr über 700 Millionen Euro wert. Zufrieden ist damit niemand: Engländer und Franzosen halten den Aufwand für überflüssig; andererseits fühlen sich Dialekte benachteiligt, die es noch nicht zu einer eigenen Armee gebracht haben. Wieso haben zwei Millionen Slowenen eine EU-Amtssprache, zehn Millionen Katalanen aber nicht? Europas Sprachpolitik trotz aller Anstrengungen ungerecht.

„Die Befürwortung der Vielsprachigkeit seitens der Politiker ist paradox“, klagt Florian Coulmas von der Universität Duisburg: „In der EU können die Nationalstaaten die vorherrschende Stellung ihrer Sprache nur erhalten, wenn sie sich zur Mehrsprachigkeit bekennen. Das aber ist gar keine Mehrsprachigkeit; denn Mehrsprachigkeit bedeutet, mit mehreren Sprachen leben – nicht nur, einsprachige Gruppen nebeneinander leben zu lassen. Die Probe auf sprachliche Toleranz ist nicht, ob auch Deutsch von den Institutionen der EU verwendet wird, sondern wie es um das Bretonische in Frankreich, das Makedonische in Griechenland oder das Sorbische in Deutschland bestellt ist.“

Neben den Amtssprachen gibt es in der EU nämlich noch viele weitere Idiome: Bisher waren es knapp 50 Minderheitensprachen. Nun wächst nicht nur die Bevölkerung der EU von 370 auf 450 Millionen, es kommen auch trotz aller Kriege und Vertreibungen der letzten Jahrzehnte mehr als 40 „kleine“ Sprachen dazu. Allein in Polen gibt es 16: Deutsch, Kaschubisch, Armenisch, Ruthenisch… Die Amtssprachen werden staatlich gehätschelt – die Minderheitensprachen oft nur als Privatangelegenheit geduldet.

Immerhin setzt sich die EU auch für linguistische Winzlinge ein, zumindest ein bißchen. So verpflichtet sie die Beitrittsländer, die „Charta für Regional- und Minderheitensprachen“ des Europarats einzuhalten. Dieses Abkommen, 1998 in Kraft getretenen, ist der erste internationale Rechtstext, der Minderheitensprachen definiert und Fördermaßnahmen vorschreibt.

Obwohl Frankreich und Griechenland hartnäckig Widerstand leisten, gelingt es der EU-Kommission immer wieder, Gelder für Minderheitensprachen auszugeben. Mit einer Million Euro fördert sie zum Beispiel das 1984 gegründete „European Bureau for Lesser Used Languages“ („Büro für weniger gebrauchte Sprachen“, EBLUL) mit Sitz in Dublin und Brüssel. Es unterhält ein Dokumentationszentrum, fördert neue Wörterbücher und die Ausbildung von Lehrern. Vor allem aber betreibt es Lobby-Arbeit für Sprachen, die „meist sehr klein und sehr weit weg von den EU-Institutionen sind“. Seine Mitglieder sind passende Institutionen, in Deutschland etwa das Serbski Institut in Cottbus. Was die Zukunft der kleinsten Sprachen angeht, ist EBLUL-Präsident Bojan Brezigar pessimistisch: „Wir wissen, dass es unmöglich sein wird, jede zu erhalten, aber ohne Schutz wären sie alle zum Tod verurteilt. Das wäre ein fürchterlicher Verlust für das kulturelle Erbe Europas!“

Während Minderheitensprachen untergehen, nationale Amtssprachen um Einfluss kämpfen und Idealisten Esperanto als Ausweg empfehlen, basteln die Eurokraten an einer eigenen Sprache. In „Eurodicautom“, der terminologischen Datenbank der EU-Dolmetscher, sind schon über 300.000 Abkürzungen gespeichert, die außerhalb von Brüssel kein Mensch versteht.

Martin Ebner

Links (last update: 04.05.2014):


Zur Arbeit der EU-Institutionen siehe auch den Artikel:
Europäische Union: Sechstausend Kilo Post für Europa


 


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Texts of timeless beauty. Or at least some historical interest.