Visitors of the Vatican Museums in Rome

Loquerisne Latine?

About: Latin is still a living language
Pri: Latina lingvo vivas
Published, Aperis: Südwestpresse, 26.09.1998


Wir schreiben das Jahr MMCCCLIV ab urbe condita, die ganze Welt ist von McDonald’s und Coca-Cola besetzt und Latein ist überall mausetot. Die ganze Welt? Minime! Wer lateinisch hören und lesen, vielleicht sogar selbst plaudern will, findet reichlich Gelegenheiten.

So richtig tot ist Latein eigentlich nur in den Schulen. An den deutschen Gymnasien ist die Sprache der alten Römer zwar immer noch die dritte Fremdsprache; die rund 630.000 Lateinschüler lernen lehrplangemäß auch allerhand, zum Beispiel spannende „Textreflexion“ und „Recodierung von komplexen Satzmustern“ – nur eines nicht: richtig Lateinisch sprechen.

Den meisten geht es ohnehin nur um das Latinum im Zeugnis. Wer das nicht hat, kann in vielen Studiengängen keine Examen ablegen. Das Latinum nachzuholen ist jedoch in den ständig überfüllten Uni-Kursen eine Qual. Viele Studierende opfern deshalb ihre Semesterferien für Intensivkurse – zum Beispiel am „Heidelberger Pädagogium“. Auch diesen Sommer werden dort rund 200 Teilnehmer büffeln, bei einer „Belastung von ca. 9 Stunden täglich“. Was dabei herauskommt? Bestandene Prüfungen und Schreiben von Schülern wie dieses: „Dank der tollen Kurse: nie mehr Latein!“

Daß Latein eine lebendige Sprache ist, dürfte den meisten Opfern des Lateinunterrichts völlig unbekannt sein. Tatsächlich hat das ehrwürdige Idiom aber eine überraschend große, über die ganze Welt verstreute Fangemeinde. Allein in Deutschland gibt es sieben „Circuli Latini“, die sich lateinisch unterhalten.

Der „Circulus Stuttgardensis“ etwa trifft sich jeden Monat im Restaurant „Intercity“ im Stuttgarter Hauptbahnhof. Meist kommen „fünf bis neun Teilnehmer“, sagt Eugen Ungerer, „das sind nicht nur Lateinlehrer und pensionierte Studiendirektoren, sondern auch ein chinesischer Chorsänger, ein Reisekaufmann, ein Steuerberater, ein Gartenbauingenieur…“ Besonders interessant sei es, wenn Gäste Vorträge halten oder von fernen Ländern berichten. „Es geht manchmal auch recht lebendig her.“

Meist wählen sich die Stuttgarter Lateiner ein Thema, über das sie reden wollen. Im Juli wird es um Erasmus von Rotterdam gehen. Beim Gebrauch der antiken Sprache haben zuweilen selbst die Enthusiasten Schwierigkeiten, räumt Ungerer ein: „Das Kreuz ist ja, daß nicht einmal die Lateinlehrer in ihrer Ausbildung zum Lateinsprechen erzogen werden. Wenigstens die müßten das doch im Studium üben. Es ist ein Jammer!“

Immerhin gibt es an den deutschen Universitäten für angehende Lehrer noch rund neun „Colloquia“. Im Münchner Kolloquium „De Ovidi Artis amatoriae libro secundo“ zum Beispiel „wird nur Latein gesprochen, aber nicht jeder Anwesende muß sich am Gespräch beteiligen“, sagt Professor Wilfried Stroh. „Wie bei allen nicht scheinpflichtigen Veranstaltungen läßt die Teilnehmerzahl im Laufe des Semesters nach, zur Zeit kommen rund sechzehn.“

Wegen seines reinen Cicero-Lateins ist Stroh der erklärte Liebling der deutschen Lateiner-Szene. Bekannt ist der „Extraordinarius“ für Altertumswissenschaften vor allem für seine unermüdliche Propaganda, Latein müsse wie eine moderne Sprache gelehrt, das heißt gesprochen und auch gesungen werden. Als Stroh vor ein paar Jahren mit einer Toga bekleidet gegen den neuen Münchner Flughafen protestierte und zusammen mit 500 Umweltschützern eine „Flughafenverfluchung“ (devotio nach altrömischer Sitte) veranstaltete, zog er sich den allerhöchsten Unwillen der Bayerischen Regierung zu. Um sich nicht um Kopf und Kragen zu reden, hält sich Stroh seither etwas zurück, beschränkt sich auf lateinische Festspiele und Konzerte.

Auf Strohs ersten Spielfilm (über Cicero, aber immerhin mit deutschen Untertiteln) müssen Lateinfreunde noch ein paar Jahre warten. Dafür haben sie diesen Sommer eine reichhaltige Auswahl an „Konversationsseminaren“. In ganz Europa werden von verschiedenen Vereinen mindestens acht solcher Veranstaltungen angeboten: jeweils eine ganze Woche lang nur Lateinisch reden – freiwillig und zum Spaß!.

Der Verein „L.V.P.A.“ aus dem Rheinland beispielsweise organisiert im August schon zum dritten Mal ein großes Treffen in Prag. Zum Thema: „Poetae Scriptoresque Latini Saeculi Nostri“ werden dort auch ein paar leibhaftige Poeten auftreten. Die „Societas Latina“ in Saarbrücken bietet gleich zwei Seminare: eines in Morschach über dem Vierwaldstättersee und – zusammen mit Belgiern, die für Latein als europäische Amtssprache kämpfen – eines in Madrid. Die „Septimana Latina“ (lateinisch sprechen, nach römischen Rezepten kochen) Ende Juli in Amöneburg  ist allerdings schon ausgebucht: Es gibt nur für 35 Teilnehmer Platz.

Abgewiesene Bewerber trösten sich vielleicht mit einer Stadtführung durch Tübingen. Nach Anmeldung beim Verkehrsverein,  kann man dort von dem Japaner Paul Wakai in lateinischer Sprache  „einen ganz normalen Rundgang durch die Altstadt“ bekommen. Es wird dabei lediglich „ein bißchen mehr zitiert als sonst“. Pro Jahr werden rund 10 solcher Führungen bestellt – von „bunt gemischten Gruppen: Schulklassen, Betriebsausflügen oder einfach Leuten, die ein exotisches Geburtstagsgeschenk haben wollen“.

Im Strandbad kann lateinische Literatur bei Laune halten. Keineswegs nur ernsthafte Bücher, wie die gut zwanzig „Asterix“-Ausgaben (Delta-Verlag Stuttgart) oder „Das Beste aus der römischen Graffiti-Szene“ des Zürcher Artemis-Verlags  – sondern auch eine ganze Reihe Zeitschriften. Wer etwa lateinische Kreuzworträtsel sucht, ist alle zwei Monate mit „RVMOR VARIVS“ („Gerüchte verschiedener Art“) gut bedient. Dieses Blatt aus Winterthur feiert gerade seinen 20. Geburtstag. Eher wissenschaftlich und mit Fußnoten geht es auf den Seiten der von Caelestis Eichenseer herausgegebenen  „VOX LATINA“ zu – aber es finden sich dort auch Artikel wie „De Ferrivia Algoica“ (150 Jahre Allgäuer Eisenbahn).

Noch aktueller ist zweifellos Radio Finnland mit seinen „Nuntii Latini“ – die Nachrichten der Woche auf Latein. Und nach der Sommerpause kommt im September wieder die lateinische Sendung von Blue Danube Radio (der englischen Ausgabe des Österreichischen Rundfunks). Wenn die Moderatores dort gut gelaunt sind, spielen sie Stücke von Dr. Ammondt. Dieser Latein-Rocker singt Elvis-Presley-Stücke wie „Totus Potus“ (Tutti Frutti) oder „Quate, Crepa, Rota“  (Shake, Rattle and Roll). -Wie schon Obelix immer sagte: Delirant isti Romani!

Martin Ebner

Infos (last update: 04.05.2014):


 


Foto: Antique hero, stressed by snakes and visitors of the Vatican Museums in Rome. Skulpturo de Laokoon en Vatikano. Antiker Held, bedrängt von Schlangen und Besuchern der Vatikanischen Museen in Rom.

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