Inner struggle of the dyslexic mind

Legasthenie: Tanzen mit Buchstaben

About: Researcher Maryanne Wolf on the reading brain
Pri: Sciencistino Maryanne Wolf pri cerbo kaj legado
Published, Aperis: Stuttgarter Nachrichten (†) , 20.10.2010


Das lesende Gehirn schenkt uns Zeit zum Nachdenken


Wer lesen lernt, baut sein Gehirn um und erweitert sein Bewusstsein. Die Forscherin Maryanne Wolf befürchtet, dass diese Fähigkeit in der visuellen Informationsflut des Internet-Zeitalters verloren gehen könnte.

Sokrates wetterte unermüdlich gegen das Lesen und Schreiben: Mit toten Buchstaben könne man keine lehrreichen Gespräche führen; jederzeit zugängliche Bücher vermittelten nur oberflächliche Scheinkenntnisse. Ohne Auswendiglernen und Anleitung durch Lehrer würden die Tugend, die Jugend und überhaupt alles verkommen. Nicht, dass man auf den Philosophen gehört hätte: Wenn nicht seine Schüler heimlich mitgeschrieben hätten, wüssten wir gar nichts mehr von seinem Gemotze. „Sokrates‘ Bedenken bezüglich des Wechsels von der mündlichen Überlieferung zur Schrift sind aber nur scheinbar einfältig“, meint Maryanne Wolf: „Sie betreffen viele aktuelle Sorgen. Wie die alten Griechen stehen wir vor einem höchst bedeutsamen Übergang – von einer Schriftkultur zu einer mehr digitalen und visuellen.“

Maryanne Wolf leitet an der Tufts University in Boston ein Zentrum zur Lese- und Sprachforschung. „Wir werden nicht als Leseratten geboren“, betont die Wissenschaftlerin: „Keine Errungenschaft unserer geistigen Entwicklung sollten wir weniger selbstverständlich hinnehmen.“ Babies können praktisch von Geburt an hören und sehen und mit mehr oder auch weniger Gewinn auf einen Fernseher glotzen. Dagegen haben wir keine Gene für Lesefähigkeit: Aus kleinen Punkten und Linien bestimmte Muster zu erkennen und sie mit einzelnen Lauten einer Sprache in Verbindung zu bringen, muss eigens gelernt werden.

„Unsere Urahnen haben rund 2000 Jahre gebraucht, um einen alphabetischen Code zu entwickeln. Von unseren Kindern wird erwartet, dass sie diesen Code in nur etwa 2000 Tagen knacken, das heißt, im Alter von sechs oder sieben Jahren“, erläutert Wolf. Für jüngere Kinder sei viel Vorlesen und Vorsprechen hilfreich, nicht aber richtiger Lese-Unterricht: So lange das Gehirn noch nicht biologisch ausgereift ist, das heißt, die Nervenzellen mit dem leitfähigen Material Myelin ummantelt sind, sei Schule „verfrüht und für viele Kinder sogar kontraproduktiv“. Die Köpfe von Jungen werden übrigens langsamer verdrahtet: Bis etwa acht Jahren können Mädchen schneller Benennungsaufgaben lösen.

Wer liest, verändert buchstäblich seinen Kopf: Gehirnteile, die von Natur aus für andere Aufgaben gedacht waren, werden kreuz und quer neu miteinander verknüpft. Neuronen und Nervenbahnen spezialisieren sich darauf, Buchstaben zu identifizieren. Zunächst ist das Entziffern noch mühsam: „K-a-t-z-e“. Nach vielem Üben aber, wenn alles gut geht, tanzen unsere Augen scheinbar mühelos über Beschreibungen wie „eine schnurrende Kreatur auf Samtpfoten“ – und wir begreifen sofort, was gemeint ist.

Zum Verständnis führen dabei viele Wege. Gehirn-Scans zeigen, dass verschiedene Sprachen und Schriften unterschiedliche Anpassungen der ursprünglichen Hirnstrukturen erfordern. So kann es vorkommen, dass Japaner, die von klein auf mit vier verschiedenen Schriften hantieren, nach einem Schlaganfall zwar keine chinesischen Zeichen mehr lesen können, aber weiterhin mit den japanischen Silbenschriften zurechtkommen. Entsprechend kann Leseschwäche ganz unterschiedliche Gründe haben: In Deutschland kämpfen Legastheniker vor allem mit dem flüssigen Lesen, im englischsprachigen Raum eher mit dem Entziffern, während sie in China unter fehlendem visuell-räumlichen Gedächtnis leiden.

Wer flüssig lesen kann, braucht im Schnitt für ein Wort nur eine halbe Sekunde: In den ersten 100 Millisekunden wird die Aufmerksamkeit von dem gelöst, was man gerade getan hat, zu den neuen Buchstaben hingewendet und darauf fixiert – allein für diese drei Anfangsoperationen müssen drei verschiedene Hirnareale koordiniert werden. In den folgenden 400 Millisekunden liefern andere Gehirnteile Informationen, um die erfassten Buchstaben mit Lauten, Rechtschreibkenntnissen und Hintergrundwissen zur Bedeutung zu verbinden: Was steht denn da? Erstaunlich ist auch die Wanderung der Augen entlang des Textes: Erwachsene fixieren typischerweise jeweils rund 8 Buchstaben. Gleichzeitig werden in Leserichtung rund 14 weitere Buchstaben oberflächlich wahrgenommen – als Vorschau, damit sie dann schneller verstanden werden.

„Die größte Leistung des lesenden Gehirns ist das mysteriöse, unsichtbare Geschenk der Zeit“, erklärt Wolf: „Unter Beteiligung von ganz verschiedenen Hirnregionen und Milliarden von Neuronen verschmelzen kognitive, sprachliche und affektive Prozesse fast unmittelbar.“ Wer blitzschnell, fast automatisch entziffern und verstehen kann, hat mehr Zeit zum Nachdenken. Und das wiederum ist „ein Anreiz für die Entwicklung ungeheuer wichtiger Fertigkeiten: etwa Dokumentation, Kodifikation, Klassifikation, Organisation, Internalisierung von Sprache, Bewusstsein für sich und andere sowie Bewusstsein für das Bewusstsein selbst.“

Wolf fragt sich nun, was daraus in der Online-Welt wird: „Wenn uns scheinbar vollständige visuelle Informationen fast auf einen Schlag dargeboten werden, haben wir dann noch Lust, diese Informationen zu verarbeiten? Wird sich die Sicht von Kinder auf das beschränken, was schnell und leicht erreichbar ist, so dass sie nicht mehr über ihre hochmodernen Hightech-Scheuklappen hinaussehen?“ Vielleicht liegen die Pessimisten aber auch wieder einmal ganz falsch. Jedenfalls fördert Lesen genau die geistigen Fähigkeiten, von denen Sokrates einst befürchtete, dass sie mit zunehmender Alphabetisierung verschwinden würden: logisches Denken, Analysieren und kritisches Bewerten. So ist nicht auszuschließen, dass wir vor den Bildschirmen doch nicht verblöden, sondern „neue Verbindungen in unserem Gehirn ausbilden, die unsere geistige Entwicklung auf bisher ungeahnte Weise in eine neue Richtung vorantreiben.“

"Language Barrier" von Alina and Jeff Bliumis, in der Saatchi Gallery in London, England
„Language Barrier“ von Alina and Jeff Bliumis, in der Saatchi Gallery in London, England

Legastheniker haben oft andere Talente

Wie Leseschwäche zustande kommt, ist unter Gehirnforschern nach wie vor umstritten. Sicher ist immerhin, dass Kinder mit einer Form der Legasthenie weder „dumm“ noch „faul“ sind. Oft sind sie sogar ungewöhnlich begabt: Schwierigkeiten mit Buchstaben hatten zum Beispiel Pablo Picasso, Albert Einstein und Thomas Edison.

Wenn ein Kind ohne ersichtlichen Grund, etwa abnormes Sehvermögen, Probleme damit hat, lesen zu lernen, sollte es unbedingt von Lesespezialisten und Ärzten untersucht werden: Durch intensive, auf die jeweilige Unterart der Leseschwäche abgestimmte Förderung lässt sich meist doch noch flüssiges Lesen erreichen.

Probleme mit dem Entziffern und mit den Regeln der Buchstaben-Laut-Korrespondenz werden bei Kindern meist früh erkannt. Häufiger wird dagegen übersehen, wenn Kinder zwar richtig, aber nur langsam entziffern können – auch Defizite beim Lesetempo können ein Anzeichen für Legasthenie sein.

Im digital-visuellen Zeitalter sind Legastheniker vielleicht sogar im Vorteil: Überdurchschnittlich häufig sind sie Künstler, Designer oder Architekten; oft arbeiten sie auch in anderen Bereichen, wo es darauf ankommt, in Datenhaufen Muster zu erkennen, etwa als Radiologen oder Analysten.

Martin Ebner

Buch:
Maryanne Wolf: „Das lesende Gehirn. Wie der Mensch zum Lesen kam – und was es in unseren Köpfen bewirkt“, Spektrum-Verlag, Heidelberg

Link (last update: 04.05.2014):
Tufts University Center for Reading and Language Research


 


Foto: „Inner Struggle“, a sculpture by Richard Taylor, in front of the Dyslexia Foundation in Christchurch, New Zealand; „Interna batalo“, skulpturo de Richard Taylor en Christchurch, Novzelando, por fondaĵo kiu volas helpi vortblindulojn; „Innerer Kampf“, Skulptur von Richard Taylor, am Eingang der Legastheniker-Stiftung in Christchurch, Neuseeland


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