Bicycles in Rorschach

Fahrrad-Pionier Karl Drais

About: Bicycle pioneer Karl Drais
Pri: Karl Drais, germana biciklo-pioniro
Published, Aperis: NZZ am Sonntag, 12.12.2004


Schnelldenker auf schnellen Füssen


Der Laufmaschinen-Pionier Karl Drais soll rehabilitiert werden

Kann es etwas grösseres geben als den Erfinder des Fahrrads? Nicht für Hans-Erhard Lessing: Seit Jahren kämpft der Technik-Historiker dagegen, den Freiherrn Karl Drais von Sauerbronn als skurrile Randfigur der Verkehrsgeschichte abzutun. Sein Reader „Automobilität“, eine mit umfangreichen Kommentaren versehene Sammlung von Texten und Bildern zum Leben des Laufmaschinen-Pioniers, präsentiert Drais‘ Velo-Vorläufer als „Urknall der Mobilitätsgeschichte“. Das Buch soll „vor Augen führen, dass nicht allein Fahrrad und Motorrad, sondern der mechanisierte Individualverkehr überhaupt seinen Anfang nahm“, als sich Drais 1817 in Mannheim auf ein Laufrad setzte.

In Lessings Brust wohnen zwei Seelen. Da ist zum einen der Geschichtswissenschaftler, der Technik-Entwicklung als „evolutionären Prozess“ sieht. Das romantisch-lokalpatriotische Bild vom einsamen Genie, das irgendwo in einer Werkstatt über Nacht das „erste richtige“ Motorrad oder Auto bastelt, findet er lächerlich: „Die Zeitgenossen haben nie ausgerufen: ‚Hoppla, da fährt ja das erste richtige Irgendwas!‘ Das sind nur Rückprojektionen gegenwärtiger Vorstellungen.“ Autos und Flugzeuge haben vom Fahrrad viel geerbt, etwa Kugellager, Stahlrohrrahmen und Leichtbauweise. Das Fahrrad wiederum hatte Lessings Material zufolge ebenfalls diverse Vorfahren, zum Beispiel Invalidenfahrstühle mit Handkurbeln oder Gartenwägelchen mit Trethebeln; mit Zweirädern konnten sich die Menschen nur anfreunden, weil sie auf Schlittschuhen und Rollschuhen balancieren gelernt hatten.

Nachbau Laufrad
Nachbau des Laufrads von Karl Drais im Deutschen Zweiradmuseum in Neckarsulm (www.zweirad-museum.de/)

Andererseits ist Lessing leidenschaftlicher Drais-Verehrer, der sein Idol, das zu Lebzeiten als „Schnell- und Scharfdenker“ belächelt wurde, als Genie verherrlicht. In alte Berichte, die Drais nicht ausreichend würdigen, schreibt er bei der Edition Anmerkungen wie „Dummschwätzer“ oder „Idiot!“. Es reicht Lessing nicht, darzustellen, wie Drais in den Notjahren ab 1812 Laufmaschinen baute, weil er es für unmoralisch hielt, Pferde zu füttern, während Menschen hungern. Der Nachweis, dass das „vélocipède“ zunächst durchaus Anerkennung gefunden hatte, genügt ihm nicht. Lessing versucht zu zeigen, dass nach Drais die fünfzigjährige Pause in der Geschichte des Fahrrads andere Gründe hatte als fehlende Asphaltstrassen und Tretkurbeln: Die Obrigkeiten verboten den „Schnellfüsslern“ die Gehwege – die zerfurchte Fahrbahn der Fuhrwerke war für sie jedoch unbrauchbar. Vor allem aber sei Drais, Beamter und Sohn des höchsten grossherzoglich-badischen Richters, „Demokrat“ gewesen. Da Zeitungen 1849 während der badischen Revolution meldeten, Drais habe auf seinen Titel verzichtet und sei von Adligen verprügelt worden, vermutet Lessing: „Alles Lächerliche, das wir von ihm zu wissen glaubten, wurde von Monarchisten lanciert. Drais war nicht ‚verkannt‘, wie immer getextet wurde, sondern politisch verfolgt!“

Da Drais‘ Gegner „alle sie belastenden Akten verschwinden“ liessen, kann Lessing seine Verfolgungsthese nicht recht belegen. Zumindest in der Heimat des ersten Velocipedisten begeistert aber seine Rehabilitation: Die Stadt Mannheim hat – dank Lessing – ihrem grossen Sohn, dem ersten richtigen Erfinder des „Zweirad-Prinzips“, ein neues Denkmal errichtet.

Martin Ebner

Buch: Hans-Erhard Lessing: Automobilität. Karl Drais und die unglaublichen Anfänge, Maxime Verlag, Leipzig 2003


 

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Texts of timeless beauty. Or at least some historical interest.