Wandspruch im Rathaus Basel

Freiwirtschaftslehre: rostendes Geld muss wandern

About: Silvio Gesell’s theories on „free money“ (without interests and with demurrage) are rediscovered.
Pri: Remalkovro de teorioj de Silvio Gesell pri mono.
Published, Aperis: d’Lëtzebuerger Land, 15.05.2009


Die Freiwirtschaftslehre wird wiederentdeckt

Für fromme Menschen waren Zinsen immer schon des Teufels; Dante verbannte die Kapitalisten auf den siebten Kreis der Hölle. Neuerdings denken sogar Börsianer über Alternativen nach: „Unser aktuelles Zinseszinssystem ist nicht die beste aller Welten“, unkt Dirk Müller. Der Frankfurter Makler, im deutschen Fernsehen gern „Mister Dax“ genannt, ruft in seinem Bestseller-Buch „Crashkurs“ zur Suche „nach besseren Wegen“ auf: „Wenn am Ende wenige Menschen alles besitzen, und der Rest nur noch für die Zinsen arbeitet – und das ist nun mal die logische mathematische Konsequenz, kann das nicht richtig sein.“ Für einen möglichen Ausweg hält Müller das Freiwirtschafts-Modell von Silvio Gesell.

Der 1862 in Belgien geborene Sozialreformer Gesell wollte die ganze Welt befreien: „Freie Liebe“ dank einer Rente für Mütter, Freihandel ohne Grenzen, Freizügigkeit für alle Menschen und „Freiland“ statt privater Bodenspekulation. Besonders hatte es dem Radikalliberalen das „Freigeld“ angetan.

Als Fabrikant in Argentinien von Wirtschaftskrisen gebeutelt, beschäftigte Gesell die Frage: Wie kann der Warenabsatz stabilisiert, Inflation und Arbeitslosigkeit vermieden werden? Die Wurzel allen Übels fand Gesell im Geld: Wie Blut im Körper müssten Zahlungsmittel im Wirtschaftskreislauf ungehindert zirkulieren. Während aber Unternehmer ihre Produkte und Arbeiter ihre Arbeitskraft auf dem Markt anbieten müssten, könnten Geldbesitzer ihre Moneten nach Belieben horten oder ins Ausland schaffen. Diesen „Streik“ des Geldes gelte es zu brechen.

Zur Abhilfe forderte Gesell, „leistungslose“ Einkommen abzuschaffen, das heißt alle Zinsen, die über Risikoprämie und Verwaltungskosten hinausgehen. Wenn Geld mit der Zeit wie Eisen rosten oder wie Äpfel verderben würde, wären seine Eigentümer gezwungen, es auszugeben und könnten keine überhöhten Zinsen mehr erpressen: „Da die Besitzer der Waren es mit dem Tausch stets eilig haben, so will es die Gerechtigkeit, dass auch die Besitzer des Tauschmittels es eilig haben sollen.“

Bis zu Gesells Tod im Jahr 1930 wurde seine Idee, dem Geld mit einer Umlaufgebühr Beine zu machen, nirgends ausprobiert. Als Finanzminister der Räte-Republik in München wurde Gesell 1919 nach einer Woche von Kommunisten abgesetzt. Den Behörden der Schweiz, wo der Querdenker einen Bauernhof hatte, war die „Marktwirtschaft ohne Kapitalismus“ ebenfalls suspekt – sie verboten ihm die Einreise.

Während der Weltwirtschaftskrise gab es in Deutschland vom Bayrischen Wald bis zur Insel Norderney verschiedene Anläufe zu Schwundgeld, die aber umgehend von der Reichsbank abgewürgt wurden. In Ulm zum Beispiel wurden die im Juli 1931 ausgegebenen „Wära“-Scheine bereits im August von der Polizei wieder eingesammelt. Als einziger ernsthafter und gut dokumentierter Versuch kann das Währungsexperiment in dem Tiroler Marktflecken Wörgl gelten.

Nach dem Börsenkrach von 1929 forderten Gläubiger ihre Kredite zurück, Handel und Produktion brachen zusammen, die Arbeitslosigkeit explodierte, und wer noch Geld hatte, hielt es in der Hoffnung auf weiter fallende Preise zurück. Im Frühling 1932 war die Gemeinde Wörgl pleite. In dem Bahnknoten an den Linien Zürich-Wien und München-Rom konnten die 4.200 Einwohner keine Steuern mehr zahlen. Die Region zählte 1.500 Arbeitslose. 200 waren bereits „ausgesteuert“ – woher Mittel für die Armenfürsorge nehmen? Dem sozialistischen Bürgermeister Michael Unterguggenberger waren die Parolen seiner Partei keine Hilfe. Er entschied, es mit Gesells antimarxistischer Freiwirtschaft zu versuchen.

Am 5. Juli 1932 stimmten vom Gewerkschafter bis zum Heimwehr-Offizier alle Gemeinderäte dem Projekt des Bürgermeisters zu – allein das war am Vorabend des österreichischen Bürgerkriegs eine Leistung. Die Gemeinde gab im Gegenwert von 32.000 Schilling und mit einem Kurs von 1:1 „Arbeitsbestätigungen“ aus. Pro Monat verlor jeder dieser Scheine 1 Prozent seines Werts, zum Ausgleich waren Wertmarken aufzukleben. Beim Rücktausch in Schilling wurden 2 Prozent fällig. Die Gebühren kamen dem kommunalen Armenfonds zugute.

Die Wirkung der Do-it-yourself-Währung mit eingebauter Abwertung war erstaunlich. „Im Dorf herrschte Aufbruchstimmung. Die Leut‘ waren stolz auf sich“, erinnerte sich später der Arbeiter Josef Elsner. Anders als im Rest des Landes sank die Arbeitslosigkeit, belebte sich der Handel. Mit den plötzlich wieder fließenden Steuergeldern asphaltierte die Gemeinde Straßen, baute Brücken, Kanäle und eine Sprungschanze, erschloss die Aubachklamm, stellte Straßenlampen und Ruhebänke auf.

Das „Wunder von Wörgl“ kam in die Schlagzeilen der Weltpresse. Frankreichs Ministerpräsident Daladier pilgerte ebenso dorthin wie zahlreiche Ökonomen. Während Gegner Schwindel vermuteten, fand Claude Bourdet von der ETH Zürich „ein neues Mekka der Volkswirtschaft“. Alles gedeihe und „die Arbeiter, die man auf den zahlreichen Bauplätzen trifft, sind fanatische Freigeldler.“

Unterguggenberger agitierte auch auswärts erfolgreich: Kitzbühel und andere Nachbarn gaben ebenfalls Schwundgeld aus, rund 200 weitere Orte bereiteten sich darauf vor. In der Schweiz liebäugelten Brienz, Biel und Luzern damit – bis dort weitere Vorträge des Finanzrebells verboten wurden. In Tirol mussten Regionalbehörden, die die „anerkennenswerte Selbsthilfeaktion“ mit bürokratischen Finten gegen die Nationalbank verteidigt hatten, nach 14 Monaten kapitulieren. Am 15. September 1933 wurde das Schwundgeldverbot der Wiener Regierung durchgesetzt – und die rasch wieder ansteigende Arbeitslosigkeit den Nazis zur weiteren Nutzung überlassen.

Bis heute ist umstritten, ob ein regionaler Währungskreislauf mit zinslosem Geld aus der Krise hilft oder ökonomischer Unsinn ist. Die Wörgler jedenfalls denken gern an ihre Vorfahren: Das Schwundgeld-Experiment wird nicht nur im Heimatmuseum gewürdigt, sondern auch mit einem Wanderweg und Denkmälern, gelegentlich auch mit Theaterstücken und einer eigens komponierten Freigeld-Musik. Mit dem Unterguggenberger-Institut will sich Wörgl als „Kompetenzzentrum für Komplementärwährungen“ profilieren.

Während Gesell das herkömmliche Geld ganz abschaffen wollte, denken seine heutigen Anhänger meist lediglich an eine zinslose Zweitwährung. „Die Geschichte hat gezeigt, dass duale Systeme sehr gut funktionieren“, meint zum Beispiel Bernard A. Lietaer, ein Ex-Manager der belgischen Zentralbank. Im alten Ägypten etwa sei mit Goldmünzen nur im Fernhandel bezahlt worden, ansonsten aber mit Getreide – einem reinen Tauschmittel, das bei Lagerung automatisch an Wert verliert. Im Mittelalter wurden die kleinen Brakteaten-Münzen regelmäßig entwertet: „Die Kathedralen, die wir heute noch bestaunen, haben Bürger mit lokalem Geld gebaut, das mit Demurrage funktionierte, gewissermaßen einer Strafgebühr für die Hortung.“ Zinsloses Geld ermutige zu langfristigem Denken und sozialem Handeln, findet Lietaer; „Zinsen dagegen zerstören auf Dauer jede Gemeinschaft.“   

Martin Ebner

Infos (last update: 06.05.2014):

Silvio Gesells Hauptwerk „Die natürliche Wirtschaftsordnung durch Freihandel und Freigeld“ ist 1916 erschienen – und mittlerweile bei Google-Books nachzulesen. Zur Freiwirtschaftslehre hat Roland Wirth die Dissertation „Marktwirtschaft ohne Kapitalismus?“ verfasst (St. Gallen, 2003). Von Bernard A. Lietaer gibt es mehrere Bücher zu Komplementärwährungen, zum Beispiel „Das Geld der Zukunft“ (München, 1999). 
Das Unterguggenberger-Institut in Wörgl veranstaltet Tagungen dazu: www.unterguggenberger.org
Weitere Lesetipps: www.geldreform.de


Foto: „Freedom is more important than silver and gold“: wishful thinking in Basle’s townhall, Switzerland. „Libereco estas pli grava ol arĝento kaj oro“: diraĵo en la urbodomo de Basel, Svislando. Frommer Spruch im Rathaus Basel, Schweiz

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