Gold vending machine

Gold aus dem Automaten

About: Gold vending machines
Pri: Vendaŭtomatoj por oro
Published, Aperis: Die Presse, 04.09.2010


Reutlingen ist bislang nicht für Glamour bekannt, auch nicht für spektakuläre Finanzgeschäfte. Genau genommen ist die Kleinstadt zwischen Stuttgart und der Schwäbischen Alb überhaupt nicht besonders bekannt. In dieser Gegend sind „hidden champions“ zu Hause: unauffällige Tüftler, die mit irgendwelchen Kleinteilen die Weltmärkte erobern. Auf die Dauer lässt sich dabei Reichtum nicht vermeiden, und dieses Geld muss dann diskret irgendwie angelegt werden – und so ist es vielleicht doch kein Zufall, dass ausgerechnet in Reutlingen der „erste Goldautomat der Welt“ entwickelt wurde.

Auf den ersten Blick sieht das Gerät, das in einem Finanzberatungsbüro in der Fußgängerzone aufgestellt ist, wie ein mit Blattgold überzogener Fahrkartenautomat aus. Neben den Schlitzen für Münzen, Banknoten und Kreditkarten und der Tastatur für den PIN-Code ist allerdings ein kleines Schaufenster eingelassen. Wenn man auf dem Monitor darüber eines der zehn abgebildeten Produkte antippt, wird in dieser Vitrine die jeweils gewählte Kostbarkeit angestrahlt. „Zur Absicherung der Kaufentscheidung“, erläutert der Unternehmer Thomas Geissler. Schließlich kostet die Gold-Unze derzeit über 1.000 Euro – ohne sinnlichen Anreiz in Form eines glitzernden Barrens schreckt da der eine oder andere Kunde vielleicht in letzter Sekunde doch noch zurück.

Die „Geissler C-B-T Holding“ beschäftigte sich erst mit erneuerbaren Energien, dann mit Olivenanbau in Kroatien. Vor allem verkaufte die Tochtergesellschaft „Infos GmbH“ aber Anteile von Investmentfonds und betreute – nach eigenen Angaben – ein Vermögen von rund 200 Millionen Euro. Als das Fondsgeschäft im Herbst 2008 einbrach, hatte Geissler ein Problem: „Ich wollte meine 15-köpfige Mannschaft unbedingt halten.“ Wo andere über die Finanzkrise jammerten und sich um den Kollaps des Euros sorgten, entdeckte Geissler jedoch neue Gewinnchancen: Er gründete die „Ex Oriente Lux AG“, die verängstigten Sparern über die Online-Plattform „www.gold-super-markt.de“ eine unkomplizierte Flucht in Sachwerte aus Gold, Silber und Platin ermöglichen soll.

Um „den Goldhandel zu entmystifizieren“ und noch mehr „Lust auf die Investition in Edelmetalle zu machen“, entwickelte Geissler zusammen mit dem schwäbischen Automatenhersteller Hess den „Gold-to-go-ATM“. Ein erster Prototyp des rund 35.000 Euro teuren und 450 Kilo schweren Geräts aus Molybdän-Panzerstahl wurde im Mai 2009 ein paar Tage lang in Frankfurt am Flughafen und im Hauptbahnhof getestet. Danach wurde weiter an der Preisanzeige gefeilt, die via Internet alle 10 Sekunden aktualisiert wird. Zur Geldwäsche-Prävention wurde für Käufe ab 1.000 Euro ein Ausweis-Scanner eingebaut. Diesen Mai installierte Geissler im mondänen „Emirates-Palace-Hotel“ in Abu Dhabi die erste permanente Anlage; im August folgte der nicht ganz so prominente Standort in Reutlingen.

Super Pit: Goldmine in Kalgoorlie, Australien
Super Pit: Goldmine in Kalgoorlie, Australien

Bestückt sind die Automaten jeweils mit rund 2 Kilo Gold. Während die Araber gerne Krugerrands und andere Münzen ziehen, haben die Schwaben lieber Barren von Heraeus und UBS. „Unsere Klientel hier ist der normale Sparer“, sagt Geissler. In den letzten Wochen habe er Gold für ungefähr 500.000 Euro verkauft. Besonders beliebt sei das 250-Gramm-Stück für rund 7.800 Euro. Von kleineren Barren rät Geissler für Anlagezwecke ausdrücklich ab: Die Herstellungskosten seien da viel zu hoch. Weil aber Goldplättchen „ein tolles Geschenk sind“, bietet der Automat auch Minibarren in Geschenkboxen an. Wer den Aufbewahrungsservice „Schwäbisches Fort Knox“ nutzen will, den Geissler in Zusammenarbeit mit einer Sicherheitsfirma in Metzingen anbietet, muss allerdings einen Lagerwert von mindestens 20.000 Euro mitbringen. Dafür wird Zugang rund um die Uhr versprochen, unabhängig von Banken und auch in Krisenzeiten.

In den nächsten Wochen will Geissler im deutschsprachigen Raum an „Standorten mit gehobener Kaufkraft, großem Publikumsverkehr und guter Sicherheitsumgebung“ rund 200 weitere Goldautomaten aufstellen und selbst betreiben. In anderen EU-Ländern können Franchise-Nehmer für 25.000 Euro und 25 Prozent Gewinnbeteiligung die Idee übernehmen; für außereuropäische Länder stellt sich Geissler ein Lizenzmodell vor. Goldautomaten werden bald selbstverständlich sein, ist Geissler überzeugt: „Vor 20 Jahren, als die Banken Geldautomaten eingeführt haben, gab es auch eine Unmenge Skepsis. Heute gehören sie zum Alltag.“

Martin Ebner

Link (last update: 26.07.2017):
Die Firma „Ex Oriente Lux AG“ ging 2014 pleite, die Webseite ist aber noch aktiv:
www.gold-to-go.com


 


Foto: Gold vending machine in Reutlingen, Germany; Vendaŭtomato por oro en Reutlingen, Germanujo; Goldautomat in Reutlingen, Deutschland

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