"Knochen" von Klaus Staeck

Regionalgeld: blühende Bürgerblüten

About: Regional currencies in Germany
Pri: Regionaj valutoj en Germanujo
Published, Aperis: d’Lëtzebuerger Land, 06.04.2007


Do-it-yourself-Währungen in Deutschland

Zu den Sitzungen der EZB wird Klaus Schlapps nie nach Frankfurt eingeladen. Als neustes Mitglied im Kreis der Zentralbanker nimmt er seinen Job trotzdem sehr ernst: Er unterschreibt persönlich jeden der „Regio“-Geldscheine, die seit März im bayrischen Voralpenland in Umlauf gebracht werden. Schlapps, im Hauptberuf Abt eines Klosters bei Kaufbeuren, ist Vorsitzender des Vereins „Ostallgäu Regional“. Er gibt eine eigene Währung heraus, weil er „etwas tun will, um der Region zu helfen, das heißt, nicht nur beten, sondern handeln“. Dass ein Mönch alternative Zahlungsmittel zirkulieren lässt, ist etwas ungewöhnlich; sonst werden derartige Unternehmen meist von engagierten Lehrern gestartet. Der Wunsch, dem Euro Konkurrenz zu machen und dem globalen Kapitalismus ein Schnippchen zu schlagen, ist aber nichts Besonderes.

Ob „Roland“ in Bremen, „Rössle“ in Stuttgart, „Zeller“ an der Mosel, „KannWas“ in Schleswig, „Sandstreuer“ in Aachen oder „Bürgerblüten“ in Kassel: immer öfter sprießen selbstgemachte Währungen aus dem Boden. 22 aktive Initiativen zählt der 2006 gegründete Regionalgeld-Verband in Deutschland, mehr als 30 sind noch in Planung. Zuerst wurde in Berlin damit experimentiert: 1993 nahmen Kneipen und Läden auf dem Prenzlauer Berg sieben Wochen lang „Knochengeld“ an. Die von Künstlern gestalteten Scheine verschwanden jedoch meist umgehend als Sammlerstück. Der bald darauf in Berlin-Kreuzberg eingeführte „Kreuzer“ fand zwar viel Sympathie, wurde aber kaum verwendet. Die meisten Währungsreformer orientieren sich deshalb lieber an dem bislang erfolgreichsten Modell: am „Chiemgauer“, den 2003 die Waldorfschule in Priem am Chiemsee etablierte.

Von den rund 500.000 Einwohnern der bayrischen Landkreise Rosenheim und Traunstein sind mittlerweile über 1.800 Mitglieder im Trägerverein des alternativen Geldes. Die vor Ort auf Sicherheitspapier gedruckten Scheine werden zwischen München und Salzburg von mehr als 550 Unternehmen akzeptiert; Sparkassen und Raiffeisenbanken bieten eigene Konten dafür an. Der „Chiemgauer“ ist mit einem Kurs von 1:1 an den Euro gebunden. Im vergangenen Jahr wurden damit 1,5 Millionen Umsatz erzielt, doppelt so viel wie 2005. Dass der Umlauf viel schneller ist als beim Euro, liegt daran, dass der „Chiemgauer“ – wie die meisten anderen deutschen Regionalwährungen – als „Schwundgeld“ konzipiert ist: Er bringt keine Zinsen, sondern verliert im Gegenteil pro Quartal 2 Prozent seines Werts. Zum Ausgleich müssen alle drei Monate Wertmarken aufgeklebt werden. Nach 12 Monaten wird ein „Chiemgauer“ ganz ungültig und kann allenfalls noch beim Trägerverein eingelöst werden. Beim Rücktausch werden 5 Prozent Gebühr fällig: Für 100 „Chiemgauer“ bekommt man dann 95 Euro; 2 Euro kassiert der Trägerverein für Druck und Verwaltung; 3 Euro gehen an andere gemeinnützige Vereine. Bisher kamen so Spenden im Wert von über 36.000 Euro für Kultur und Sport, soziale und andere gute Zwecke zusammen.

Die Idee, dass Geld als öffentliche Dienstleistung eine klar deklarierte Gebühr kosten solle und keine „leistungslosen“ Gewinne abwerfen dürfe, geht auf Silvio Gesell zurück. Dieser 1930 verstorbene Kaufmann wollte das „unwürdige Gemisch von Fürsten, Rentnern und Besitzlosen in den Boden stampfen“ und „für freie und selbständige Bürger“ eine Marktwirtschaft ohne Kapitalismus schaffen. Er fand, dass Zinsen, die über Verwaltungskosten und Risikoausgleich hinausgehen, die Geldbesitzer unfair bereichern, Unternehmer und Arbeiter aber benachteiligen. „Freigeld“ müsse vielmehr mit der Zeit wie Eisen rosten oder wie Äpfel verderben, dann würde es nicht gehortet oder bei Finanzspekulationen verzockt, sondern werde rasch für Einkäufe ausgegeben und bringe so die Wirtschaft in Schwung. Zu Gesells Lebzeiten wurde das nie ausprobiert; als Finanzminister der kurzlebigen Münchner Räterepublik wurde der Radikalliberale 1918 nach einer Woche von Kommunisten abgesetzt. Nur während der Weltwirtschaftskrise wurde Schwundgeld in Wörgl in Tirol ausgegeben und mit den Gebühren öffentliche Bauten errichtet. Der Testlauf linderte damals die Not durchaus erfolgreich, wurde aber nach einem halben Jahr von der österreichischen Nationalbank abgewürgt.

Während Gesell das herkömmliche Geld ganz abschaffen wollte, geht es seinen modernen Nachfolgern um Komplementärwährungen, die den für Spar- und Fernhandelszwecke weiterhin benötigten Euro nur ergänzen sollen. Sie wollen mit basisdemokratisch kontrolliertem Alternativgeld regionale Wirtschaftskreisläufe in Gang bringen, den Abfluss von Kaufkraft in Supermärkte, Großstädte oder nach China verhindern, Biobauern und kleinen Firmen neue Stammkunden verschaffen und die Arbeitslosigkeit verringern.

Dass Schwundgelder vor allem im reichen Süddeutschland florieren, im darbenden Mecklenburg-Vorpommern dagegen noch keine Regionalgeld-Initiative existiert, ist allerdings nicht ganz im Sinne der Theorie. „Schwundgelder sind teurer Luxus“, findet denn auch Gerhard Rösl von der Fachhochschule Regensburg, nützlich allenfalls als kurioses Souvenir für Touristen. Ein „gewisser Werbeeffekt für die Region“ sei zwar „nicht auszuschließen“, die proklamierten guten Zwecke ließen sich aber viel besser erreichen, wenn direkt Euros gespendet würden. Angesichts hoher Druck-, Marketing- und Verwaltungskosten seien lokale Währungen alles andere als sozial. „Wie bei jedem Schneeballsystem“ sei damit zu rechnen, dass „der Letzte in der Reihe die Rechnung zahlt“.

Die Deutsche Bundesbank, für die Rösl eine Studie zum Regionalgeld verfasste, hat noch keine offizielle Meinung dazu. Ein Sprecher warnte vorsorglich, der Graswurzel-Protektionismus werde zu einem „Rückfall in die Kleinstaaterei“ führen. Die ökonomische Bedeutung der neuen Konkurrenten ist aber wohl noch zu gering für Konflikte mit dem EU-Geld: Ihr gesamter Umlauf im Wert von geschätzt 200.000 Euro ist kein Vergleich zu den gut 146 Milliarden Euro herkömmlichen Bargelds, die in Deutschland zirkulieren, ja nicht einmal zu den 140 Millionen, die mit anderen inoffiziellen Privatgeldern, etwa Payback-Punkten oder Flugmeilen umgesetzt werden. Die Europäische Zentralbank scheint sich mit dem Thema noch nicht zu befassen. Ein Teil der Regionalgeld-Initiativen wird sogar mit EU-Mitteln gefördert.

Ärger mit den Hütern des staatlichen Geldmonopols ist aber wahrscheinlich vorprogrammiert. Die alternativen Zentral-Banken, die als gemeinnützige Vereine organisiert sind und in einer rechtlichen Grauzone operieren, professionalisieren und vernetzen sich jedenfalls rasant. Der neue Ostallgäuer „Regio“ bildet eine Währungsunion mit dem „Regio-Oberland“ in Bad Tölz und dem Münchner „Verbindungswerk“. Der „Chiemgauer“ ist nicht nur mit dem Berchtesgadener „Sterntaler“ kompatibel, sondern auch elektronisch erhältlich: Die „Regiocard“ macht das Hantieren mit Wertmarken überflüssig, die vorsätzliche Abwertung erfolgt bequem und täglich.

Martin Ebner

Links (last update: 06.05.2014):

  • Der Verband Regiogeld informiert zu Währungsinitiativen in Deutschland, Österreich und der Schweiz: www.regiogeld.de
  • Das MoneyMuseum in Zürich verteilt gratis das Buch „Komplementäres Geld – Vorteile, Erscheinungsformen und Funktionsweisen“ und die DVD „Regionalwährungen in Deutschland – Wirtschaften mit neuem Geld“.

Foto: „Bone money“ designed by German artist Klaus Staeck. „Osta mono“ de la germana artisto Klaus Staeck. Knochengeld“ von Klaus Staeck, gesehen in der Kunsthalle Baden-Baden, Deutschland.


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