Lake Thun

Rohstoff-Handelsplatz Schweiz: Tiefes Schweigen, hohe Gewinne

About: Switzerland discreetly became the world’s leading trading place for raw materials. But now there are also critics…
Pri: Svislando fariĝis la plej grava komercejo de la mondo por krudmaterialoj. Sed nun estas kritikantoj de tio evoluo…
Published, Aperis: d’Lëtzebuerger Land, 01.04.2011


Die Schweiz steigt in aller Stille zum führenden Rohstoff-Handelsplatz der Welt auf. Jetzt regt sich Kritik an den Konzernen.

Der Sieg wurde nicht gefeiert, jedenfalls nicht öffentlich. Seit Februar handelt Rosneft, der größte russische Ölproduzent, von Genf aus. Bashneft fängt gerade in Zürich an. Dass die Schweiz dabei ist, London als wichtigsten Rohstoff-Handelsplatz zu überrunden, bekommt aber außer Fachleuten kaum jemand mit. Die „beeindruckende Ballung von Rohstoff-Firmen mit weltwirtschaftlicher Bedeutung“ findet „erstaunlich wenig Publizität“, wundert sich Claude Maurer von der Credit Suisse: „Das unscheinbare Bild der Branche steht im Kontrast zu den gewaltigen Volumina, die sie umsetzt.“

Die fünf großen Handelshäuser, die von der Schweiz aus drei Viertel des russischen Öls und gut 40 Prozent des Rohöls der Welt vertreiben, schaffen es manchmal in die Schlagzeilen. Vitol und Trafigura zum Beispiel mussten unlängst wegen eines Bestechungsskandals im Irak Strafen zahlen. Dass der Lebensmittelkonzern Nestlé in Vevey sitzt und die Einkaufszentrale der Kaffeehauskette Starbucks in Lausanne, hat sich vielleicht herumgesprochen. Von den meisten Firmen kennt die breite Öffentlichkeit dagegen nicht einmal die Namen. Cargill, Sucafina, Alcotra, Xstrata? Wer weiß, dass die Schweiz weltweit führend ist im Handel mit Zucker, Weizen, Reis, Ölsaaten, Baumwolle, Metallen, Biotreibstoff?

Da die Güter meist direkt von den Erzeugern zu den Endkunden verschifft werden, etwa von Brasilien nach China, tauchen sie in der helvetischen Zollstatistik nie auf. Offiziell importiert die Schweiz rund 1 Prozent der Welt-Kaffeeproduktion – tatsächlich wickeln Schweizer Firmen aber gut 75 Prozent des gesamten Kaffee-Handels ab. Da die meisten dieser Unternehmen an keiner Börse notiert sind, müssen sie keine Zahlen veröffentlichen. Und das tun sie auch nicht. Sie mögen undurchschaubare Konstruktionen: Die Großen Erdöl-Fünf zum Beispiel sind durchweg Holdings, die steuersparend in den Niederlanden registriert sind, während sich ihre Händler in Genf oder Zug einer guten Lebensqualität erfreuen.

Angesichts der Umschlagmengen stößt Geheimhaltung allerdings zunehmend an Grenzen, lässt sich Öffentlichkeitsarbeit nicht ganz vermeiden. In Genf wurde daher vor fünf Jahren der Lobbyverband Geneva Trading and Shipping Association (GTSA) gegründet, der nun ab und zu Daten herausrückt. Demnach befassen sich derzeit am Schweizer Nordufer des Genfersees 400 Unternehmen mit Rohstoffhandel – doppelt so viele wie noch 2006. Sie beschäftigen rund 10.000 Menschen und erwirtschaften einen Jahresumsatz von schätzungsweise 800 Milliarden US-Dollar – deutlich mehr als Tourismus, Uhren oder Schokolade. Weniger bekannt ist, was die Metall-Giganten in Zug und die Baumwollhändler in Winterthur so treiben.

Die weltweit einmalige Konzentration von Rohstoff-Unternehmen ist der zentralen Lage an alten Handelswegen zu verdanken, aber auch historischen Zufällen. Der ursprünglich französische Inspektions-Konzern SGS zum Beispiel siedelte sich 1915 im unzerstörten Genf wegen der Nähe zu Völkerbund, Rotem Kreuz und anderen internationalen Organisationen an, und dort ist der Marktführer für Warenkontrolle bis heute. Türken fanden Lausanne als Station des London-Istanbul-Express praktisch.

Baggerschaufel in Kalgoorlie, Australien
Baggerschaufel in Kalgoorlie, Australien

Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen US-Getreidehändler in die neutrale Schweiz, um mit dem Ostblock zu geschäften. Als im Nahen Osten der Eröl-Boom begann, war Genf bereits ein Ferienort für reiche Araber. In den 1960er Jahren flohen ägyptische Händler vor Nasser. Der italienische Kapitän Gianluigi Aponte, der 1970 die Mediterranean Shipping Company gründete, kam wohl aus Steuergründen; heute ist MSC mit 438 Containerschiffen die zweitgrößte Reederei der Welt. In Zug erfand Marc Rich den Öl-Spotmarkt, gründete den Konzern Glencore und unterlief UNO-Sanktionen gegen Schurkenstaaten. Nach dem Fall der Berliner Mauer entdeckten Lukoil und andere russische Ölriesen die Schweizer Zeitzone: morgens mit China telefonieren, am Nachmittag mit Amerika. Das passt auch Anwälten und Beratern, Versicherern und Zertifizierern.

Besonders wichtig für das Rohstoffgeschäft ist der Finanzsektor. Christian Weyer von der Genfer Filiale der BNP Paribas erfand um 1974 den „crédit transactionnel“, für den als Sicherheit nicht das jeweilige Unternehmen, sondern nur die Schiffsfracht dient. Auf Deutsch: in Genf können auch kleinere Rohstoffhändler zu Geld kommen und riesige Operationen stemmen. Immerhin werden für die Fahrt eines Öltankers 200 Millionen US-Dollar benötigt. Selbst Mercuria, die kleinste der Big Five, braucht Kreditlinien von über 15 Milliarden US-Dollar.

Mit rund 60 spezialisierten Banken ist Genf nun das weltweit führende Zentrum für die Finanzierung des Rohstoffhandels. Die jüngsten Mitspieler sind Hedgefonds, wie Brevan Howard, die mit der neuen englischen Gesetzgebung unzufrieden sind und aus London wegziehen. Die US-Bank JP Morgan möchte bis 2012 ihre Genfer Filiale von 650 auf 1.000 Vollzeitstellen ausbauen. Die französische Société Générale hat schon 2009 angefangen, Händler nach Genf zu verlagern. Umgekehrt steigen zunehmend Rohstoff-Firmen ins Finanzgeschäft ein: Trafigura zum Beispiel, zweitgrößter Buntmetall- und dritter Erdöl-Händler der Welt, hat die Vermögensverwaltung Galena gegründet. Rund 80 von 200 Trafigura-Händlern werden von London nach Genf versetzt.

Irritiert wird der Aufschwung durch wachsende Kritik an Ausbeutung von armen Ländern, Umweltverschmutzung und Rechtsverstößen. Marc Pieth, ein Basler Rechtsprofessor und Vorsitzender der OECD-Arbeitsgruppe gegen Korruption, stichelte im Februar in dem Magazin „Cash“, die Geldwäsche-Gesetze für Banken seien im Rohstoffbereich nicht umgesetzt worden: „Die Kundenidentifikation blieb weit unter Standard.“ Die Aussage kommt ungelegen, da Frankreichs Präsident und G20-Vorsitzender Nicolas Sarkozy ohnehin gerade die „Rohstoffspekulanten“ auf dem Kieker hat.

Die aktuelle Fasten-Kampagne von Fastenopfer und Brot für alle legt sich mit Glencore an, dem größten aller Rohstoffhändler: Dem Tochterunternehmen Katanga Mining, das zum Beispiel Kobalt für Handys liefert, werden im Kongo massive Menschenrechtsverletzungen und Umweltfrevel vorgeworfen. Die christlichen Hilfswerke fordern von der Schweizer Regierung, die Rohstoffhändler zur Veröffentlichung aller Zahlen und mehr „rechtlicher Verantwortlichkeit“ zu zwingen. Bislang kassieren die Konzernmütter zwar die Gewinne, können aber für Untaten von Tochtergesellschaften nicht belangt werden.

Den penetranten EU-Vorwürfen wegen unfairer Steuervorteile werden die Schweizer – möglicherweise – nachgeben. In Genf denkt eine neue Arbeitsgruppe darüber nach, ob Rohstoffunternehmen wirklich nur 12 Prozent Steuern zahlen sollen, halb so viel wie andere Firmen, und für Auslandsgeschäfte überhaupt nichts. Vielleicht wird wie im Kanton Neuchâtel ein einheitlicher Satz von 15 Prozent für alle eingeführt.

Im Moment haben die Mitglieder der GTSA andere Sorgen: Sie boomen derart, dass qualifizierte Mitarbeiter knapp werden. Traditionell sind Werbung und Stellenanzeigen in dieser diskreten Branche verpönt, aber neulich veranstaltete die GTSA in der Uni Genf eine Job-Börse und plauderte sogar aus, dass Rohstoffhändler im Schnitt 16 Prozent mehr verdienen als Banker. Unklar ist allerdings, wie die Wohnungsnot am Genfersee bewältigt werden soll. Die Herren über Öltanker, Bergwerke und halbe Kontinente kamen jüngst mit einem unerwarteten Anliegen zur Kantonsregierung: Sie haben zu wenig Kindergartenplätze.

Martin Ebner

Links (last update: 27.04.2014):
Geneva Trading & Shipping Association: www.gtsa.ch
Fastenopfer: www.fastenopfer.ch


 


Foto: Stormy atmosphere on Lake Thun, Switzerland; Fulmotondra etoso sur lago de Thun, Svislando;  Gewitterstimmung auf dem Thuner See bei Interlaken, Schweiz

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