Fish market in Tokyo

Arzneimittel im Wasser: Fische brauchen keine Pille

About: Pharmaceutical waste in water
Pri: Restoj de medicinaĵoj en akvo
Published, Aperis: Südwestpresse, 02.04.2011


Arzneimittel wirken in geringsten Mengen, sind meist gut wasserlöslich und lange haltbar. Pech für die Umwelt?

Für jedes gelöste Problem handelt man sich ein paar neue ein. Nicht zuletzt dank der modernen Medizin werden die Menschen immer älter. Deshalb werden auch immer mehr Medikamente verbraucht. Oft haben die hilfreichen Mittel jedoch eine Nebenwirkung: Sie landen dort, wo sie nicht hingehören – im Wasser. Kläranlagen sind überfordert und Wissenschaftler machen sich Sorgen über mögliche Folgen des Wirkstoff-Cocktails.

Im Berliner Trinkwasser tauchte 1993 erstmals Clofibrat auf, ein Lipidsenker, dessen Einsatz sich durch gesünderes Essverhalten durchaus verringern ließe. Seither stoßen Forscher mit verbesserten Analysemethoden immer öfter auf Arzneimittelrückstände. In Deutschland werden pro Jahr schätzungsweise 38.000 Tonnen Human- und 2.500 Tonnen Tier-Medikamente verkauft. Davon gelangt ein beträchtlicher Teil ins Wasser: über Urin, Fäkalien, Gülle, marode Abflussrohre oder falsche Entsorgung. Rhein und Main verfrachten mittlerweile mehr Medikamente als Pestizide oder Schwermetalle.

Das Institut für Seenforschung in Langenargen sammelte von 1996 bis 1998 am Bodensee Wasserproben und ließ sie auf 65 Pharma-Wirkstoffe untersuchen. Von den meisten wurde dabei nichts gefunden. Zum Beispiel ist die Acetylsalicylsäure aus Kopfwehtabletten biologisch gut abbaubar. Von etwa 20 Medikamenten wurden jedoch Spuren festgestellt: Das Röntgenkontrastmittel Diatrizoat schwappte an Kläranlagenabläufen in Konzentrationen von bis zu 7 Milligramm pro Kubikmeter. Von dem Antiepileptikum Carbamazepin, dem Schmerzmittel Ibuprofen und allen anderen Stoffen wurden weniger als 1 Milligram gefunden. Zur Seemitte hin nahm die Konzentration deutlich ab.

Diese Mengen sind zu klein, um direkte Auswirkungen auf Menschen zu haben. Von dem Rheumamittel Diclofenac etwa stecken in einer Tablette 25 bis 750 Milligramm. In deutschen Gewässern wurden bisher Rückstände von bis zu 1 Mikrogramm nachgewiesen. Man müsste also 25.000 Liter unaufbereitetes Wasser auf einmal trinken, um auf die Dosierung einer einzigen Tablette zu kommen.

Homöopathen, die an die Wirkung extrem verdünnter Arzneien glauben, beruhigt diese Rechnung nicht. Wissenschaftler allerdings auch nicht, denn Diclofenac verursacht bei Forellen Veränderungen von Leber und Nieren. Dass die Grenzwerte für Menschen weit unterschritten werden, bedeutet nicht, dass auch Wasserlebewesen schwach dosierte Dauermedikation ertragen. Synthetische Hormone aus Verhütungsmitteln lassen männliche Fische verweiblichen. Antibiotika könnten resistente Bakterien züchten. Vor allem ist unbekannt, was die rund 3.000 Arznei-Wirkstoffe langfristig anrichten, wenn sie sich vermischen.

Herkömmliche Kläranlagen filtern Waschmittel-Phosphor oder andere Nährstoffe aus dem Abwasser. Spurenstoffe aus Medikamenten, Kosmetika oder Pflanzenschutzmitteln gehen einfach durch, auch wenn das Wasser klar aussieht. Oder sie lagern sich im Klärschlamm ab, der dann womöglich auf Feldern verstreut wird. Der Wasser-Branche wird zunehmend mulmig; für die Deutschen Klärschlammtage Ende März in Fulda sind mehrere Referate zur Entsorgung angekündigt.

Baden-Württemberg rüstet die Wasserreinigung auf. An der Fachhochschule Biberach wurde ein Pulveraktivkohle-Verfahren entwickelt, das mehr als 70 Prozent der Spurenstoffe eliminieren kann. Zuerst wird damit für 40 Millionen Euro das Klärwerk Steinhäule bei Ulm ausgestattet; 2015 soll dort der erste Abschnitt in Betrieb gehen. Für 7,5 Millionen Euro bekommen auch Kläranlagen an Bodensee-Zuflüssen zusätzliche Aktivkohle-Reinigungsstufen, zum Beispiel in Kressbronn-Langenargen und in Bodman-Espasingen. Pro Einwohner entstehen dabei im Jahr Mehrkosten von rund 6 Euro.

Wie besonders belastete Abwässer von Krankenhäusern gereinigt werden können, erforscht noch bis 2012 das EU-Projekt „Pills“. An verschiedenen Kliniken werden außer Aktivkohle auch Membran-Filter, Ozonierung und UV-Bestrahlung getestet. Das Zürcher Wasserforschungsinstitut Eawag beteiligt sich zum Beispiel mit „NoMix“-Toiletten, die Urin separat sammeln, um ihn zu reinigen und dabei auch noch Dünger zu gewinnen. Der Versuchsbetrieb erbrachte bisher allerdings hauptsächlich verstopfte Leitungen.

Für Sebastian Schönauer von der Umweltschutzorganisation BUND sind Kläranlagen ohnehin der falsche Ansatzpunkt: „Die nachträgliche Entfernung aus dem Wasser ist reiner politischer Aktionismus.“ Statt Milliarden für „nutzlose Symptombekämpfung“ zu verpulvern, solle man besser „die Flut der chemischen Schadstoffe stoppen“. Er verweist darauf, dass Pharmahersteller bisher vom Chemikalienrecht und den Abwasservorschriften ausgenommen sind, sie müssen nicht einmal die Produktionsmengen offenlegen. Seit 2006 ist zwar für neue Medikamente eine Umweltverträglichkeitsprüfung vorgeschrieben, die Zulassung kann deshalb aber nicht verweigert werden.

Der Umweltchemiker Klaus Kümmerer, der an der Uniklinik Freiburg an „grünen“ Medikamenten forschte und jetzt an der Uni Lüneburg lehrt, berichtet von ersten Erfolgen: „Wirkstoffe können so entwickelt werden, dass sie zu einer bestimmten Zeit und einem bestimmten Zweck stabil sind und dann spätestens in der Kläranlage wieder vollständig abgebaut werden.“ In Schweden gibt es seit 2004 ein Umweltlabel für ökologisch verträgliche Medikamente.

Am besten wäre natürlich, wenn Arzneien gar nicht erst im Wasser landen würden. Bis 2009 nahmen rund 15.000 der über 21.000 deutschen Apotheken am Rücknahmesystem „Remedica“ teil, das von den Pharmaherstellern getragen wurde. „Seit der Novelle der Verpackungsverordnung können Altmedikamente nicht mehr vom Verpackungsmüll quersubventioniert werden“, bedauert Michael Heising vom Entsorgungsunternehmen Vfw-Revlog: „Seit die Apotheken die Entsorgung selbst bezahlen müssen, machen nur noch etwa 3.800 mit.“

Abschreckender als die Kosten von durchschnittlich 200 Euro pro Jahr ist wohl, dass die Apotheken für „Remedica“ Pillen und Päckchen in verschiedenen Säcken vorsortieren müssen. Schließlich fallen ganze Berge Arzneimittelabfall an: In Deutschland werden im Jahr schätzungsweise 4.000 Tonnen Medikamente unverbraucht weggeworfen. Zumindest das Problem sollte sich vermeiden lassen.
 


Keine Arznei ins Klo!

Ungenutzte Medikamente, egal ob Tabletten oder Flüssigkeiten, gehören grundsätzlich nicht in die Toilette oder Spüle. Die derzeitigen Kläranlagen können diese Stoffe meist nicht aus dem Abwasser beseitigen. Entsprechend sollten auch Arzneifläschchen nicht ausgewaschen und in die Altglastonne geworfen werden.

Restmüll ist die beste Wahl für die Entsorgung von Arzneimitteln, denn der wird meist verbrannt. Damit die bunten Betablocker nicht spielenden Kindern in die Hände fallen können, sollten sie allerdings erst kurz vor der Abfuhr in der Tonne sein. Der Grüne Punkt auf Arzneiverpackungen bezieht sich nur auf die Verpackung selbst – der Inhalt hat im Gelben Sack nichts zu suchen. Eine Ausnahme sind Zytostatika: Die zur Bekämpfung von Tumoren eingesetzten Zellgifte müssen als Sondermüll entsorgt werden.

Manche Apotheken sind an ein Rücknahmesystem für Altmedikamente angeschlossen. Da das mit Kosten und Umtrieben verbunden ist, sollte man fairerweise seine neuen Mittelchen in der gleichen Apotheke kaufen. Medikamente für die Dritte Welt zu spenden, ist gut gemeint, wird aber von Hilfsorganisationen abgelehnt, da nicht praktikabel. Beispielsweise benötigen sie eher Malariamittel als Blutfettsenker.

Ein bewusster Umgang mit den bloß begrenzt haltbaren Wirkstoffen kann das Problem entschärfen: Wer nur wirklich benötigte Medikamente in passenden Packungsgrößen kauft und diese trocken und lichtgeschützt aufbewahrt, muss weniger wegschmeißen. Unter Umständen kann eine gesunde Lebensweise von vornherein den Pillenbedarf verringern.

Martin Ebner

Infos (last update: 14.12.2014):


 



Foto:
Healthy? Quality control at the fish market in Tokyo, Japan; Ĉu sana? Fiŝmerkato en Tokio, Japanujo; Gesund? Fischmarkt in Tokyo, Japan

 

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