University library in Constance

Asbest: Unvergänglicher Albtraum

About: Asbestos was a darling of the industrial era. Now the poisonous dust causes horrendous costs.
Pri: Artikolo pri asbesto, ankau havebla en Esperanto
Published, Aperis: Südwestpresse, 15.01.2011


Asbest war der Liebling des Industriezeitalters. Heute macht der giftige Staub Angst und verursacht horrende Kosten.

„Achtung! Dies ist eine Durchsage der Bibliotheksdirektorin: Bitte verlassen Sie umgehend das Gebäude! Achtung! Dies ist kein Scherz…“ Nach Funden von Asbest-Staub wurde die Konstanzer Universitätsbibliothek am 5. November innerhalb von einer halben Stunde geräumt. An die Bücherregale kommen jetzt nur noch Arbeiter mit Schutzanzügen und Gesichtsmasken. Das Einsammeln der Asbest-Fasern wird Wochen dauern. So bringt sich ein Material in Erinnerung, das einmal Sicherheit und Wohlstand versprochen hat, heute aber Angst und Schrecken verbreitet.

Mit dem griechischen Namen asbestos (unzerstörbar) werden verschiedene faserförmige Silikat-Minerale bezeichnet, die meist im Tagebau abgebaut werden. In Westdeutschland wurde überwiegend Chrysotil (Weißasbest) aus der Mine des Eternit-Konzerns im kanadischen Quebec verarbeitet, in kleinerem Umfang auch der noch gefährlichere Krokydolith (Blauasbest) aus Südafrika. In Ostdeutschland wurden kurze Zeit Vorkommen in Thüringen ausgebeutet; vor allem steckt in den Plattenbauten der ehemaligen DDR aber Chrysotil aus dem russischen Ural-Gebiet.

Im Jahr 1905 bekam der österreichische Erfinder Ludwig Hatschek ein Patent für eine außerordentlich haltbare Mischung aus Zement und Asbest, die er „Eternit“ taufte, nach dem lateinischen Wort aeternus (ewig). Seither wurde ein Großteil des Asbests zu Dachplatten, Wasserrohren und anderen Zement-Produkten verarbeitet. Der früher als „Mineral der 1.000 Möglichkeiten“ angepriesene Stoff kann aber viel mehr: Asbest brennt, rostet und fault nicht. Er ist leicht wie Aluminium, zugfester als Stahldraht und kann zu Textilien verwoben werden. Asbest isoliert hervorragend gegen Strom, Wärme und Schall, dazu kommen hohe Reibfestigkeit und Chemikalienbeständigkeit. Kein anderes Material bietet diese Kombination.

Zunächst wurde Asbest tonnenweise gebraucht, um Kriegsschiffe für die salzhaltige Seeluft fit zu machen. Mit der Industrialisierung folgten über 3.500 weitere Anwendungen. Bei weitem nicht nur Schutzanzüge für Hochofenarbeiter und Feuerwehrleute: ohne Asbest-Dichtungen kein Dampfkessel, keine Pumpe, keine Maschine; ohne Asbest-Bremsbeläge kein Tempo auf Straßen und Schienen, bei Aufzügen oder Wäschetrommeln. Spritzasbest machte die Stahlträger von Hochhäusern feuerfest und die Lüftungsschächte von Klimaanlagen schalldicht. Asbest schützte Straßenbeläge und PVC-Fußböden gegen Verschleiß. Asbest-Filter reinigten Wein und Bier. Weil das Pulver so billig war, wurde Asbest auch als Füllmittel für Plastik verwendet, ja sogar Zahnpasta.

Leider hat der Wunderstoff einen Nachteil: Asbest-Fasern zersplittern leicht, manchmal reicht ein Luftzug. Die mit bloßem Auge oder gewöhnlichem Lichtmikroskop nicht sichtbaren Teilchen können in den Körper gelangen. Als asbestbedingte Berufskrankheiten gelten Narbengewebe (Lungen- und Pleura-Asbestose) und bösartige Tumore (Lungen- und Kehlkopf-Krebs). Sie können kaum geheilt werden. Besonders tückisch ist Mesotheliom: Dieser seltene Bauchfell-Krebs kann bereits durch kurzen und geringfügigen Kontakt mit Asbest ausgelöst werden; die Latenzzeit bis zum Ausbruch der Krankheit dauert im Schnitt über 40 Jahre – nach der Diagnose kommt der Tod in wenigen Monaten.

US-Versicherungen werteten Statistiken aus und weigerten sich bereits ab 1918, Asbest-Arbeitern Lebensversicherungen zu verkaufen. In New York gab es 1964 den ersten Kongress zu Asbest-Gefahren. Bei uns fing zu dieser Zeit die Euphorie gerade erst richtig an. Die deutschen Asbest-Importe erreichten 1976 mit 189.000 Tonnen ihren Höhepunkt. Anti-Kampagnen der Gewerkschaften und des Umweltbundesamtes wehrte die Industrie lange mit gekauften Gutachten und anderer Lobby-Arbeit ab. In Deutschland wurde Asbest erst 1995 endgültig verboten, in der ganzen EU erst 2005. Trotz erwiesener Schädlichkeit und absehbarer Sanierungskosten konnten die Hersteller in aller Ruhe ihre Lager abverkaufen.

Am 31. Dezember 2010 endet in der EU der letzte erlaubte Asbest-Einsatz, nämlich in Diaphragmen für Chloralkali-Elektrolyse. Asbest-Folgen werden uns aber noch lange begleiten. Die Zentralstelle der Unfallversicherer, die GSV in Augsburg, hat vom Dachdecker bis zum KFZ-Mechaniker, vom Bodenleger bis zum Winzer über 500.000 Arbeitnehmer erfasst, die einmal mit Asbest zu tun hatten. Im Jahr 2007 wurden in Deutschland mehr als 1.500 Todesfälle auf Asbest zurückgeführt und knapp 4.000 neue Erkrankungsfälle registriert. Dabei handelt es sich notabene nur um versicherte Berufstätige. Die Asbestose einer Hausfrau, die jahrelang die Arbeitskleider ihres Gatten gereinigt hat, zählt nicht als Berufsunfall. Entsprechend der langen Latenzzeit wird der deutsche Höhepunkt der Asbest-Erkrankungen für das Jahr 2015 erwartet.

Außerhalb Europas geht derweil die Asbest-Produktion in rund einem Dutzend Länder weiter. Russland ist mit 1 Million Tonnen pro Jahr Weltmarktführer, verbraucht aber fairerweise einen großen Teil selbst. Die Kanadier haben dagegen für ihr eigenes Land strenge Sicherheitsvorschriften; sie exportieren ihren Asbest fast vollständig nach China, Indien und andere Gegenden, wo Menschenleben nicht so teuer sind. Als einziges westliches Industrieland blockiert Kanada Bestrebungen internationaler Organisationen, den Handel mit Asbest einzuschränken.

Angesichts des Bau-Booms in Asiens Metropolen können sich nicht nur Asbest-Sanierer Hoffnungen machen. Asbestopfer-Anwalt ist in den USA heute schon beinahe ein eigener Beruf. In Turin läuft derzeit ein Mammutprozess gegen den Schweizer Milliardär Stephan Schmidtheiny und einen anderen Top-Manager des Eternit-Konzerns: Zu den 4.000 Klägern gehört zum Beispiel die italienische Arbeitsversicherung, die 245 Millionen Euro Erstattung will. Mehr als 500 Zeugen werden angehört, die Anklageschrift umfasst über 220.000 Seiten. Asbest ist längst nicht so preiswert wie einmal gedacht, schafft aber viele Arbeitsplätze.


Am besten die Luft anhalten

Asbest ist harmlos, so lange man ihn nur anschaut. Gefährlich wird es, wenn kleine Fasern dieser heimtückischen Minerale in den Körper gelangen. Ganz vermeiden lässt sich das Einatmen nicht: Selbst die reine Luft der Arktis enthält rund 100 Fasern pro Kubikmeter, auch aus natürlichen Quellen. Für Innenräume werden Werte unter 500 F/m³ angestrebt. Die Abluft von Industriebetrieben darf 10.000 F/m³ enthalten. Der EU-Grenzwert für Arbeitsplätze ist 100.000 F/m³.

Sicherheitshalber sollte man Asbest-Staub möglichst weit aus dem Weg gehen. Allerdings ist das Material optisch nicht einfach zu erkennen und leicht mit harmloseren Stoffen zu verwechseln. Entsprechend aufwändig gestaltet sich die Beseitigung des hochgiftigen Spritzasbests, der bis 1979 in Hochhäusern und vielen öffentlichen Bauten verarbeitet wurde.

In Privathaushalten ist Asbest besonders in alten Elektrogeräten eingebaut, zum Beispiel in Speicherheizungen, Öfen, Toastern, Filmprojektoren, Topfgriffen oder Bügeleisen. Cushion-Vinyl-Fußbodenbeläge sind PVC auf Asbest-Polster. An Blumenkästen, Garagen-Welldächern oder Tischtennisplatten aus Asbestzement sollte man nicht herumbohren, sägen oder mit der Drahtbürste schrubben, schon gar nicht trocken.

Asbest-Abfälle sind gefährlicher Sondermüll. In Ulm und Umgebung ist dafür die Bauschuttdeponie Donaustetten zuständig: Die in Big Bags oder reissfester Folie staubdicht verpackten Problemstoffe sind „in eigener Regie und Verantwortung des Anlieferers“ abzuladen, wobei keine Fasern freiwerden dürfen. Abkippen oder Werfen sind also nicht erlaubt. Die „Entsorgung“ von Asbest-Müll kostet bei dieser Deponie 84 Euro pro Kubikmeter.

Martin Ebner

Lesestoff (last update: 28.04.2014):
– Asbest-Broschüre des bayrischen Landesamts für Umwelt: www.lfu.bayern.de/umweltwissen/doc/uw_9_asbest.pdf
– Infos des deutschen Umweltbundesamts:
www.umweltbundesamt.de/themen/gesundheit/umwelteinfluesse-auf-den-menschen/chemische-stoffe/asbest
– Wolfgang E. Höper: Asbest in der Moderne. Industrielle Produktion, Verarbeitung, Verbot, Substitution und Entsorgung, Waxman-Verlag Münster

– Maria Roselli: Die Asbest-Lüge. Geschichte und Gegenwart einer Industriekatastrophe, Rotpunkt-Verlag Zürich




Foto: Closure of the university library in Constance, Germany, after findings of asbestos; Fermo de la universitata biblioteko en Konstanz, Germanujo, pro asbesto; Schließung der Universitätsbibliothek in Konstanz, Deutschland, wegen Asbestfunden.

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Texts of timeless beauty. Or at least some historical interest.