Goat in Ukraine

Bahn-Herbizide: Der Gärtner und die Brunnenvergifter

About: A German gardener’s hopeless fight against herbicides used by railway companies to clear weeds from their tracks. This tricky environmental problem is much less sexy than climate change, it concerns only drinking water, and it doesn’t need attention.
Pri: Germana ĝardenisto kiu batalas kontraŭ herbicidoj sur fervojoj
Published, Aperis: Süddeutsche Zeitung, 13.04.2002


Eine Einmann-Umweltinitiative kämpft hartnäckig gegen Herbizide auf Bahnstrecken

„Der Wilhelm* hatte immer schon eigene Ansichten“, sagen ehemalige Berufsschulkollegen. „Er hat ja recht, aber der ist so auf das Thema fixiert, das ist schon Michael-Kohlhaas-mäßig“, sagen Lokaljournalisten. „Was gibt es wichtigeres als unser Trinkwasser?“ sagt Wilhelm G. „Ich bin der einzige, der wirklich gegen die Bahngifte vorgeht.“

Die Geschichte dieser Ein-Mann-Umweltinitiative beginnt im Jahr 1976: Zusammen mit seinem Bruder betreibt Wilhelm G. beim Bahnhof Radolfzell eine Gärtnerei. Sein Trink- und Giesswasser holt er aus einem Brunnen unter den Gleisanlagen, dort, wo in der Nähe des Bodenseeufers die Bahnlinie Lindau-Basel die Schwarzwaldbahn kreuzt. Warum plötzlich seine Tomaten und Blumen absterben, kann er sich zunächst nicht erklären. Als er aber zufällig einen Spritzzug der Bundesbahn mit geöffneten Düsen vorbeifahren sieht, kommt ihm ein Verdacht: Schaden vielleicht die Bahn-Herbizide der Umwelt? Das Schotterbett der Gleise ist wasserdurchlässig – gehen da nicht alle Gifte gleich ins Grundwasser?

„Wir haben Vertreter der Bahn zum Mittagessen eingeladen. Danach haben die uns gesagt: ‚Wenn Sie noch einmal was über die Bahn behaupten, gehen wir gegen Sie vor!‘ Mit keinem Wort haben diese Verbrecher uns gewarnt, das Wasser selbst zu trinken“, empört sich G. noch heute. Gutachter der Biologischen Bundesanstalt befinden, zwischen den Pflanzenschäden, die 1980 die Schließung der Gärtnerei erzwingen, und der „Vegetationskontrolle“ der Bahn bestehe kein Zusammenhang. Das Bundesgesundheitsamt stellt jedoch in Radolfzell Grenzwertüberschreitungen für Gifte fest, die nur von der Bahn verwendet werden – „Totalherbizide“, die alle Pflanzen vernichten.

Nach unzähligen Beschwerden geht G. 1984 vor Gericht. Eine Klage gegen die Betreiberfirma der Spritzzüge wird wegen Verjährung abgewiesen. Ein Verfahren gegen die Bundesbahn geht jedoch bis zum Oberlandesgericht. „Wir mußten dann 1991 kapitulieren, weil wir kein Geld mehr hatten“, bedauert G. „300.000 Mark Schadensersatz bei einem Verlust von über 1 Million Mark – das ist kein fairer Vergleich.“ Ruhe gibt G. sowieso nicht. Im Kampf gegen die Bahnchemie findet er seine Lebensaufgabe: Briefe, Petitionen, Memoranden, Demonstrationen mit Giftfässern.

Als 53jähriger hat G. heute an die 15 Gerichtsverfahren hinter sich. „Mindestens zehn davon wurden uns aufs Auge gedrückt, zum Beispiel Beleidigungsklagen“, erzählt er. „Dazu kommt der Rufmord: Wir wurden als Querulanten, Spinner und Verrückte hingestellt.“ Sein Bruder gibt nach ein paar Jahren auf; Wilhelm G. macht weiter: „Ich muss mich wehren. Wenn ich mich nicht mehr wehren kann, bin ich krank.“ Eine seiner Lieblingsnummern: sich am Bodenseeufer zwischen dem Bahngleis und dem Schild „Naturschutzgebiet“ postieren und dem heranrollenden Spritzzug das Transparent „Giftpanscher hört auf!“ entgegenstrecken. Einem Verantwortlichen fällt auf, dass das im Fernsehen nicht gut aussieht – das Naturschutzschild wird versetzt. Die Spritzzüge fahren weiter.

Da es „keine unabhängige Stelle gibt“, die Schadensmeldungen erfassen und veröffentlichen würde, trägt G. selbst ein Archiv zusammen, bombardiert unermüdlich Ämter mit Anfragen, sammelt Fotos von verkrüppelten Blättern an Bahnstrecken und kämpft sich durch Gutachten. „Eigentlich bin ich Blumenbinder von Beruf“, sagt er, während er sich durch die Akten auf seinem Wohnzimmertisch wühlt.

Die hartnäckige Recherche ergibt ein Bild. „Die Bahn macht die Unkrautbekämpfung nicht selbst, sondern vergibt für jährlich etwa 50 Millionen Mark Aufträge an Privatfirmen“, hat G. herausgefunden. „In ganz Deutschland sind sechs Spritzzüge unterwegs, auf jeder Strecke normalerweise zweimal pro Jahr.“ Die Verträge mit der Deutschen Bahn bestimmen zwar, dass nur von der Biologischen Bundesanstalt (BBA) genehmigte Herbizide verwendet werden dürfen – was tatsächlich gesprüht wird, werde jedoch nicht kontrolliert. Es gebe auch „überhaupt keine Überwachungsmöglichkeit“, klagt G.: „Die eingesetzten Totalherbizide sind Giftcocktails, da lassen sich in Untersuchungen die einzelnen Gifte nicht nachweisen. Verbotene Herbizide werden einfach auf dem offiziellen Genehmigungsantrag nicht erwähnt, sondern als sogenannte ‚Formulierung‘ beigemischt.“

Wenn die Betreiber der Spritzzüge korrekt arbeiten und nicht etwa Giftmüll entsorgen, liegt die Hauptverantwortung also bei der BBA, die dem Landwirtschaftsministerium untersteht. Diese Behörde habe ihre Fürsorgepflicht „mehrfach in eklatanter Weise verletzt“, meint G. nachweisen zu können. Zum Beispiel habe sie bis 1987 ein Herbizid mit dem Wirkstoff 2,4,5 T zugelassen, obwohl der Verkehrsminister bereits 1982 den Einsatz dieses als „agent orange“ bekannten Vietnamkampfstoffs verboten habe. Außerdem habe die BBA bis 1991 das Mittel Tordon 22K zugelassen, das sogar die wenig umweltbewußte DDR bereits 1981 verboten hatte.

Mit seiner Skepsis gegenüber der Biologischen Bundesanstalt steht G. nicht allein. Die Grünen würden gerne der BBA die Prüfung von Pflanzenschutzmitteln entziehen und einem neuen Bundesamt für Verbraucherschutz übergeben. In einer Notiz des Umweltbundesamtes, das Umweltminister Trittin untersteht, heißt es, die BBA würde bei Pflanzenschutzmitteln „die Bewertungen antragstellender Unternehmen unbeanstandet“ übernehmen. Unhöflicher formuliert: Die BBA nicke Anträge der Chemieindustrie wohlwollend ab.

Müssten sich da nicht die Politiker kümmern? Für sie sind Herbizide wahrscheinlich kein gutes Thema: unaussprechliche Namen, schwierige Nachweise, jahrelange Verfahren, Gegengutachten… Wenn man der Bahn die „billigen“ Herbizidzüge verbietet, müsste man ihr auch sagen, wo sie Geld für umweltfreundlichere Alternativen hernehmen soll. Die Schweizer Bahnen zum Beispiel spritzen auch, aber immerhin gezielt mit Rückenspritzen – und zahlen dafür fast gleich viel wie die Deutsche Bahn, bei einem zehnmal kleineren Streckennetz. „In Deutschland würde eine saubere Gleispflege etwa 300 Millionen Mark kosten“, rechnet G. vor. Am besten also, seine Briefe einfach ignorieren. Das Büro von Ministerpräsident Teufel in Stuttgart scheint ein eigenes Abwimmelformular zu haben, in das über der Zusicherung, das zuständige Umweltministerium werde sich melden, das jeweils aktuelle Datum eingetragen wird.

Der Ausruf eines Anwalts, nicht die Bahn, sondern G., die „Giftspritze auf zwei Beinen“ sei das Problem, dürfte vielen Amtsträgern aus der Seele sprechen. Immerhin brachte der CDU-Abgeordnete Hans-Peter Repnik im Bundestag den Fall in eine Fragestunde – die BBA ließ ausrichten, man kontrolliere sehr streng, für die Bevölkerung bestehe keine Gefahr. Von den angeschriebenen Bundesumweltministern habe nur Volker Hauff reagiert, erinnert sich G.: „Als OB von Frankfurt hat er später Untersuchungen veranlaßt.“ Und prompt die Bahn als Ursache der Wasserbelastung im Stadtwald ausgemacht: „Wer bei einer Gleisanlage Untersuchungen macht, findet Gift, egal wo. Die Bahn sagt dann halt, dass da ein Unfall war.“

Warum unternehmen die professionellen Umweltschützer nichts? G. deckt auch sie mit Schreiben ein. Vielleicht sind sie ihnen aber zu polemisch, zu radikal, zu ungeduldig. Oder sie wollen sich nicht mit der „umweltfreundlichen“ Bahn anlegen? Jedenfalls bekommt G. von ihnen keine Unterstützung und spricht nur noch von „sogenannten Umweltverbänden“.

Immerhin startet 1996 Greenpeace eine Kampagne gegen das Bodenherbizid Diuron, erwähnt dabei auch den Fall G. Die Bahn als größter Anwender gibt nach, verzichtet auf Diuron, ein Jahr bevor dieses wassergefährdende Mittel von der BBA untersagt wird, und stellt auf das angeblich harmlosere Blattherbizid Glyphosat um. Um der Kritik zu begegnen, beauftragt die Bahn das Freiburger Öko-Institut, „Akteurskonferenzen“ zum Thema „Vegetationskontrolle im Gleisbereich“ zu organisieren. Bisher fanden vier solcher Treffen von Bähnlern, Umweltschützern, Unternehmensvertretern und Wissenschaftlern statt, den Protokollen zufolge Dialoge von Schwerhörigen: Die Kritiker argwöhnen, die Bahn suche gar nicht nach Alternativen, ja lasse die Gleise vorsätzlich überwuchern, um den Einsatz von Herbiziden zu erzwingen. Die Gegenseite: „Herr Fritz (Firma Bayer AG) vertrat die Meinung, dass Diuron kein Umweltproblem darstelle. Dies sei der beste zur Verfügung stehende Stoff. Herr Westenberger (DB AG) schloss sich dieser Meinung an.“

Als letztes Jahr die BBA die Wiederzulassung von Diuron vorschlug, scheiterte das Vorhaben am Aufschrei von Greenpeace, Landesregierungen und Wasserwerken. Auch G. protestierte und schrieb dem BBA-Präsidenten: „Ihre Anstalt, und da muss sich so mancher Staatsbürger fragen, ob es sich nicht doch um eine Irrenanstalt handelt, befürwortet im Interesse korrupter DB-Manager den erneuten Einsatz von Diuron auf Gleisen.“ Vom Amtgericht Braunschweig wurde er deshalb wegen Beleidigung zu 15 Tagessätzen à 15 Mark verurteilt. Zu Unrecht, findet G. und hat Verfassungsbeschwerde eingereicht: Sein Grundrecht auf Meinungsfreiheit sei verletzt worden. Karlsruhe wird vorraussichtlich in drei Monaten über eine Annahme der Beschwerde entscheiden. G. hofft, das werde sein letztes Gerichtsverfahren.

Zu seinem „Jubiläum“ hat der renitente Gärtner einen Videofilm gemacht. In gewohnt deutlicher Weise zeigt er zuerst Bilder vom Gift-Krieg der Amerikaner in Vietnam. Dann schildert er seinen Fall und legt dar, dass „mengenmässig weit mehr“ dieser Stoffe auf deutschen Bahngleisen gelandet seien: „Deutsche Bahn-Chemie – Der Krieg gegen uns“.

Martin Ebner

*N.B. (28.04.2014):
Name auf Wunsch der Angehörigen geändert. So weit ich weiß, wurde der Aktivist dann später in der Psychiatrie entsorgt. Womit das Problem der Bahndamm-Entkrautung ja wohl gelöst wäre.

N.B. (01.12.2014):
The English company Weedingtech developed a herbicide-free system of controlling weeds. „Foamstream“ is a biodegradable foam made from natural plant oils and sugars which can be precisely applied to weeds together with hot water: weedingtech.com


 


Foto: Barely health-conscious goats in Ukraine. Apenaŭ sankonsciaj kaprinoj en Ukrajnujo. Wenig gesundheitsbewusste Ziegen in der Ukraine

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Texts of timeless beauty. Or at least some historical interest.