Bamboo forest in Taiwan

Bambus: das Hoffnungsgras

About: Bamboo, the wonder grass
Pri: Bambuo, mirakla herbo
Published, Aperis: Südwestpresse, 05.09.2009


Knuddelige Pandabären standen immer schon auf Bambussprossen. Nun sehen immer mehr Menschen in der Allzweckpflanze den Inbegriff der Nachhaltigkeit. Bambus beruhigt das Umweltgewissen und kann vielleicht sogar die Regenwälder vor dem Abholzen bewahren.

Ob Socken oder Schnaps, Fahrräder oder ganze Häuser: Es gibt praktisch nichts, was man nicht aus Bambus fabrizieren könnte. Und das erst noch vergleichsweise umweltfreundlich: Keine andere Pflanze wächst so schnell, keine erzeugt in so kurzer Zeit so viel Biomasse. Bambus bindet mehr Kohlendioxid und produziert mehr Sauerstoff als Bäume. Anders als tropische Harthölzer können die knotigen Halme bedenkenlos geerntet werden; das Riesengras treibt jahrzehntelang neu aus. Nebenbei kann Bambus mit seinen enormen Wurzeln auch die Böden von ausgelaugten Feldern wieder herstellen oder rutschende Böschungen befestigen. Seit der Ruhm des Betons bröckelt und auch Kunststoff nicht mehr das Nonplusultra ist, entdecken nicht nur Umweltschützer die Vorzüge des vielseitigen Gewächses.

„Alles, was mit Stahl gebaut wird, kann ich mit Bambus schneller und genauso billig machen“, sagt Simón Vélez. Der kolumbianische Architekt betont die ausgezeichneten Materialeigenschaften: Bambus ist hart und doch elastisch, so leicht wie Aluminium, bei Zug fester als Stahl, bei Druck robuster als Beton. Mit seinem viel bestaunten Bambus-Pavillon auf der Expo 2000 in Hannover brachte Vélez auch europäische Kollegen auf den Geschmack. Das neuste Projekt des Baumeisters ist der Prototyp eines 2000-Quadratmeter-Bambusdachs für eine französische Supermarktkette; die Auftraggeber versprechen sich davon geringere Ausgaben für die Klimaanlage.

In China werden Wolkenkratzer 80 Stockwerke hoch mit Gerüsten aus Bambus gebaut, weil die auch bei großer Feuchtigkeit nicht rosten und nicht gleich einknicken, wenn ein Taifun daherbraust. Deutsche Statiker beeindruckt das allerdings nicht; niemals würden sie exotische Konstruktionen genehmigen, die nur mit Wickeln zusammengehalten werden. Evelin Rottke und Christoph Tönges haben deshalb an der Technischen Hochschule Aachen einen „konischen Stabanschluss“ entwickelt, an dem auch der TÜV nichts auszusetzen hat. Bei der letzten Baufachmesse in Essen wurde das Konzept preisgekrönt, denn die Jury fand: „Mit dieser Verbindungstechnik kann ein schnell nachwachsender Rohstoff in der europäischen Bauwirtschaft etabliert werden.“

Die „Combam“-Verbindungen stecken bereits im ersten deutschen Haus mit tragender Bambuskonstruktion: Auf 33 Bambusstützen ruhen das Holzdach und die Strohwände des einstöckigen Bürogebäudes, das in Darmstadt errichtet wurde. Ihre „harmonische Eigenschwingung“ verspürt wohl nur, wer – wie die Architekten Susanne Körner und Tilman Schäberle – an die Feng-Shui-Lehre glaubt. Immerhin ermöglicht ihr Werk nun Langzeiterfahrungen mit dem Baustoff Bambus, der bei uns noch nicht allgemein zugelassen ist und daher jedes Mal einer Einzelfall-Genehmigung bedarf. Unproblematisch sind dekorative Verkleidungen aus Bambus, etwa die Fassade des Zoo-Parkhauses in Leipzig oder die Decke des neuen Flughafenterminals Madrid-Barajas.

Während Holz exakt in Standardgrößen gesägt werden kann, stört bei Bambus oft die unregelmäßige Form, außerdem die Empfindlichkeit gegen Feuchtigkeit. Yan Xiao von der Universität Südkaliforniens hat sich deshalb „GluBam“ einfallen lassen: Vorgefertigte Balken aus verleimten Bambusstücken, die sich ruckzuck zu stabilen Brücken oder Häusern zusammensetzen lassen. Sie sollen in erdbebengefährdeten Gebieten Chinas eine Alternative zum oft lausigen Beton sein. Außerdem will der Ingenieur damit der Bambusbranche neue Anwendungen eröffnen, die profitabler sind als Ess-Stäbchen oder Betonschalungen.

In Entwicklungsländern, die von den Bambus-Ausstellungen der deutschen Goethe-Institute noch nicht erreicht wurden, sind die dort allgegenwärtigen Riesenhalme oft noch als „Holz der Armen“ verrufen, wenn nicht gar als Unkraut. Die stark wachsende Nachfrage der Industrieländer nach ökologisch korrekten Möbeln und Parkettböden spricht sich allerdings herum. Bambus-Farmen entstehen zum Beispiel gerade in Kenia und Äthiopien. Haben die Afrikaner mitbekommen, dass bei der letzten CEBIT-Messe Computer-Gehäuse aus Bambus vorgestellt wurden? Vielleicht haben sie auch neue Bambus-Motorradhelme oder Bambus-Kaffeefilter inspiriert.

Bloßer Werbe-Schmäh dürften die immer öfter angepriesenen „antibakteriellen und besonders atmungsaktiven“ Bambus-Textilien sein. Jedenfalls weist der deutsche Modeverband darauf hin, dass echte Bambusfasern allenfalls für grobe Stoffe taugen – in den meisten Fällen handele es sich daher nur um Viskose, die in einem chemischen Verfahren aus Bambus-Zellstoff gewonnen wird und sich von anderen Ausgangsstoffen in nichts unterscheidet. Ebenfalls übertrieben ist wohl die häufig zu lesende Behauptung, dass Bambuspflanzungen ohne Pestizide auskommen: Für das Trendgrün interessieren sich auch Bohrkäfer, Termiten und Milben, was Plantagenbesitzer durchaus nicht kalt lässt.

Erwiesen ist dagegen, dass Bambusteile nicht nur schmackhaft, sondern sogar gesund sein können. Schulmediziner führen die Heilwirkung, etwa bei Vergiftungen, zum Beispiel auf die Kieselsäure in den Halmen zurück. Lebensrettend könnte Bambus zumindest für von Ausrottung bedrohte Nashörner werden: Die Wurzelrhizome mancher Arten sehen gleich aus wie die Hörner, die reichen Chinesen als Potenzmittel angedreht werden.

Selbst der Autoindustrie eröffnet Bambus neue Perspektiven: Die an der Universität Kyoto entwickelte Flecht-Karrosserie „BamGoo“ kann nach Gebrauch kompostiert werden. Entscheidet man sich für Verkohlung, entsteht ein hochwertiger Brennstoff, der auch als Filter, Deodorant oder Zeichenstift gebraucht werden kann. Ein Nebenprodukt von Bambuskohle ist Bambusessig: gut gegen Hautkrankheiten und daher in Japan als Badewasserzusatz beliebt.

Bambusgerüst in Hongkong
Wolkenkratzer-Bau in Hongkong – mit Bambusgerüst

 


Unbändige Lebenskraft

Bambus-Pflanzen sind eine Unterfamilie der Poaceae, also der Süßgräser. Sie wachsen rund um die Erde in einem Gürtel zwischen Wladiwostok und Nordaustralien, Florida und Chile; nur in Europa starb Bambus während der letzten Eiszeit aus und wurde dort erst vor rund 150 Jahren wieder eingeführt. Bislang sind über 100 Bambus-Gattungen und mehr als 1000 Sorten bekannt. Allein im Rakusai-Bambuspark im japanischen Kyoto gedeihen über verschiedene 100 Arten. Die kleinsten sind gerade 2 Zentimeter groß, die größten schießen 40 Meter in die Höhe. Für Gartenbesitzer – und ihre Nachbarn – sind vor allem die beiden Haupttypen des Bambus-Wurzelgeflechts interessant: Arten mit leptomorphem Rhizom bilden aggressive, meterlange Ausläufer, die sich selbst von einem Atombombenabwurf kaum stoppen lassen. Dagegen bleiben Sorten mit pachymorphem Rhizom brav an Ort und Stelle und bilden dichte Horste.

Wenn Boden- und Klimabedingungen stimmen, kann man Bambus beim Wachsen zusehen: Der dokumentierte Rekord sind 121 Zentimeter pro Tag. In den Sprossen sind die Knoten und Zwischenstücke der Halme bereits vollständig angelegt, sie schieben sich teleskopartig auseinander. Die Halme erreichen bereits in ihrer ersten Wachstumssaison ihre endgültige Größe, danach härten sie aus und setzen Zweige an. Manche Bambusarten entwickeln nur alle 80 bis 120 Jahre grün-unscheinbare Blüten. Warum die Pflanzen dann alle gleichzeitig blühen und sich dabei so sehr verausgaben, dass sie sterben, ist nach wie vor ein ungeklärtes Rätsel. Mitte der 1990er Jahre verwandelte sich zum Beispiel die Sorte Fargesia murielae flächendeckend in Kompost. Bis aus den massenhaft entstehenden Samen neue Keimlinge treiben, vergehen Jahre. Vermehrt wird Bambus daher meist durch Teilung von Rhizomen erwachsener Pflanzen.

Martin Ebner

Links (last update: 05.05.2014):

 


 


Foto: Bamboo forest on Mount Shuisheda, Taiwan; Bambua arbaro sur Shuisheda monto, Tajvano; Bambuswald am Shuisheda-Berg, Taiwan

⇑ up ⇑ supren ⇑ nach oben ⇑

Texts of timeless beauty. Or at least some historical interest.