Beaver signpost in Radolfzell

Biber: Darf die Wildnis zurückkommen?

About: Return of beavers to Southern Germany
Pri: Reveno de kastoroj al Suda Germanujo
Published, Aperis: Südwestpresse, 17.07.2004


Biber kommen in der modernen Kulturlandschaft erstaunlich gut zurecht, aber der Mensch nicht immer mit den Bibern. Nach Bayern soll auch in Baden-Württemberg „Bibermanagement“ Konflikte mit den fleißigen Nagern vermeiden helfen.

Die Wiedereinbürgerung der Biber überrascht nicht zuletzt viele Naturfreunde. Als 1966 der bayrische Öko-Pionier Hubert Weinzierl anfing, Biber aus Skandinavien und Osteuropa an der Donau auszusetzen, glaubte kaum jemand an einen Erfolg. War nicht seit der Ausrottung der Biber in der Mitte des 19. Jahrhunderts die süddeutsche Landschaft völlig verändert worden? Es zeigte sich aber rasch, dass die pelzigen Nager nicht unbedingt reines Wasser und unberührte Auwälder brauchen, um sich prächtig zu vermehren: Sie besiedeln auch Entwässerungsgräben, Kläranlagen, eine Isarinsel mitten in München und eine Betonröhre beim Flughafen Augsburg. Aus 120 nach Bayern importierten Bibern wurden bis heute mehr als 7.000.

Die Freude über die putzigen Tiere mit dem wissenschaftlichen Namen Castor fiber ist zwar im allgemeinen groß, zuweilen gibt es aber auch Ärger: durchlöcherte Hochwasserdämme, überschwemmte Felder, geraubte Maiskolben und Zuckerrüben, gefällte Bäume, Tunnelröhren, in die Traktoren einbrechen. Als reine Vegetarier vergreifen sich Biber zwar nicht an Fischen, ihre Vorstellungen von Landschaftsarchitektur harmonieren aber nicht immer mit denen von Fischteichbesitzern.

Der Zorn der Landeigentümer eskalierte in Bayern derart, dass 1996 der Bauernverband den Wiederabschuss der durch EU-Recht streng geschützten Biber forderte. Seither bemühen sich zwei hauptberufliche „Bibermanager“ und rund 200 ehrenamtliche „Biberberater“, die Gemüter wieder zu beruhigen. Ihre wichtigste Erkenntnis: außerhalb eines etwa 20 Meter breiten Uferstreifens gibt es fast nie Probleme mit Bibern – und diese Gewässerränder sollten schon aus Gründen des Trinkwasserschutzes und der Hochwasservermeidung nicht intensiv bewirtschaftet werden. Die Trampelpfade von „Bibertouristen“ richteten oft größere Schäden an als die Tiere selbst. Wenn die Biber nicht durch freilaufende Hunde gestört würden und man sie in Ruhe lasse, würden sie kaum Fluchttunnel graben. Erhaltenswerte Einzelbäume könnten durch Drahthosen geschützt werden.

Falls ein Biberrevier zu konflikt- und schadensträchtig ist, um es mit vertretbarem Aufwand halten zu können, wird die Biberfamilie eingefangen und ins Gehege des „Haus im Moos“ bei Ingolstadt gebracht. „Für manchen Naturschützer bedeutet das einen schweren Verdauungsprozess“, berichtet Bibermanager Gerhard Schwab: „Die Entscheidung, dass Biber nicht überall sein können und müssen, trug jedoch erheblich zur Akzeptanz des Projektes bei.“ In den letzten Jahren wurden in Bayern an die 700 Biber gefangen. Die meisten von ihnen wurden in Südosteuropa ausgewildert, zuletzt ging ein Castor-Transport nach Serbien. Ein Teil wurde mit Sondergenehmigung erschossen und zusammen mit Rotweinsauce und Backpflaumen verzehrt.

In Baden-Württemberg, wo der letzte Biber 1846 erlegt worden war, will man sich an den bayrischen Erfahrungen orientieren und Probleme von vornherein vermeiden. Da in Bayern fast alle geeigneten Ufer schon besetzt sind, schwimmen Jungbiber zunehmend die Donau hinauf. Sie haben bereits Tuttlingen erreicht. An Bodensee und Rhein wandern Biber aus der Schweiz und dem Elsass ein. Insgesamt wird ihre Zahl im Ländle derzeit auf 300 geschätzt. Seit Sommer 2003 kümmert sich um sie ein „Biber-Koordinator“ bei der Landesanstalt für Umweltschutz. Die Bezirksstellen für Naturschutz und Landschaftspflege haben mit Werkverträgen eigene Biberbeauftragte angestellt. In Tübingen sind das Eva Kattner und Katrin Deufel, zwei Biologinnen, die für ein kürzlich beendetes Projekt der Uni Ulm die Ausbreitung des Bibers im Alb-Donau-Kreis erforscht hatten. Im Oktober soll auf einer Tagung entschieden werden, ob auch in Baden-Württemberg ehrenamtliche Biberberater ausgebildet werden.

Da der Biber nicht mehr akut vom Aussterben bedroht ist, geht es den Umweltschützern nun darum, mit Hilfe dieses „sympathischen Symboltiers“ ganze Fluss-Systeme zu renaturieren und Lebensräume für andere Arten wiederzugewinnen. Seine erfolgreiche Rückkehr könnte Folgen haben für Braunbär, Wolf, Luchs, Fischotter, Seeadler und zahlreiche andere Geschöpfe, meint der Münchner Ökologe Josef Reichholf: „Es muss doch zu denken geben, wenn eine weitflächig ausgerottete Tierart wie der Biber eigentlich nur wieder zurückgebracht werden musste in seine früheren Vorkommensgebiete.“ Das beweise, dass Umweltverschmutzung und Habitatveränderung weniger gravierend seien als „der Eigennutz kleiner Minderheiten“, nämlich die direkte Verfolgung durch Landwirte, Jäger und Angler: „Die ökologischen Gesetzmäßigkeiten können wir den Kleintieren überlassen. Für die Größeren gelten andere Spielregeln. Nur eine Einflussgröße ist entscheidend: der Mensch.“

Martin Ebner


Infos (last update: 07.03.2016):

  • Hubert Weinzierl schildert die Rückkehr des Castor fiber nach Bayern in seinem Buch „Biber: Baumeister der Wildnis“ (Bund Naturschutz, Lauf a.d. Pegnitz 2003).
  • Ein Klassiker von Josef H. Reichholf:  „Das Comeback der Biber – Ökologische Überraschungen“  Verlag C. H. Beck, München 1993
  • Biberlehrpfade gibt es im mittelfränkischen Triesdorf und oberhalb des Bodensees im Schweizer Thurtal in Pfyn.
  • Den Biber willkommen heißen“ ist eine Broschüre des BUND.
  • Die „Biberburg“ bietet viele weitere Informationen: www.bibermanagement.de/
  • „Der Biber macht Geschichte“ ist eine historische Ausstellung des BUND Ostwürttemberg: www.biberausstellung.de

 


Foto: Rodent crossing from 7pm to 7am: beaver management in Radolfzell, Germany; Atentu kastorojn! Avertotabulo en Radolfzell, Germanujo; Kreuzende Nagetiere von 19 bis 7 Uhr: Biebermanagement in Radolfzell, Deutschland


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Texts of timeless beauty. Or at least some historical interest.