Biene in Engen, Deutschland

Dossier: Bienen

Bees used to belong to my family; my grandfather was a beekeeper.
Abeloj estis familianoj por mi; mia avo estis abelisto.

1. Aufregung um Biene Maja: Mysteriöses Bienensterben oder doch nur Schlamperei im Bienenstock? (Südwestpresse)

2. „Rasse-Kämpfe“ in der Bienenzucht: Anhänger der Buckfast-Bienen wollen Ludwig Armbruster rehabilitieren. (Südwestpresse)


Published, Aperis: Südwestpresse, 03.11.2012

Aufregung um Biene Maja

Mysteriöses Bienensterben oder doch nur Schlamperei im Bienenstock? Fachleute streiten, warum es den Honigsammlerinnen schlecht geht.

„Das fleißigste aller Tiere, das verlässlich von Blüte zu Blüte fliegt, verschwindet langsam“, dräut die Werbung für den neuen Film More Than Honey: „Die Honigbiene schwebt in höchster Gefahr.“ Ist es wirklich so schlimm? Tatsache ist jedenfalls, dass die nützlichen Insekten schwer gestresst sind.

In dem Kinderbuch Die Biene Maja und ihre Abenteuer, mit dem vor 100 Jahren der bayrische Schriftsteller Waldemar Bonsels berühmt wurde, sind Hornissen und die Spinne Thekla die Bösen. Die neue Fernsehserie Biene Maja, die das ZDF ab dem kommenden Frühjahr in 3D ausstrahlt, wird wohl politisch korrekt auf Feindbilder verzichten. Womit sich die heutigen Majas herumschlagen müssen, ist ohnehin nicht so klar.

Im Sommer gehören zu einem Bienenvolk etwa 50.000 Bienen, danach sterben viele. Im Winter sollte ihre Zahl nicht unter 5.000 sinken. Wenn sie zu wenige sind, können sie keine ausreichend große Wärmetraube bilden, das heißt, durch gemeinsames Zittern die Temperatur im Bienenstock auf 30 Grad hochheizen. Für Imker in Europa ist es normal, wenn rund 10 Prozent ihrer Völker den Winter nicht überleben. Im Frühjahr 2003 mussten sie aber den Verlust eines ganzen Drittels beklagen, ebenso 2010 und 2012.

Nach Ursachen für den übergroßen Schwund fahnden verschiedene Forschungsprogramme, zum Beispiel die EU-Projekte STEPS (Status und Trends europäischer Bestäuber), COLOSS (Verhinderung von Völkerverlusten) und BEE DOC (Gesundheit der Honigbienen). Bisher ist dabei nichts herausgekommen, was allgemein anerkannt würde.

Das deutsche Programm DEBIMO (Monitoring der Überwinterungsverluste), das seit 2004 von der Landesanstalt für Bienenkunde in Stuttgart-Hohenheim koordiniert wird, hat als Hauptproblem Varroa-Milben ausgemacht: Die „Situation für die Imkereien ist überaus bedrohlich“, noch nie seien so viele Milben gezählt worden wie heuer. Die ebenfalls verdächtigten Pflanzenschutzmittel würden dagegen „kaum eine Rolle“ spielen. DEBIMO wurde allerdings vom Industrieverband Agrar gefördert, also von Pestizid-Herstellern. Umweltschützer bezweifeln die Objektivität der Untersuchung; der Berufsimkerbund fühlt sich „verraten und verkauft“.

Unbestritten: Varroa destructor macht den Bienen sehr zu schaffen. Diese etwa 1 Millimeter große Milbe war ursprünglich in Asien zu Hause; dort kommen Bienen damit zurecht. Vor 35 Jahren wurde der Parasit von Forschern nach Europa eingeschleppt, wo die Bienen nicht dagegen resistent sind. Varroa-Blutsauger machen sich über Bienenlarven her; durch die Bisswunden können Viren eindringen. Eine Folge sind zum Beispiel verkrüppelte Flügel. Die Bekämpfung der Schädlinge ist schwierig, da der Honig nicht durch Medikamente belastet werden soll. Bei uns sind nun sämtliche Honigbienen befallen, rund 142.000 Völker in Baden-Württemberg, etwa 162.000 in Bayern. Vielleicht wirkt Varroa aber nur deshalb so verheerend, weil die Opfer bereits durch andere Faktoren geschwächt sind?

Das spektakuläre Bienensterben 2008 im Oberrheintal zwischen Rastatt und Lörrach war durch Pflanzenschutzmittel verursacht: Gegen Maiswurzelbohrer wurde Saatgut mit Neonicotinoiden gebeizt; diese Nervengifte hafteten nicht wie geplant an den Samen, sondern brachten 12.000 Bienenvölker um. Die Herstellerfirma entschädigte 700 Imker, ohne eine Schuld anzuerkennen. Diesen März stellte das Magazin Science zwei neue Studien vor, nach denen Neonicotinoide bei Bienen den Orientierungssinn durcheinander bringen und bei Hummeln zu drastisch weniger Königinnen führen. „Wir finden starke negative Effekte von Pestiziden“, berichtete im September auch der Schweizer Bienenforscher Christoph Sandrock einem Kongress in Halle.

Auf die moderne Landwirtschaft sind Bienenfreunde ohnehin nicht gut zu sprechen. Als 2007 EU-Subventionen für stillgelegte Felder abgeschafft wurden, gingen in Deutschland schlagartig 400.000 Hektar Blühflächen verloren. Außer Rapspollen ist für Bienen in den „grünen Wüsten“ auf dem Land nicht mehr viel zu holen; die Pollen der immer öfter zur Energiegewinnung angebauten Mais-Monokulturen sind minderwertig; für Silage werden Wiesen bereits vor der Blüte abgemäht. Anfang September besprachen Imker aus allen deutschsprachigen Ländern in Luxemburg die ab 2014 geplante Reform der EU-Agrarpolitik: Sie fordern ein Verbot der Neonicotinoide und allgemein weniger Pflanzenschutzmittel, Alternativen zu Mais, mehr Blühstreifen und Streuobstanlagen, und Häkselung bitte außerhalb der Bienen-Flugzeiten.

Bienenhalter und Bauern werden sich schon einigen: Äpfel und Kirschen, Tomaten, Sonnenblumen und viele andere Gewächse brauchen Bestäubung – und die kann niemand so gut wie Bienen. In die Obstplantagen bei Hamburg werden heute schon Immen von weit her gekarrt, was den Imkern gutes Geld bringt. Schlecht geht es allerdings freischaffenden Insekten: Das Bundesamt für Naturschutz veröffentlichte im August eine Rote Liste, nach der von den 560 heimischen Wildbienen-Arten mehr als die Hälfte vom Aussterben bedroht ist, darunter zum Beispiel Hummeln.

Der Klimawandel, sonst gern diskutiert, wenn etwas schiefläuft, scheint dabei keine große Rolle zu spielen: Bienen haben schon mehrere Eis- und Warmzeiten überlebt. Vielleicht Elektrosmog? Daniel Favre von der Technischen Hochschule Lausanne legte zwei eingeschaltete Mobiltelefone auf Bienenstöcke und stellte fest: Bienen mögen das nicht. Ob diese Studie etwas taugt, ist so umstritten, wie alles, was mit Handystrahlen zusammenhängt.

Der Imker Klaus Maresch sieht die Schuld bei unfähigen Tierquälern: „Es muss endlich Schluss gemacht werden mit dem durch Imker verursachten Bienensterben. Es fehlt an Professionalität.“ Er startete in Bonn ein Bürgerbegehren, weil er Bußgelder will für „Gammel-Imker“, die ihre Völker nicht beim Veterinäramt melden und die Varroa-Bekämpfung mit Oxal- und Ameisensäure vernachlässigen. Wer nur ein Hobby sucht, solle sich lieber „einen Monitor mit einem Bienenfilm in den Garten stellen“. Beliebt macht sich Maresch damit kaum: In Deutschland gibt es über 90.000 Freizeit-, aber nur etwa 900 Berufsimker.

Die Landesanstalten für Bienenforschung haben jetzt erst einmal das neue Projekt FIT BEE gestartet. Mit 2,3 Millionen Euro des Bundesministeriums für Landwirtschaft soll bis 2014 das Referenzmodell „vitales Bienenvolk“ erarbeitet werden, damit Imker anhand einer Checkliste erkennen können, ob ihre Schützlinge krank sind. Ein Teilprojekt in Hohenheim untersucht, wie viele Pestizide vom Feld in den Bienenstock gelangen. Kooperationspartner sind dabei der Pestizidhersteller Bayer und der Konzern Syngenta, der gerne genmanipulierten Mais verkaufen würde. Dass Imker und Umweltschützer die Ergebnisse akzeptieren, wäre eine Überraschung.


Bienen gucken, Honig ernten (last update: 28.12.2016):

– Deutsche Berufs- und Erwerbsimker: www.berufsimker.de
– Ein verkabelter Bienenstock der Uni Würzburg kann rund um die Uhr via Internet beobachtet werden: www.hobos.de
– Das Forschungsprojekt „FIT BEE“ wird von der Landesanstalt für Bienenkunde in Hohenheim koordiniert: //fitbee.net
– Das Bienenmuseum Illertissen wurde im August 2016 als Bayerisches Bienenmuseum wieder eröffnet.
– Städter, werdet Imker! Das fordert diese Initiative: www.deutschland-summt.de

Martin Ebner

N.B. (28.12.2016): Vielleicht hilft gegen Varroa-Milben ganz einfach Hitze: www.bienensauna.de

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Bienen im Allgäuer Bergbauernmuseum in Diepolz
Bienen im Allgäuer Bergbauernmuseum in Diepolz

 

Published, Aperis: Südwestpresse, 21.07.2007

Rasse-Kämpfe“ in der Bienenzucht

Anhänger der Buckfast-Bienen wollen Ludwig Armbruster rehabilitieren. Von den Erkenntnissen des ersten Professors für Bienenkunde versprechen sie sich Abhilfe gegen das rätselhafte Bienensterben.

Als sie nach dem Winter ihre Bienenstöcke öffneten, erlebten heuer in den USA viele Imker eine böse Überraschung: kein Gewusel, kein Summen – nur gähnende Leere. Zahlreiche Bienenvölker sind spurlos verschwunden. Ein ähnliches Massensterben hatte 2003 in Mitteleuropa rund ein Drittel der Honigsammlerinnen dahingerafft. Die Ursache für den mysteriösen Exodus ist noch unbekannt. Es könnten zum Beispiel Pflanzenschutz-Gifte sein, Milben, Immundefekte ähnlich wie AIDS, gentechnisch veränderte Pflanzen, Mobilfunkstrahlen, Unterernährung oder auch das Zusammenwirken verschiedener Stress-Faktoren. Um so wichtiger sei es, sich erneut mit Europas erstem Inhaber eines Lehrstuhls für Bienenkunde zu beschäftigen, findet Andreas Stöhr vom Schlosswald-Bienengut in Oberrot bei Schwäbisch-Hall: „Über die wissenschaftlichen Erkenntnisse von Ludwig Armbruster gibt es Lösungsansätze für das Bienensterben.“

Armbruster dürfe nicht länger „bewusst verdrängt“ werden, fordert Stöhr. „Aufgrund der Nazi-Vergangenheit werden seine Forschungen den Bienenzüchtern vorenthalten.“ Ende April lud Stöhr daher seine Kollegen ins Kloster Bronnbach zur „internationalen Rehabilitierung von Professor Ludwig Armbruster“. Die Schirmherrschaft übernahmen der Internationale Bienenzüchterverband Apimondia, der Freiburger Erzbischof und auch Fernsehkoch Johann Lafer. Andererseits blieben verschiedene Imker-Landesverbände der von Gottesdienst und Posaunenkonzert umrahmten Feier fern.

Steffen Rückl von der Berliner Humboldt-Universität schilderte in Bronnbach den Lebenslauf des Wissenschaftlers: Ludwig Armbruster wurde 1886 im badischen Markdorf geboren. Nach einem Theologiestudium in Freiburg war er für die Weihe zum Priester zunächst noch zu jung und promovierte deshalb 1913 erst noch mit einer Arbeit zu den Chromosomen-Verhältnissen bei Bienen auch als Naturwissenschaftler. Er führte die biologisch-mikroskopische Honig-Untersuchung ein. Als Erster wandte er die Mendelschen Vererbungsgesetze auf das in seiner Vererbungsgenetik hoch komplizierte Nutztier Honigbiene an: Bei der sogenannten „Kombinationszucht“ werden gute Eigenschaften einer Bienenrasse in eine andere Rasse eingekreuzt, ohne dass deren sonstiges Erbgut verloren geht.

In  St. Peter bei Freiburg konnte Armbruster ein „Edelzuchtgebiet“ nach seinen Vorstellungen einrichten, weil Händler für Schwarzwalduhren in Südengland ein verheerendes, durch Tracheenmilben ausgelöstes Bienensterben miterlebt hatten und fürchteten, im ähnlich niederschlagsreichen Klima des Schwarzwaldes könnte sich eine vergleichbare Katastrophe wiederholen. Dank seiner Forschungen und als Verfasser der ersten „Bienenzüchtungskunde“ wurde Armbruster bald Mitglied des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Biologie in Berlin. Ab 1919 baute er dort als Gründungsdirektor das Institut für Bienenkunde auf. Seine historische und völkerkundliche Imkerei-Sammlung bildet bis heute den Grundstock des „Bienenmuseums“ in Berlin-Dahlem.

Von den Nazis wurde Armbruster 1934 zwangspensioniert, weil er sich weigerte, eine Ergebenheitsadresse für die Hitlerei zu unterschreiben. Außerdem galt er als „Judenfreund“. Tatsächlich lernten bei ihm viele Juden, hat Rückl herausgefunden: „Für die Einreise nach Palästina wurde ein Berufsabschluss verlangt – und das Zeugnis des Instituts für Bienenkunde wurde anerkannt.“ Vor allem aber passte Armbrusters Kreuzungs-Methode nicht zur NS-Theorie der Reinrassigkeit. Nachfolger des Geistlichen wurde SS-Führer Konrad Meyer, der sich dann von der Insekten- auf die Menschenzucht verlegte und die Federführung beim „Generalplan Ost“ zur „Germanisierung“ Polens übernahm. Armbruster zog sich nach Lindau an den Bodensee zurück, wo er bis 1966 in seinem „Biene-Verlag“ das „Archiv für Bienenkunde“ herausgab und 1973 verstarb.

Dass der bienenfleißige Forscher nach dem Krieg keine Stelle mehr bekam, liegt auch an heftigen „Rasse-Kämpfen“, die bis heute dauern. Von einem Schüler Armbrusters, dem Benediktiner-Mönch Karl Kehrle (Bruder Adam), wurde ab 1917 in einem englischen Kloster aus verschiedenen Bienenrassen aus aller Welt die gelbe, ertragreiche Buckfast-Biene gezüchtet. Sie ist vor allem bei Berufsimkern beliebt und stellt mittlerweile in Deutschland gut ein Drittel der Bienen. Besonders Hobby-Imker wollen dagegen an der grauen Carnica-Rasse festhalten, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus Slowenien eingeführt wurde und die einst bei uns heimische Dunkle Biene der Mellifera-Rasse weitgehend ausrottete.

Da Immen nur schlecht eingezäunt werden können und die Königinnen sich im freien Flug von der nächstbesten Drohne begatten lassen, sind Besitzer verschiedener Bienenrassen oft nicht gut aufeinander zu sprechen. Zuweilen werden Imker sogar zu Vandalen und zerstören benachbarte Stöcke von Kollegen.

„In Deutschland hält man immer noch an ‚Reinrasse‘ im Sinne der NS-Diktatur fest und geht vorwiegend nur der Linienzucht nach“, klagt Andreas Stöhr. „Das heißt, man bleibt der Rassenlinie treu, auch wenn diese schlechte Eigenschaften aufweist und sich immer mehr der Inzucht nähert. Dabei könnte man mit Kombinationszucht gute Eigenschaften einkreuzen, zum Beispiel Resistenz gegen die Varroa-Milbe. Die Forschungsergebnisse von Ludwig Armbruster müssen wissenschaftlich nochmals neu aufgerollt werden.“

Martin Ebner

Infos (last update: 05.05.2014):

Steffen Rückls neue Dokumentation „Ludwig Armbruster – von den Nationalsozialisten 1934 zwangspensionierter Bienenkundler der Berliner Universität“ ist als Arbeitspapier Nr. 78 des Instituts für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften des Landbaus erschienen: www.agrar.hu-berlin.de
Weder Buckfast noch Carnica: für den Schutz der einst verbreiteten Dunklen Biene setzt sich Imker Roland Wörsching ein: www.dunkle-biene.de/

Im Schweizer Kanton Glarus dürfen nur Dunkle Bienen gehalten werden.
Im Schweizer Kanton Glarus dürfen nur Dunkle Bienen gehalten werden.

Foto: Busy bee in Engen, Germany. Laborema abelo en Engen, Germanujo. Fleißige Biene in Engen, Deutschland


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Texts of timeless beauty. Or at least some historical interest.