Füchse in der Stadt: Pizzakrümel statt Feldmäuse

About: Modern foxes opt for urban life.
Pri: Modernaj vulpoj selektas urban vivon.
Published, Aperis: Südwestpresse, 25.06.2007


Füchse fühlen sich in der Stadt wohler als auf dem Land. Sichere Schlafplätze, Partner für die Paarung, Fressen ohne Ende: in den Städten finden Wildtiere alles, was sie brauchen. Die Landflucht der Rotfüchse kann Gärtnern und Kleintierhaltern Probleme bereiten. Dazu kommt die Angst vor dem Fuchsbandwurm.

Ob Füchse wohl ihren Bau rustikal einrichten und nach Feierabend vom idyllischen Landleben träumen? Vielleicht verkraften die Pelztiere die Stadtluft aber auch besser als die Menschen. Immer mehr von ihnen wohnen diskret in Ortschaften. Manche fühlen sich sogar auf umtosten Verkehrsinseln wohl. „Fünf Füchse fingen fünf fette feiste Feldmäuse“ lautet zwar ein alter Zungenbrecher. Moderne Reineckes fressen aber lieber Pommes Frites und Döner-Reste. Warum sich auf den Monokulturen der Bauern abrackern, wenn doch der Abfall von Imbissbuden so nahrhaft ist? Außerdem sind Schrebergärten oder Friedhöfe für Welpen viel sicherere Spielplätze als Feld und Wald, wo sich womöglich Jäger herumtreiben.

Bei den von der Tollwut verschonten Füchsen in England lässt sich schon seit dem Zweiten Weltkrieg ein Trend zum Stadtleben beobachten. In London verspeisten sie im Park des Buckingham Palace ganz ungeniert die Flamingos der Queen. Seit die Tollwut ab Mitte der 1980er Jahre in Mitteleuropa verschwunden ist, nimmt auch dort die Zahl der Füchse stark zu, und zwar vor allem in den Agglomerationen. Mittlerweile leben in den Städten auf einem Quadratkilometer 10 bis 20 Füchse – auf dem Land sind es gerade einmal 1 bis 2.

Am besten untersucht sind die Schweizer Stadtfüchse, deren Zahl sich seit 1985 mindestens vervierfacht hat. Vor zehn Jahren starteten Zoologen, Parasitologen und andere Forscher in Zürich das „Integrierte Fuchsprojekt“, das sich mit allen möglichen Themen rund um die kaum noch scheuen Wildtiere beschäftigt. Während sich Dachse und Gemsen bislang nur in die Vororte wagen, besiedeln rund 1000 Füchse das Zentrum von Zürich. Es könnten noch mehr werden, vermutet die Wildbiologin Sandra Gloor: „Allein die Nahrung, die vom Menschen stammt, würde für fünf Mal mehr Füchse reichen.“

Die meisten Füchse in Zürich sind nicht eingewandert, sondern bereits dort geboren. Anders als Landfüchse, die allein oder paarweise unterwegs sind, leben sie in größeren Familien. Um ihre Streifzüge zu verfolgen, haben die Forscher 22 Füchsen Halsband-Sender umgehängt. Tagsüber dösen die Tiere meist in einem Versteck. Falls sie sich doch einmal blicken lassen, freut das die meisten Menschen, ergaben Befragungen. Gering ist die Raubtier-Akzeptanz allerdings bei Haltern von Meerschweinchen oder jungen Katzen: Besonders im Frühjahr, wenn die Füchse großen Hunger haben, kann es bei unbewachten Kleintieren in ihrer Nachbarschaft zu einem gewissen Schwund kommen.

Wenig begeistert sind auch Gartenbesitzer: Füchse entwickeln zur Gestaltung der Grünanlagen eigene Vorstellungen. Mal höhlen sie ihren Bau aus, dann wieder Fluchttunnel oder Löcher für Nahrungsvorräte. Manchmal wühlen sie auch nur zum Spaß: „Das Graben gehört zu ihrem Verhalten“, konstatieren die Forscher. Sie empfehlen, zur Abschreckung Hundehaare auszulegen oder Gärten mit einem 30 Zentimeter in die Erde eingelassenen, zwei Meter hohen Zaun zu sichern.

Die größte Sorge gilt allerdings nicht den Füchsen selbst, sondern einem vier Millimeter kleinen Parasiten in ihrem Dünndarm: dem Fuchsbandwurm. Seine heimtückischen Larven verbreiten sich mit Hilfe von Mäusen, können aber auch in der Leber von Menschen landen. Die dadurch verursachte Krankheit Echinokokkose ist tödlich, zum Glück aber sehr selten. Beeren, Fallobst und Gemüse sollten jedenfalls vor dem Verzehr gründlich gewaschen werden. Besonders in Risikogebieten wie der Schwäbischen Alb sollten auch Hunde und Katzen regelmäßig entwurmt werden.

Um Probleme zu vermeiden, raten die Forscher, Füchse auf keinen Fall zu füttern und keine Essensreste herumliegen zu lassen. Die Tiere verstärkt zu bejagen, wie vom Deutschen Jagdverband gefordert, halten die Schweizer Wissenschaftler für kontraproduktiv: Wird ein Stadtfuchs erschossen, könnten einwandernde Landfüchse sein Revier übernehmen – die aber sind öfter mit Bandwurm infiziert, weil sie mehr Mäuse fressen. Überhaupt könne man mit Gewalt allenfalls das Durchschnittsalter der Stadtfüchse senken, findet Gloor: „Füchse sind längerfristig aus keinem Lebensraum fernzuhalten, der für sie günstig ist.“

Martin Ebner

Infos (last update: 05.05.2014):

  • Die Ergebnisse des Integrierten Fuchsprojekts von Zürich präsentieren Sandra Gloor und andere Forscher in dem Buch „Stadtfüchse. Ein Wildtier erobert den Siedlungsraum“ (Haupt Verlag, Bern 2006).
  • Die Zürcher Füchse kann man auch im Internet auf ihren nächtlichen Streifzügen begleiten: www.zor.ch
  • Wer sich um seinen Garten sorgt oder Ärger mit Problemfüchsen hat, findet Hinweise zum Thema „Wildtiere in Städten“ unter www.deutschewildtierstiftung.de
  • Zum Fuchsbandwurm wird an der Universität Ulm geforscht, wo es eine Arbeitsgemeinschaft Echinokokkose gibt.

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