Radolfzeller Aach near Lake Constance

Landschaftsschutz: Zerschneidungskoeffizient

About: Increasing fragmentation of natural spaces in Baden-Württemberg, Germany
Pri: Fragmentigo de naturaj spacoj en Baden-Württemberg, Germanujo
Published, Aperis: Südwestpresse, 14.03.2001


Baden-Württemberg ist stärker zerstückelt als bisher angenommen

Der Dachs würde im Frühling gern zur Dächsin, aber immer kommt etwas dazwischen: Straßen, Eisenbahnschienen, Stromleitungen. Weiten Auslauf und ungestörte Treffpunkte haben Tiere in Baden-Württemberg kaum mehr. Es gibt nur noch sechs zusammenhängende Naturräume, die größer als 100 Quadratkilometer sind.

Seit Jahrzehnten ist bekannt, dass die Zerschneidung der Landschaft eine der wichtigsten Ursachen für das Verschwinden vieler Tierarten ist, außerdem Flora, Kleinklima und Wasserhaushalt beeinträchtigt. Eine „Trendwende im Landverbrauch“ forderte die Bundesregierung schon 1985. Trotz aller Maßnahmenkataloge, die verabschiedet wurden, ist jedoch „die Entwicklung ungebrochen“, stellt der Biologe Jochen Jaeger fest: „In den alten Bundesländern hat die Zahl der unzerschnittenen verkehrsarmen Räume von 349 im Jahr 1977 auf derzeit noch 225 abgenommen, ihr Anteil an der Gesamtfläche ging von 22,7% auf 14,2% zurück. In Baden-Württemberg werden jährlich 3.500 ha neu für Siedlungs- und Verkehrszwecke in Anspruch genommen.“

Immerhin kann nun die Zerstückelung der Landschaft genauer gemessen werden. Jochen Jaeger hat nämlich für die Stuttgarter Akademie für Technikfolgenabschätzung ein neues Maß dafür entwickelt: die „effektive Maschenweite“. Dieser „Zerschneidungskoeffizient“ ergibt die Wahrscheinlichkeit, mit der sich zwei Tiere, zum Beispiel Dachse, die sich zufällig irgendwo in dem untersuchten Gebiet aufhalten, begegnen können – das heißt die Größe der verbleibenden Lebensräume. Im Vergleich zu den bisher gebräuchlichen Zerschneidungsmaßen, etwa der Verkehrsnetzlänge oder der Anzahl der unzerschnittenen Räume, sei die effektive Maschenweite zuverlässiger und leichter zu erfassen. In Zukunft könnten damit Grenz- oder Richtwerte für Zersiedlung und Landverbrauch festgelegt werden.

In einem Kooperationsprojekt der TA-Akademie, der Landesanstalt für Umweltschutz in Karlsruhe und des Instituts für Landschaftsplanung der Uni Stuttgart wurden mit dem neuen Maß aktuelle Landkarten untersucht. Während ältere, weniger detaillierte Studien noch 28 unzerschnittene Räume größer als 100 Quadratkilometer ergaben, zeigte sich nun, dass nur der Schwarzwald, die Schwäbische Alb, der Schönbuch südlich von Stuttgart und Gebiete nördlich der Jagst übrigbleiben.

Wenn Gemeindestraßen einbezogen werden, sinkt die effektive Maschenweite für ganz Baden-Württemberg auf 13,66 Quadratkilometer. Nur acht Kreise haben Werte, die über diesem Durchschnitt liegen. Dabei wurden auch in der neuen Studie Forstwege, landwirtschaftlich intensiv genutzte Räume und die verlärmten „Störkorridore“ um die Straßen nicht berücksichtigt – in Wirklichkeit kommen also Tiere noch viel weniger weit.

Mit Werten zwischen 1,5 und 5 km² sind die Kreise Stuttgart, Mannheim, Ulm, Karlsruhe, Ludwigsburg und Heilbronn, aber auch der Bodenseekreis, Konstanz und Hohenlohe am stärksten zerschnitten. Von den Naturräumen sind das Hochrheintal (0,78 km²), die Neckar-Rheinebene (1,32 km²) und die Stuttgarter Bucht (1,39 km²) am stärksten zerschnitten. Mit Werten um 3 km² gehören auch die Gebiete entlang des Bodenseeufers zu den sehr stark zerschnittenen Regionen. Dagegen haben im Grindenschwarzwald Tiere und Menschen auf 66,14 km² ihre Ruhe.

Zur Zeit analysieren die Wissenschaftler auf der Grundlage von historischen Karten die Auswirkungen der Landschaftszerschneidung bis etwa zum Jahr 1930 zurück. Bereits untersucht ist das Strohgäu, eine Region im Landkreis Ludwigsburg: Die Fläche, die einer Tierart als Lebensraum übrig geblieben ist, hat dort seit Beginn des 20. Jahrhunderts von 8 auf 3 Quadratkilometer abgenommen. Dachse dürfen eben bei der Landesplanung nicht mitreden.

Martin Ebner

Informationen:
„Natur und Landschaft“ 2001/Heft 1

N.B. (31.10.2014):
Nach einer Studie des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung wurde in Deutschland zwischen 2009 und 2012 jeden Tag im Schnitt eine Fläche von 74 Hektar zugebaut. Die Zersiedelung geht ungebremst weiter…

N.B. (23.12.2014):
Das Projekt „Conservation Genetic Resources for Effective Species Survival“ stellt genetische Daten von vielen geschützten Arten in Europa zur Verfügung. Für das Überleben einer Art ist es wichtig, dass einzelne Populationen im Austausch miteinander stehen, damit die genetische Vielfalt möglichst groß bleibt: www.congressgenetics.eu

Forschungen bei Ulm und Tübingen haben z.B. ergeben, dass Siebenschläfer in kleinen isolierten Waldstücken geradezu eingesperrt sind, da sie nur ungern Straßen oder Wiesen überqueren.

N.B. (28.12.2016):
Nach einer Studie von Pierre Ibisch von der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde zerstückeln Straßen derzeit die Erdoberfläche in mehr als 600.000 Fragmente, wovon die meisten kleiner als 1 Quadratkilometer sind.


 


Foto: Not yet fragmented: nature protection zone near Lake Constance, Germany. Naturrezervejo apud Konstanca Lago, Germanujo. Noch nicht zerschnitten: Naturschutzgebiet Radolfzeller Aach, Deutschland. (Damit es nicht zu idyllisch wird, wurde hier in der Nähe die Bohlinger Giftmülldeponie angelegt.)

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