"The Listener" by Patricia Piccini

Der Mensch, das Schwein: Was unterscheidet uns vom Tier?

About: Exhibition in Dresden, Germany, about the relationship between humans and animals
Pri: Ekspozicio en Dresden, Germanujo, pri rilato de homoj kaj bestoj
Published,
Aperis: Stuttgarter Nachrichten (†), 28.12.2002


Das Deutsche Hygiene-Museum fragt: Was unterscheidet uns vom Tier?

Auf dem Platz vor dem monumentalen Hygiene-Museum könnte der rosafarbene Roboter-Eber Scippy einen großen Auftritt haben. Einmal nicht in einem Schweinestall grunzen, synthetisch duften und Säue auf künstliche Besamung vorbereiten, sondern auf vier Rädern frech um die Waden einer heroischen Statue flitzen und so den Menschen der Lächerlichkeit preisgeben. An Wochenenden aber ist von dem künstlichen Lockschwein nicht viel zu sehen, weil rundherum Bereitschaftspolizisten ihre Autobusse parken und sich für das Gebrüll im Fussballstadium gegenüber rüsten. Auch Tierattrappen dürfen nur dann eine Schau abziehen, wenn es dem Menschen gefällt.

Die „paradoxe Beziehung“ von Mensch und Tier ist ein recht einseitiges Verhältnis, daran läßt die Dresdner Ausstellung keinen Zweifel: Schafe, Kühe und weiße Mäuse könnten sehr gut ohne uns leben. Die einhundertste Schau des Hygienemuseums seit der Wende, für die der Biologe Jasdan Joerges rund 750, meist ausgesucht skurrile Exponate zusammengetragen hat, behandelt zwei Themen. Zum einen geht es um Tiere als Bestandteil der menschlichen Kultur: „Ohne das Tier wäre der Mensch nicht zu dem geworden, was er heute ist. Über Jahrtausende wurde der ‚Markenartikel Tier‘ vom Menschen gezüchtet und perfektioniert.“ Zum anderen fragt die in einem langen Tunnel aus Käfiggittern untergebrachte Ausstellung nach den Unterschieden von Mensch und Tier: „Ist eine eindeutige Grenzziehung überhaupt noch möglich? Was bedeutet sie für das Selbstbewusstsein des Menschen und für seinen Umgang mit seinen Mitgeschöpfen?“

Auf eine „menschliche“ Behandlung darf kein Vieh hoffen. Schon gar nicht die 7 Rinder, 20 Schafe, 22 Schweine und 600 Hühner, die der Durchschnittsdeutsche im Laufe seines Lebens verbraucht. Pro Jahr ist das ein Fleischkonsum von 90 Kilogramm, viermal mehr als vor 200 Jahren. Ob moderne Schlachtung mit Elektrobetäubung akzeptabler ist als Schächten von Hand, ist wohl Geschmacksache, jedenfalls aus Sicht der Menschen. Das in der Ausstellung gezeigte Video von Hühnchen, die per Fließband der „industriellen Geflügelzerlegung“ zugeführt werden, würde im Fernsehen Befremden auslösen. Wer will das schon so genau wissen?

Sonst sind Tierfilme beliebt, zum Beispiel mit Luise: Das erste deutsche Polizeispürschwein wurde 1985 als Mitglied der Hundestaffel Hildesheim verbeamtet, schnüffelte nach Sprengstoffen und Rauschgift, trat im „Tatort“ auf, ging mit einem Verdienstorden in den Ruhestand und starb schließlich im Alter von 14 Jahren eines natürlichen Todes. So viel Respekt ist allerdings selten. Normalerweise hätschelt der Mensch selbst TV-Stars nur so lange, wie sie Nutzen bringen. Diese Erfahrung musste sogar Pascha machen: Der berühmteste Löwe des DDR-Staatszirkus war nach der Wende arbeitslos, wurde eingeschläfert und ausgestopft.

Die 22,5 Millionen Haustiere in Deutschland werden meist taktvoller behandelt. Viele bekommen nach dem Hinscheiden sogar eigene Särge oder Urnen. Herrchen und Frauchen geben pro Jahr über 2,7 Milliarden Euro für sie aus, zum Beispiel für Zahnpflegesets mit Fischgeschmack für Katzen, künstliche Hüftgelenke, Bluttransfusionen oder auch Hochzeitskleider für Hunde. Technischer Fortschritt und Rationalisierung drohen jedoch auch den kleinen Lieblingen. Die Gummipuppe Eva, ein weißes Schaf mit langen Wimpern, wird zwar wohl nur Minderheiten befriedigen, aber wie sieht es mit NeCoRo aus? Diese Roboterkatze wird neuerdings in Japan produziert: NeCoRo ist sauber, lernfähig, reagiert mit 48 verschiedenen Lauten auf Stimmen und Berührungen, und sie hat einen Ausschaltknopf.

Dass aus biologischer Sicht die Grenzen zwischen Tier und Mensch immer mehr verschwimmen, bringt den Tieren gar nichts. Sie werden eher noch hemmungsloser als Ersatzteillager ausgeschlachtet und als Versuchsobjekte benutzt. Jedes neu entdeckte Gen zieht eine ganze Reihe von Experimenten nach sich. Pech haben dabei besonders Tiere, die dem Menschen organisch sehr ähnlich sind, deren Herzen fast gleich aussehen wie unsere Blutpumpe – arme Schweine! Immerhin dürfen heute mit großen Menschenaffen, denen Wissenschaftler die Intelligenz von kleinen Kindern oder modernen Künstlern bescheinigen, keine Versuche mehr gemacht werden. Die Transplantation von Affenhoden, die um 1920 einige Ärzte reich machte, hat sich ohnehin nicht bewährt, da die erhofften Verjüngungseffekte bei Männern ausblieben. Schon davor hatte der Philosoph Friedrich Nietzsche erkannt: „Einst wart ihr Affen, und auch jetzt noch ist der Mensch mehr Affe als irgendein Affe.“

Martin Ebner

Die Ausstellung „Mensch und Tier. Eine paradoxe Beziehung“ war bis 10. August 2003 im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden zu sehen. Katalog: „Mensch und Tier. Eine paradoxe Beziehung“, Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2002

Links (last update: 31.05.2014):

N.B. (26.12.2014):
Die Künstlerin Iris Schieferstein bastelt Objekte aus toten Tieren. Ihre Schuhe aus Pferdefüßen waren im Sommer 2014 ein Blickfang der Ausstellung „Arche“ in Franzensfeste. Dort präsentierte Philipp Messner auch ein Experiment zu der Frage, ob man einen Esel mit einer Karotte bewegen bringen kann.



Foto: Sculpture „The Listener“ by Patricia Piccinini, seen in the Ars Electronica Center in Linz, Austria. Fiktiva estaĵo: skulpturo de Patricia Piccinini. Kreuzung von Mensch und Schwein: Skulptur von Patricia Piccinini, gesehen im Ars Electronica Center in Linz, Österreich

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