Litter pigs in Adelaide

Plastiktüten: praktisch, billig – untragbar?

About: Plastic bags are more and more often prohibited
Pri: Malpermesoj por plastiksakoj
Published, Aperis: Südwestpresse, 29.09.2008


Die bunten Symbole der Wegwerfgesellschaft sind weltweit allgegenwärtig. Bisher haben Polyethylentaschen alle Anfeindungen durch Umweltschützer überlebt. Besonders in armen Ländern erzwingen nun aber hohe Erdölpreise und nicht mehr zu übersehene Abfallprobleme vielerorts ein Umdenken.

Die Kunststoffindustrie kann bestimmt auch ohne Sansibar leben. Dass diese Insel im Indischen Ozean allen, die dort mit Plastiktüten aufkreuzen, sechs Monate Haft und 1000 US-Dollar Strafe androht – das schmerzt sie wahrscheinlich trotzdem. Vor allem, weil die Ex-Piraten vor Afrikas Küste zwar besonders rabiat, aber kein Einzelfall sind. Ob Papua-Neuguinea oder Frankreich, Südafrika oder Australien: immer mehr Länder gehen gegen Plastetaschen vor.

Bangladesh begründete sein bereits 2002 eingeführtes Verbot damit, dass die Tüten Abwasserkanäle blockieren und so zu Flutkatastrophen beitragen. Ruanda und eine Reihe von Nachbarländern finden, dass die massenhaft in der Gegend herumfliegenden Tragehilfen das Pflanzenwachstum stören, die Mägen von Rindvieh verstopfen und Brutstätten für Moskitos bieten, also die Verbreitung von Malaria fördern. China hat in diesem Sommer dünne Tütchen verboten, deren geringer Nutzwert in keinem Verhältnis zu ihrer Umweltbelastung steht; für dickwandigere Taschen wurde eine Abgabegebühr vorgeschrieben. Die Nationale Entwicklungskommission kritisierte dort Plastiktüten als Verschwendung von Erdöl.

Besonders aufgeschreckt hat die Hersteller, dass im vergangenen Jahr mit San Francisco und Oakland erstmals auch Städte in den USA Verbote für Plastiktüten erlassen haben. Schließlich entfallen von den schätzungsweise über 500 Milliarden verschweißten Schläuchen aus Polyethylen-Folie, die weltweit pro Jahr verbraucht werden, über 80 Milliarden auf die Vereinigten Staaten – dieser Markt von rund 4 Milliarden Dollar scheint nun gefährdet. Die Stadträte von San Francisco erklärten eine Recycling-Selbstverpflichtung der Industrie, die vor 10 Jahren eine Tüten-Zwangsgebühr abwendete, für gescheitert.

Bei der Debatte in Kalifornien spielte auch der „Große Pazifische Müllfleck“ eine Rolle: Im Meereswirbel zwischen San Francisco und Hawaii schwappt ein ständig wachsender, bereits auf 20 Millionen Quadratkilometer geschätzter Teppich aus Plastikabfällen, nicht zuletzt Tüten. Durch UV-Licht und Reibung wird der Müll zwar im Laufe der Jahre zu Partikeln zerkleinert, aber das macht die mit Farbstoffen und anderen Giften angereicherte Suppe nicht besser: Laut Forschern der Algalita-Stiftung gibt es nun im Nordpazifik sechs mal mehr Plastikteilchen als Zooplankton – die über Quallen und Fische auch in die menschliche Nahrung gelangen könnten. Rund um die Welt bestehen mittlerweile die Sandstrände zu beträchtlichen Teilen aus zermahlenem Plastik.

Die Verkäufer des biologisch nicht abbaubaren Polyethylens fühlen sich dennoch zu Unrecht verfolgt. Die australische Plastikindustrie zum Beispiel beklagt die „Überreaktion“ der Gesetzgeber, gegen Vermüllung würde Erziehung viel besser wirken als Verbote. Die deutsche Kunststoff-Lobby betont, für Tüten werde „jährlich nicht einmal 1 Prozent der gesamten Erdöl- und Erdgasproduktion aufgewendet“. Die Herstellung sei sauber und effizient, das leichte Material könne „in Punkto Beständigkeit, Sicherheit, Hygiene und Umweltfreundlichkeit die strengsten Prüfungen bestehen“. Gerne wird auch eine Studie des Umweltbundesamts von 1988 zitiert, nach der Plastiktaschen „insgesamt weniger Umweltbelastungen verursachen“ als solche aus Papier.

Begleitet vom Slogan „Jute statt Plastik“ hatte es während der Ölkrise der 1970er Jahre schon einmal Tüten-Verbote gegeben, etwa auf Amrum oder in Hannover. Darauf, dass die Bequemlichkeit der Konsumenten die derzeitige Welle der Abneigung ebenso schnell verebben lässt wie damals, wollen sich die Hersteller aber lieber nicht verlassen. Sie suchen nach Alternativen. Der 2005 in Frankreich vorgestellte „Néosac“ kann allerdings noch nicht so recht überzeugen: Diesem Plastik ist Kobalt zugesetzt – die Tüte zersetzt sich zwar schnell, zurück bleibt aber Schwermetallstaub. Ähnliches gilt wohl auch für die im Januar von US-Marktführer Hilex präsentierte Tasche, die bei Kontakt mit Sauerstoff in acht Wochen zerfällt, aber ebenfalls Zusatzstoffe enthält. Die Branche erhofft sich daher viel von neuem Bioplastik, in der Regel aus Mais- oder Kartoffelstärke.

Ein anderer Ansatz wäre, den herkömmlichen Kunststoff künstlerisch aufzuwerten. Die zur Documenta 1972 von Joseph Beuys handsignierten Tüten dürften kaum im Müll gelandet sein. Für Exemplare, die von Roy Lichtenstein oder Andy Warhol gestaltet wurden, zahlen Sammler heute schon mal 5.000 Euro. Und wenn Polyethylen erst einmal im Goldrahmen an der Wand hängt, ist es kein Abfallproblem mehr.


Dose aus dem allerersten Polyethylen, gesehen im Science Museum in London, UK
Medikamentendose aus dem allerersten Polyethylen, gesehen im Science Museum in London, UK


Das Universalmaterial

Der Kunststoff, aus dem seit den 1950er Jahren Tüten fabriziert werden, ist eigentlich eine deutsche Entdeckung: Der Chemiker Hans von Pechmann fand 1899 auf dem Boden eines Reagenzglases zufällig einen wachsartigen Rest. Da sich mit der weichen Masse aber scheinbar nichts anfangen ließ, wurde sie wieder vergessen. Amtlich ist Polyethylen daher erst 75 Jahre alt: Als 1933 Eric Fawcett und Reginald Gibson bei der englischen Firma ICI mit Gasen unter hohem Druck experimentierten, stießen sie – ebenfalls zufällig – auf ein wächsernes Harz. Diesmal wurde die Sache ernster genommen und Polyethylen bald durch Cracken (Erhitzen) von Rohbenzin im industriellen Maßstab produziert, zuerst für die Isolierung von Telefonkabeln. Mit rund 60 Millionen Tonnen jährlich ist PE heute die weltweit meist hergestellte Plastiksorte. Ihre Einsatzmöglichkeiten sind nahezu unbegrenzt: zum Beispiel Müllbeutel, Zahnräder, Milchflaschen, medizinische Implantate, Öltanks, Teichfolien oder ganze Toilettenhäuschen.

Martin Ebner

Link (last update: 26.11.2014):
„Einweg-Plastik kommt nicht in die Tüte!“ ist ein Projekt der Deutschen Umwelthilfe: www.kommtnichtindietuete.de

N.B. (31.10.2014):
French designer Katell Gélébart
upcycles trash into fashion, among other things used plastic bags.


 


Foto: Model pigs in Adelaide, Australia; Ekzemplodonaj porkoj en Adelaide, Aŭstralujo; Vorbildliche Müll-Schweine in Adelaide, Australien

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Texts of timeless beauty. Or at least some historical interest.