Flooding in Alice Springs

Wüsten: Zerbrechliche Schönheit, heiße Gefahr

About: „International Year of Deserts“
Pri: „Internacia Jaro de Dezertoj“
Published, Aperis: Südwestpresse, 19.08.2006


Trockengebiete breiten sich aus und sind gleichzeitig selbst bedroht. Sanddünen und Geröllhalden sind wertvolle Lebensräume, findet die UNO – sie sollten aber bleiben, wo sie sind. Dass sich Wüsten wegen falscher Landnutzung auch dort ausbreiten, wo es genug regnet, kostet Milliarden und gefährdet die Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung: Immer mehr Menschen verlieren den fruchtbaren Boden unter den Füßen.

Je größer und schwieriger ein Problem, desto geringer das Interesse? „In der Wüste gibt es halt keine Panda-Bären“, bedauert Hama Arba Diallo, der Direktor des UNO-Wüstensekretariats in Bonn. Um putzige Tiere oder Regenwälder sorge sich alle Welt, Trockengebiete aber „sind das Aschenputtel des Naturschutzes“. Dabei gibt es kaum ein Umweltdesaster, das rund um die Erde so viele Menschen betrifft, wie Bodenerosion, Sandstürme und Wassermangel. Man muss nicht einmal nach Afrika oder in andere exotische Gegenden: Die ersten Wüsten Europas entstehen gerade in Spanien und am Schwarzen Meer.

Um die Weltöffentlichkeit aufzurütteln, hat die UNO 2006 zum „Internationalen Jahr der Wüsten und Wüstenbildung“ erklärt. Die diversen Unterorganisationen der Vereinten Nationen bemühen sich nun mit Konferenzen und Briefmarken, Broschüren und Ausstellungen um zwei unterschiedliche Dinge, die auf vertrackte Weise zusammenhängen: Zum einen soll die Menschheit davon überzeugt werden, dass es sich lohnt, die bestehenden Wüsten zu schützen. Zum anderen soll die rasant fortschreitende Verwüstung einst fruchtbaren Bodens aufgehalten werden.

In dem Wüsten-Bericht „Global Desert Outlook“, der im Juni von der UN-Umweltorganisation veröffentlicht wurde, versuchen über 1300 Wissenschaftler aus 95 Ländern gegen das schlechte Image des vermeintlich wertlosen Ödlands anzuschreiben: Wüsten sind „einzigartige Ökosysteme“ und Heimat bemerkenswert robuster Tiere und Pflanzen, beispielsweise von urigen Eiszeit-Arten, die dort auf isolierten Berggipfeln überleben. Staub aus der Sahara düngt den Regenwald am Amazonas und ist auch für das Plankton der Ozeane unentbehrlich. Aus Wüsten stammt ein großer Teil aller abgebauten Mineralien und Rohstoffe wie Öl, Uran oder Bauxit. Wüstenvölker haben auch viel zum Kulturerbe beigetragen, man denke nur an Islam, Juden- und Christentum.

Seitenlang listen die Experten die „großartigen ökonomischen Möglichkeiten“ der kargen Landschaften auf: Das warme Klima mit milden Wintern lässt heute schon in Israel und Tunesien an bewässerbaren Stellen Landwirtschaft und Gartenbau florieren, in Arizona paradoxerweise sogar Fischzuchtanstalten. Die saubere Atmosphäre ist ideal für Forschungsinstitute oder auch für Flugzeug-Parkplätze. Dubai ist die Feriendestination mit dem weltweit stärksten Wachstum, auch sonst prosperiert der Wüsten-Tourismus, einmal abgesehen von Kriegsgebieten. Wüstenpflanzen haben ein „vielversprechendes pharmazeutisches Potential“. Große Hoffnungen setzt die UNO auch auf Solar- und Windenergie aus der mörderischen Hitze. Um auf Dauer von Trockengebieten profitieren zu können, sei allerdings ein „nachhaltiges Ressourcenmanagement“ notwendig.

Gerade damit hapert es jedoch. Amerikanische Rentner, die in Massen ihren Alterswohnsitz in den warmen Süden verlegen, haben nicht die Absicht, sich mit dem Energie- und Wasserverbrauch von Beduinen zu bescheiden. Militärs nehmen bei Manövern in Dünen keine Rücksicht darauf, dass Wüstenpflänzchen zwar Temperaturen von 80 Grad aushalten, aber Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte brauchen, um sich von der Fahrspur eines Geländewagens zu erholen. Absurde Bodengesetze bewirken zum Beispiel in Mexiko, dass Landkäufer Urwälder schnellstmöglich abholzen – und damit in Wüsten verwandeln, denn der Waldboden kann nur kurze Zeit für Ackerbau gebraucht werden. Unangepasste Landwirtschaft ist der Hauptgrund dafür, dass sich Wüsten auch dort ausbreiten, wo es eigentlich genug regnet. Ja sogar dort, wo bis in die 1960er Jahre noch 16 Meter hoch Wasser stand: Bevor er auf sowjetische Baumwollfelder geleitet wurde, war der Aralsee der viertgrößte See der Welt – jetzt spielt auf dem Großteil seiner einstigen Fläche der Wind mit dem Sand.  

Ist in Tockengebieten die empfindliche Vegetationsdecke mit ihren oft kilometerlangen Pflanzenwurzeln erst einmal zerstört, nützt es auch nichts, wenn es doch einmal regnet – der Boden kann kein Wasser mehr aufnehmen und wird weggewaschen. Oder die Krume wird vom Wind verweht. Nach UNO-Schätzungen gehen so weltweit jedes Jahr 25 Milliarden Tonnen wertvoller Bodenschichten verloren. Landwirtschaftlich nutzbare Flächen von der Größe Irlands werden vernichtet. Eine Studie der Weltbank beziffert den dadurch verursachten Schaden auf 42 Milliarden US-Dollar jährlich.

Dürre-Phasen und Wüsten sind natürliche Phänomene, Versteppung und Verwüstung werden dagegen meist vom Menschen gemacht. In Spanien zum Beispiel werden – durchaus im Einklang mit der EU-Agrarpolitik – genügsame Olivenhaine abgeholzt und durch ständig durstige Reis- und Erdbeerplantagen ersetzt. Warum auch nicht? Fürs spanische Wasser müssen Bauern eben so wenig zahlen, wie Hoteliers, die damit ihre Swimmingpools füllen. Da es in dem ausgedörrten Land keinen ökonomischen Anreiz gibt, Wasser nicht zu verschwenden, verwundert auch nicht, dass 150 neue Golfplätze mit grünem Rasen errichtet werden sollen, zu den bereits bestehenden 270 Anlagen. Ungeklärt ist lediglich, wer auf der iberischen Halbinsel einmal die Rechnung für den sinkenden Grundwasserspiegel, die immer tieferen Brunnenbohrungen und die Versalzung des Bodens berappen soll.

Während nördlich des Mittelmeers EU-Subventionen den von der „Desertifikation“ verursachten Schmerz mildern, führt die Wüstenbildung in Afrika zu einem Teufelskreis von Armut und Umweltzerstörung. Die Urbevölkerung hatte sich flexibel der Natur angepasst, war zum Beispiel den ständig wandernden Grenzen der Sahara hinterhergezogen und Dürregebieten ausgewichen. Heute dagegen lassen moderne Bewässerungslandwirtschaft, die Bevölkerungsexplosion oder auch Staatsgrenzen nicht mehr zu, dass Nomaden mit Viehherden große Landflächen ohne Raubbau nutzen. In Tansania etwa werden nun an den fruchtbarsten Stellen intensiv Bohnen für den Export nach Europa angebaut – was nicht nur den Boden ruiniert, sondern auch die traditionellen Wasserstellen für die Rinder der Massai blockiert, so dass das Land um die letzten zugänglichen Brunnen überweidet wird. Die Erträge gehen zurück, verzweifelt versuchen die Menschen, noch mehr aus dem Boden herauszuholen. Bis gar nichts mehr wächst.

Von der Ausbreitung der Wüsten sind nach UNO-Schätzungen 250 Millionen Menschen direkt betroffen, mehr als eine Milliarde ist davon bedroht. Die Aussicht auf Flüchtlingsströme, Hungersnöte und Wasser-Kriege hat immerhin 191 Regierungen veranlasst, das Problem Bodenverschlechterung zur Kenntnis zu nehmen und 1992 bei der Umweltkonferenz in Rio de Janeiro eine „Konvention zur Bekämpfung der Wüstenbildung“ (UNCCD) zu beschließen. Zumindest auf dem Papier war diese Kombination von Umweltschutz und Entwicklungspolitik eine Revolution: das erste internationale Abkommen, das völkerrechtlich verbindlich eine „Partnerschaft“ mit Bürgerinitiativen vorschreibt, ja sogar eine Beteiligung von Ureinwohnern vorsieht, um deren „Know-how und uralte Überlebensstrategien“ zu nutzen.

Das aberwitzige Abkürzungs-Universum der UNO hat seither eine Reihe neuer Bewohner: COP ist die Staatenkonferenz, die alle zwei Jahre in Wüstensachen zusammentritt und mit Hilfe des CST (Komitee für Wissenschaft und Technologie) die Berichte der NAPs (Nationale Aktionsprogramme) auswertet, etwa zu den Fortschritten der PLUP (Partizipative Landnutzungsplanung). Die SRAPs (Subregionale Aktionsprogramme) werden zum Beispiel vom CILSS (Komitee für Dürrekontrolle im Sahel) gemanagt oder von der COMIFAC (Forstkonferenz Zentralafrikas). CCICCD ist dagegen für Aufforstung in China zuständig, immerhin haben Dünen schon Vororte von Peking erreicht.

Koordiniert werden diese durchweg dürftig finanzierten Anstrengungen vom ständigen UNCCD-Sekretariat, das in Bonn untergebracht wurde. Am Rhein sind Wanderdünen zwar kein akutes Problem, Deutschland beherbergte aber noch keine UN-Organisation und außerdem musste Bonn wegen des Umzugs der Bundesregierung nach Berlin getröstet werden. Fairerweise ist aber anzumerken, dass Bekämpfung der Wüstenbildung schon seit den 1980er Jahren ein Schwerpunkt der deutschen Entwicklungshilfe ist.

Derzeit fördert die Bundesrepublik 295 Projekte mit 1,6 Milliarden Euro, „Brot für die Welt“ und andere nichtstaatliche Initiativen geben 74 Millionen Euro für weitere 225 Vorhaben aus: etwa Wassermanagement in Haiti, Baumschulen in Mali, Armutsbekämpfung im Nordosten Brasiliens oder auch Sanddünenbefestigung in China. Natürlich beteiligt sich Deutschland auch am Welt-Wüstentag im Juni. Der „Bonner Wüstentag“ versuchte dieses Jahr tapfer, nicht ganz im Schatten der Fußball-WM unterzugehen: mit dem alarmierenden Motto „Die Wüste. Bald auch bei uns?“


Mehr Sand als Wasser

Als „Wüste“ werden sehr unterschiedliche Trockengebiete bezeichnet. Gemeinsam ist ihnen, dass dort die Verdunstung größer ist als die jährlichen Niederschläge, nur spezialisierte Tier- und Pflanzenarten überleben und es fast keine Vegetationsdecke gibt. Diesen drei Kriterien entspricht fast ein Viertel der Landfläche der Erde, rund 34 Millionen Quadratkilometer.
Zwei Durst-Gürtel umrunden den Globus: auf der Nordhalbkugel von Mexiko und den USA über Nordafrika bis China, im Süden von Peru über Namibia bis Australien. Am häufigsten sind Wendekreiswüsten wie die Sahara, die mit ihren 4,6 Millionen Quadratkilometern allein ganze 10 Prozent des afrikanischen Kontinents bedeckt. Dort sinkt trockene Luft nieder, nachdem sie über den Regenwäldern ihre Wasserfracht abgeladen hat. Relief- und Inlandwüsten wie die Gobi in China sind vom nächsten Ozean so weit entfernt oder so von Gebirgen abgeschirmt, dass Regen ausbleibt. Bei Küstenwüsten wie der chilenischen Atacama sorgen dagegen kalte Meeresströmungen dafür, dass sich keine Wolken bilden.
Während das Innere Australiens und die Sahara kaum bewohnt sind, drängeln sich im Indus-Tal und der indischen Thar-Wüste im Schnitt 151 Menschen auf einen Quadratkilometer. Zunehmend besiedelt werden auch die Afrotropischen Wüsten, besonders am Horn von Afrika, und die Trockengebiete in Amerika, wo zum Beispiel Städte wie Phoenix wachsen. Rund 500 Millionen Menschen leben bereits in Wüsten. 
                      
Martin Ebner

Info (last update: 05.05.2014):

  • Seite der deutschen Entwicklungshilfe-Organisation GIZ zur Desertifikation: www.desertifikation.de
  • Unter www.visumsurf.ch/jahr_der_wueste/ sind Wüsten-Quiz-Spiele zu finden.
  • Von dem Fotografen Michael Martin ist im Verlag Frederking&Thaler der beeindruckende Bildband „Die Wüsten der Erde“ erschienen.
  • Wirklich alles zum Thema: „Le Livre des déserts. Itinéraires, scientifiques littéraires et spirituels“, Editeur Robert Laffont 2006, 5 Teile, 1200 Seiten.

 


Foto: It doesn’t rain very often in deserts. When it does, however, the water causes havoc: flooding in Alice Springs, Australia; Malofte pluvas en dezerto. Sed kiam pluvas, la akvo kaŭzas problemojn: inundo en Alice Springs, Aŭstralujo; Es regnet nicht oft in der Wüste. Wenn doch, dann kann das Wasser nicht rasch abfließen: überschwemmtes Flussbett in Alice Springs, Australien.


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