Nationalhymnen: Hurra, Kinder aller Vaterländer!

About: National anthems around the world
Pri: Naciaj himnoj
Published, Aperis: Stuttgarter Nachrichten (†), 03.06.2006


Blutiges Pathos, kitschiger Schwulst und liebliche Idyllen: bei der Fußball-WM kämpfen auch die Nationalhymnen der Welt

Farbenprächtige Exotik? Bunte Vielfalt? Bei den Spielern vielleicht und den Fahnen. Die Nationalhymnen aber scheppern alle sehr ähnlich – nicht nur deshalb, weil die FIFA in den Stadien bloß Playback-Aufführungen erlaubt. Die klingende Begleitung der Fußballmeisterschaft wird kein Weltmusik-Festival, sondern ein Ausflug in die Vergangenheit Europas.

Der moderne Staat ist samt seiner Symbole eine europäische Erfindung des 18. Jahrhunderts. Wenn es feierlich werden soll, orientiert sich bis heute die ganze Welt an der Musik des alten Kontinents: Südamerika zum Beispiel hat eine Schwäche für italienische Opern, Nigeria für „Das Wandern ist des Müllers Lust“.

Die Texte sind ebenfalls selten originell. „Nur wenige besitzen literarischen Rang“, warnt Ulrich Ragozals Hymnen-Lexikon vor „zu hohen Erwartungen“. Wer das Staatslied von Saudi-Arabien kennt, kennt auch fast alle anderen: „Gott ist der Größte! … Lang lebe der König, für Flagge und Vaterland!“ In dieser Aufzählung fehlt nur die sonst obligatorische „Freiheit“. Ungewöhnlich ist bei der Wüstenhymne der fröhliche 4/4-Takt und die Anweisung „Allegro“.

Lobpreis für einen Herrscher oder ein Land ist in der Regel „Maestoso“ und erinnert an kirchliche Choräle. Kriegslieder, das zweite Grundmodell von Nationalhymnen, kommen dagegen im Marschtempo daher. Für Portugals „Helden der See“ muss es allerdings „Grandioso“ sein.

Staaten werden selten alt. Ein 90jähriger Moskauer zum Beispiel hatte bisher Gelegenheit, zu acht verschiedenen Hymnen seine Brust schwellen zu lassen. Trotzdem kommt kaum ein Nationallied ohne Wörter wie „ewig“ oder „unsterblich“ aus.

Wirklich urig ist das holländische „Wilhelm von Nassau bin ich, von deutschem Blut.“ Dieses Kampflied von 1568 wurde allerdings erst 1932 offizielles Staatssymbol. Schneller ging das in Costa Rica: Als dort drei Tage vor einem Empfang eine eigene Hymne vermisst wurde, sperrte man kurzerhand den Leiter der Militärkapelle ein. Die geforderte würdige Komposition wurde kurz vor Ankunft der Diplomaten fertig, und ein Journalist textete dazu „Edles Vaterland, dein herrliches Banner“.

Die Urheber der meistkopierten Hymne sind unbekannt. Uraufgeführt wurde „Gott schütze den König“ jedenfalls 1745 in London. Die Melodie war nicht nur in England ein Hit: Zur WM treten sieben weitere Länder an, in denen sie einmal Nationalhymne war – Ex-Kolonien wie Ghana, aber auch die Schweiz und Schweden. Und die deutschen Ländereien: In Preußen wurde dazu bis 1918 „Heil Dir im Siegerkranz“ gesungen, in Württemberg „Heil unserm König“, in Mecklenburg „Heil dir, Paul Friedrich“. Die Briten sind heute nicht mehr ganz zufrieden damit: Der Text lässt sich zwar zu „Gott schütze die Königin“ verweiblichen, die letzten Strophen aber, die „rebellische Schotten zerstampfen“, sind nicht mehr opportun. Zumindest nicht in Schottland.

Auf die Seite der Revolution schlägt sich dagegen die „Marseillaise“, 1792 von einem ansonsten erfolglosen Komödien-Schreiber verfasst: „Auf, Kinder des Vaterlands!“ Immer wieder haben Regierungen vergeblich versucht, die populären Verse à la „Marschieren wir! Damit ein unreines Blut unsere Äcker tränkt!“ zu verbieten. Heute verordnet jeder neue französische Präsident Änderungen, beschränkt sich dabei aber auf Kleinigkeiten, etwa Tempo und Instrumentierung.

Von dem Kriegslied fühlten sich besonders Österreichs Monarchisten unangenehm berührt. Um den französischen Truppen wenigstens musikalisch etwas entgegenzusetzen, komponierte Joseph Haydn 1797 die „Kaiserhymne“. Hofdichter Lorenz Haschka steuerte, englisch inspiriert, den Text bei: „Gott erhalte Franz, den Kaiser, unsern guten Kaiser Franz“. Von Norditalien bis zur Westukraine war diese Melodie in sechs WM-Teilnehmerstaaten 120 Jahre lang Nationalhymne. Die Ankeruhr in Wien spielt sie noch heute. Touristen interpretieren die Töne allerdings anders, denn Heinrich Hoffmann, der Schöpfer von „Alle Vöglein sind schon da“, schrieb dazu 1841 „Deutschland, Deutschland über alles“.

Aus den Napoleonischen Kriegen stammt auch „Noch ist Polen nicht verloren“. Die temperamentvolle Mazurka inspirierte mehrere Hymnen. „Noch sind der Ukraine Ruhm und Freiheit nicht gestorben“ zum Beispiel verspricht, dass die Kosaken „Herren im eigenen Land“ werden. Mit dem Text eines slowakischen Dichters ist die polnische Melodie auch die Hymne von Serbien-Montenegro: „Hej Slawen, noch lebt die slawische Sprache!“ Andere Ex-Jugoslawen besingen lieber ihre Heimat: „Lieb bist du uns, wo du eben, lieb wo du Gebirge bist… Blaues Meer, sage der Welt: dass der Kroate sein Volk liebt.“ Fünf Kroaten könnten das auch selbst erledigen – sie kicken in der australischen Nationalmannschaft.

Australien hätte übrigens beinahe eine extravagante Hymne bekommen: 1977 stimmten bei einem Referendum fast 30 Prozent für das Lied „Waltzing Matilda“: Ein Landstreicher stiehlt ein Schaf und ertränkt sich, als die Polizei kommt. Gesiegt hat dann aber staatstragende Langweile: „Vorwärts schönes Australien“. Die Zeile „Wir haben grenzenlose Ebenen zum Teilen“ sollten Asylanten nicht missverstehen. Den amtlichen Text kennt kaum jemand.

Pro Hymne ist bei Sportanlässen meist nur eine Minute Zeit. So gesehen haben die Griechen ganz umsonst 158 Strophen. Die Japaner bringen dagegen ihr Gedicht aus dem 9. Jahrhundert, das 1888 von einem deutschen Militärmusiker vertont wurde, leicht ganz unter: „Gebieter, Eure Herrschaft soll dauern tausend Jahre, achttausend Jahre, bis Stein zum Felsen wird und Moos die Seiten bedeckt.“ Seit 1945 sehen darin viele Japaner ein Symbol des Militarismus. Nicht-Singen und Nicht-Aufstehen wird jedoch bei Schülern und Staatsangestellten bestraft und erfordert angesichts nationalistischer Schlägertrupps Mut. Nationaltrainer Zico wird aber wohl entschuldigt: Der Brasilianer hat angekündigt, im Stadion sein „geliebtes, vergöttertes Vaterland“ zu preisen – „aber danach arbeite ich hundertprozentig für Japan.“

Dass Demokratien sich mit klingenden Staatssymbolen schwer tun, beweist auch der „Schweizerpsalm“. Laut Umfragen kennt gerade mal ein Prozent der jüngeren Eidgenossen den Text von „Wenn der Alpenfirn sich rötet, betet, freie Schweizer, betet!“. Dabei muss beim Militär je nach Kanton sogar die rätoromanische Version beherrscht werden: „Ura liber Svizzer, ura!“

In Deutschland wollen drei Viertel der Befragten, dass Kinder die Nationalhymne lernen. Und Ausländer, die sollen sie zur Einbürgerung auch anstimmen. Wenn’s ans Selber-Singen geht, muss aber gut ein Drittel der Deutschen passen. Patrioten tröstet vielleicht, dass sogar in den USA, wo das „Sternenbanner“ verherrlicht wird, nur 15 Prozent der Bevölkerung mehr können als vages Mitbrummeln. Eine neue Kampagne soll dort die Kenntnisse der 1814 von einem Rechtsanwalt gedichteten Hymne verbessern: „Wir müssen siegen, unsere Sache ist gerecht.“ Die antibritische dritte Strophe („Rein wusch ihr Blut, was ihr Fußtritt entehrte“) wird allerdings weggelassen.

Singen ist überhaupt so eine Sache. Paul Breitner sah einst darin ein „Konzentrationshindernis“. In Rom brachte die Alleanza Nazionale die Anfrage ins Parlament: Warum die Fußballer nicht inbrünstig „Brüder Italiens, Italien ist aufgestanden“ schmettern? Eine Antwort ist nicht bekannt geworden. Vermutung: es liegt am Text. Zwanzig Mal „Wir sind bereit zum Tod“ zu rufen, behagt nicht jedermann. In Schweden machte sich Zlatan Ibrahimovic Feinde, weil er vor dem Anstoß lieber Kaugummiblasen platzen ließ, als „Du alter, du freier, du hochfelsiger Nord“ über die Lippen zu bringen.

Die Spanier haben es da leichter: Ihr „Königsmarsch“ hat keinen Text. Andererseits hat sich Russland nicht zuletzt deshalb wieder ein Staatslied zugelegt, weil Spartak-Moskau ohne Gesang nicht siegen konnte. Vielleicht machen es die spanischen Kicker wie ihre Kollegen von den Antillen: Die fühlten sich mit ihrer wortlosen Hymne nackt und improvisierten bei Länderspielen spontanes Gebrüll in ihrer Sprache Papiamento.

In Tunesien schreien eher die Fans. Wegen ihres mangelnden Respekts für fremde Symbole hat der tunesische Fußballverband schon mehrere Strafen kassiert. Vielleicht könnte ein Universal-Song Konflikte vermeiden. Die Europahymne taugt dazu kaum: Schillers „Ode an die Freude“ ist diskriminierend (Wer nie „ein holdes Weib errungen“, der „stehle weinend sich aus diesem Bund“). Und auf einen neuen Text zu Beethovens Melodie kann sich die EU nicht einigen. Für Fußballzwecke wäre jedenfalls „Heil unserm König“ ideal, und zwar in der Version des Konstanzer Pfarrers Martin Schleyer. Der hatte 1883 in der Kunstsprache Volapük gedichtet: „O reg, olé!“ Olé! Olé!

Martin Ebner


 

 

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Texts of timeless beauty. Or at least some historical interest.