Little angel in a Ukrainian train

Soziale Software: Die Versprechen-Bank motiviert zu guten Taten

About: PledgeBank
Pri: PromesoBanko
Published, Aperis: Frankfurter Rundschau (†), 28.02.2007


Ich rette die Welt, wenn du mithilfst

Es wäre schön…, man könnte…, man sollte… – warum unternimmt niemand etwas? „Wir alle wissen, wie es ist, sich machtlos zu fühlen“, sagt Tom Steinberg: „Viele Dinge passieren einfach nur deswegen nicht, weil es nicht genug organisierte Leute gibt, um sie zu erledigen.“ Zur Abhilfe hat der 29jährige Politologe vor zwei Jahren in London die „PledgeBank“ gegründet. Diese „Versprechen-Bank“ will es ermöglichen, „andere Menschen zu finden, die auch etwas verändern wollen, aber nicht gerne bei einer Demonstration allein im Regen stehen“.

PledgeBank funktioniert ganz einfach: Man trägt sich ein mit einem Gelöbnis nach dem Grundmuster „Ich werde etwas Bestimmtes tun, wenn X andere versprechen, das Gleiche zu tun“. Abgesehen davon, dass illegale oder obszöne Vorhaben gelöscht werden, sind die Anwendungsgebiete unbegrenzt. Steinberg erläutert: „Sie könnten zum Beispiel versprechen ‚Ich werde ein Straßenfest organisieren, wenn mir drei Leute dabei helfen‘. Oder ‚Ich werde eine Kindersportgruppe betreuen, wenn fünf andere Eltern mitmachen‘. Oder auch ‚Ich werde eine nützliche Internetseite bauen, wenn 1000 Leute versprechen, etwas dazu beizutragen‘.“

„Ich glaube, dass die Welt so einen Dienst braucht“, ist Steinberg sicher. Die öffentliche Selbstverpflichtung, der selbstorganisierte Gruppenzwang sei sehr motivierend: „Die Versprechen-Bank ist auf einer psychologischen Wette aufgebaut. Wir halten es für sehr wahrscheinlich, dass eine Person tatsächlich handeln wird, wenn sie etwas tun will und wir dabei helfen, andere Leute zu finden, die das Gleiche planen.“

Die Versprechen bekommen dann jeweils eine eigene Internet-adresse, zum Beispiel „www.pledgebank.com/ParkAufraeumen“. Sympathisanten können dort Unterstützung signalisieren. Die Seite erlaubt, mit Gleichgesinnten E-Mail-Adressen auszutauschen; wer will, kann aber auch anonym bleiben. Abonnenten werden per Mail oder SMS über neue Projekte in ihrer Nachbarschaft informiert. Wer lieber auf traditionellere Methoden setzt, kann sein Anliegen in die angebotenen Layout-Hilfen für Flugblätter setzen und ausdrucken. Gute Ideen aus der Fremde zu übernehmen, ist ausdrücklich erlaubt – man klicke einfach auf „ortsbezogene Version des Versprechens erstellen“.

Der Internetdienst ist also ein richtiger Kampagnen-Werkzeugkasten für Bürgerinitiativen. Und das erst noch gratis: Getragen wird das Angebot von dem Verein MySociety.org, der es sich unter Leitung von Tom Steinberg zur Aufgabe macht, „nützliche Webseiten zu entwickeln, die den Menschen einfache, handfeste Vorteile für ihr bürgerliches und gemeinschaftliches Leben geben“. Politik dürfe man nicht allein den Parteien und Lobby-Gruppen überlassen.

Den Anstoß zur Gründung von MySociety.org hatte im Juni 2003 ein Aufsatz des Wissenschaftlers James Crabtree gegeben, der darlegte, dass „E-Demokratie vor allem die Möglichkeit zur Selbsthilfe“ sei. Statt die staatliche Bürokratie mit überteuerten Webseiten auszustatten, sei es viel wichtiger, den Menschen die Möglichkeit zu geben, über das Internet Gleichgesinnte zu finden und gemeinsam Ziele zu erreichen. In der Politik fehlten Angebote nach dem Vorbild von Internet-Plattformen wie Ebay oder Amazon.

Seither hat MySociety.org mit viel ehrenamtlicher Arbeit und 250.000 Pfund aus einem Innovations-Fonds der britschen Regierung eine ganze Reihe Projekte auf die Beine gestellt. Die Seite „NotApathetic.com“ zum Beispiel erlaubt es englischen Nichtwählern, die Gründe für ihren Boykott zu veröffentlichen. Wer bei „WriteToThem.com“ seine Postleitzahl eingibt, erhält eine Liste der für seinen Wohnort zuständigen Abgeordneten vom Stadtrat bis zum Europa-Parlamentarier – und kann ihnen schreiben. Keine Email-Adresse zu haben, nützt Deputierten dabei gar nichts, denn Internetverweigerer werden per Fax erreicht. Im vergangenen Jahr wurden so die britischen Volksvertreter mit über 40.000 Botschaften von ihrem Volk eingedeckt.

Die Versprechen-Bank ist nicht nur für Untertanen der englischen Königin da. Bisher gibt es das Angebot in zehn Sprachen, etwa Walisisch, Ukrainisch oder Esperanto. Albanisch und weitere Versionen sind gerade in Arbeit. Von Äthiopien bis Guatemala sind bislang aus mehr als dreißig Ländern Versprechen abgegeben worden. Eine indische Stiftung zum Beispiel ruft gerade dazu auf, Bücher für Bibliotheken zu spenden. Palästinenser betreiben Lobbying für ihren Staat. Eine Bulgarin verspricht, ab sofort nur noch die Wahrheit zu sagen. 500 Italiener haben sich mit Hilfe der Gelöbnis-Datei zu einer neuen Linkspartei zusammengeschlossen. Nicht dabei sind wahrscheinlich ihre Landsleute, die über den Internet-Dienst Geld für die katholische Mission sammeln.

Erstaunlich, wie unterschiedlich die Anliegen von Nachbarn sind. Russen zum Beispiel scheinen vor allem Mitstreiter zu suchen, um sich selbst zu bessern: Jogaübungen beginnen, acht Kilo abnehmen, nur bei Grün über die Ampel gehen oder Spam-Mails bekämpfen. Die Ukrainer dagegen machen wohl gerade eine patriotische Phase durch: Sie rufen ihre Landsleute dazu auf, russische Produkte zu boykottieren, keine DVDs ohne ukrainische Untertitel zu kaufen und ausländische Filme zu meiden. Weißrussische Aktivisten wiederum, die ihren richtigen Namen lieber nicht preisgeben, versuchen, mit der PledgeBank am 25. März in Minsk eine Demonstration gegen das Lukaschenko-Regime zu organisieren. Von den angestrebten 10.000 Unterschriften sind bislang immerhin 630 zusammengekommen.

In deutscher Sprache ist die Versprechen-Bank seit knapp einem Jahr zugänglich, dafür haben zwölf idealistische Übersetzer gesorgt. Hierzulande gibt es allerdings Anlaufschwierigkeiten: Bisher wurden nur wenige Versprechen abgegeben, und noch weniger erreichten die gewünschte Zahl Unterstützer. Michaels Versuch etwa, zehn Helfer für ein Museum des Kalten Kriegs in Brandenburg zu finden, scheiterte ebenso wie Hans‘ Angebot, mit 99 anderen eine Bahncard 1.Klasse zu kaufen, wenn die Bahn „ein Konzept zur Reparatur der architektonischen Schäden am Berliner Hauptbahnhof vorlegt“. Zu umständlich war wohl auch Wolfs Ankündigung, erst dann wieder CDU zu wählen, wenn diese ein Rauchverbot in öffentlichen Räumen durchsetzt, „wenn 100 andere Wähler das Gleiche tun“. Gerade einmal 13 wollten sich dem anschließen.

Vielleicht hätten sich die Verfasser der erfolglosen Gelöbnisse die „Tipps-und- Tricks“-Seite der PledgeBank durchlesen sollen. „Halte deine Ambitionen bescheiden“, wird dort empfohlen: „Warum 50 Leute fragen, wenn fünf genug wären? Nur acht Prozent aller Vorhaben, die mehr als 100 Personen erfordern, haben Erfolg.“ Sein Versprechen solle man vor der Veröffentlichung erst Bekannten oder seiner Mutter vorlesen. „Wenn sie es nicht verstehen, musst du es neu schreiben.“ Außerdem wird darauf hingewiesen, dass sich „Versprechen nicht von selbst verkaufen“. Sie einfach nur auf die Webseite zu setzen reiche nicht, man müsse sich schon aktiv dafür einsetzen.

Beim jüngsten Versprechen aus Deutschland scheint das zu klappen: Marlies Vögele will sich dafür einsetzen, dass hörgeschädigte Kinder Unterricht in Gebärdensprache bekommen, wenn zehn andere Menschen unterschreiben – über 40 Signaturen sind schon eingetragen, bis Ende Juni können sich noch weitere Sympathisanten melden. Gute Chancen hat auch das bisher einzige Gelübde aus Österreich: Bianca wird „nie wieder über andere Autofahrer schimpfen, wenn sieben andere Menschen aus Wolfsberg das gleiche tun“. Die Schweizer dagegen haben die hilfreiche Internetseite noch gar nicht entdeckt.

Den größten Zuspruch findet die Versprechen-Bank in ihrem Ursprungsland, wo schon mehr als 150 Selbstverpflichtungen „erfolgreich abgeschlossen“ werden konnten. Für die Stadt London wurde mittlerweile sogar eine eigene PledgeBank eingerichtet. Jules Woodell zum Beispiel hat mit ihrer Hilfe 5.000 Pfund Spenden für eine Bürgerinitiative gesammelt, die Adressbuchbetrügern das Handwerk legen will. Phil Booth hat über 11.000 Mitstreiter für seinen Kampf gegen biometrische Personalausweise gefunden. Da ist es kein Wunder, dass sich auch Politiker das digitale Werkzeug nicht entgehen lassen: Premierminister Tony Blair und 99 andere Prominente haben werbewirksam versprochen, Sportclubs zu unterstützen.

Martin Ebner

Link (last update: 29.04.2014):
www.pledgebank.com/


 

Foto: Little angel in an Ukrainian train bound to Chernivtsi. Anĝeleto en ukrajna trajno al Ĉernivco. Engelchen in ukrainischem Zug nach Tschernowitz

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