Haltnau bei Meersburg

Nützlicher Nachruhm: Stiftungen

About: Living heritage of medieval times: foundations are booming in Germany.
Pri: Fondaĵoj estas viva heredaĵo de mezepoko.
Published, Aperis: Südwestpresse, 09.03.2019


Lebendiges Erbe des Mittelalters: Stiftungen sind ganz besonders hartnäckige Institutionen. Seit rund 20 Jahren boomen Schenkungen an die Allgemeinheit.

Wie wird man unsterblich? Burkhard und Heilwig Wadler in München ist das mit Brezeln gelungen: Am 12. Juli 1318 stiftete das reiche Salzhändler-Paar 63 Pfund Pfennige, um den Armen der Stadt einmal jährlich Teigwaren zu spendieren. Anno 1801 schaffte der Stadtrat diese Aktion ab, weil der Brezenreiter verprügelt worden war. Vor ein paar Jahren wurde der Brauch aber wiederbelebt, und so ist die „Wadler-Spende“ bis heute ein Begriff.

Grabsteine zerbröseln, Ruhm verblasst, sogar Skandale sind schnell vergessen. Selbst mächtige Konzerne werden kaum alt: Von den Ur-Mitgliedern des vor 30 Jahren gegründeten DAX-Börsenindex ist nur die Hälfte noch übrig. Wer seinen Namen mit einer Stiftung verbindet und ihr Grund oder Wald vermacht, hat dagegen Chancen, wirklich lange in Erinnerung zu bleiben. Trotz Kriegen und Katastrophen gibt es in Deutschland mehr als 250 Stiftungen, die über 500 Jahre alt sind. Eine Handvoll ist sogar älter als 800 Jahre – neben Kirchen und Universitäten die beständigsten Einrichtungen.

Schwäbisch Gmünd Hospitalstiftung zum Heiligen Geist
Die Hospitalstiftung zum Heiligen Geist in Schwäbisch Gmünd wurde 1269 gegründet.

Im Mittelalter dienten Stiftungen vor allem dem Seelenheil: Messen an Todestagen, ewige Lichter, Altäre, Kirchen oder ganze Klöster. Zur Reformation und erst recht der Säkularisierung ab 1802 wurden aber viele kirchliche Stiftungen aufgelöst oder umgewandelt. In Heidelberg zum Beispiel wurde im Jahr 1560 das Kloster Schönau geschlossen. Sein Besitz ging in die „Evangelische Stiftung Pflege Schönau“ ein: Die größte öffentliche Stiftung und größte Waldbesitzerin Baden-Württembergs unterhält nach wie vor Kirchen und besoldet Geistliche. Aus katholischen Vermögen ging 1821 die Rottenburger Stiftung „Interkalarfonds“ hervor, die in Württemberg unter anderem für Pfarrer-Pensionen sorgt. In der Erzdiözese Freiburg wurden im Jahr 2002 über 1.000 alte Pfarrpfründe zu einer neuen Stiftung zusammengefasst.

Ungestörter verlief die Geschichte mancher sozialer Stiftung. Dass das Altersheim in Wemding wirklich schon im Jahr 917 von der Edelfrau Winpurc gegründet wurde, muss man nicht unbedingt glauben. Besser bezeugt sind Spitäler und Siechenhäuser ab dem 13. Jahrhundert. Der Konstanzer Spital-Stiftung von 1225 gehören unter anderem Weinberge. Ebenfalls bis heute engagieren sich zum Beispiel die Hospital-Stiftungen in München (seit 1208), Biberach (1239), Kaufbeuren (1249) und Freiburg (1255). Wie moderne Bürgerstiftungen entstanden diese Wohlfahrtseinrichtungen dank zahlreicher Einzelspenden und Zustiftungen.

Ab dem 19. Jahrhundert waren auch andere Stiftungszwecke möglich, etwa Kunst und Kultur, Bildung und Wissenschaft. Typische Beispiele sind die Stetten’schen Stiftungen von 1803, die eine Mädchenschule in Augsburg fördern, und die Ramsperger’sche Stiftung von 1890, die der Musikschule Ulm zugute kommt. Der Anteil frommer Beweggründe nahm mit der Zeit ab. Heute verfolgen noch etwa 11 Prozent aller Stiftungen religiöse Ziele – dagegen widmen sich 15 Prozent dem Umweltschutz, der historisch jüngsten Aufgabe.

Das 20. Jahrhundert war für Philanthropie ein Desaster: Die Nazis beschlagnahmten „jüdische“ Einrichtungen. Weltkriege, Inflation und Währungsreformen zerstörten die Vermögen vieler Stiftungen. In der DDR war bürgerliches Engagement schlicht verboten. Erst ab den 1980er Jahren hatten die Deutschen wieder so viel Kapital, dass sie in größerer Zahl über private Wohltätigkeit nachdenken konnten.

Seit rund zwanzig Jahren boomen Schenkungen an die Allgemeinheit. Im bisherigen Rekordjahr 2007 wurden in Deutschland 1.134 neue gemeinnützige Stiftungen gegründet, davon 188 in Baden-Württemberg. Dieses Frühjahr will die Bundesregierung Vorschläge zur weiteren Reform des Stiftungsrechts vorlegen: Nützlicher Nachruhm soll einfacher werden.

Martin Ebner

Stiften gehen?
Der Bundesverband Deutscher Stiftungen vermittelt Basiswissen zu Stiftungen und veranstaltet jedes Jahr den „Deutschen Stiftungstag“, Europas größten Stiftungskongress: www.stiftungen.org


Schwäbisch Gmünd Spitalstiftung
Das Heiliggeistspital in Schwäbisch Gmünd galt bis zu seiner Auflösung 1984 als das älteste Krankenhaus Deutschlands. Die Spitalstiftung gibt es dagegen bis heute.

Zum dauernden Wohl der Gemeinschaft

Eine Stiftung ist ein Vermögen, das dauerhaft einem bestimmten Zweck gewidmet ist. Da der Begriff rechtlich nicht festgelegt ist, kann eine „Stiftung“ auch ein Verein oder ein Unternehmen sein. Anders als Aktiengesellschaften müssen Stiftungen keine Daten veröffentlichen. Für „Treuhandstiftungen“, die schon mit kleinen Beträgen gegründet und zum Beispiel von Kommunen oder Bürgerinitiativen verwaltet werden können, gibt es keine staatliche Aufsicht. Daher ist unbekannt, wieviele Stiftungen es insgesamt gibt, welche Vermögen sie verwalten und was sie alles so treiben.

Eine „rechtsfähige Stiftung bürgerlichen Rechts“ ist das, was sich die meisten Menschen darunter vorstellen: eine eigenständige Organisation, die sich selbst gehört und meist hehre Ziele verfolgt, die in ihrer Satzung festgelegt sind. Sie muss von Aufsichtsbehörden genehmigt werden, die dafür üblicherweise ein Startkapital von mindestens 50.000 Euro voraussetzen. Wenn sie vom Finanzamt als gemeinnützig anerkannt wird, sind ihre Gründung wie auch Spenden an sie steuerlich begünstigt. Die Zahl dieser Art Stiftungen hat sich in Deutschland seit dem Jahr 2000 mehr als verdoppelt: Die Bundesländer verzeichnen schon mehr als 22.000, davon über 3.300 in Baden-Württemberg.

Einmal registriert, können Stiftungen nicht ohne Weiteres geändert oder abgeschafft werden. Wer sich mit einer eigenen Stiftung verewigen will, muss volljährig und geschäftsfähig sein. In Baden-Württemberg wende man sich dazu an die Regierungspräsidien: www.rp.baden-wuerttemberg.de/Themen/Stiftung
In Bayern sind die Bezirksregierungen zuständig: www.stiftungen.bayern.de

 


Foto: Since 750 years this vineyard above Lake Constance enriches the hospital foundation in Konstanz, Germany. Ekde 750 jaroj hospitalfondaĵo de Konstanz posedas tion vinberejon apud Meersburg, Germanujo. Die Haltnau am deutschen Bodensee-Ufer gehört seit 750 Jahren der Spitalstiftung Konstanz, auf der anderen Seeseite. Der Legende nach wollte eine adlige, jedoch ästhetisch benachteiligte Jungfer das Rebgut ursprünglich der benachbarten Stadt Meersburg vermachen – gegen sonntägliche Essen mit, bzw. gar Küsse von den Stadtoberen. Die lehnten entsetzt ab. Die Konstanzer dagegen waren angesichts des schönen Weinbergs nicht so heikel und nahmen sogar regelmäßige Bootsfahrten in Kauf…
(Realistischer ist allerdings die viel langweiligere Erklärung, dass ein Konstanzer Bürger anno 1272 dem Heilig-Geist-Spital den Weinberg schenkte mit der Auflage, dass seine Witwe jährlich 20 Eimer Wein erhalten müsse.)

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Texts of timeless beauty. Or at least some historical interest.