Algen am Strand von Jurmala, Lettland

Algen: glitschige Zukunft

About: Algae hopes for food, technology and energy
Pri: Algaj esperoj por nutrado, tekniko kaj energio
Published, Aperis: Südwestpresse, 15.09.2012


Algen können alles. In Eis und Wein, Papier und Plastik, in Mode und Biodiesel: die famosen Wasserpflanzen erleben gerade ihre dritte Blütezeit

„Das soll ich jetzt essen?!“ Verstört schaut der Tourist am Imbiss-Stand in Taiwan auf die dunkelgrünen Dreiecke. Mittlerweile haben zwar die meisten Europäer schon einmal Sushi probiert. Die erste Begegnung mit Päckchen aus Algenblättern und Reis, dem in Ostasien üblichen Pausensnack, ist trotzdem noch etwas befremdlich. Dabei verzehren auch die Deutschen schon längst in rauen Mengen Algen.

Ob in Ketchup, Schokolade, Speiseeis, Joghurt, Wurst oder Zahnpasta: Vitamine und Nährstoffe aus Algen können überall stecken. Steht auf dem Etikett „Diät“, „light“ oder „Omega-3-Fettsäuren“, ist oft das Meer nicht weit. Alginate aus Braunalgen (E-Nummern 400 bis 405) formen zum Beispiel Gummibärchen, verdicken Pudding und lassen Marmelade gelieren. Agar (E406) und Carrageen (E407) werden aus Rotalgen fabriziert; sie machen unter anderem Sahne cremig, beseitigen Trübungen in Bier und bewahren Gebäck vor dem Austrocknen. Aus Seetang kann auch der Süßstoff Mannit (E421) gewonnen werden. Im April präsentierte der Nahrungskonzern Roquette ein neues Algenmehl als Ersatz für Butter, Eier oder Olivenöl. Roquette betreibt die größte Algenfarm Deutschlands: In Klötze bei Wolfsburg schwappen Chlorella-Algen durch 500 Kilometer Glasröhren.

Wenn es nach US-Präsident Obama geht, soll glitschiges Grünzeug nicht nur in fettarmen Keksen groß herauskommen. Im Februar schwärmte er in seiner Budgetrede, die USA könnten bis zu 17 Prozent ihrer Ölimporte durch Algensprit ersetzen. Die Opposition spottete kaum über den neusten Bio-Hype: Die USA sind führend in der Algenforschung, die sie sich nun mehr als 1 Milliarde Dollar kosten lassen. Der „Biotech Beach“ bei San Diego möchte mit Algen so berühmt werden wie das Silicon Valley mit Computern. Das Militär, das in den USA jede 50ste Tonne Erdöl verbraucht, will Unabhängigkeit vom Ausland. Für Manöver bei Hawaii tankt die US-Marine diesen Sommer erstmals für 12 Millionen Dollar Algendiesel. „Grüne“ Kriegsschiffe sind zwar kein traditionelles Öko-Anliegen – die Werbung für Solazyme Inc. und andere Algenfirmen ist trotzdem unbezahlbar.

Im Zweiten Weltkrieg waren Forscher auf Algen aufmerksam geworden: Kein anderes Lebewesen kann so schnell auf so wenig Platz so viel Eiweiß herstellen – und braucht dafür nur Licht, Kohlendioxid und Wasser, gerne auch Salz- oder Brackwasser. Hoffnungen, die Menschheit könnte sich aus dem vermeintlich unerschöpflichen Meer ernähren, waren jedoch verfrüht: Die ausgesuchten Arten waren für industrielle Verarbeitung nicht robust genug, außerdem speichern Algen Schwermetalle. Sciencefiction-Autoren griffen damals dankbar das Thema Killerschleim auf.

Den nächsten Anschub brachte die Ölkrise. Nun faszinierten die Fettpolster, die sich Algen für schlechte Zeiten zulegen. Manche sondern sogar Wasserstoff ab, wenn sie gestresst werden. Das 1978 von US-Präsident Jimmy Carter gestartete „Aquatic Species Programme“ wurde aber 1995 wieder eingestellt – Erdöl war zu billig. Als dann doch der Wunsch nach Biosprit aufkam, setzte sich die Getreide-Lobby durch. Erst seit 2008 gibt es in den USA wieder Staatsgelder für die Entwicklung von Algen-Treibstoffen. Diese versprechen weniger Land- und Wasserverbrauch, keine Konkurrenz zur Lebensmittelproduktion und eine viel höhere Energie-Ausbeute als von Raps, Soja oder Zuckerrohr. Ethanol aus Algen kann auch zu Plastik verarbeitet werden.

Führt nun der dritte Anlauf zum Durchbruch? Rund um die Welt wird fieberhaft geforscht. Die EU hat 14 Millionen Euro für das Biomasse-Projekt „EnAlgae“ locker gemacht, an dem zum Beispiel das Karlsruher Institut KIT beteiligt ist. Die besten Chancen rechnen sich Länder aus, die viel Sonne, Wasser und Industrie haben: USA, Spanien, Israel, Australien.

Deutsche Unternehmen, etwa Subitec aus Stuttgart oder IGV aus Potsdam, tüfteln an Algen-Reaktoren, die vor allem bereits heute profitable Stoffe für Kosmetika oder Medikamente liefern. Energiekonzerne liebäugeln mit der Idee, auch bei uns Algen mit Kraftwerk-Abgasen zu füttern und so Treibstoffe zu gewinnen: E.ON betreibt eine Versuchsanlage in Hamburg, Vattenfall in Brandenburg, RWE bei Köln, EnBW in Eutingen. Auf dem Gelände der Stadtwerke Reutlingen verwerten Algen zum Beispiel Abfälle einer Biogasanlage des Großmarkts Stuttgart. Techniker sprechen von „Kaskadennutzung“ und „Kopplungsprodukten“ und bekommen leuchtende Augen.

Die Aufbruchstimmung der Algenbranche erinnert Beobachter an die Computer-Industrie der 1980er Jahre. Wer wird der nächste Bill Gates? Vielleicht Nick Gerritsen aus Neuseeland: Seine Firma Aquaflow setzt Algen in Kläranlagen ein, verkauft Biotreibstoffe und Chemikalien. Ein anderer Kandidat wäre Syed Alwi aus Malaysia: Der Streit von US-Ingenieuren (offene Teiche) und Europäern (geschlossene Reaktoren) schert ihn nicht; sein Unternehmen Algaetech eröffnet gerade eine 2.000 Hektar große Algenzucht mit Teichen und Röhren.

Je mehr Menschen sich mit Algen beschäftigen, desto mehr Möglichkeiten tun sich auf. Beispielsweise sind Algen ein Rohstoff für die Papiermühle Favini in Venedig. Das Tutzinger Modelabel Twosquaremeter verkauft Pullover und Jacken aus Algenfasern – ähnlich wie Kaschmirwolle, auch im Preis. In einer roten Pfütze vor dem Pariser Louvre entdeckte die Professorin Carola Griehl eine bislang unbekannte Algenart: Sie produziert einen teuren Farbstoff, der für Lippenstifte gebraucht wird.

Können Algen alle herkömmlichen Treibstoffe ersetzen und unseren gewohnten Lebensstil retten? Dazu müssten die Preise drastisch gesenkt und noch viele technische Probleme gelöst werden. Was im Labor verheißungsvoll blubbert, funktioniert noch lange nicht im industriellen Maßstab. Dazu kommen Vorbehalte gegen genmanipulierte Algen, die besonders effizient wären. Auf Hawaii blockieren Bürgerproteste eine Raffinerie, die damit hantieren will.

Einen neuen Blick auf die Welt vermittelt jedenfalls der Sherry-ähnliche „Laminaria“ des Kieler Unternehmens Oceanbasis. Meeresbiologen hatten zufällig entdeckt, dass vergärte Braunalgen ein Getränk mit bis zu 19 Prozent Alkohol ergeben; das Gebräu darf nur aus rechtlichen Gründen nicht „Algenwein“ heißen. Nach einer gewissen Zahl Gläser erscheint alles in einem freundlich-warmen Licht, grün oder golden.


Alt, fleißig, erfolgreich

Algen gehören zu den ersten Lebewesen. Seit 3,5 Milliarden Jahren hausen sie dort, wo es zumindest manchmal feucht wird. Also praktisch überall: nicht nur im und am Wasser, sondern auch zum Beispiel auf Bäumen und im Ackerboden, im Fell von Faultieren, selbst im Polareis und in Wüsten. Aus Algen entwickelten sich die „höheren“ Pflanzen, die komplizierter aufgebaut sind und Wurzeln brauchen. In Flechten, also Symbiosen mit Pilzen, können Algen an die 1.000 Jahre alt werden.

Ohne Algen und ihre Fotosynthese könnten wir unser Leben vergessen: Sie machten die Erde erst bewohnbar, wandeln Kohlendioxid um und produzieren die Hälfte allen Sauerstoffs. In den Meeren bilden Algen den Beginn der Nahrungsketten. Erdöl und Kohle bestehen zu einem beträchtlichen Teil aus abgestorbenen Algen. Die Schalen von Kieselalgen formen mit der Zeit ganze Gebirge aus Kalkstein.

Trotz ihrer Bedeutung ist bisher nur ein Bruchteil der schätzungsweise bis zu 10 Millionen verschiedenen Algenarten erforscht: rund 130.000 Sorten im Wasser (www.algaebase.org) und knapp 24.000 Arten, die an Land leben (www.algaterra.org). Ihre Vielfalt reicht vom mikroskopisch kleinen Einzeller bis zum 100 Meter langen Seetang. Kommerziell genutzt werden etwa 160 Algenarten, besonders Chlorella-Grünalgen und Spirulina-Blaualgen.

Benannt werden Algen meist nach ihren Farbstoffen: Grün-, Rot-, Braun- oder Goldalgen. Sie sind nicht miteinander verwandt. Die so genannten Blaualgen, deren Giftstoffe öfters Strandbäder stilllegen, sind genau genommen keine Algenpflanzen, sondern Bakterien: Sie haben keine Zellkerne. Gerade auf diese Cyanobakterien setzen aber Gentechniker und die junge Algenindustrie besonders große Hoffnungen.

Martin Ebner

Faszinierende Urwesen (last update: 26.12.2014):

– Glückwunsch! Die Armleuchteralge Chara wurde zur deutschen Alge des Jahres 2012 gewählt: www.dbg-phykologie.de
– Nachrichten aus glibberigen Welten bringt der Blog des Stuttgarter Biotech-Beraters Timo Enderle: www.algaeobserver.com
– Think big! Wie man für grünlichen Schleim Werbung macht, zeigt die Lobby der US-Algenindustrie: www.allaboutalgae.com
– Die „Symbiotic Machine“ von Ivan Henriques ernährt sich von Algen.
– Kochrezepte für Algen gibt es nur zum Teil auf Deutsch. Aber Spitzenköche sprechen ja Französisch: www.bord-a-bord.fr


 


Foto: Useful? Algae at Jurmala beach, Latvia. Algoj en Jurmala, Latvujo. Nicht so erwünschte Algen am Strand von Jurmala, Lettland

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Texts of timeless beauty. Or at least some historical interest.