Flüchtlingslager brauchen neue Konzepte

About: New concepts for refugee camps. You never know whether you will need them for yourself.
Pri: Inventoj por rifuĝint-kampejoj.
Published, Aperis: Stuttgarter Nachrichten (†), 31.10.2009


Hoffnung für Millionen

Flüchtlingslager brauchen neue Konzepte

In einer abgelegenen Wüstenei knäueln sich Tausende Menschen zusammen; sie haben kein Dach über dem Kopf, sie sind hungrig und durstig, viele sind krank und verwundet. Was ist da zuerst anzupacken? Zelte aufstellen, Reissäcke verteilen, Latrinen graben? Eine Schule ist mit das Erste, was nach einer Katastrophe eingerichtet werden muss, haben Helfer herausgefunden. Schulunterricht vermittelt nicht nur den Kindern, sondern auch den Eltern ein Gefühl von Normalität, mildert traumatische Schocks und bietet ein Forum für Informationsaustausch. Schon ein Filmprojektor kann erstaunliche Wirkung erzielen: Die Organisation „FilmAid“ zeigt in Desastergebieten Bildungs- und Unterhaltungsfilme, um Moral und Hoffnung wieder herzustellen.

Bau und Betrieb von Flüchtlingslagern sind eine Wissenschaft für sich. Fehler können dabei rettende Oasen in tödliche Fallen verwandeln, etwa wenn sich wegen fehlender Hygiene Seuchen ausbreiten. Zum Glück gibt es immer mehr Architekten und Ärzte, Software-Entwickler und andere Spezialisten, die sich Gedanken machen, wie Opfern von Katastrophen besser geholfen werden kann. Ihrem Erfahrungsaustausch dient zum Beispiel die Zeitschrift „Forced Migration Review“, die vom Zentrum für Flüchtlingsstudien der Universität Oxford gratis verteilt wird. Fortschritte sind auch dringend nötig, denn nach Schätzungen der UNO gibt es derzeit weltweit rund 42 Millionen Flüchtlinge. Etwa ein Drittel davon muss in Lagern hausen – und das oft jahrelang. Falls sich pessimistische Vorhersagen bewahrheiten, wird allein der Klimawandel weitere Millionen in die Flucht schlagen.

Verschiedene Projekte arbeiten an billigen Notunterkünften, die sich schnell und einfach aufbauen lassen. Die britische Hilfsorganisation Oxfam etwa hat eine Wohnröhre entwickelt, die sechs Personen Platz bietet, nur rund 100 Euro kostet und dank Filz-Isolierung viel wärmer ist als gewöhnliche Zelte. Der Architekt Takuya Onishi tüftelt an ultraleichten, aufblasbaren Wohnballonen, die an Fallschirmen in Katastrophengebiete einschweben können. Peter Brewin und Will Crawford, zwei Londoner Kunststudenten, schlagen vor, die Wände von aufblasbaren Nissen-Hütten mit Zement zu imprägnieren. Diese Beton-Zelte sollen nach rund 12 Stunden Trocknen so fest sein, dass sie zum Beispiel als Feldlazarette dienen können. Eine andere Idee sind kompostierbare Zeltstädte: Die Wandbahnen enthalten Pflanzensamen und Dünger; wenn die Flüchtlinge wieder in feste Häuser umziehen, können sie ihre Übergangswohnungen unterpflügen.

Herkömmliche Materialien taugen nicht immer. In Ruanda zum Beispiel verteilte die UNO nach dem Bürgerkrieg Plastikbahnen und Aluminiumstangen. Die Flüchtlinge aber verkauften das Aluminium – und fällten dann für ihre Zelte Bäume. Bei über zwei Millionen Flüchtlingen gab es bald keinen Wald mehr. Der Architekt Shigeru Ban fand eine Lösung: Zeltstangen aus Pappröhren, billig und mit einfachen Maschinen vor Ort herstellbar.

Bei Initiativen wie der spanischen „Design for the World“ oder der amerikanischen „Architecture for Humanity“ hat sich mittlerweile die Erkenntnis durchgesetzt, dass es oft nicht viel bringt, gut gemeinte Hilfsgüter abzuwerfen – sondern dass die Flüchtlinge in Rettungsarbeiten und Wiederaufbau einbezogen werden müssen. Eine Zeitlang wurde beispielsweise versucht, Afrikaner mit Solarkochern zu beglücken. Die wollten davon allerdings nichts wissen, denn wenn man die Speisen beim Kochen nicht umrühren kann, schmecken sie anders als von ihnen gewohnt. Jetzt wird daran gearbeitet, traditionelle Holz- und Kohleöfen effizienter und umweltfreundlicher zu machen.

Keine Akzeptanzprobleme hat „Plumpy’nut“, eine Paste auf Erdnussbasis. Die französische Firma Nutriset, die Lebensmittel speziell für die Dritte Welt produziert, hat diese nahrhafte Masse entwickelt. Davor wurden unterernährte Kinder mit Milchpulverprodukten aufgepäppelt, die erst mit sauberem Wasser angerührt werden mussten. Oft war das nur in Krankenstationen möglich. Die Erdnusspaste kann nun direkt aus der Packung gegessen werden, ohne dass die Kinder dabei Unterstützung bräuchten. Das ist sicherer und schneller, und es braucht viel weniger Helfer. Nach ein paar Wochen Behandlung können die Kinder dann wieder normale Nahrung essen. Der erste große Einsatz von „Plumpy’nut“ war in Darfur; nun wird die Paste in einer ganzen Reihe afrikanischer Staaten produziert.

Nahrungsmittel und andere Hilfsgüter zu Flüchtlingen zu bringen, ist oft ein logistischer Alptraum: zerstörte Straßen und Häfen, unwegsames Gelände und allgemeines Chaos. Dazu kommt, dass bei telegenen Katastrophen Hunderte Hilfsorganisationen aufkreuzen und sich gegenseitig im Weg stehen. Um die Koordination der Retter zu verbessern, hat der Arzt und ehemalige US-Marine-Kommandeur Eric Rasmussen in den letzten Jahren drei große Übungen organisiert: Unter dem Namen „Strong Angel“ wurden auf Hawaii Modell-Flüchtlingslager eingerichtet. Nach dem Tsunami-Desaster 2005 hatte Rasmussen zum Beispiel gestört, dass erst unzählige Aufklärungshelikopter losflogen, bevor sich jemand um die Menschen am Boden kümmerte. Um Doppelarbeiten zu vermeiden, schlägt er vor, in Zukunft jeweils eine zentrale Datenbank mit Informationen zur aktuellen Lage einzurichten.

Dass Katastrophenhilfe moderne Logistik braucht, findet auch Lynn Fritz. Der ehemalige Chef eines Speditionskonzerns hat in San Francisco das „Fritz Institute“ gegründet. Es bietet Hilfsorganisationen gratis Software an. Ein weiteres Ziel des Instituts ist die Entwicklung eines „institutionellen Gedächtnisses“: Wer von einem Einsatz zum nächsten hetzt, hat keine Zeit, zum Beispiel Archive anzulegen. Daher können Hilfsorganisationen kaum aus eigenen Erfahrungen lernen und müssen allzu oft wieder bei Null anfangen. Dabei ist in dieser Welt Eines sicher: Die nächste Katastrophe kommt bestimmt.

Martin Ebner

Links (last update: 04.05.2014):

N.B. (20.11.2014):
„Design for Extreme Affordability“ is a course offered by James M. Patell at Stanford University, USA: „Students apply engineering and business skills to design product or service prototypes, distribution systems, and business plans for entrepreneurial ventures that meet that challenges faced by the world’s poor.“ Like refugees, for instance.

N.B. (25.12.2014):
The Austrian company „COMMOD-Haus“ is building container houses.  They could be used in developing countries or disaster zones. And they are even ecologically correct: www.containme.at


 


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Texts of timeless beauty. Or at least some historical interest.