Ideenfabrik: Inspiration auf Knopfdruck

About: „Idea factory“ in Biel/Bienne, Switzerland
Pri: „Fabriko“ por ideoj en Svislando
Published, Aperis: d’Lëtzebuerger Land, 10.12.2004


Eine Schweizer Ideenfabrik produziert gute Einfälle am Fließband

Wie kommt das Neue in die Welt? Woher nimmt man den Knüller, auf den die Märkte warten? Man könnte in der Nase bohren und auf einen Musenkuss hoffen. Oder ein teures Forschungsinstitut beauftragen. Schneller und wohl erfolgversprechender ist aber, eine „Ideenmaschine“ einzuschalten. Das verspricht „Brainstore“ im Schweizerischen Biel. Diese Firma kommt ohne geniale Eierköpfe aus, sondern produziert Einfälle so, wie andere Schuhe oder Schokolade: in Serie, als industrielle Massenware.

Gegründet wurde „Brainstore“ vor 15 Jahren von Nadja Schnetzler, einer Journalistin, und Markus Mettler, der ein BWL-Studium abgebrochen hatte. Bei der Anzeigen-Vermittlung für Schulzeitungen fiel ihnen auf, dass in Unternehmen vom Einkauf bis zum Vertrieb alles systematisch auf Effizienz getrimmt wird. Alles, bis auf die Suche nach neuen Ideen: „Sie ist der einzige Teil der Wertschöpfungskette, der noch so abläuft wie vor Jahrhunderten.“ Eine eigene Entwicklungsabteilung zum Beispiel bringe nicht viel: „Die immer gleichen Personen befassen sich mit den immer gleichen Themen. So entstehen selten überraschende Lösungen.“ Das betriebliche Vorschlagwesen sei gut gemeint, aber häufig zum Scheitern verurteilt: Da es Einzelne belohnt, „motiviert es nicht zum gemeinsamen Erarbeiten von Ideen, sondern zur Geheimniskrämerei“ – und die unbeteiligten Kollegen denken gar nicht daran, sich für die Verwirklichung anzustrengen.

Die beiden jungen Appenzeller zerlegten den Prozess der Ideenfindung in einzelne Arbeitsschritte, die sie standardisierten und optimierten. Kurz: sie bauten eine „Maschine“, die kontinuierlich das Gleiche macht, aber an verschiedene Bedürfnisse angepasst werden kann. Die Hauptteile der „Ideenmaschine“ heißen Beschaffung, Verdichtung und Auswahl. Bevor sie in Betrieb gehen, muss der Kunde ganz exakt den Auftrag formulieren. „Je interessanter die Idee sein soll, desto klarer muss vorher das Spielfeld abgesteckt werden“, erläutert Nadja Schnetzler. Am Anfang wird auch festgelegt, wie viel Zeit, Geld und Denkkraft eingesetzt werden: Ein Angestellter, der zwei „Brainstore“-Mitarbeiter eine Viertelstunde darüber hirnen lässt, wie er seinen Chef auf sich aufmerksam machen könnte, zahlt dafür 9,90 Franken; ein Konzern, der in neun Monaten von 2200 Hirnen für eine neue Joghurtmarke 60 Ideen haben will, berappt mehr als eine Million.

Die Ausgangsfrage müssen Grundschüler auf Anhieb verstehen. Nicht etwa „Was kann man mit einem neuen, biologisch abbaubaren Kunststoff anfangen?“, sondern „Wenn du eine Mikrobe wärst, was würdest du gerne essen?“. Bei der „Beschaffung“ sind dann Vielfalt und Quantität alles: Statt eine Handvoll hochbezahlter Spezialisten Monate über einen Ansatz brüten zu lassen, der womöglich nirgends hinführt, lässt „Brainstore“ lieber Tausende „billige“ Hirne kurze Zeit eine Frage aus allen denkbaren Blickwinkeln betrachten. In der Kartei der Ideenfabrik sind 2500 freie Mitarbeiter registriert, die Hälfte davon Jugendliche. Mit ihnen bilden die 35 ständigen Angestellten Denkgruppen, in denen verschiedene Welten zusammenprallen: Banker und Schulkinder, Hausfrauen und Amphibienkenner. Die bunte Mischung wird mit Kreativitätstechniken aller Art traktiert und so unter Zeitdruck gesetzt, dass das Tempo „die Gehirne der Teilnehmer ausschaltet und sie nur noch auf der Instinktebene arbeiten“. Zur Ergänzung wird das Internet durchsucht und Trendscouts pirschen durch exotische Länder. Ein Auftrag zum Thema Haustierbedarf ergab zum Beispiel, dass es anderswo für Hunde auch Hausschuhe, Zahnpasta und Haarfärbemittel gibt.

Die Inspirationenfülle wird zusammen mit den Auftraggebern, Experten und potenziellen Käufern „verdichtet“. Als Faustregel gilt dabei, dass 3000 „Rohideen“ sechs „gute Ideen“ liefern, von denen am Schluss eine umsetzbar ist. Den schematischen Ablauf einzuhalten, fällt nicht immer leicht, gesteht Schnetzler: „Wir tappen oft in die gleiche Falle wie unsere Kunden, wenn wir für eigene Zwecke Ideen entwickeln. Das liegt vermutlich daran, dass wir denken: Über uns selber wissen wir ja bestens Bescheid, da wird uns wohl auch auf unstrukturiertem Weg etwas einfallen. Tut es aber natürlich nicht.“

Ausgeliefert werden nur „wirklich gute Ideen“: Sie sind „einfach, verblüffend und relevant“. Pro Monat bearbeitet „Brainstore“ 10 bis 40 Projekte, von der privaten Geschenkidee bis zum Polit-Slogan, vom Werbeplakat bis zum Flugzeug der Zukunft. Über drei Millionen Euro Umsatz werden damit jährlich erwirtschaftet. Da alle Beteiligten ein festes Honorar bekommen, die Jugendlichen zum Beispiel 100 Euro am Tag, kann der Preis genau berechnet werden: „Innovation ist kalkulierbar“. Als ob die Abschaffung des einsamen Genies noch nicht Provokation genug wäre, behauptet „Brainstore“ auch: „Ideen kann man nicht besitzen.“ Für die Einfälle wird kein Urheberschutz beantragt, der Käufer kann damit machen, was er will. Statt über Patente zu streiten, denkt sich die Ideenfabrik einfach etwas Neues aus.

Martin Ebner

Buch:
Nadja Schnetzler: Die Ideenmaschine. Methode statt Geistesblitz – Wie Ideen industriell produziert werden, 250 Seiten, Wiley-VCH Verlag, Weinheim 2004

Link (last update: 04.05.2014):
www.brainstore.com


 


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