Danger sign in Loetschental, Switzerland

Panikforschung: Optimale Steinigungskapazität

About: How to avoid panic? Researchers and traffic planners want to prevent stampedes.
Pri: Paniko-esplorado faras homamasojn malpli danĝeraj. Tio artikolo estas ankaŭ havebla en Esperanto.
Published, Aperis: d’Lëtzebuerger Land, 04.01.2008


Panik-Forschung macht Menschenmengen weniger gefährlich

Nichts wie weg! Für unsere Vorfahren war es wahrscheinlich vorteilhaft, sich bei Gefahr zusammenzurotten und schnell alles niederzutrampeln, was sich in den Weg stellte. Heute werden wir allerdings kaum noch von Säbelzahntigern oder Mammuts angegriffen. In einem brennenden Kino dem Herdentrieb nachzugeben, kann ein tödlicher Fehler sein: Steckt man einmal in einer flüchtenden Menschenmenge, kommt man nur schwer wieder heraus. Wer hinfällt, wird gnadenlos überrannt. Hirnlos hetzt die Meute an seitlichen Notausgängen vorbei und verknäult sich so im Haupteingang, dass alles blockiert ist. Es braucht aber nicht einmal ein Feuer oder einen anderen erkennbaren Grund, um eine solche Massenpanik auszulösen. Ob in einem Fußballstadium, bei einem Rockkonzert oder zum Beispiel auf dem Landungssteg einer Fähre: in Gedränge und Geschubse kann aus heiterem Himmel eine alles niederreißende Eigendynamik entstehen.

Ein besonders riskanter Menschenauflauf findet ab dem 18. Dezember in Saudi-Arabien statt. Ein Moslem soll wenigstens einmal in seinem Leben am sogenannten Hadsch teilnehmen, an der Pilgerfahrt nach Mekka. An fünf Tagen im letzten Monat des islamischen Mondkalenders ballen sich deshalb über drei Millionen Gläubige im nur rund drei Quadratkilometer großen Mina-Tal zusammen, um dort drei „teuflische“ Säulen mit Steinen zu bewerfen. Im Jahr 1990 wurden bei diesem Ritual über 1400 Menschen totgetreten, in den Jahren danach jeweils ein paar hundert. 2006 waren 364 Opfer zu beklagen.

Mekka ist „das größte Fußgängerproblem der Welt“, sagt Dirk Helbing, Physiker und Soziologie-Professor an der Technischen Hochschule in Zürich. Er berät zusammen mit deutschen Verkehrsplanern die saudischen Behörden, wie sie die Pilgerströme sicherer machen können. Für die Panik-Forschung, die Helbing mitbegründet hat, sind die Videokameras, die an den Wegen der Gläubigen zu ihrem Steinabwurfplatz installiert wurden, ein Glücksfall. Von Disco-Stampeden oder den verrauchten Korridoren im Innern von untergehenden Kreuzfahrtschiffen gibt es kaum brauchbare Filmaufnahmen. Nun aber kann das Phänomen in Ruhe untersucht werden.

Experimente zur Erforschung von Massenpanik verbieten sich. Probe-Evakuierungen von Flugzeugen, die für die Zulassung von neuen Maschinen vorgeschrieben sind, enden regelmäßig mit Knochenbrüchen oder schlimmeren Unfällen. Die Wissenschaftler behelfen sich daher mit Simulationen. Moderne Computer bieten genügend Leistung, um unkoordinierte Bewegungen von Fußgängerhaufen ähnlich wie das Verhalten von Flüssigkeiten oder Gasen zu berechnen.

Helbing hat dazu mit ungarischen Kollegen eine Gleichung entwickelt, in die unter anderem die Masse der Fußgänger, ihre Richtung, ihr Abstand von einander und von den Wänden, ihre gewünschte und ihre tatsächliche Geschwindigkeit eingehen. „Der Übergang von rationalem zu irrrationalem Verhalten der Gruppe wird eigentlich nur durch einen einzigen Parameter gesteuert: der Nervosität“, erläutert Helbing. Nervosität ist für ihn der Unterschied zwischen dem realen und dem angestrebten Tempo der Fliehenden und der entscheidende Panik-Faktor des Modells: „Sie beeinflusst die Fluktuationsstärke, die Fluchtgeschwindigkeit, schaltet den Herdentrieb ein und den Verstand aus.“

Bei einer Geschwindigkeit von 0,08 Meter pro Sekunde kann eine 1 Meter breite Tür problemlos von 0,73 Personen pro Sekunde passiert werden. Bei einer Panik aber versuchen die Leute zu beschleunigen. Sie drängeln und berühren sich. Bei Engstellen kommt es zu Staus, an Ausgängen bilden sich bogenförmige Menschentrauben. Das Gedränge setzt unerwartete Kräfte frei. Dabei kann ein fataler Druck von bis zu 1000 Kilo pro Quadratmeter entstehen – genug, um selbst Stahlträger zu verbiegen oder Ziegelmauern zum Einsturz zu bringen. Alles verkeilt sich ineinander, und schließlich geht wie im kreisenden Strudel eines Flusses nichts mehr vorwärts.

Manchmal lässt sich das Chaos bereits mit einfachen Maßnahmen entspannen, die auf den ersten Blick unsinnig erscheinen. Wenn zum Beispiel vor einen Ausgang eine Säule gestellt wird, idealerweise in etwa 2 Meter Entfernung und etwas nach links oder rechts versetzt, dann zerteilt dieser Wellenbrecher die panische Vorwärtsbewegung – es bildet sich keine Traube mehr, der Druck im Rücken der Menschen wird verringert und der „Gesamtdurchfluss“ deutlich vergrößert. Bei Fluchtwegen sind nicht nur Engstellen, sondern auch Erweiterungen zu vermeiden: Wenn es unterwegs Platz zum Überholen gibt, ist beim anschließenden Flaschenhals das Gequetsche um so größer. Lange, breite Treppen sollten in Zickzack-Form zum Ausgang führen, damit das Gedränge seine Stoßrichtung wechselt. Zwei kleinere Türen nahe der Wände sind effizienter als eine einzige breite Öffnung. Die Zuwege zu den Ausgängen sollten trichterförmig gestaltet werden, damit niemand an einer flachen Stirnwand neben der Tür zerdrückt wird.

Videos aus Mekka helfen den Forschern, ihre Modelle weiter zu verbessern. Die Aufnahmen von 2006 zeigten kurz vor der Katastrophe Turbulenzen und Stop-and-go-Wellen in der Menge. Zur Abhilfe wurden nun Einbahnwege und genaue Marschpläne für die vielen Pilgergruppen entwickelt. Neben den Säulen, die den Teufel symbolisieren, wird zur Erhöhung der Steinigungskapazität eine vierstöckige Brücke errichtet, die bis zu fünf Millionen Gläubige pro Tag ertragen soll. Im Keller des gewaltigen Bauwerks werden nicht nur Förderbänder für den Abtransport der Steine eingebaut, sondern auch Rettungswege. Ob damit alle Gläubigen zufrieden sein werden, ist allerdings ungewiss: Muslime, die während des Hadsch sterben, kommen direkt in den Himmel.

Martin Ebner

Links (last update: 26.11.2014):


 


Foto: Reason to panic? Warning in Lötschen valley, Switzerland; Ĉu paniku? Avertotabulo en valo de Lötschen, Svislando; Grund zur Panik? Warnschild im Lötschental, Schweiz

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