Bodenseeufer in Friedrichshafen

Die Entnazifizierung von Zeppelin, Maybach, Dornier & Co.

Was geschah nach dem Krieg mit all den Nazis? Die deutsche „Entnazifizierung“ gilt üblicherweise als Fehlschlag, bzw. als Farce. Die historische Studie „Die Entnazifizierung von Zeppelin, Maybach, Dornier & Co. – Wie Friedrichshafen ‚gesäubert‘ wurde“ vermittelt jedoch ein differenzierteres Bild. Sie behandelt die Entnazifizierungsverfahren von 150 Personen, die zur Zeit des Dritten Reichs in der Industrie- und Rüstungsstadt Friedrichshafen (Württemberg, Bodensee) leitende Funktionen hatten. Von besonderem Interesse sind dabei die Prozesse gegen 15 bekannte Unternehmer und „Wehrwirtschaftsführer“, wie zum Beispiel Hugo Eckener (Luftschiffbau Zeppelin), Claude Dornier, Karl Maybach und Hans Cappus (ZF Zahnradfabrik). Überregional bekannt war auch der evangelische Stadtpfarrer Karl Steger, ein Vertreter der „Deutschen Christen“. Politfunktionäre wurden während der „Säuberung“ durchweg hart angefasst und von der französischen Besatzungsmacht im Internierungslager Balingen eingesperrt. Administrative und wirtschaftliche Eliten konnten sich dagegen dank zahlreicher „Persilscheine“ reinwaschen und wurden meist als harmlose „Mitläufer“ eingestuft. Dies ist die erste historische Studie, die die Entnazifizierungsakten im Staatsarchiv Sigmaringen auswertet. Weitere Quellen stammen vor allem aus dem Stadtarchiv Friedrichshafen und dem Evangelischen Pfarrarchiv Friedrichshafen. Erhältlich ist die Magisterarbeit als Kindle E-Book oder – unter anderem Titel – via Fernleihe der deutschen Bibliotheken.

Artikel:
1. Südkurier: „Panzer haben wir keine gebaut – nur Motoren“. Wie die Friedrichshafener Industriellen nach 1945 „entnazifiziert“ wurden
2. Südwestpresse: Zum Essen gab es meist Eintopf. Nach dem Krieg wurden in Balingen Nazis aus Südwürttemberg interniert

 

„The denazification of Zeppelin, Maybach, Dornier & Co.“ is a historical study in German language about the political purges after World War II in the South German industrial town of Friedrichshafen, located in the French occupation zone. Of particular interests are the legal proceedings against important industrialists, e.g. Hugo Eckener (Luftschiffbau Zeppelin), Claude Dornier, Karl Maybach and Hans Cappus (ZF Zahnradfabrik). Treated is also the protestant priest Karl Steger, a prominent representative of the „German Christians“. This master’s thesis was the first study to explore respective documents in the State Archive in Sigmaringen. The book is available as Kindle E-Book or – with other title – via German interlibrary loan.

„La denaziigo de Zeppelin, Maybach, Dornier & Co.“  estas scienca studaĵo en germana lingvo pri postmilitaj „purigadoj“ kontraŭ faŝistoj en la sudgermana urbo Friedrichshafen. Mensoguloj kaj denuncistoj, intriguloj kaj torkviloj – en tempoj de politikaj ŝanĝoj la homaro ĉiam montras sian plej belan flankon… La libron vi ricevas kiel Kindle E-Book aŭ – kun alio titolo – per la sistemo de germanaj bibliotekoj.


About: „Denazification“ of important industrialists in Friedrichshafen, Germany
Pri:
Procesoj post la dua mondmilito kontraŭ gravaj fabrikistoj de armiloj en la germana urbo Friedrichshafen
Published, Aperis: Südkurier, 18.01.1997

„Panzer haben wir keine gebaut – nur Motoren“

Wie die Friedrichshafener Industriellen nach 1945 „entnazifiziert“ wurden – Gewerkschaft: „Die Großen läßt man laufen“

„Es ist ungeschickt, die kleinen Leute zu schikanieren, die Verantwortlichen aber laufen zu lassen“, schimpfte im Oktober 1947 der französische Kreisdelegierte Merglen auf die Entnazifizierung. Nicht nur einfache „Parteigenossen“, auch die „großen Chefs“ müßten endlich bestraft werden: „Sie haben ihr technisches Genie in den Dienst des Nazi-Krieges gestelllt. Bei Zeppelin wurden V1-Raketen hergestellt, Maybach war stolz auf seine Panzermotoren, und unter den Ruinen findet sich das letzte Flugzeugmodell, das Dornier vor dem Einmarsch der französischen Truppen noch fertigstellen wollte.“

Zunächst hatten wie 2500 andere Friedrichshafener auch die Leiter der Großbetriebe im Frühjahr 1946 einen Fragebogen zu ihrer NS-Vergangenheit ausfüllen müssen. Während aber „einfache Fälle“ bei der „politischen Säuberung“ in 3 Minuten abgehandelt wurden, zogen sich die Verfahren der 15 prominentesten Industriellen in die Länge: Verschiedene französische und deutsche Dienststellen konnten sich nicht einigen.

Der örtliche „Kreisuntersuchungsausschuß“ (KRUA) stellte zwar fest, daß die Topmanager sich nicht aktiv in NS-Organisationen betätigt hätten und im Krieg nicht für die schlechte Behandlung der Zwangsarbeiter verantwortlich gewesen seien. Andererseits seien sie aber „Wehrwirtschaftsführer“ gewesen – „Nutznießer und Kriegsgewinnler“. Man müsse auch diese „Grenzfälle ihrer Gerechtigkeit zuführen“.

Als „andere Volksgenossen Gut und Blut opferten“, hätten sich die Unternehmer „ein Millionenvermögen zusammengetragen“. Allein Claude Dornier, der reichste von ihnen, habe pro Jahr über eine Million Reichsmark verdient. Es sei „nur recht und billig“, wenn sie nun hohe Geldsummen für den Wiederaufbau zahlen müßen. In den Entnazifizierungsgesetzen seien so hohe Strafen zwar nicht vorgesehen, aber das schwer zerstörte Friedrichshafen habe ein Recht auf eine „Sonderstellung“.

Der Tübinger Säuberungskommissar Otto Künzel (SPD) wollte dem nicht zustimmen. Die Gesetze würden auch in Friedrichshafen gelten. Eine „Nutznießung“ könne aber nicht hieb- und stichfest nachgewiesen werden: Die Industriellen hatten zum Teil vor dem Krieg noch mehr verdient und machten Verluste durch das NS-Regime geltend. Künzel plädierte für mildere Maßnahmen.

Nach monatelangem Hin und Her wurde es Gouverneur Widmer zu bunt. Er ordnete kurzerhand an, die Vorschläge des KRUA sollten gelten. Am 17.1.1948 veröffentlichte das „Regierungsblatt“ die Sanktionen: Geldbußen von 5.000 Reichsmark (für einen Dornier-Kaufmann) bis zu 300.000 Reichsmark (für Claude Dornier), Untersagung einer leitenden Tätigkeit und Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte für 3 bis 5 Jahre.

Diese Entscheidungen erregten großes Aufsehen. Bei KPD, SPD und den Gewerkschaften fanden sie große Zustimmung. Nun würden die Industriellen bald „ihre Popularität und ihren Einfluss verlieren“, hoffte der Kreisdelegierte Merglen.

Da hatte sich Merglen allerdings zu früh gefreut. Die Bosse dachten nicht daran, aufzugeben. Umgehend legten sie Einspruch ein und beantragten Revision. Staatspräsident Lorenz Bock (CDU) gab den Rat, „um Stundung nachzusuchen, falls etwa das Finanzamt tatsächlich die Summen einziehen wollte“.

Hugo Eckener, der nicht nur Vorsitzender des Zeppelin-Konzerns, sondern auch Publizist und einer der Gründer des „Südkurier“ war, organisierte zu seiner Verteidigung eine beispiellose Pressekampagne. Dem Luftschiffpionier gelang es, weltweit Journalisten von seiner Unschuld zu überzeugen. Die ehrenamtlichen KRUA-Mitarbeiter konnten dieser Medienmacht nur eine alte Reiseschreibmaschine entgegensetzen.

Andere Industrielle schalteten ihre neuen Freunde vom Pariser Rüstungsministerium ein. Schon seit 1945 produziere man Kriegsgerät für Frankreich, erklärten sie: Die Entnazifizierung gefährde deshalb nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch die „deutsch-französische Zusammenarbeit“. Mit diesen guten Beziehungen konnte der KRUA nicht mithalten.

Am enttäuschendsten für die sozialistisch gesinnten Entnazifizierer war aber, daß sich auch die Arbeiter auf die Seite ihrer alten Chefs stellten. Zum Eklat kam es, als im Friedrichshafener Gemeinderat auch Betriebsräte dafür stimmten, zur Unterstützung von Karl Maybach eine Straße nach ihm zu benennen.

Empört verbot Merglen die Straßentaufe und ließ die Maybach-Betriebsräte vorladen. „Wir haben keine Panzer gebaut, nur die Motoren dazu“, versicherte Gustav Burr (CDU) treuherzig. Die Straße solle nur einen „genialen Konstrukteur“ ehren. Und Anton Sommer (SPD) fand: „Die Arbeiter sind nun einmal nicht reif für den Sozialismus.“

Gegen die öffentliche Meinung und die Interessen der französischen Rüstung hatte die „politische Säuberung“ keine Chance. Die Verfahren gegen Eckener und Maybach wurden im September 1949 von General Koenig ohne Maßnahmen eingestellt – da „nicht unter das Gesetz fallend“. Claude Dornier ließ sich in Lübeck (in der britischen Besatzungszone) als „Entlasteter“ einstufen.

Die Maßnahmen gegen die übrigen Wirtschaftsführer wurden in Spruchkammer-Verfahren erst abgemildert – dann zu Lasten der Staatskasse ganz aufgehoben. Ein Dornier-Direktor, der tatsächlich 2.000 D-Mark gezahlt hatte, beantragte Rückerstattung. Zuletzt wurde am 1. März 1951 das Verfahren eines Zeppelin-Geschäftsführers eingestellt. Er musste eine Verwaltungsgebühr von 20 Mark zahlen.

Frustriert zogen die Friedrichshafener Gewerkschafter das Fazit: „Die Entnazifizierung ging nach dem Grundsatz ‚Die Kleinen hängt man, die Großen läßt man laufen‘.“

Martin Ebner

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About: Internment of fascist functionaries after World War II in the French occupation zone.
Pri:
Aresto por faŝistaj funkciuloj post la dua mondmilito en la franca zono en Germanujo.
Published, Aperis: Südwest Presse,  15.11.1997

Umerziehung / „Ätzende Elemente“

Zum Essen gab es meist Eintopf

Nach dem Krieg wurden in Balingen Nazis aus Südwürttemberg interniert

Im Dritten Reich hatten sie andere ins KZ gebracht. Nach dem Krieg waren sie selber dran: Nationalsozialisten, vom großen Tier bis zum kleinen Mitläufer, wurden in einem ehemaligen Zementwerk nahe des KZ Bisingen interniert. Die Franzosen hatten dort, nahe Balingen, ein Lager eingerichtet.

Der prominenteste Gefangene war Prof. Christian Mergenthaler, bis 1945 württembergischer Ministerpräsident. Doch nicht alle Internierten waren hohe oder fanatische Nazis gewesen, manche hatten einfach Pech gehabt. Nach Einschätzung des französischen Lagerleiters waren „etwa 200 charakterlich einwandfreie,  brave Menschen“, laut dem deutschen Lagerdirektor handelte es sich „überwiegend um einfache Leute.“

Als 1947 deutsche Behörden an der Lagerverwaltung beteiligt wurden, waren da noch rund 800 Häftlinge, darunter ganze Familien: Von den 14 internierten „Führerinnen“ hatten 5 ihre Männer im Lager – Besuche waren aber verboten. Ihre Haftbedingungen waren nicht so schlecht wie in einem KZ – aber auch nicht sehr gemütlich: Sie wohnten in drei nassen Holzbaracken mit dreistöckigen Betten. Schränke oder sonstige „Privatsphäre“ gab es nicht. Dafür durften sie einmal pro Woche baden.

Tübinger Ärzte forderten im Winter 1947, das „grundsätzliche Heizverbot“ aufzuheben – wegen der rund 100 Kriegsversehrten und der 50 Häftlinge über 60 Jahre. Sie stellten fest, daß die lange Haft v.a. bei Familienvätern zu „Ergrauung der Haare“ und „erheblichen seelischen Schwierigkeiten“ führe – auch bei Kleinigkeiten zeigten sie „eine gewisse Verstimmung mit Explosivreaktionen“.

Zu Essen gab es meist Eintopf: Kartoffeln, Linsen, Erbsen und  Nudeln – gleichviel wie für die Zivilbevölkerung, also wenig: täglich etwa 1200 Kalorien. Der Lagerarzt bemerkte, daß „schon der größte Teil an Hunger gestorben wäre“, wenn das „Verbot zusätzlicher Lebensmittelzufuhren“ tatsächlich eingehalten würde.

Häftlinge, die außerhalb arbeiteten, konnten sich ein Zubrot verschaffen. Da sie die „ungewohnte Arbeit“ mit „absolutem Pflichtempfinden“ erledigten, waren sie begehrte Arbeitskräfte. Die „Aussenschläfer“ mußten sich nur am Sonntag im Lager melden, hatten es aber nicht unbedingt besser, fand der Lagerdirektor: Auf manchen Bauernhöfen wurden sie „wie Sklaven gehalten und rauh behandelt“.

Am gefährlichsten war die Arbeit in Ölschieferbetrieben und Zementwerken, wo während des Dritten Reiches KZ-Häftlinge hatten schuften müssen. Dort kam es zu mindestens drei tödlichen Unfällen. Schwer arbeiteten die Häftlinge auch beim Straßenbau und in Sägewerken. Invalide wurden im Lager mit Kartoffelschälen und Holzschnitzen beschäftigt.

Der Sonntag war frei und sollte der Umerziehung dienen. Die von Professoren angebotenen Belehrungen fanden allerdings nur wenig Hörer. Auf Unverständnis stieß auch Säuberungskommissar Traber (CDU), als er eine Rede über die Entnazifizierung als „notwendiges Übel“ hielt: Die Nazis müßten sich rechtfertigen, „weil sie sich moralisch vergessen haben“. Das wollten die sich aber nicht sagen lassen. Sie hätten „ein Recht auf politischen Irrtum“. Außerdem habe das Zentrum dem Ermächtigungsgesetz zugestimmt – Abgeordnete wie Ministerpräsident Maier (CDU) würden aber schon wieder eine öffentliche Rolle spielen, während sie als kleine NS-Dienstträger  im Lager festsäßen.

Trotz der eher laxen Bewachung gab es kaum Fluchtversuche. Die Internierten warteten auf ihre Entlassung durch eine Spruchkammer. Ab Weihnachten 1947 ließ man sie laufen – nach und nach, denn die Spruchkammer war überlastet und stritt sich mit der  Militärregierung.

Die Entlassenen wurden keineswegs als Märtyrer gefeiert: „Sie haben große Schwierigkeiten, wieder in den Besitz der Habe zu gelangen, die ihnen auch von Deutschen weggenommen wurde.“ Als der Lagerdirektor karitative Institutionen anschrieb, erhielt er Antworten wie „Die haben nichts zu gewärtigen, die sollen erst noch in Balingen wieder zu Menschen erzogen werden“.

Auch Traber sorgte sich: „Not schweißt zusammen. Es ist daher damit zu rechnen, daß sie  unter sich bleiben werden und wenn auch keine Gefahr für die Demokratie, so doch ein ätzendes Element sein könnten.“ Daher bräuchten sie „Hilfe und Aufnahme in die Volksgemeinschaft“.

1948 wurden sie zumindest als Wähler entdeckt: Von der DVP (FDP) bis zur KPD schickten alle Parteien Redner ins Lager. -Im November 1948 wurden dann die noch verbliebenen 65 Internierten in das ehemalige KZ Bisingen verlegt.

Als letzter durfte am 7.1.1949 Mergenthaler gehen. Die Spruka verurteilte ihn als „Hauptschuldigen“ zu 42 Monaten Arbeitslager (angerechnet auf seine Haft seit 1945). Die übrigen Internierten wurden meist als „minder belastet“ entlassen. Verarmt, krank und alt konnten sie keine größeren Schaden mehr anrichten.

Martin Ebner


 


Foto: Church and castle in Friedrichshafen, Germany. Preĝejo de Friedrichshafen, Germanujo. Bodenseeufer in Friedrichshafen, Deutschland

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Texts of timeless beauty. Or at least some historical interest.