Restaurant "Aristocampo" in Rome

ZIS: Zu-Gänge zur Wirklichkeit

About: Radio feature about ZIS travel grants for kids. (My own ZIS voyage was in 1989; its study theme was „Radios libres en France“.)
Pri: Radioelsendo pri ZIS vojaĝstipendioj por junuloj. (Mi mem vojaĝis en la jaro 1989 kaj faris studaĵon pri sendependaj radiostacioj en Francujo.)

Radiosendung über ZIS-Reisestipendien für Jugendliche. (Meine eigenen ZIS-Reisen gingen 1989 nach Frankreich, mit einer Arbeit zu Freien Radios, und 1991 nach Nordrussland.)
First broadcast,
Unua elsendo: SWR2 Wissen: Pädagogische Provinz, 09.09.2000

 

1 Sprecher

O-Töne: Janine Koppelmann, Philipp Riedel (ZIS-Reisende); Jutta Fensch (ZIS- Betreuerin); Jacques Doucet (brachte die ZIS-Idee nach Deutschland)


Reisen fast ohne Geld: eine ungewöhnliche pädagogische Maßnahme


Sprecher
: “Orchideen in Griechenland. Reisebericht und Tagebuch” ist auf dem Buch zu lesen. Daneben liegt ein dickes Fotoalbum “Die Metro in Moskau”. Der Blick wandert weiter zu den Aufschriften “Gaudi und seine Architektur in Barcelona”, “Models in Mailand” und “Belfast: Zwei Seiten einer Mauer”. Mehrere Tische sind zugedeckt mit bunten Ordnern, Landkarten und Fotos. So ähnlich muss es im Lesesaal der Königlichen Geographischen Gesellschaft in London aussehen. Es sind aber keine bejahrten Weltumsegler, die hier inmitten der Papierberge sitzen – sondern Jugendliche, die in Reiseberichten schmökern und eigene Abenteuer aus fernen Ländern zum besten geben. Janine Koppelmann zum Beispiel:

Koppelmann (O): Mit dem LKW bin ich erstmal bis Madrid gekommen. Stierkämpfer, Flamencoschulen. Ich hab’ alles mögliche gesehen. Ich war auf ner Pfirsichfarm, dann war ich mal mit beim Landvermessen, ich hab’ mich treiben lassen. Ich war auf Stierzuchtfarmen und ich weiß nicht, wo ich überall war. Und in Granada, das war auch ganz toll. Das war Cruz de Mayo in Granada, eine Fiesta, die mehrere Tage läuft. Ich hab’ Jonglieren gelernt, ich hab’ eine Arie auf irgendeinem Platz gesungen und hab’ Sevillana tanzen gelernt. Es war auf jeden Fall verrückt. Ich war 20 Stunden auf den Beinen und hab’ die verrücktesten Leute kennengelernt. Der krönende Abschluss war dann auf einem Platz vor einer alten, leicht zerfallenen Kirche, wo sie um 6 Uhr morgens zum Abschluss einen Wiener Walzer spielten. Und ich hab’ denen dann Wiener Walzer tanzen beigebracht.

Sprecher: Ihre ungewöhnliche Spanienreise hat die junge Kölnerin einem Verein zu verdanken, der in der Schule Schloss Salem nicht weit vom Bodensee untergebracht ist. Er heisst “ZIS – Stiftung für Studienreisen” und vergibt jedes Jahr rund 40 Reisestipendien an Jugendliche im Alter von 16 bis 20 Jahren. Jeden Mai lädt ZIS für ein Wochenende nach Salem ein. In der Internatsschule werden dann Reiseberichte ausgestellt, erzählen Stipendiaten von ihren Erlebnissen, treffen sich ehemalige ZIS-Reisende und Freunde der Stiftung. Und Jutta Fensch, die seit Jahren ZIS-Reisen betreut, erklärt den Bewerbern für die nächsten Stipendien, dass ZIS keine Ferien finanziert, sondern anspruchsvolle Reisen zu einem selbstgewählten Studienthema:

Fensch (O): Man soll alleine reisen, in ein Ausland, mindestens vier Wochen mit einem Thema. Dass man alleine reisen soll, heißt, ich soll ein Atom sein, dass sich vielleicht irgendwo ansetzt – nicht ein Molekül. Man soll alleine reisen, damit man auch gezwungen ist, Kontakt mit der Bevölkerung dort aufzunehmen. Und deshalb möchten wir auch nicht, dass jemand einmal quer durch England fährt, sondern dass jemand mindestens ein paar Tage oder zwei Wochen an einem Ort ist und da intensiv auch die Lebensbedingungen der dortigen Bevölkerung kennenlernt. Man muss mit 800 D-Mark auskommen, da soll alles drin sein, sowohl das was man an Vorbereitung, an Büchern oder Material für den Rucksack braucht, als auch die Reise, als auch der Aufenthalt dort – und das erfordert, dass man sich gut vorher orientiert. Dass man sich überlegt, nehm’ ich mein Fahrrad mit, leih’ ich mir dort eins, wie teuer ist das wohl, wie komme ich über den See, krieg ich nen Lastwagen vielleicht. Also, dass man versucht, sehr ökonomisch zu reisen und dort an Ort und Stelle auch sich umtut, wo kann ich zelten, wo finde ich jemanden, der einen großen Garten hat oder wo kann ich mithelfen bei einem Bauern vielleicht, der mich dann dort zelten läßt oder so etwas.

Sprecher: Mindestens vier Wochen allein in ein fremdes Land reisen, dabei nicht mehr als 800 Mark Stipendium, allenfalls noch unterwegs dazuverdientes Geld ausgeben und spätestens drei Monate nach der Rückkehr einen Studienbericht, ein Tagebuch und eine Reisekostenabrechnung bei ZIS abgeben – das klingt nicht nach Erholung. Eine ZIS-Reise ist eine Herausforderung, meint Jutta Fensch:

Fensch (O): Wer die Reise durchgehalten hat, wer das geschafft hat, ganz alleine alles zu planen, auch so die Alltäglichkeiten, wenn man also abends nicht genau weiß wo wird man jetzt schlafen, wenn man dann die Reise glücklich hinter sich hat und dann noch die drei Monate Zeit sich nimmt, um das ein bißchen sacken zu lassen und dann die Studie und das Tagebuch ausgefeilt hier einzuschicken – also ich denke, der hat schon für sein Alter enorm was geleistet. Es gibt viele, die sagen, “das war meine erste Reise, die ich allein gemacht habe und von mir aus hätte ich es gar nicht gewagt”. Und kurz vor der Abreise oder am Abreisetag hängt das Herz oft ganz weit unten und der Abschied fällt sehr schwer.

Sprecher: Vor der Abfahrt muss nicht nur die eigene Angst überwunden werden, sondern auch die der Eltern – die müssen nämlich dem Abenteuer zustimmen:

Koppelmann (O): Meine Mutter ist da immer so das Hindernis gewesen am Anfang, weil sie doch Angst hatte um ihr Kücken. Hat sich dann aber von mir bequatschen lassen, als ich gesagt hatte, ich möchte das unbedingt machen. Sie hat sich dann auch die LKW-Fahrer, mit denen ich runtergefahren bin, angeguckt und hat gesagt, ok, ich geb’ euch meine Tochter. Aber ich glaube, es hat ihr 4 Wochen lang ein bisschen auf dem Herzen gelegen, dass ich weg war und dass sie nicht genau wußte, was ich mache und wo ich bin.

Fensch (O): Viele Eltern haben bei 16-, 17-jährigen, Mädchen vor allem, noch ein bisschen Bedenken. Und manchmal ist es auch ne Zitterpartie. Aber ich muss sagen, toi toi toi, bis jetzt ist immer alles gut gegangen. Aber das stimmt, ein Risiko ist immer dabei. Aber das ist auch genau das, was die Jugendlichen reizt daran.

Sprecher: Philipp Riedel aus Sachsen zum Beispiel reizte Polen – das Thema “Landwirtschaft in Masuren”. Zuerst musste auch er seine Eltern überzeugen:

Riedel (O): Am Anfang wurde das schon mit großer Skepsis beobachtet. Was ist denn erst mal so ne kleine Stiftung, was ist denn das für ne Sache, dort allein nach Polen, wo du kein Polnisch sprichst, auch wieder solche sehr schlimmen Vorurteile über Polen – so wie Rußland, und in die Asozialen- und Gefahrenecke geschoben wurde. Natürlich muss ich dazu sagen: Wenn man so seinen Rucksack für 6 Wochen packt und in ein Land geht, wo man die Sprache nicht spricht und wo man auch kaum Adressen hat und noch sehr ins Ungewisse, wächst dann schon auch etwas Unwohlsein. Da kommen dann so Gedanken auf: Man könnte auch bequemer und vielleicht lustiger, geselliger in der Gruppe irgendwohin Campen fahren. Aber im Nachhinein, wenn man dann erst mal den Punkt überwunden hat, besteht kein Grund für diese Skepsis, weil diese Zeit ne tolle Erfahrung für ein Leben ist.

Also ich hatte großes Glück. Das hat sich alles meistens so ergeben, also immer von einem zum anderen. Und man braucht schon erstmal etwas Mut, wildfremde Leute anzusprechen oder an der Tür zu klingeln und ein Gespräch anzufangen und dort etwas über den jeweiligen Betrieb und über die Menschen dort erfahren. Ich war dann, über mehrere Stationen, mal ne Woche auf einem größeren Gut, unterwegs bei kleineren Bauern, dort mal ne Nacht oder auch länger, dort mitgearbeitet, geholfen. Dann ist man früh um 5 mit zum Melken aufgestanden, hat dann andere Arbeiten gemacht. Dann war ich wieder ein paar Tage in Olsztyn, hatte dort an der Universität versucht, mehr Informationen zu bekommen, bei der polnischen Treuhand, was das Thema Privatisierung anbelangt. Ich hatte ursprünglich 5 Wochen eingeplant – es hätten 2 Monate werden können, wenn nicht dann der Schulbeginn gedrückt hat.

Sprecher: Damit es möglichst immer so gut läuft, verlangen die ZIS-Betreuer von den Bewerbern einen genauen Reiseplan. Unrealistische Vorstellungen werden korrigiert. Wer ankündigt “Ich will in die lebende Volksmusik der schottischen Hirten eindringen”, bekommt den Hinweis: “Hirten beziehen ihre Musik heute aus dem Kofferradio!”. Alle Stipendiaten sollen auf ihre Sicherheit achten:

Fensch (O): Zum Beispiel wenn sich jemand nur noch auf das Trampen verlassen will oder bei manchen Ländern, sagen wir mal in Südeuropa, Südosteuropa, da sind wir schon vorsichtig. Eine wollte mal in Sizilien die Mafia studieren. Und da haben wir ihr nicht zugeraten. Politisch natürlich jetzt Jugoslawien, Rumänien usw. Da müssen wir vorher ganz genau wissen, wie das da läuft.

Sprecher: Schließlich ist eine ZIS-Reise kein Überlebenstraining. Einzelne Stipendiaten haben es zwar als Schiffsjungen schon bis Australien geschafft – es sind aber nicht exotische Ziele oder zurückgelegte Kilometer, die den Erfolg einer ZIS-Reise ausmachen. Es geht darum, in schwierigen Situationen die eigenen Kräfte zu entdecken und Kontakt mit fremden Menschen aufzunehmen. Eine ZIS-Reise ist gelungen:

Fensch (O): Wenn man merkt, dass die Studie auf das eigene Erleben in diesem Land zurückgeht, wenn nicht nur irgendwelche Bücher gelesen wurden. Und mir fällt jetzt eine Arbeit ein, das ist der “Tabak von Perigord”. Das ist ganz unglaublich, das ist ein Nichtraucher, der darüber geschrieben hat und wirklich haargenau jedem kleinsten Arbeitsweg nachgestiegen ist, um zu wissen: “Wie machen die das? Warum? Wie wird das nachher abgesetzt?” usw. Und der auch selbst mit Hand angelegt hat. Das ist für uns eine typische ZIS-Arbeit. Eine Arbeit fällt mir noch ein, das war ein Mädchen, die hat in der Provence Töpfer besucht und kam zu einem Töpfer, war dort zwei oder drei Tage und danach sagte der, er muss gerade auf irgendeine große Ausstellung und hat ihr einfach seine ganze Töpferwerkstatt überlassen und sagte, also sie soll so lange aufpassen, anderthalb Wochen – und sie hat das wunderbar gemanagt. Und so etwas passiert manchen. Einer hat gesagt, “ich möchte gerne den Steinen, aus denen die französischen Kathedralen gebaut sind, nachgehen. Wo kommen sie her, wie wurden sie behandelt, wie wurden sie hintranportiert, wie entstanden aus irgendwelchen Steinbrüchen plötzlich Kathedralen?” Der Anspruch, den man hat, ist nicht wissenschaftlich, sondern es ist Neugier. Ich will das wissen und ich gehe ganz einfach Schritt für Schritt vorwärts.

Sprecher: Das Studienthema gibt der Reise ein inhaltliches Ziel. Es unterscheidet die Stipendiaten von der Konsumhaltung gewöhnlicher Touristen. Meistens freuen sich die Fremdlinge, wenn sich jemand für sie interessiert. Bei einem Thema wie “Stierkampf und Flamenco – ein tänzerischer Kampf und ein kämpferischer Tanz” muss man allerdings erst einmal Vorbehalte überwinden, erzählt Janine Koppelmann:

Koppelmann (O): Am Anfang sind sie sehr negativ auf mich zugegangen, als sie gehört haben, dass ich aus Deutschland komme und dass ich über Stierkampf schreiben wollte. Gerade die Stierkampfzüchter und auch die Plaza-Leute. Ich hab’ wirklich zum Teil da richtig gebettelt, um dann was über die rauszukriegen. Andere waren wieder vollkommen unvoreingenommen mir gegenüber und haben gesagt “So ein kleines Mädchen will was über den Stierkampf… – na komm mal mit”. Dann hab ich da jemanden kennengelernt, der da gearbeitet hat, und der hat mich dann an seinen Vater weitergegeben und der wiederum hat mir dann eine Karte fürs Appartado gekauft, wovon ich gar keine Ahnung hatte, dass es das überhaupt gab, also die Stierkampfvorschau. Und hat gesagt, das musst du dir angucken, und hat mich wieder an Leute weitergegeben. Und die wiederum haben mich dann in die ganzen Aficionado-Kreise mitgenommen und mich wirklich rumgeschleppt und mir alles erklärt und die waren wahnsinnig bemüht, mir so viel wie möglich mitgeben zu können.

Fensch (O): Ich staune immer, wie viele Menschen die Jugendlichen treffen und mit wie vielen sie in Kontakt kommen und wie sie aufgenommen werden. Ich glaube, als Erwachsener hat man oft gar nicht mehr so viel Mut, einfach so frech fröhlich irgendwo reinzumarschieren. Eigentlich haben wir sehr selten enttäuschende Ergebnisse gehabt bei den Jugendlichen. Die sind immer ganz erstaunt, dass sie ernst genommen werden, wenn sie dort in irgendeine Behörde oder in irgendein Amt gehen. Allerdings geben wir ihnen ja dieses UNESCO-Schreiben mit. Da steht, dass die UNESCO das unterstützt, dass dieser Jugendliche mit dem und dem Namen über das Thema forscht. Und dann öffnen sich oft Türen. Ganz wichtig als Ergebnis ist mir, dass viele dann schreiben, “ich hab’ so viele hilfsbereite und nette Menschen kennengelernt” – das heißt erst mal, dass man ein gewisses Zutrauen kriegt wieder in die Welt. Und das andere ist: “Und wenn ich mal groß bin, ich werde ganz sicherlich Jugendlichen auch helfen, denn ich hab’ das jetzt am eigenen Leibe gespürt.”

Sprecher: Der UNESCO-Stempel gibt psychische Sicherheit, sozusagen einen offizellen Auftrag – da lässt man sich nicht so leicht abwimmeln. Das Empfehlungsschreiben hilft aber nicht immer weiter. Unterwegs müssen ständig neue Widrigkeiten mit Phantasie und Improvisationstalent gemeistert werden. Die Bearbeitung des Studienthemas ist nicht das Hauptproblem:

Fensch (O): Das Alleinsein ist das Schwierigste. Es gibt immer wieder die Momente auf Reisen, und das kommt fast bei jedem im Tagebuch einmal durch, dass er oder sie sich sehr einsam fühlt. Wenn irgendwas mal ne Weile lang schief läuft, wenn es unentwegt geregnet hat und man ist nicht mitgenommen worden, dann fühlt man sich manchmal ganz deprimiert. Aber ich denke, das ist ein Teil dieses Lernprozesses, dass man das auch überwindet.

Sprecher: Eine ZIS-Reise ist also ein Lernprozess. Reisen bildet, fördert die Entwicklung der Persönlichkeit – diese Vorstellung ist uralt und in fast allen Sprachen zu finden. Im Altnordischen zum Beispiel bedeutet das Wort “heimskr” so viel wie “zu Hause geblieben” – oder einfach “dumm”. Wer nie in die Welt hinausschaut, bleibt zurück, auch geistig. Im Deutschen wird das Wort “erfahren” seit dem 15. Jahrhundert im Sinne von “klug” und “bewandert” gebraucht. Obwohl Reisen früher viel beschwerlicher und teurer war als heute, gehörte es bei vielen Berufen zur Ausbildung, nicht nur für Handwerker. Wer zum Beispiel in Venedig Doge werden wollte, musste ein “Mann von Welt” sein – nämlich nachweisen, weit gereist zu sein. Schon der englische König Heinrich VIII. vergab Reisestipendien.

Ab dem 17. Jahrhundert wurde für Nachwuchsadlige die “Grand Tour” nach Italien obligatorisch. Natürlich fuhren die jungen Herren, vereinzelt auch Damen nicht so allein wie die heutigen ZIS-Stipendiaten, sondern mit großem Hofstaat. Ob Reisen wirklich bildet, war damals umstritten. “Ein gescheiter Mensch seine beste Bildung auf Reisen findet”, notierte Goethe. Ein enttäuschter französischer Vater dagegen: “Die Kinder kommen aus Deutschland viel unhöflicher, gröber und ungeschickter zurück und müssen erst wieder erzogen werden.” Andere monierten, die jungen Reisenden seien zu verwöhnt, sie würden sich nur für Mode interessieren, die Sehenswürdigkeiten lustlos abklappern und alles wie zu Hause haben wollen. Die “Große Tour” durch Europa führe zu nichts – außer Spielschulden und unehelichen Kindern. Immerhin kamen aber im Gefolge der jungen Prinzen und Grafen auch arme Gelehrte zu einer Italienreise – zum Beispiel Adam Smith, Thomas Hobbes und Gotthold Ephraim Lessing.

Die Gelehrten entwickelten eine neue Wissenschaftsgattung: die Apodemik – die “Lehre vom guten Reisen”. Das blosse “vagari”, das nutzlose Sich-Herumtreiben sei zu verurteilen, fanden die Apodemiker – das aufmerksame “peregrinari” dagegen sehr zu empfehlen. Für das “richtig Reisen” gaben sie gute Ratschläge, etwa “Sei nicht zu vertrauensseelig!” oder “Sag’ nie, dass du schwimmen kannst – sonst klammern sich bei Schiffbruch alle an dich!” Die Empfehlung, berühmte Zeitgenossen zu besuchen, geriet nicht zu jedermanns Freude: Voltaire wurde in seinem Haus von englischen Touristen regelrecht belagert. Er verfluchte die ersten Reiseführer – konnte an ihrem Erfolg aber nichts ändern.

Während die Adligen sich unterwegs amüsierten, wollten die Bürger von den Fahrten ihrer Kinder konkreten Nutzen haben. Sorgfältig sollten diese daher notieren, was sie gesehen hatten: Wieviele Einwohner haben die besuchten Städte? Was wird auf dem Markt verkauft und zu welchem Preis? Wieviele Treppenstufen sind es bis zur Kirchturmspitze? Aus diesen Reiseberichten, die hauptsächlich aus Zahlen bestanden, ging die moderne Statistik hervor.

Im 18. Jahrhundert wurde Reisen als Mittel patriotischer Erziehung entdeckt, zuerst in der Schweiz: Die Jugendlichen sollten wandern, aber nicht in die weite Welt – sondern nur in der eigenen Heimat. Das Ziel der “Schweizerreise” erklärte Philippe Bridel so: Aus den “jungen Reisenden, durch das, was sie auf ihren Reisen gefühlt, beobachtet und gelernt haben, desto nützlichere Männer für das Vaterland bilden”. Diese Idee wurde in anderen Ländern übernommen. Noch heute bekannt ist das schwedische Buch “Die wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen”.

Als letzte Gruppe machte sich die Arbeiterschaft auf den Weg. Ursprünglich sollte sogar der moderne Massentourismus der Bildung dienen: Das erste Reisebüro wurde von dem Baptistenprediger Thomas Cook gegründet. Die erste Gruppenreise organisierte er für einen Anti-Alkohol-Verein: Die Arbeiter sollen sich in ihrer Freizeit nicht besaufen, sondern ihren Horizont erweitern, fand Cook. Lange vor “Ballermann” entdeckten seine Kunden allerdings, dass Ortsveränderung und Trinken sich keineswegs ausschliessen.

Die Freizeitindustrie entwickelte sich zu einer der größten Wirtschaftsbranchen. Immer wieder rebellierten jedoch Jugendliche gegen den bequemen Urlaub der Erwachsenen. Mit den ”Wandervögeln” vom Beginn dieses Jahrhunderts haben die heutigen ZIS-Reisenden viel gemeinsam. Das ZIS-Konzept wurde allerdings erst nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt – von dem französischen Unternehmer Jean Walter. Er war 1899 als Jugendlicher vom Elsass bis nach Istanbul geradelt und hatte später in der Wüste von Marokko sein Glück gemacht. Jacques Doucet erzählt die Geschichte von ZIS:

Doucet (O): Jean Walter entsprang einer protestantischen Familie und wurde ziemlich streng erzogen. Nun, er liebte es, mit seinem Fahrrad der Strenge zu Hause zu entfliehen und fuhr oft in den Ferien. Mit 16 Jahren machte er eine lange Fahrradreise, die ihn bis in die Türkei brachte. Eine weitere Reise war in Polen. Und jedesmal war er an Geologie interessiert und klopfte Steine. Er merkte, dass er allein fahrend, mit wenigen Mitteln, wesentlich leichter Kontakt mit den Menschen bekam. Da kam der Krieg 1914 und er wurde dreimal verletzt und dreimal erfuhr er die militärischen Krankenhäuser. Und entschied, dass, wenn er wieder gesund davonkäme, er Architekt würde und bessere Krankenhäuser aufzubauen. Und das hat er getan. Er hat sich als Architekt etabliert, er hat auch die medizinische Fakultät in Paris gebaut, er hat das große Krankenhaus in Lille gebaut. Und eines Tages baute er so etwas in Marokko und sein Kunde sagte ihm zum Schluss “Das tut mir leid, ich kann Sie nicht zahlen. Aber, wenn Sie wollen, da besitze ich so ein kleines Stück Wüste irgendwo und das übertrage ich Ihnen.” Na ja, Jean Walter, wie er war, sagte “na gut, ok.”. Zwei, drei Jahre später, Anfang der 30er Jahre, war er wieder in Marokko, ging mit seinem Sohn und sagte “Gut, schauen wir uns das kleine Stück Wüste”. Und entdeckte, dass irgendwie die Steine da waren, dass etwas drin war – und das erinnerte ihn an das, was er auch in Schlesien gesehen hatte. Und sagte “Hier gibt es Blei, hier gibt es Zink”. Und hat gegen alles Abraten weitergemacht und angefangen, Gruben auszuschöpfen. Die Gegend war “Zellidja”. Und es ist so groß gegangen, so gigantisch, dass praktisch zwei Drittel der Bedürfnisse ganz Frankreichs an Blei, Zink usw. wurden durch diese Zellidja-Minen gedeckt. Auf diese Weise wurde er ein großer Mann und auch ein reicher Mann. Er erinnerte sich an seine jungen Jahre, wo er mit wenig Geld auf seinem Fahrrad fuhr und meinte, dass er dadurch sehr viel gelernt hatte. Auch an Durchhaltevermögen, das hat ihm sehr geholfen für seine Gruben. Er übte gewisse Kritik an das französische Erziehungssystem, der die Jugend viel zu sehr in die Bücher begraben ließ und er wollte sie hinaus in die Ferne werfen.

Sprecher: Jean Walter hielt den “Niedergang des Unternehmungsgeistes” für das größte Übel. Das Alter von 16 bis 20, in dem sich Erlebnisse besonders tief einprägen, sei zu schade, um nur im Klassenzimmer zu sitzen.

Doucet (O): Und deshalb begann er, einige Stipendien, Reisestipendium, zu geben. Mit wenig Geld allein zu fahren, mit einem Ziel eine Studie durchzuführen, ein Tagebuch schreiben, und ein Kontobuch, Tagebuch und Studienbericht 3 Monate nach Rückkehr der Stiftung zu liefern. Das waren die Bedingungen. Sehr streng: allein fahren und mit wenig Geld. Aber das ist genau das, wo der Junge sich gefördert, gefordert fühlt und wofür er nachher dankbar ist. Er verlangte 4 Wochen. Viele sind wesentlich länger weggeblieben. Ich habe ein Jahr – in Anführungsstrichen – “verloren” – das ist das Jahr, wo ich am meisten gelernt habe. Weil ich das ganze Schuljahr in Norwegen verbracht habe.

Sprecher: Später kam Jacques Doucet als Französischlehrer an die Schule Schloss Salem. Dort schwärmte er so lange von seinen Erfahrungen, bis Marina Ewald, Reformpädagogin und Mitbegründerin der Internatsschule, nach dem französischen Vorbild ZIS gründete. 1956 schickte sie die ersten 6 Stipendiaten los. Seither bekamen über 1.200 Jugendliche ein Reisestipendium aus Salem. Ihre häufigsten Ziele waren von Anfang an Frankreich und England, Irland und Schottland. Auch ihre Art zu reisen hat sich in den letzten 40 Jahren nur wenig verändert. Statt Paprika werden heute mehr Schokoriegel gegessen. Der in den 50er Jahren übliche Sonntagsgottesdienst ist dem Ausschlafen zum Opfer gefallen; Hemden werden unterwegs nicht mehr zum Bügeln gebracht; der Friseurbesuch ist gestrichen worden. Und die Berichte werden heute mit Computer geschrieben. Aber im wesentlichen haben sich die ZIS-Reisenden nicht verändert, meint Jutta Fensch:

Fensch (O): Ich kann gar nicht sagen, dass die verwöhnter geworden wären oder so. Es sind meistens auch Jugendliche, die, sagen wir mal, die so eher ökomäßig sind, denn die Reise verlangt ja auch so ein bißchen Askese. Es ist keine Badereise, es ist nicht so eine Reise wie man sie als Yuppie oder mit seinen Eltern macht, sondern es ist manchmal sehr karg. Und es erfordert ein bißchen Rückgrat, um das durchzuhalten. Und das sind oft diejenigen, die sowieso es lieber unbequem haben, auch im Denken. Das sieht man auch, wenn man sich mal mit den Jugendlichen hier unterhält. Sie sind sehr oft interessiert an denselben Fragen. Sie wollen aus dem Alltagstrott raus. Sie wollen nicht sein wie die Erwachsenen, sondern sie wollen ihre eigenen Jugenderlebnisse haben.

Sprecher: So sieht das auch Polen-Fahrer Philipp Riedel:

Riedel: Die Idee von ZIS: Selbstbewußtsein stärken, auch den Mut haben, dort Schranken zu überwinden, in Fremdes zu gehen und dort sich hineinzuversetzen und nicht in der Bequemlichkeit, im Wohlbehüteten zu sein. Auf viele Sachen bin ich jetzt viel kritischer hingewiesen, grad in Richtung Tourismus. Was mich absolut abgestoßen hat, wie dort der Tourismus funktioniert, wie man dort mit Bussen durchs Land gekarrt wird oder auch in irgendwelchen Ferienanlagen so am See, dann 2 Wochen rumhängt und dann wieder nach Hause braust, bzw. in irgendwelchen Reisegruppen so ein bißchen durch die Stadt geführt wird und auf ein paar Ecken hingewiesen wird und von der Realität des Landes und der Mentalität der Menschen kaum was mitbekommt.

Sprecher: Obwohl ständig neue touristische Angebote kreiert werden, gehen die Bewerberzahlen bei ZIS nicht zurück. Noch nie konnte der Verein genügend Spenden zusammenkratzen, um allen Interessenten ein Stipendium zu geben.

Fensch (O): Wir fragen uns ja jedes Jahr wieder neu: Ist unser ZIS eigentlich noch zeitgemäß? Sollen wir das noch aufrecht erhalten? Denn immerhin sind 20 bis 25 ehrenamtliche Mitarbeiter daran beteiligt, über ganz Deutschland verstreut. Und immer wieder merken wir, es ist eine Lücke da. Und immer wieder kommt raus: das war ein einmaliges Erlebnis. Dann denke ich immer, dann lohnt es sich doch noch.

Sprecher: Bei manchen Stipendiaten spielt die Reise eine wichtige Rolle im Lebenslauf. Der berühmteste ist wohl der Künstler Anselm Kiefer, der für ZIS in der Provence gezeichnet hatte. Von anderen weiss das ZIS-Sekretariat, dass sie Diplomaten wurden – zum Beispiel Rüdiger von Fritsch. Er war mit ZIS ein Jahr unterwegs: als Tellerwäscher und Kellner bis nach Neuseeland. Von den meisten ZIS-Reisenden ist der weitere Lebensweg jedoch völlig unbekannt; ihre Berichte in den großen Schränken des ZIS-Archivs sind ein noch unentdeckter Schatz.

Erst vor drei Jahren sichtete die Professorin Christine Swientek von der Universität Hannover erstmals eine kleine Stichprobe von ZIS-Arbeiten. ZIS ist “eine außergewöhnliche pädagogische Maßnahme”, meint nun die Erziehungswissenschaftlerin: “Mir scheint die Mischung von Abenteuer, Tagebuch führen, Studie erarbeiten, Kontakte knüpfen und das alles zu einem sehr geringen finanziellen Tarif ideal zu sein für Jugendliche in der Umbruchphase. In unserer Gesellschaft finden sie eine derartige Aufgabe kaum je wieder. Die körperliche Unterforderung steht der geistig-seelischen Überforderung gegenüber. An Entscheidungen gibt es für sie nichts zu treffen – diese werden von Eltern und einem ausufernden Bildungssystem diktiert.”

In den Tagebüchern fand Christine Swientek viele Klagen über die Strapazen der Fahrt: “Manche Jugendliche quälen sich – aber sie halten tatsächlich durch! Diese Erfahrung bringt Selbstwertgefühl und die Einstellung, dass Selbstüberwindung lohnt.” Lehrreich sei auch, dass das kleine Reisebudget zum Sparen zwingt – oder zu ganz ungewohnter Arbeit: “Diese Erfahrungen sind für die Jugendlichen einer Luxusgesellschaft nicht zu gering einzuschätzen.”

Besonders beeindruckte Swientek, wie gut die ZIS-Stipendiaten mit fremden Menschen zurechtkommen: ”Nicht nur die Freundlichkeit der Menschen ist überwältigend, sondern auch ihre Arglosigkeit – sowohl der Jugendlichen als auch der Gastgeber. Beim Lesen der Berichte – und zwar aller vier Jahrzehnte! – taucht immer wieder das Bild einer ‘noch heilen Welt’ auf, in der Menschen friedlich miteinander leben können, auch wenn sie völlig Fremde sind. In diesen Gesten des Miteinander-Essens und der Gastfreundschaft liegen die Bausteine zu einer Völkerverständigung. Der übliche Tourismus kann das nicht bieten, weil es sich dort häufig um ein Oben-Unten handelt, das im Hinblick auf Solidarität mit anderen Völkern eher verdirbt.”

ZIS trage aber nicht nur zur Verständigung zwischen den Völkern, sondern auch zwischen den Generationen bei: “Hervorzuheben ist die große Mühe, die sich die Fachleute mit den jugendlichen Laien einer anderen Nation geben. Ich sehe darin wesentliche Schritte in Richtung Erwachsenwerden: Dem Jugendlichen wird bedeutet, dass sein Anliegen ernst genommen wird. Die Gesprächspartner im Ausland sind fast ausschliesslich Fachleute der Eltern- oder Großelterngeneration. Mit diesen liegen 16- bis 20-jährige aufgrund der künstlich verlängerten Adoleszenz daheim permanent im Clinch, weil die lebensnotwendige Ablösung durch überlangen Schulbesuch erschwert wird. ZIS-Kontakte sind die Chance zu einer anderen Wahrnehmung: Es sind Erwachsene, die trotz ihrer Übermacht an Wissen nicht bekämpft zu werden brauchen. Die Gespräche sind auch für die Informanten von Gewinn: Man hört ihnen zu, nimmt sie ebenfalls ernst – was ihnen von den eigenen Sprößlingen in der Regel auch nicht widerfährt.

Sprecher: So genau wollen das die ZIS-Stipendiaten aber gar nicht wissen. Ihnen macht das Reisen einfach Spaß. Bevor die Reiseberichte wieder weggeräumt werden und die Bewerber ungeduldig losziehen, gibt ihnen Janine Koppelmann ein paar Ratschläge mit auf den Weg:

Koppelmann (O): Auf jeden Fall auf die Leute zugehen, sie fragen, um Hilfe bitten. Und Offenheit rate ich auf jeden Fall auch, Offenheit dem nächsten Tag gegenüber, gucken, was kommt, ein bißchen treiben lassen. Die schönsten Erfahrungen habe ich wirklich dadurch gemacht, dass ich mich mal fallen ließ und gesagt habe, ich werd’ jetzt nicht theoretisch nur das durchziehen und sagen, ich muss da und da hin, und dann muss ich da und da hin, sondern ich gucke, wo ich hinkomme, wo mich mein Weg dann hinführt…

Martin Ebner

N.B. (01.05.2014):
Jutta Fensch ist 1999 auf einer Reise im Himalaja gestorben.

Link (last update: 01.05.2014):
ZIS-Stiftung für Studienreisen: www.zis-reisen.de/

N.B. (08.09.2015):
Jean Walter, der Gründer des ZIS-Vorbilds, ist in Frankreich immer noch recht bekannt. Er heiratete 1941 Domenica Guillaume, die Ex-Frau eines berühmten Kunsthändlers. Mit Walters enormem Vermögen richtete sie in Paris ein Museum ein, das heute meist kurz „Orangerie“ genannt wird, offiziell aber “ La Collection Jean Walter et Paul Guillaume“ heißt.


 

Foto: The restaurant „Aristocampo“ in Rome, Italy, is against war – and tourist menues. Itala restoracio kontraŭ amasturismo. Das Restaurant „Aristocampo“ in Rom, Italien, scheint mit bestimmten Erscheinungen des Massentourismus nicht einverstanden zu sein.

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