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China: Literatur: Der Dichter Bei Dao

About: The Chinese poet Bei Dao
Pri: La ĉina poeto Bei Dao
Published, Aperis: Neue Zürcher Zeitung, 02.12.2000


„Wer Hoffnungen hegt, ist ein Verbrecher“

Als „Nördliche Insel“ wurde der chinesische Lyriker Zhao Zhenkai berühmt

„Poesie ist nutzlos. Man kann mit Poesie die Gesellschaft nicht verändern“, meint Zhao Zhenkai, der unter seinem Pseudonym Bei Dao zu einem der bekanntesten chinesischen Dichter wurde. „Auf der anderen Seite ist Poesie ein grundlegender Teil der menschlichen Existenz. Sie macht aus Lebewesen Menschen. Daher brauchen Poeten ihre Rolle auch nicht zu unterschätzen. Sie berühren alle schönen Dinge in den Herzen der Menschen.“

In seiner Jugend wollte Zhao Zhenkai, der am 2. August 1949 in Beijing als Sohn eines Versicherungsangestellten und einer Ärztin geboren wurde, die Gesellschaft sehr wohl verändern -als Revolutionär: „Als 1966 die Kulturrevolution begann und meine Ausbildung beendete, war ich in der Mittelschule Nr.4. Zuerst war ich sehr glücklich, weil ich die Schule nicht mochte. Es war zwar die beste in Beijing, aber es gab dort zu viel Kontrolle – ich versuchte ständig auszubrechen. Wie viele Schüler wurde ich Rotgardist. Ich nahm an allen Fraktionskämpfen teil, die es gab. Ich beteiligte mich nicht nur an Plünderungen, sondern organisierte auch den Diebstahl von Büchern aus Bibliotheken. Der große Wandel meiner Weltanschauung kam erst, als ich aufs Land zur Arbeit geschickt wurde.“

Elf Jahre, bis 1980 war Zhao Zhenkai einer Baufirma zugeteilt und mischte 300 Kilometer südlich von Beijing Zement: „Es war der große Absturz. Wir waren an der Spitze von allem gewesen – und 1969 gingen wir nach ganz unten. Ich entdeckte die Armut des Landes und wie sehr es sich von unserer Propaganda unterschied. Da habe ich meinen Enthusiasmus für die Revolution verloren. Das war auch der Zeitpunkt, als ich anfing zu lesen und zu schreiben. Wir organisierten einen Freundeskreis und trafen uns alle zwei Wochen an unserem freien Tag. Das war sehr wichtig für mich – denn wir standen unter großem Druck. Es mußte alles im Geheimen gemacht werden, nicht nur das Schreiben, sondern auch das Lesen – erlaubt waren ja nur Bücher über Marxismus und die Gedanken Maos.“

Trotzdem gelang es damals Zhao Zhenkai, auch zeitgenössische Autoren aus Europa und den USA zu lesen. Als Rotgardist hatte er bei Hausdurchsuchungen nämlich auch „Das gelbe Buch“ beschlagnahmt: „Das war 1962 mit limitierter Auflage herausgebracht und unter hohen Kadern verbreitet worden – um den dekadenten Kapitalismus zu kritisieren. Da konnten wir moderne westliche Literatur lesen, etwa Kafkas ‚Prozess‘, ‚Der Ekel‘ von Sartre oder ‚Der Fremde‘ von Camus. Das öffnete unseren Horizont.“

1978 traute sich Zhao Zhenkai, zusammen mit dem Lyriker Mang Ke und anderen Freunden, eine eigene, private Literaturzeitschrift herauszugeben. „Jintian“ („Heute“) war die zweite Mauerzeitung in Beijing: „Wir hatten sie jahrelang vorbereitet. Unsere erste Ausgabe hatte 60 Seiten. Ich übernahm mit anderen Freiwilligen das Risiko, sie aufzukleben. Das Beunruhigendste war, dass wir nicht wussten, ob sie die Leute mögen würden. Jahrzehntelang hatte es nichts ähnliches gegeben.“

„Jintian“ machte Furore, erinnert sich Zhao Zhenkai: „Wir haben damit erstmals den maoistischen Diskurs durchbrochen.“ Die auf den Strassen verkaufte Ausgabe erreichte eine Auflage von fast 1000 Stück: „Studenten aus ganz China kamen nach Beijing, um ein Exemplar zu bekommen. Seither gibt es über mich eine sehr dicke Akte bei der Polizei.“ Nach neun Ausgaben wurde „Jintian“ verboten: „Drei Monate lang publizierten wir noch für eine kleine, innere Gruppe. Dann gab uns die Polizei eine zweite Warnung und wir mußten wirklich aufhören. Einige Leute aus der Gruppe wurden verhaftet. Wir mußten sehr vorsichtig sein. Wir änderten auch dauernd die Nummern unserer Fahrräder. „

Zhao Zhenkai änderte sogar seinen Namen ständig, um die Polizei irrezuführen. Mal unterschrieb er mit Shi Mo, mal als Ai Shan oder Li Ping. Das Pseudonym Bei Dao („Nördliche Insel“), das Freunde dem schweigsamen und öffentlichkeitsscheuen Dichter gegeben hatten, wurde zum bekanntesten, weil die offiziellen Zeitschriften den Autor unter diesem Namen als „subjektiven Nihilisten“ schmähten – aber auch veröffentlichten. „Gegen Ende der 70er Jahre gab es für eine Weile eine Art Öffnung in China“, erklärt Bei Dao das Paradox: „Da die Aufsicht nicht so strikt war, konnten Schriftsteller ihre Sachen zumindest teilweise in offiziellen Periodika herausbringen.“

Zu den Texten, die nach „Jintian“ in offizielleren Magazinen gedruckt wurden, gehören Kurzgeschichten und eine Novelle, mit denen Bei Dao Aufsehen erregte. Sie spiegeln die Desillusion nach der Kulturrevolution: Jugendliche Helden suchen nach einer Lösung der Wertekrise. Gemeinsam ist ihnen auch das Problem der Wahrheit: In „Der Mond auf dem Manuskript“ wird es so formuliert: „Vielleicht gehört die Lüge zum Wesen des Menschen, während die Wahrheit nicht angeboren ist, sondern erst erlernt werden muss.“

In „Die Heimkehr des Fremden“ geht es um die Rückkehr eines „Rechtselements“ nach 20 Jahren Verbannung. Die Gesellschaft erscheint in diesem Text von Willkür und Zufall geprägt – nicht vom Plan der Partei. Die 1978 veröffentlichte Erzählung „In den Ruinen“ beschreibt, wie ein Professor für Geschichte versucht, sich zur Zeit der Kulturrevolution in den Ruinen des Alten Sommerpalastes in Beijing das Leben zu nehmen. Der Titel gab einer ganzen Literaturströmung der ausgehenden 70er Jahre den Namen: „Ruinenliteratur“ bezeichnet die Abrechnung hauptsächlich junger Schriftsteller mit der Kulturrevolution.

In der surrealistisch anmutenden Erzählung „Glückstrasse Nr.13“ will einem Suchenden niemand Auskunft geben, was sich hinter der geheimnisvollen Nr.13. verbirgt. Der Ort erweist sich dann als Irrenanstalt, beziehungsweise Gefängnis – in das der Suchende gleich nach seiner Entdeckung eingeliefert wird.

Die Struktur der Novelle „Bodong“ („Fluktuationen“) ist wellenförmig: Statt aus einer Sicht zu berichten, stellen die einzelnen Protagonisten in ständigem Wechsel, ohne dass ein Erzähler überleiten würde, oft die selben Dinge aus unterschiedlichem Blickwinkel dar. Der Vergleich von Mensch und Wasser (mit dem alles dahingeht) entspricht ganz der traditionellen chineschen Geschichts-Sicht. „Amtliche“ Literaturkritiker der Volksrepublik verdammten jedoch diese künstlerisch anspruchsvolle und radikale Auseinandersetzung mit Chinas Weg nach 1949 als „existentialistisch“ und „kleinbürgerlich“. Dass Bei Dao – hier zum ersten Mal – den Jargon der chinesischen Jugend verwendet, wurde besonders kritisiert. Kein Wunder, äussert doch die Heldin Xiao Ling Ansichten wie: „Ich habe kein Vaterland. Vaterland, Pflicht, Hoffnung – das sind doch alles nur wundersame Schnuller. So etwas Spassiges wie Vaterland hat es im Grunde nie gegeben. Es gibt nur diese Jasager.“

Ab 1979 veröffentlichte Bei Dao auch Gedichte – und wurde mit ihnen berühmt. Wie seine Erzählungen kreisen sie um die grossen Themen Vaterland, Zivilisation, Geschichte – und die Entfremdung von ihnen. Während jedoch die einfach angelegten, oft Vorstellung und Wirklichkeit vermengenden Kurzgeschichten der klassischen chinesischen Erzählweise nahe kommen, sind Bei Daos Gedichte von der Tradition wenig berührt. Am ehesten finden sich noch Anklänge an Chinas Dichtkunst der 20er und 30er Jahre, die unter dem Einfluss der westlichen Moderne stand.

Weil „viele altmodische Techniken nicht mehr den Bedürfnissen unserer Kunst entsprechen“, verwendet Bei Dao „moderne“ Verfahren: „Der Gebrauch von Metapher, Symbol, Synästhesie, Wechsel des Blickpunkts oder der Perspektive und Aufbrechen der Kontinuität von Zeit und Ort bieten neue Möglichkeiten für uns. Ich versuche, die Filmtechnik der Montage in meinen Gedichten zu verwenden, um den Effekt zu erzielen, dass Bilder gegeneinander stossen und plötzlich transformiert werden, um die Imagination der Leser so zu stimulieren, dass sie die Lücken zwischen den Bildern des Gedichts füllt. Ich achte auch sehr auf die Komplexität der Lyrik und versuche, das Unbewußte und die ständig wechselnden Gefühle einzufangen.“

Bei Daos Lyrik entspricht nicht der offiziellen Sicht des sozialistischen Entwicklungsweges seit 1949. Statt von „Befreiung“ spricht er von Gefangenschaft. In dem Zyklus „Aufzeichnungen von der Stadt der Sonne“ besteht beispielsweise ein Text mit dem Titel „Leben“ aus einem einzigen Wort: „Netz“. Viele Gedichte haben einen historischen Bezug. Auf den Beginn der Kulturrevolution, als Intellektuelle als „stinkende neunte Kategorie“ verfolgt wurden, spielt „Juni“ an: „Der Wind raunt am Ohr, Juni / Juni ist eine schwarze Liste / Ich gehe vor der Zeit“.

„Mao war ein außergewöhnliches Individuum“, meint Bei Dao: „Weil er die Illusionen der chinesischen Intellektuellen über Ruhm und Glück zerstörte. In der Vergangenheit hofften die Intellektuellen, ein gutes Leben zu genießen und wie Beamte behandelt zu werden. Mao hat diesen Tagträumen ein Ende gesetzt.“ Häufig schreibt Bei Dao über ein Leben als Verfolgter, der „unter der Überwachung des Mittags / Wie ein Verbrecher die Strasse hinunter“ geht – stets auf der Flucht vor den Häschern: „Freiheit ist nur / Der Abstand zwischen Jäger und Gejagtem“. Im Gedicht „Die Antwort“ heisst es: „In diese Welt / Habe ich nur Papier, einen Strick und meinen Schatten mitgebracht,/ Um vor den Richtern / Die Stimmen der Verurteilten zu verkünden“.

Zusammen mit Mang Ke und anderen Dichtern wurde Bei Dao als „Meng Long Shi Pai“ beschimpft: als „Schule der unverständlichen Nebel-Dichter“. Die Lyriker kränkte das nicht – sie übernahmen den Namen. Ihre 1982 veröffentlichte Anthologie „Meng Long Shi“ war eine Sensation: In wenigen Monaten wurden in China einige hunderttausend Exemplare verkauft. „Unsere Lyrik war in einer neuen Sprache geschrieben, die sich sehr von der gewohnten unterschied“, erklärt Bei Dao. „Das erregte die Leute. Sie begannen überall Lyrik-Clubs zu organisieren. Viele junge Menschen imitierten unsere Sprache, weil sie ihnen einen Weg gab sich auszudrücken, der nicht dem offiziellen Diskurs ähnelte. Das war eine subversive Herausforderung für die offizielle Sprache, die viele Jahre so dominant gewesen war.“

1989 schrieben in Beijing protestierende Studenten Verse von Bei Dao an die Wände, zum Beispiel „Wer Hoffnungen hegt / Ist ein Verbrecher“ – denn die Hoffnung auf eine neue Zeit ist ein Verbrechen gegen die gegebene Ordnung. Beliebt waren aber auch „Redlichkeit ist ein Spruch auf dem Grabstein“ und „Lass mich dir sagen, Welt, / Ich – glaube – nicht! / Wenn eintausend Herausforderer unter deinen Füßen liegen, / Zähle mich als Nummer eintausendundeins“. Als Bei Dao eine Petition für Wei Jinsheng und andere politische Gefangene organisierte, verboten die Behörden dem Dichter, der gerade in Berlin auf Lesereise war, die Heimkehr. 1994 versuchte er noch einmal einzureisen, wurde aber in Beijing nicht aus dem Flughafen gelassen. Immerhin gestatteten die Behörden seiner Frau, der Malerin Shao Fei, und seiner Tochter Tianji die Ausreise in die USA.

„Am Anfang dachte ich, das Exil würde nur kurz dauern“, sagt Bei Dao. „Aber es wurde länger und länger. Die letzten Jahre waren in gewisser Weise die schwierigsten meines Lebens, obwohl es mir materiell gut geht. Schreiben erhält mich. Ich schreibe meine Gedichte nicht für China oder die Welt. Ich schreibe für eine kleine Gruppe von Freunden und potentiellen Lesern. Jetzt fühle ich mich, als ob ich zu meinem Ausgangspunkt zurückgekehrt wäre: In den 70er Jahren hatte ich auch nur 3 Leser und Zuhörer. Im Grunde reicht das auch.“ Die Einsamkeit des Exils habe sogar Vorteile: „In China ist man in ein Netz von Beziehungen eingebunden – man unterstützt sich dort, aber man hasst sich auch. Im Westen konnte ich daraus ausbrechen und die Nichtigkeit der Dinge kennenlernen.“

In den USA, nach verschiedenen nordeuropäischen Staaten das siebte Exilland, übernahm Bei Dao an der Universität von Kalifornien eine Zeitdozentur für chinesische Gegenwartsliteratur und begründete mit anderen exilierten Schriftstellern die Zeitschrift „Jintian“ wieder: „Wir sind eine Art Territorium zwischen China und der Aussenwelt – im Dialog mit der westlichen Kultur. Wir versuchen frei zu sein, von den Kräften der Ideologie, die China so lange dominiert haben – und vom Kommerzialismus, der es jetzt dominiert.“

Während die chinesischen Behörden erfolgreich verhindern, dass Bei Daos neueren Werke in China gelesen werden, machten sie den Autor durch die Ausweisung weltweit bekannt. Seine Lyrik ist in mindestens 25 Sprachen übersetzt. Als bislang einziger Chinese kam er in die Runde der fünf „aussichtsreichsten Kandidaten“ für den Literaturnobelpreis.Was die chinesische Regierung dazu sagt, ist Bei Dao egal: „Ich möchte über Politik nicht mehr öffentlich sprechen. Die Intellektuellen sollten sowieso lieber nach sich selber fragen. Seit 100 Jahren versuchen die Intellektuellen, Chinas Probleme zu lösen – aber sie sind selbst ein Problem.“

Martin Ebner

Der Bonner Sinologe Wolfgang Kubin, der mir freundlicherweise bei dem Interview für diesen Artikel geholfen hat, übersetzte von Bei Dao mehrere Bücher ins Deutsche, zuletzt „Von Gänseblümchen und Revolutionen“ und „Gottes chinesischer Sohn“. Weitere Werke finden sich – zum Teil unter dem bürgerlichem Namen Zhao Zhenkai oder weiteren Pseudonymen – in Anthologien wie der Suhrkamp-Ausgabe „Hundert Blumen“.


Ein Gedicht von Bei Dao:

Ohne Thema

Der Welt bin ich
Auf immer ein Fremder
Ich verstehe ihre Sprache nicht
Sie versteht mein Schweigen nicht
Alles was wir auszutauschen haben
Ist Geringschätzung
So als begegneten wir uns in einem Spiegel



Foto: Dubious advertising in Haikou, China; Dubinda reklamo en Haikou, Ĉinujo; Dubiose Werbung an einem Laternenmast in Haikou, China

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Texts of timeless beauty. Or at least some historical interest.