New mouth of the Rhine

Alpenrhein-Mündung: Sanfte S-Kurve in den See

About: In order to prevent silting of Bregenz bay, the mouth of the Rhine into Lake Constance was changed.
Pri: Rivero Rejno havas novan buŝon al Konstanca lago
Published, Aperis: Südwestpresse, 22.08.2009


Der Alpenrhein hat einen neuen Endpunkt bekommen

Damit die östliche Küstenlinie des Bodensees erhalten bleibt und die Bregenzer Bucht nicht verlandet, wurde die Rheinmündung vorgestreckt. Jetzt landet das Geschiebe in tieferen Gewässern vor dem deutschen Ufer.

Landkarten behaupten: Der Alpenrhein entsteht in Graubünden durch den Zusammenfluss von Vorder- und Hinterrhein und mündet bei Kilometer 90 in den Bodensee. Die Wirklichkeit sieht mittlerweile anders aus: Wer in Fussach vom Bodensee-Radweg abbiegt, kann auf Dämmen links oder rechts vom Rhein noch gut eine halbe Stunde radeln, Lagunen-Stimmung genießen und mitten im Bodensee an Lindau vorbeifahren, bis etwa auf der Höhe von Bad Schachen dann tatsächlich der Punkt kommt, wo das kalte und trübe Rheinwasser unter das wärmere und klarere Bodenseewasser taucht.

Im vergangenen Winter erreichte die sogenannte Rheinvorstreckung ihr vorläufiges Ende: Der Rheindamm wurde bis zu Kilometer 94,55 verlängert. Das von weitem sichtbare Bauwerk soll im Ostteil des Bodensees die gewohnte Küstenlinie erhalten und dafür sorgen, dass die Insel Lindau und die Bregenzer Festspiele nicht bald auf dem Trockenen stehen.

Aus den Alpen bringt der Rhein jeden Tag im Schnitt 8.200 Kubikmeter Steine, Sand und Schluff mit. Pro Jahr sind das rund 3 Millionen Kubikmeter Geschiebe – sie würden einen Güterzug füllen, der vom Bodensee bis nach Gibraltar reicht. So lange der Rhein beim Rheinecker Rheinspitz in den Bodensee mündete, war das kein Problem, denn dort fällt das Ufer steil ab. Im Jahr 1900 wurde der Rhein aber begradigt und seine Mündung auf dem kürzesten Weg in die Flachwasserzone von Fussach verlegt. Prompt entstand dort durch Sedimentablagerungen ein unerwünschtes Delta: Die Flussmündung rückte jährlich 20 bis 30 Meter vor. Bis 1930 kamen mehr als 2 Hektar Neuland zusammen; die Harder und Fussacher Bucht fingen an zu verlanden. Es war abzusehen, dass bis ungefähr zum Jahr 2100 eine Landbrücke bis nach Lindau entstehen und in der Folge die ganze Bregenzer Bucht verschwinden würde.

Zu Beginn der 1970er Jahre wurde deshalb damit begonnen, den Alpenrhein in ein Korsett aus langen Dämmen zu stecken. Sie stehen auf dem Rand der Halde, die der Rhein bislang angeschwemmt hat, und leiten den Fluss nun in einem sanften Bogen nach Westen um. Von der neuen Mündung aus gelangt die Geschiebefracht in tiefere Gewässer des Obersees, wo sie sich weiträumig verteilt und vor allem entlang des deutschen Ufers ablagert. Um die vielfältige Tier- und Pflanzenwelt, die in einem naturbelassenen Flussdelta lebt, auch nach der Fixierung des Rheins wenigstens zum Teil zu erhalten, wurden bei den Dämmen Flachwasserzonen, Fischrinnen, Steilböschungen und Brutinseln angelegt.

Die jüngste Seegrund-Untersuchung im vergangenen Jahr zeigte, dass die Rheinvorstreckung ihr Ziel erreicht: Im Vergleich zur letzten Echolot-Messung im Jahr 1999 wurde im Ostteil des Bodensees zwar ein „Differenzvolumen“ von 17 Millionen Kubikmetern festgestellt, die Verlandung der Buchten vor Fussach und Hard scheint aber gestoppt – der Großteil der Feststoffe lagert sich im Rheindelta in Richtung Norden und Nordosten ab.

Da das neue Rhein-Ende sehr flach ist, muss es ständig ausgebaggert werden. Unermüdlich tuckern zum Beispiel die grünen Lastschiffe Helvetia, Thurgovia und Mery von der Mündung das Schweizer Bodenseeufer entlang bis gegenüber von Immenstaad zum Kieswerk Güttingen; die Kähne brauchen für die Strecke jeweils sieben Stunden. Auf die Dauer hilft allerdings alles nichts: Bei gleichbleibenden Klima- und Landschaftsverhältnissen wird der Bodensee in rund 100.000 Jahren vollständig aufgefüllt sein, und die Tourismusmanager werden sich neue Attraktionen ausdenken müssen.


 

Naturwunder Rheindelta (last update: 28.04.2014)

Im Laufe der Jahrtausende hat der Alpenrhein immer wieder seine Mündung verlegt. Dabei ist zwischen dem Rheinspitz bei Rheineck und der heutigen Hauptmündung bei Fussach die größte Flachwasserzone des Bodensees und eine einzigartige Uferlandschaft entstanden. In diesem über 2.000 Hektar großen Naturschutzgebiet sind alle Entwicklungstufen anzutreffen: von Pionierpflanzen wie Röhrichten über Großseggenriede bis zu Auwäldern. Zu seltenen Tieren und Pflanzen informiert von April bis Oktober das Rheindeltahaus: www.rheindelta.org

Größter Wildbach Europas

Der Alpenrhein entwässert ein riesiges Gebiet, das fast bis zum Gotthard reicht. Die Wassermenge dieses größten Bodensee-Zuflusses schwankt stark: von 50 Kubikmetern pro Sekunde bei Niedrigwasser bis zu über 3.000 Kubikmetern. Gegen die regelmäßigen Hochwasserkatastrophen versuchten sich die Anwohner lange Zeit dadurch zu schützen, dass sie mit Dämmen den Schwall zu den Nachbarn auf dem gegenüberliegenden Rheinufer leiteten. Ab 1898 regulierten Österreich und die Schweiz den Alpenrhein gemeinsam: Der Unterlauf des Flusses wurde begradigt, die Ufer eingedämmt und die Mündung um 12 Kilometer nach Osten verlegt.

Heute beschränken sich die Baumaßnahmen der Internationalen Rheinregulierung auf die Instandhaltung und Verbesserung der Dämme und den Abschluss der Mündungsvorstreckung: www.rheinregulierung.org/ Der Verein Rhein-Schauen veranstaltet im Sommer mit dem Rheinbähnle, der alten Materialbahn, Dampffahrten zur Rheinmündung. Im Lustenauer Werkhof ist ein kleines Museum zur Geschichte der „Rheinnot“ und ihrer Bekämpfung zu besichtigen: www.rheinschauen.at

Martin Ebner


 


Foto: Mouth of the river Rhine into Lake Constance near Fussach, Austria. Buŝo de la rivero Rejno al Konstanca Lago apud Fussach, Aŭstrujo. Rheinmündung in den Bodensee bei Fussach, Österreich

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Texts of timeless beauty. Or at least some historical interest.