Sütterlin-Schreibstube Konstanz

Sütterlin-Schreibstube Konstanz: Nachrichten aus der Vergangenheit

About: Volunteers in Konstanz, Germany, help you to decode ancient German handwritings.
Pri: Voluntuloj en Konstanz, Germanujo, transskribas malnovajn germanajn manskribojn.
Published,
Aperis: Südwestpresse, 05.12.2015


Die Sütterlin-Schreibstube in Konstanz hilft beim Entziffern alter Schriften

Traditionelle deutsche Schriften sind jüngeren Zeitgenossen so unverständlich wie Hieroglyphen. In Konstanz übertragen ehrenamtliche Helfer historische Aufzeichnungen in moderne Druckbuchstaben.

Was sollen diese Krakel bedeuten? Manuela Bauer beugt sich über einen Kaufvertrag von 1887, den ein Amerikaner zugeschickt hat. „Vielleicht sind wir ja seine letzte Rettung“, sinniert sie. Es geht wohl um Brunnen-Rechte, meint sie beim ersten Überfliegen der eng beschriebenen Zeilen. „Das ist gerade einmal 130 Jahre alt, aber die Erben können das überhaupt nicht lesen. So etwas tut mir immer leid.“ Gerne hilft sie, Handschriften von anno dazumal in lateinische Schrift zu übertragen. Die heutige Jugend ist oft aufgeschmissen, wenn Aufzeichnungen der Vorfahren zu entziffern sind.

Vor vier Jahren gründete die Konstanzer Arbeiterwohlfahrt eine „Sütterlin-Schreibstube“ und schaffte eigens dafür Computer an. Mittlerweile knobeln im AWO-Treffpunkt rund 25 Liebhaber alter Schriften, meist Seniorinnen, an Schriftstücken in Sütterlin, Kurrent oder gar den noch urigeren, noch schwierigeren Kanzlei-Schriften. Das bislang älteste Schreiben war aus dem Jahr 1580. Wer vermutet, dass so langsam der letzte Dachstuhl entrümpelt, jeder antike Schreibtisch ausgeräumt sein müsste, der irrt: Das Fach „Neue Aufträge“ ist schon wieder gefüllt.

„Im vergangenen Jahr hatten wir über 180 Aufträge“, berichtet Christine Hähl, die Betreuerin der Gruppe. Kochrezepte, ganze Tagebücher, eine Schulchronik mit mehreren hundert Seiten oder auch ein Schuhkarton voller Briefe: „Es sind Nachrichten aus der Vergangenheit.“ Auftraggeber aus Konstanz kommen meist selbst mit den Originaldokumenten vorbei: „Da haben wir dann schon mal einen Opa mit Kloß im Hals dasitzen, denn das Kind, das in einem Soldatenbrief aus Stalingrad erwähnt wird, ist er selbst… Feldpost ist oft das letzte Lebenszeichen von Angehörigen. Das ist für die Familie sehr emotional.“

Per E-Mail bekommt die Schreibstube Anfragen mit eingescannten Texten aus aller Welt: Nachfahren deutscher Auswanderer in den USA basteln ihren Stammbaum; Esten rätseln über deutsche Notizen auf einer Landkarte; Doktoranden in Leipzig tüfteln an Briefen der Gebrüder Grimm; der Käufer eines Gemäldes verzweifelt an der Signatur des Künstlers. Stolz kramt Jens Bodamer, der Vorsitzende der Konstanzer Arbeiterwohlfahrt, aus dem Ordner „Dankesschreiben“ eine Postkarte aus Brasilien. „Die Schreibstube ist nicht nur für Ahnenforscher ein Gewinn“, sagt Bodamer: „Unsere Senioren erleben, dass ihr Wissen gebraucht wird.“

Die Arbeiterwohlfahrt profitiert ebenfalls von dem Projekt. Zwar sind die „Übersetzungen“ gratis, die Bearbeiter schreiben aber jeweils dazu, wie lange sie für das Entziffern der vergilbten Schreiben gebraucht haben – und die meisten Auftraggeber verstehen den Wink. Was so an Spenden hereinkommt, vergibt die AWO in Konstanz an Bedürftige als Zuschüsse für den Brillen-Kauf.

Die Arbeitszeit von Susanne Wegener wäre kaum zu bezahlen. Sie brütet schon ein halbes Jahr über dem Brief-Stapel eines Lindauer Gebirgsjägers aus dem Zweiten Weltkrieg, recherchiert Fachausdrücke und Abkürzungen. Wegener selbst wurde 1941 mit Sütterlin eingeschult, im Jahr darauf gab es nur noch lateinische Antiqua: „Hitler hat die ‚Schwabacher Judenlettern‘ verboten – dabei durften Juden im Mittelalter gar keine Druckereien haben.“

In Filmen wird Fraktur heute gern als Symbol für die Nazi-Zeit genommen. Das ist nicht ganz fair: Die Nazis hatten zwar anfangs deutsche Schriften verbindlich vorgeschrieben – dann aber machten sie ihnen den Garaus. Seit dieser Kulturrevolution brauchen die Deutschen oft Hilfe, wenn sie alte Notizen lesen wollen.

Martin Ebner

Die Sütterlin-Schreibstube in Konstanz trifft sich jeden zweiten Freitag um 15 Uhr im AWO-Treffpunkt in der ehemaligen Cherisy-Kaserne.


Zackiges Deutsch

Gotische Spitzbögen statt romanischer Rundungen: ab dem 15. Jahrhundert verbreiteten sich „gebrochene“ Schriftarten wie Textura, Schwabacher oder Fraktur im ganzen deutschen Sprachraum – und nur dort. Als weiche Gänsekiele durch starre Stahlfedern abgelöst wurden, bereitete die schräg-zackige Schreibschrift Kurrent den Schulkindern große Probleme. Für das preußische Schulministerium entwickelte deshalb der Grafiker Ludwig Sütterlin ab 1911 eine Anfänger-Schrift mit gleichmäßiger Strichstärke und senkrechten Buchstaben. Diese Sütterlin-Schrift lernten rund 20 Schüler-Generationen.

Die Nazis verbannten ab 1941 die „deutschen“ Schriften aus Schulen und Amtsstuben in Deutschland und Österreich; die Schweizer schrieben schon ab 1930 lateinisch. Später wurde Sütterlin nur noch selten für Schönschreib-Übungen gebraucht. Die alten Schriften haben aber bis heute Verehrer. Die in Bern gegründete Vereinigung „Freunde der deutschen Kurrentschrift“ vermittelt Brieffreunde in aller Welt: www.deutsche-kurrentschrift.de  Wer seinen Rechner für Fraktur tauglich machen will, wird beim „Bund für deutsche Schrift und Sprache“ fündig: www.bfds.de


 


Foto: Difficult reading: ancient German handwritings aren’t easily accessible. Malfacila legado: malnova germana manskribo. Schwere Lektüre: viele jüngere Menschen sind beim Lesen alter deutscher Schriften aufgeschmissen.

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Texts of timeless beauty. Or at least some historical interest.