Barockbaumeister-Museum im Kurathus in Au

Barockbaumeister aus den Bergen

About: Master builders from the small Austrian village of Au supplied half of Europe with Baroque churches. A new museum commemorates these remarkable migrant workers.
Pri: Konstrumajstroj el la malgranda aŭstra vilaĝo Au provizis duonon de Eŭropo per barokaj preĝejoj. Nova muzeo memorigas tiujn rimarkindajn migrantajn laboristojn.
Published, Aperis: Südwestpresse, 16.04.2022


Vor 300 Jahren waren Vorarlberger Baumeister auf Sakralbauten spezialisiert. Das „Barockbaumeister Museum“ im Bregenzer Wald würdigt die stilsicheren Saisonarbeiter.

Warum ausgerechnet Au? Bis heute ist es ein Rätsel: Ein kleines Dorf im hinteren Bregenzerwald kaprizierte sich auf prachtvolle Kathedralen und Paläste. Rund zwei Jahrhunderte lang wanderten fast alle Männer aus Au jeden Sommer zu weit entfernten Baustellen. Prunkstücke wie die Wallfahrtskirche Birnau, das Kloster Obermarchtal oder die Abtei Einsiedeln sind berühmt – ihre Erbauer aber kaum bekannt. Das will nun ein Museum in ihrem Ursprungsort ändern.

Zur Erinnerung an die fleißigen Vorfahren gründeten Handwerker und Hoteliers im Jahr 2019 in Au den Verein Akkurat. Sie restaurierten ein Pfarrhaus aus dem 16. Jahrhundert und eröffneten darin im vergangenen Herbst eine Ausstellung zu den Baumeistern der Barockzeit. Das waren vor allem vier Familien: die Thumbs, die Moosbruggers und zwei verschiedene Beers – alle aus Au, versippt und verschwägert, über Generationen mit den immer gleichen Vornamen. Kunsthistoriker, die ihre Werke auseinanderhalten wollen, können verzweifeln.

Wallfahrtskirche Birnau
Wallfahrtskirche Birnau

Wiederaufbau und Gegenreformation nach dem Dreißigjährigen Krieg waren die große Chance für die verschont gebliebenen Vorarlberger. Den Anfang machten ab 1650 das Kloster Kreuzlingen bei Konstanz und die Residenz und Stiftskirche in Kempten. Darauf folgten in einem bis zu 300 Kilometer weiten Bogen vom Jura über das Elsass bis Regensburg mehr als 800 Kirchen und Klöster, vereinzelt auch Profanbauten, wie zum Beispiel Schloss Sigmaringen und die Bibliothek St. Gallen. Der Höhepunkt war um 1717. Nach 1830 kam verschnörkelter Pomp aus der Mode.

Die Baumeister waren oft Generalunternehmer, bisweilen für ein Dutzend Baustellen gleichzeitig. Ihre italienischen Konkurrenten mussten vor Ort Arbeiter anheuern. Dagegen kamen aus dem Bregenzerwald vollständige Bautrupps anmarschiert: jeweils 20 bis 200 Mann, gut eingespielte Teams von Maurern und Zimmerleuten, Stuckateuren und Steinmetzen. Die Stararchitekten Peter Thumb und Franz Beer verlegten zwar ihren Wohnsitz in die Bistumshauptstadt Konstanz, ihre Arbeiter für die Basilika Weingarten und andere Aufträge kamen aber weiter aus Au. Über die Ausbildung der Lehrlinge wachte dort die Auer Zunft. Diese Vereinigung sorgte auch dafür, dass ihre Mitglieder nicht bei Ausschreibungen gegeneinander antraten.

Ein weiterer Wettbewerbsvorteil war Standardisierung: Das „Vorarlberger Münsterschema“ ist ein Langhaus mit Wandpfeilern und Tonnengewölbe. Diesen Bautyp hatten die Bregenzerwälder von der Kirche Il Ge in Rom abgeschaut. Stuckornamente wurden auf Vorrat gefertigt – schnell einzubauen, leicht zu reparieren. Die Wintersaison wurde zu Hause in Au für Theorie und Weiterbildung genutzt: Zeichnen, Statik, Kostenberechnung. Zur Materialkunde gehörten auch Tricks und Kniffe, billiges Holz wie Marmor oder Gold aussehen zu lassen.

In Vorarlberg selbst wurde zur Barockzeit kaum gebaut. Die imposante Abteikirche Mehrerau bei Bregenz wurde 1808 von bayrischen Besatzern zerstört, ihre Steine für den Hafen Lindau gebraucht. Lange waren die Bregenzerwälder Baumeister dann weitgehend vergessen. Erst seit rund 20 Jahren wird ihr Erbe wieder entdeckt. Zu den Fragen, denen jetzt ein gemeinsames Forschungsprojekt von Museum Au, Vorarlberger Landesmuseum und Universität Konstanz nachgeht, gehören zum Beispiel die Folgen der Wanderarbeit für den Alltag. Johann Ferdinand Beer etwa, einst St. Gallischer Stiftsbaumeister, hatte in Au nicht nur den Regenschirm eingeführt, sondern auch den Bohnenkaffee.

Gedenktafel für die Barockbaumeister aus dem Bregenzer Wald (Ausschnitt)
Gedenktafel für die Barockbaumeister aus dem Bregenzer Wald (Ausschnitt)

Wanderarbeiter bringen Geld und Manieren heim

Bettelarme Bergtäler sind nicht die beste Startposition, um auf dem Weltmarkt groß rauszukommen. Vor der Erfindung des Tourismus mussten dort Familien oft ihre Kinder in die Fremde verkaufen, etwa als Hütejungen nach Oberschwaben oder als Kaminfeger nach Mailand. Trotzdem gab es immer wieder erfolgreiche Aufsteiger. Die Methoden waren dabei nicht unbedingt reine Marktwirtschaft: hemmungsloses Abkupfern, Dumpingpreise, Kartelle, Vetternwirtschaft und rigider Zunftzwang.

Krautschneider aus dem Montafon zum Beispiel spezialisierten sich ab dem 17. Jahrhundert auf das Zerkleinern von Kohl. Jeden Herbst zogen rund 900 Männer, ein Drittel der Erwerbstätigen, aus dem Vorarlberger Tal. Auf Fußmärschen von 18 Tagen wanderten sie bis nach Holland; halb Europa teilten sie in Reviere auf. Ihre kunstvollen Krauthobel mit sechs Messern wurden dann erst von der industriellen Sauerkraut-Herstellung besiegt.

Zur gleichen Zeit machten Schwarzwälder Uhrmacher der Schweiz Konkurrenz: nicht so genaue, aber viel billigere Uhren aus Holz. Von der Herstellung in Heimarbeit über den Transport mit Rückentragen bis zum Verkauf blieb das Geschäft durchweg in Familienhand. In London hatten an die 1.000 deutsche Uhrenhändler ein eigenes Stadtviertel. Rückkehrer verhalfen dem Schwarzwald zu Teestunde, Granatschmuck und anderen feinen Sitten.

Dass Wanderarbeiter es zu Wohlstand bringen können, beweisen auch die Palazzi der Bündner Zuckerbäcker im Dorf Poschiavo. Aus Venedig wurden die Erfinder der Café-Konditorei im Jahr 1766 rausgeworfen, weil ihr Monopol Anstoß erregte. Darauf verbreiteten sich die Engadiner Feinbäcker von Gibraltar bis St. Petersburg, meist mit Personal aus der alten Heimat.

Bis heute stammen bei uns die meisten Gelatieri aus dem Cadore, einer Talschaft in den Dolomiten. Anno 1865 hatten ihre Vorfahren in Wien die erste Eisdiele gegründet. In letzter Zeit schwächelt allerdings ihr traditioneller Zusammenhalt. Vielleicht haben die Kinder immer weniger Lust, sich im Winter am Rande der Speiseeis-Fachmesse in Longarone verheiraten zu lassen?

Martin Ebner

 

Link (last update: 30.03.2026):
Dass „man nicht in Metropolen geboren werden muss, um Großes zu bewegen“, zeigt das Barockbaumeister-Museum in Au: www.barockbaumeister.at

Siehe auch:
Werkraum Bregenzerwald

 


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Foto: Museum of Baroque Master Builders in Au, Austria. Muzeo de Barokaj Majstro-Konstruistoj en Au, Aŭstrujo. Barockbaumeister-Museum in Au-Rehmen: „Kurathus“ aus dem 16. Jahrhundert, Österreich

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